Archive: 15. August 2009

Talmud Lexikon – Einleitung

Zadoq ben Aahron
Talmud Lexikon
Einleitung
In keinem Abschnitte dieses Buches wird die eigene Unzulänglichkeit klarer, als in diesem, der einen Begriff vom Talmud geben soll. Es gilt, ein Werk zu beschreiben, an dem etwa tausend Lehrer und Lernbeflissene im Zeitraum von mehr als 700 Jahren arbeiteten, dessen Grundlagen noch weiter zurückliegen und das gründlich verschieden ist von allen antiken oder modernen religiösen oder wissenschaftlichen Werken, so dass es dem Laien kaum zu erklären ist. Ein christlicher Talmudgelehrter, Dr. August Wünsche, sagt in der Einleitung zu seinem Werke »Der Talmud«: »Der Talmud gehört zu den merkwürdigsten literarischen Monumenten des menschlichen Geistes. Achten wir auf seine Zusammensetzung sowie auf die nach seiner Redaktion im Laufe der Jahrhunderte über ihn hereingebrochenen Schicksale, so gibt es kaum ein Buch in der Weltliteratur, welches sich ihm an die Seite stellen ließe. Wie oft lesen wir aus ihm Zitate, und doch wie selten sind sie unmittelbar aus der Quelle geschöpft! Was Wunder, wenn über den Talmud eine ganze Menge schiefer Darstellungen und verworrener Urteile sich gebildet und von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt haben. Hielt doch einmal ein gelehrter Kapuziner, namens Henricus Sinensis, den Talmud für ein richtiges Wesen und zitierte seine Aussprüche stets mit der Einleitungsformel: »Ut Rabbinus Talmud narrat — so erzählt der Rabbi Talmud«. Man kann hinzufügen, dass kein Buch in der ganzen Weltliteratur den Angehörigen der Gemeinschaft, die es einst geschaffen hat, so wenig bekannt ist und so geringe Achtung einflößt wie der Talmud den Juden von heute.
Und doch wäre es von größter Bedeutung, wenn jeder Jude einen Begriff vom Wesen dieses gewaltigen Werkes hätte, damit er in der Lage sei, die vielverbreitete, auf Verleumdung aufgebaute Missachtung des Talmud abzuwehren, der von Eisenmengers »Entdecktes Judentum« (1700) bis auf Rohlings »Der Talmudjude« (1878) entstellt und missbraucht worden ist. Um dessen fähig zu sein, ist es notwendig, einige technische Einzelheiten über die Zusammensetzung und über das Entstehen dieses eigenartigen Werkes zu kennen.
Der Talmud ist eigentlich ein umfangreiches Protokoll von Meinungen verschiedener Lehrhäuser oder Akademien, eine Darstellung von Kontroversen zahlreicher Lehrer, deren Aussprüche an sich keine bindende Kraft haben, etwa so wenig, wie die Erklärungen und Erläuterungen von Universitätslehrern in ihren Seminarien. Wenn man einen der zwölf Talmudfolianten aufschlägt, dann fällt vor allem das eigentümliche Satzbild auf. In der Mitte etwa zeigt sich ein Druck in Quadratschrift, der die Mischna und Gemara enthält, ringsum in Kursivschrift gewichtige Lehrmeinungen, Zusätze, Ergänzungen und die Kommentare, von denen besonders Raschi und Tosaphot hervorragen. Häufig sehen wir nur einen schmalen Streifen Quadratschrift, dagegen eine Fülle von Kursivzeilen. Der Satz ist nämlich so angeordnet, dass Text und Kommentare auf jeder Seite übereinstimmen. Alle Drucke des Talmud babli (babylonischer Talmud), sind gleichmäßig gesetzt und paginiert, aber jede Seite bietet ein anderes, oft sehr originelles Satzbild.
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In dem mittleren Hauptteil sehen wir nur hie und da einige Zeilen »Mischna«, an die sich eine lange Reihe von »Gemara’s (eventuell auf mehreren Seiten) anschließt. Die Mischna enthält die mündliche Lehre in Form fertiger Normen oder überlieferter Aussprüche, unter teilweiser Anlehnung an Bibelsätze. Das Material war etwa von 30o vor unserer Zeitrechnung an, teilweise vom großen
in Jerusalem, teilweise in den Lehrhäusern großer Meister, von denen in den »Sprüchen der Väter« fünf Gelehrtenpaare genannt sind (die berühmtesten sind Hillel und Schamai), sodann von den eigentlichen Mischnalehrern (Tanaim) gesammelt worden.
Die uns als maßgebend überlieferte Sammlung stammt in ihrer fertigen Redaktion von Jehuda ha-Nassi (»dem Fürsten«), auch bloß Rabbi genannt (etwa zzo u. Z.). Es ist unwahrscheinlich, dass Rabbi selbst dieses große Werk geschrieben hätte. Vieles wurde später hinzugefügt, und es gab auch andere Mischnasammlungen, welche zum Teile als Baraitha (»Außenstehende«) oder Tosephta (»Hinzufügung«) bezeichnet werden. Doch nur die eigentliche Mischna ist voll anerkannt und vollkommen erhalten: Sie bildet neben dem Pentateuch die Basis der jüdischen religiösen Gesetzestradition. Sie ist in sechs »Ordnungen« (Sedarim) und achtundsechzig Traktaten angeordnet.
Die Mischna enthält die Sammlung des jüdischen Rechtes und Gebrauchstums, wie es sich als Ergänzung der Thora im Laufe der Jahrhunderte entwickelte. Denn die Thora genügte in ihren Vorschriften nur der primitiven Lebensweise der jüdischen Frühzeit, und jede Epoche, ja jeder Tag brachte neue Normen, besonders als in der Richterzeit und in der Zeit der Könige das Volk vollständig sesshaft wurde und das Staatsleben sich entwickelte. Die Mischna ist in erster Linie eine Sammlung von zivil- und kriminalrechtlichen sowie ritualgesetzlichen Vorschriften, ähnlich einem corpus juris, eine Kodifizierung des Gesamtrechtes auf religionsgesetzlicher Basis, auf Basis der mosaischen Vorschriften, aber der wirtschaftlichen Entwicklung und dem kulturellen Fortschritte angepasst. Andrerseits ist sie eine Ergänzung der Vorschriften, welche die Thora in prägnanten Worten gibt. Es heißt z. B. im I. Buche Moses: »Am siebenten Tage ist Sabbat, dem Ewigen, deinem Gotte. An demselben sollst du keine Arbeit verrichten.« Da entsteht doch von selbst die Frage, was ist Arbeit? Welche Tätigkeit ist am Sabbat verboten? Und damit setzt die Auslegung ein, die mündliche Tradition, durch die erst eine praktische Ausübung des Gesetzes ermöglicht wird.
Die Mischna wurde in einer Zeit der erschütterndsten Begebenheiten, der traurigsten und folgenschwersten Umwälzungen im jüdischen Staatsleben gesammelt. Ihr Ursprung wird bis auf die Zeit der Makkabikämpfe zurückgeführt; während der allmählichen Zusammenstellung vollzieht sich die Zerstörung des Tempels durch Titus und die Empörung Barkochbas unter Hadrian, die zur Folge hatte, dass die Juden vollständig aus Palästina verbannt wurden und der Pflug über die Stätte geführt wurde, auf der einst Jerusalem stand.
Es war ursprünglich nicht gestattet, die mündliche Lehre niederzuschreiben; sie sollte elastisch und entwicklungsfähig bleiben, zum Unterschied von der Thora, in der jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe seine unveränderliche Stellung, seine feststehende Bedeutung hatte. Die mündliche Lehre, die ja täglich ergänzt und vervollständigt wurde, durfte nicht kodifiziert. werden, damit die Lehrmeinungen Einzelner nicht Gesetzeskraft erhalten könnten. Sie wurde nur durch Wiederholung dem Gedächtnis eingeprägt. Die Lehrsätze, welche die Tanaim vortrugen, wurden von Tradenten auswendig gelernt, die den Lehrsatz samt Begründung den Schülern wiederholten und erklärten, bis der Stoff dem Gedächtnis der Hörer eingeprägt war. Daher wohl der Name Mischna, Wiederholung. Auch die Gerichtshöfe judizierten nach der Tradition. Das höchste Tribunal der 71 saß in der Quaderhalle des Tempels, ein Gericht der dreiundzwanzig am Tore zum Eingang des Tempelberges, das andere am Tore des Vorhofes. Solche Gerichte der dreiundzwanzig gab es in allen Städten des Landes. Brachte man einen religiösen oder profanen Rechtsfall vor das Gericht der Stadt und es besaß für die Causa keine Tradition, dann wandte man sich an das Tribunal am Tore zum Tempelberg. War auch dieses unsicher, dann ging man zu den dreiundzwanzig am Eingang des Vorhofes, und wenn diese die Tradition der Rechtsprechung nicht wussten, kam die Frage vor die einundsiebzig. Hatten auch diese keine Kenntnis von einer Entscheidung in der Materie, dann wurde abgestimmt. Die Sammlung all dieser Entscheidungen ergab das erste Material für die Mischna.

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Um das Jahr 7o u. Z., als der Tempel zerstört war und Jerusalem verlassen wurde, begann man, wohl aus Angst, dass nach der Zerstörung des Heiligtums, des geistigen Mittelpunktes, die Tradition verloren gehen könnte, die Mischna vollständig niederzuschreiben. Rabbi Jochanan ben Sakai, der große Lehrer, zog nach Jabne, wo er Hörer um sich versammelte und die Lehre weiter ausgestaltete.
Vielleicht auch, dass die Niederschrift der Evangelien zur Sammlung und Kodifizierung beigetragen hatte, weil man feststellen wollte, was mosaisch und jüdisch ist, um allen Abweichungen zuvorzukommen.
Der große Weise hatte nach der Belagerung von Jerusalem durch Vespasian die Gründung einer Schule in Jabne bewilligt bekommen. Der Vorgang wird folgendermaßen erzählt: Er ließ sich in einem Sarge als Leiche aus Jerusalem tragen, um so ungefährdet durch die nationalen Eiferer, welche damals Jerusalem in Schrecken hielten, das römische Lager zu erreichen. Er wirkte durch seine würdige Erscheinung tief auf den römischen Heerführer, den er dadurch vollends für sich zu gewinnen wusste, dass er ihm seine Ernennung zum Imperator voraussagte. Das eine steht fest, dass er Vespasian veranlasste, die Belagerung der Stadt aufzugeben und die Gründung der Akademie in Jabne zu gestatten, wodurch diese Stadt gewissermaßen neutralisiert wurde. Als dann später durch Titus das Heiligtum zerstört wurde, die Opfer, denen Jochanan ben Sakai ohnehin nicht geneigt war, wegfielen, aber auch der Mittelpunkt des Volkstums, das nationale Heiligtum zerstört war, sammelte der greise Gelehrte alles, was vom Judentum und von religiöser Gesetzgebung bekannt war, um dadurch einen neuen Halt, einen neuen Mittelpunkt für das Judentum zu schaffen. So müssen wir uns das Entstehen der großen Lehrhäuser und ihren Zusammenhang mit allen Gesetzeskundigen im Lande vorstellen und als Folge die Redaktion der Mischna, die Rabbi Jehuda Hanassi beendete.
Wenn wir einen Talmudfolianten wieder vornehmen und die wenigen einleitenden Zeilen der Mischna auf irgendeiner Seite zu Ende lesen, dann stoßen wir auf die Gemara (Ergänzung, Vollendung, der eigentliche Talmud). Die Mischna stützt sich auf die fünf Bücher Moses, die sie erläutert und ergänzt, die Gemara hat ihren Grundstein und ihre Basis in der Mischna.
Das jüdische Geistesleben jener Zeit besaß zwei Zentren: eines in Palästina, das andere in Babylon. Die beiden bekämpften sich hie und da, denn die Lehre war eigentlich in Palästina daheim, und die Entscheidungen der Palästinensischen Rabbinen galten ursprünglich als maßgebend. Es entwickelte sich sowohl in Palästina als auch in Babylon eine Gemara, d. h. eine Sammlung von Auslegungen der Mischna. Aber nach und nach zogen die palästinensischen Schüler nach Babylon. Um 390 wurde von Rabbi Jochanan in Tiberias der so genannte jerusalemsche Talmud redigiert, der nicht so umfangreich ist wie der babylonische und für das jüdische Leben im Exil keine Bedeutung hatte. Maßgebend wurde der babylonische Talmud, der das Material der Akademien von Sura, Nehardea, Machosa und Pumbadita enthält. Er wurde etwa 48o von Rabbina und Rabbi Aschi geordnet. Diese Männer der Niederschrift nennt man die Saboräer. Der Talmud ist demnach, wie wir bereits sagten, eigentlich ein Protokoll der Diskussionen von Lehrern und Schülern der oben angeführten Akademien, die Niederschrift jahrhundertelang betriebener Seminararbeiten.
Wir verstehen nun, dass der Talmud kein Gesetzbuch, auch kein religiöses Erbauungsbuch ist. Selbst die Mischna bedeutet noch keine absolut feststehende Kodifizierung, denn es heißt in der lapidaren Sprache des Talmud »Irrtum in der Mischna widerrufe«, d. h., hast du dich bei einer Lehre der Mischna geirrt, widerrufe sie. Noch viel weniger bindend ist die Gemara, denn sie enthält in ihrem gesetzlichen Teil ausschließlich Kasuistik, persönliche Meinungen, Kommentare, Kontroversen der Mischnalehrer, die vielfältig gedeutet werden durften und gedeutet wurden. Jede Schule, jeder Lehrer kommt zu Wort und wirft in diese Diskussionen alles hinein, was er weiß und empfindet: Dabei geschieht es häufig, dass vom eigentlichen Inhalt der Mischna weit abgewichen wird. Wir besitzen infolge der methodelosen, scheinbar unzusammenhängenden Diskussion Kenntnisse und Meinungen von hervorragenden Männern aus etwa sechs Jahrhunderten, wie in der Mischna von etwa vierhundert Jahren.

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Dadurch wurde der Talmud ein kulturgeschichtlich höchst bedeutsames Dokument für tausend Jahre, denn die Region von Palästina bis Babylon war von geistigem Leben erfüllt, das allerdings durchaus religiös beherrscht war. Die Lehrer des Talmud waren keine Asketen, keine weltfremden Gelehrten oder Geistliche, sondern zumeist Handwerker, Landwirte, hie und da auch Kaufleute, Männer, die mitten im Strom des Lebens standen.
Die rein juristischen Abhandlungen, all das, was die Gesetzgebung, religiös oder profan, weiter entwickelt, sei es in Bezug auf ihre Anwendung auf den einzelnen Fall oder durch neue Formulierung, das nannte man Halacha. Der hierüber hinausgehende freie Vortrag hingegen hieß Hagada. Die Hagada erweitert sich zur Predigt, sie enthält Legenden, Sittenlehren, Exegese, Gedichte, Parabeln, Erzählungen usw.
Sammlungen außerhalb des Talmud werden durch die Midraschim gebildet. (Einzahl Midrasch, von Derusch, Predigt.) Wir wissen, dass die mündliche Tradition des Gesetzes, die Halacha, in der Mischna ihren Niederschlag fand. Aber auch die Midraschim beschäftigten sich mit allen Teilen der Bibel exegetisch und homiletisch, d. h. durch Ausdeutung und Erklärung, durch Auslegung der Bibeltexte und durch Ausdeutung der Geschehnisse. Die Thora, wir meinen die Sammlung der Heiligen Schriften, galt als Summe alles Guten und Schönen, alles Wissenswerten, darum musste sie in allen Lebensverhältnissen trösten, erheben und ermahnen. Bei festlichen Gelegenheiten und an Feiertagen wurde nun aus der Schrift vorgelesen und alles Erquickliche und Tröstliche aus den verlesenen Versen nachgewiesen. So entstand das, was wir den Midrasch nennen, welcher Name nach und nach in die Benennung Hagada übergeht. Die Midraschim wurden früher aufgeschrieben als die Mischna und eine große Anzahl dieser Schriften wurde erst in späteren Jahrhunderten, bis in unsere Zeit hinein, herausgegeben. Beim Studium und der Erklärung des Talmud wird auch der Midrasch häufig angeführt, der ja vielfach mit dem hagadischen Teile der Gemara verwandt ist.

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Diese vielfältigen Quellen des Talmud wirken fast verwirrend und machen es schwer, das Werk leicht verständlich zu erklären.
Wünsche sagt: »Was ist der Talmud? Bald hat man ihn als Wissenschaft der jüdischen Religion, bald als das Corpus juris des Judentums bezeichnet. Wir sehen in ihm den Niederschlag des geistigen und religiösen Lebens der Juden von mehr als sieben Jahrhunderten, er ist eine bis in die winzigen Details kondensierte Geistesgeschichte des jüdischen Volkes. Nach einer anderen Seite betrachtet, erscheint der Talmud als eine großartige Lehrhalle, in welcher mehr als tausend Rabbinen sich vernehmen lassen und außer religiösen und juristischen Fragen auch manche naturwissenschaftliche, medizinische, astronomische und pädagogische Dinge erörtern«.
Paul de Lagarde hat den Talmud ein wahres Pompeji der Altertumskunde genannt, wie es denn überhaupt von jeher christliche Gelehrte gegeben hat, welche die Bedeutung des Talmud verstanden haben. Wir besitzen mehrere Bücher, in denen die gerechten Aussprüche christlicher Gelehrter über den Talmud gesammelt sind. Aber trotzdem ist es außerordentlich schwierig, dem jüdischen oder christlichen Laien einen Begriff von diesem merkwürdigen Werke oder von seiner Entstehung zu geben. Nur wer den Orient bereist, Moscheen und Medressen besucht und die Art des Koranstudiums beobachtet, hat einen Begriff davon, wie es in den Jahrhunderten der Mischnasammlung und des Entstehens der Gemara in Palästina und Babylon zugegangen sein mag.
Der Inhalt des Talmud ist auch vielfach in modernen Werken analysiert. Es gibt solche über die Glaubenslehre, über den Kultus, über das Christentum in verschiedenen Benennungen, über Aberglaube, Ethik, Philosophie, Mathematik, Sprachwissenschaft, Pädagogik, Rechtswissenschaft, Geschichte, Geographie und andere Realien. Es ist auch geplant, ein großes umfassendes Werk zu schaffen, das den Inhalt des Talmud, in Stoffgebiete geteilt, vollständig erfassen soll.
Der Talmud ist durch Übersetzungen Juden und Christen zugänglich. Er enthält für niemand, der sich diesem Werke guten Willens nähert, ein Geheimnis oder irgendetwas, dessen das Judentum sich zu schämen hat. Es darf uns aber nicht wundernehmen, dass der Talmud eifervollen Verfolgungen ausgesetzt war. Von Justinian angefangen, der ihn um 553 durch eine besondere Novella bekämpfte, wurde durch fast tausend Jahre versucht, dieses eigenartige Werk zu vernichten. Weltliche und geistliche Mächte, Kaiser und Päpste, Könige und Gegenpäpste, haben in Edikten, Bannflüchen, Bullen, in Konfiskationen und Verbrennungsdekreten gegen dieses große, aber unverstandene Buch gekämpft. Die Päpste Julius III., Paul IV., Pius V., Clemens VIII. haben von 1553 bis 1569 den Talmud öffentlich verbrennen lassen und nicht etwa nur symbolisch in einzelnen Exemplaren, sondern fuhrenweise. Es war, als ob die Kurie merkte, dass die beginnende Reformation ihr in den Arm falle, daher sie noch vorher ihre Macht gegen Juden und Judenwerk ungehindert zeigen wollte.
Ein erbärmlicher Überläufer, der berüchtigte Pfefferkorn, suchte durch Verrat von Talmudbibliotheken seine Stellung zu befestigen. Kaiser Maximilian erließ zwar ein Verbrennungsdekret, ernannte aber zugleich eine Prüfungskommission, in die der bedeutendste Hellenist und Hebraist jener Zeit, Johann Reuchlin (1455-15 2. z) berufen wurde. Dieser wackere Mann wehrte dem Vandalismus und von ihm stammt der Ausspruch: »Der Talmud ist nicht dazu da, damit jedermann bloßfüßig über ihn herlaufe.« Er war der erste christliche Gelehrte, der den Verleumdern des Talmud entgegentrat, aber die Reihe reicht bis in unsere Zeit. Als im Jahre 1878 Rohling sein Pamphlet »Der Talmudjude« veröffentlichte, trat ihm Dr. Josef S. Bloch entgegen und nannte ihn einen Fälscher und Verleumder, welche Anschuldigungen Prof. Rohling gerichtlich anfechten wollte. Es wurden vom Wiener Gerichtshof zwei christliche Talmudkenner, Lic. theolog. Doc. Aug. Wünsche, Dresden, und Prof. Nöldeke, Straßburg, zur Überprüfung von zz Talmud-stellen bestimmt, um die der Prozess ging. Das Gutachten dieser Gelehrten veranlasste Prof. Rohling, die Anklage fallen zu lassen. In dem ausführlichen und gründlichen Buche von Dr. Bloch »Israel und die Völker« sind alle Stellen des Talmud, die Rohling missbrauchte, angeführt, hiezu die Richtigstellungen durch die zwei christlichen Gelehrten nach den Quellen.

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Heinrich Laible, Studienlehrer zu Rothenburg a./T., sagt in »Jesus Christus im Talmud«, Berlin 1891: »Während wir nun aber die Erwartung hegen könnten, in dem großen Talmud, der noch vorzugsweise religiöse Erörterungen aller Art enthält, die Person und die Taten und Lehren Jesu recht ausführlich und oft besprochen zu finden, tritt uns die überraschende Tatsache entgegen, dass von Jesus sehr selten die Rede ist und nur wenig von ihm gewusst wird. Es verhält sich nämlich nicht so, wie früher christlicherseits gemeint wurde, dass der Talmud von Schmähungen gegen Christus wimmle. Das ist ein christlicher Mythus, hervorgegangen wahrscheinlich aus der Meinung, alles im Talmud vom Götzendienst und von Rom Gesagte sei auf die Christen gemünzt. Nein, Jesu geschieht im Talmud, soweit das erhaltene Material zu urteilen gestattet, nur spärliche Erwähnung.«
Ähnliches sagt Paul Levertoff, Dozent am Institutum Delitzschianum in Leipzig in »Die religiöse Denkweise der Chassidim nach den Quellen bearbeitet«, Leipzig 1918.
Gegenüber den Beschuldigungen, die selbst der Bischof Dr. Konrad Martin von Paderborn irrtümlich anführt, dass die Christen Frevler genannt werden, erklären Prof. Nöldecke und der Theologe Dr. Wünsche: »Die Worte sind zu erklären nach der vollständigen Darstellung der Diskussion in Nr. 4 der inkriminierten Talmudstellen: >Nicht alle Völker der Welt, d. h. alle Nichtisraeliten kommen in die Hölle, sondern nur die von ihnen, welche Gott vergessen haben, die Frevler.<
Wir wollen noch eine solche Fälschung Rohlings in der lichtvollen Darstellung dieser beiden christlichen Talmudgelehrten aufklären. Es soll heißen im Traktat Pessachim 118b: »Von allen Völkern wird der Messias Geschenke annehmen, nur von den Christen nicht.« Nöldecke und Wünsche bringen die ganze Abhandlung und fügen erläuternd hinzu: »Diese ganze Zusammenstellung … drückt freilich Missmut über die fremden Völker aus, welche … Israel misshandeln und missachten und zeigen bitteren Hass gegen Rom.« Aber das alles betrifft längst vergangene Zeiten. Den Hass gegen Rom wird den damaligen Juden niemand verübeln, der ein wenig Geschichte kennt. Dass hier das römische Kaiserreich der Heidenzeit gemeint ist, steht fest. Ismael, Sohn des Josef, und Rabbi (deren Zitate Rohling anführt) blühten gegen Ende des zweiten Jahrhunderts nach Christus. Von Christen und Christentum ist hier nirgends die Rede.
Es ist von größtem Interesse, in dem groß angelegten Buche »Israel und die Völker« von Dr. Josef S. Bloch all diese Beschuldigungen verschiedenartiger christlicher Gelehrter zu lesen, die sich auf Fälschungen von Christen, wie Rohling, oder auch von interessierten Täuflingen, wie Briemann, stützen und die jüdische Lehre, d. h. den Talmud verunglimpfen. Denn Bloch bringt immer die Aufklärung, d. h. die richtige Übersetzung durch die Fachmänner Nöldecke und Wünsche, die in dem Prozess Rohling—Dr. Bloch zu Sachverständigen ernannt wurden, und aus denen hervorgeht, dass der Talmud wiederholt das Gegenteil von dem sagt, was von Rohling behauptet wird.

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Hermann L. Strack sagt im Vorwort zu seinem Buche »Einleitung in Talmud und Midrasch«: »Immer noch suchen unwissende Agitatoren (die meisten von ihnen sind zugleich böswillig) dem christlichen deutschen Volke vorzureden, dass das Judentum »den Talmud ängstlich mit allen nur erdenkbaren Mitteln geheim halte, Bekanntwerden seines Inhalts fürchte, ja dessen Bekanntmachen seitens eines Juden für ein todeswürdiges Verbrechen halte. Der Talmud (ich wiederhole, was ich seit vielen Jahren mehrfach feierlich erklärt habe) enthält keine Nachricht oder Äußerung, welche, selbstverständlich wenn sie wirklich darin steht, der sprach- und sachkundige christliche Gelehrte nicht zu finden vermöchte. — Überhaupt gibt es innerhalb des gesamten Judentums weder eine Schrift noch eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Die Juden sind nicht bemüht, vor den Christen etwas zu verbergen. Der Talmud, der Schulchan Aruch und andere jüdische Schriftwerke sind Geheimbücher nur für diejenigen — Juden nicht minder als Christen, welche weder die zum Lesen der Grundtexte erforderlichen Kenntnisse sich erworben haben, noch von den vorhandenen Übersetzungen usw. wissen.«
Wir geben hier eingefügt eine Probe des Talmudtextes: Mischna und Gemara und zwar rein juristisches Material, welches im Allgemeinen Halacha genannt wird, der Weg, die Ordnung.
3 2. aus der Ordnung Nesikin a/Jus talionis.
(Urmischna): Wer seinen Nächsten verletzt, ist verpflichtet, fünf Zahlungen zu leisten: Schadenersatz, Schmerzensgeld, Heilungskosten, Zeitversäumnis und für die Beschimpfung.
Schadenersatz: Wie wird (dieser festgesetzt)? — Hat er ihm ein Auge geblendet, eine Hand abgehauen, einen Fuß gebrochen, so betrachtet man ihn (den Verletzten) als einen Sklaven, der auf dem Markt verkauft werden soll und schätzt dann, wie viel er früher wert gewesen wäre und wie viel er jetzt wert ist.
Das Schmerzensgeld für die Brandwunde, die er ihm durch einen Spieß oder durch einen Nagel beigefügt hat, selbst an dem Nagel, wo dadurch keine Wunde entsteht, wird so bemessen (dass man die Summe festsetzt), für wie viel ein Mann seinesgleichen einen solchen Schmerz erleiden würde.
Heilungskosten: Hat er ihn geschlagen, so muss er ihn heilen lassen; sind Neubildungen (wildes Fleisch) infolge der Verletzung entstanden, so ist er verpflichtet (diese heilen zu lassen), sind sie aber nicht infolge der Verletzungen entstanden, so ist er davon befreit. Vernarbt die Wunde und bricht auf, vernarbt und bricht wieder auf, ist er verpflichtet, für die Heilungskosten aufzukommen; ist sie aber vollständig geheilt gewesen, dann hat er keine weitere Pflicht mehr, ihn heilen zu lassen.
Zeitversäumnis: Diesbezüglich wird er nur gleich einem Wächter von Kürbissen angesehen, da er ihm schon den Wert seiner Hand oder seines Fußes ersetzt hat (er hat nur auf den Lohnentgang einen solchen Anspruch).
Beschimpfung: (Diese wird berechnet nach dem Range) des Beleidigers und des Beschimpften.

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Gemara: Warum denn (dieses Verfahren bei einem Schadenersatze)? »Auge um Auge« hat der Allerbarmer gesagt, so sage doch das wirkliche Auge (ist gemeint)?! — Das kann dir doch nicht in den Sinn kommen, denn es wurde gelehrt: ich könnte meinen, dass, wenn einer das Auge des Mitmenschen geblendet hat, auch ihm das Auge geblendet wird; wenn er ihm die Hand abgehauen hat, auch ihm die Hand abgehauen wird, wenn er ihm den Fuß gebrochen, auch ihm der Fuß gebrochen wird, darum heißt es (in Levit 24, 17—20): »Wenn er einen Menschen« erschlägt … »wenn er ein Stück Vieh erschlägt« … (»hat er zu ersetzen Leben für Leben … Bruch für Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn«), wie es beim Erschlagen des Viehes sich nur um (Geld)ersatz handelt, so ist auch bei Verletzung eines Menschen nur Geldersatz (gemeint). Hast du aber auch dagegen etwas einzuwenden, so siehe, es heißt doch »Und ihr sollt kein Lösegeld nehmen für das Leben des Mörders, der den Tod verschuldet hat« (Num 35. 31), also nur für das Leben des Mörders darfst du kein Lösegeld nehmen, aber du darfst Lösegeld nehmen für die wichtigeren Glieder, die nicht restituiert werden können. Abaji sagt: Dies ist aus der Lehre der Schule Rabbi Chijas zu entnehmen, denn in der Schule Rabbi Chijas wurde gelehrt: Auge um Auge, Leben um Leben, nicht aber Leben und Auge um Auge, wenn nun das wörtlich zu verstehen wäre, so könnte es ja vorkommen, dass man Auge und Leben um Auge bezahlt, denn es kann ja vorkommen, dass man durch die Blendung das Leben verliert (Baba k. VIII, i 83b-84a).
Diese Halacha beweist auch, dass die so viel angefeindete Stelle »Aug‘ um Auge, Zahn um Zahn« nichts Barbarisches enthält, sondern als Grundlage humaner und gerechter Judicatur diente.
Der Talmud wird auch angefeindet, weil er Beschimpfungen des Christentums enthalten soll — was doch den großen Talmudlehrern unbekannt war. Auch gegen diese Beschuldigung führen wir Zeugnisse christlicher Gelehrter an.
Wir sehen, dass jeder Lehrer zu Worte kommt, jede bekannte Meinung angeführt wird, es ist daher immer falsch, wenn man dieses Werk zitiert, zu behaupten »der Talmud sagt«. Man muss den Lehrer zitieren: »Rabbi Hillel oder Rabbi Akiba sagt«.
Wir ersehen das aus der Art, wie im Talmud Lehrsätze angeführt werden. Es heißt unter anderem im jerusalemitischen Talmud:
Rabbi Sera sagt im Namen Rabbi Eliesars oder Rabbi Pedath im Namen des Rabbi Jakob Bar Idi sagte:
Rabbi Eliesar pflegte zu den drei täglichen Gebeten noch hinzuzufügen: »Möge es dein Wille sein, Ewiger, dass unser Haus sich nicht erhebe gegen den Nächsten usw.«
Es heißt auch nach Rabbi Pinchas, Rabbi Levy und Rabbi Jochanan, im Namen des Rabbi Menachem von Galya wurde gelehrt usw.
Wir verstehen nun, wie falsch es ist, den Talmud als solchen zu zitieren. Man muss nicht nur anführen, wer einen Ausspruch getan hat, ja es ist sogar höchst wichtig und notwendig, die Zeit anzuführen, in der ein Ausspruch getan wurde. Man muss sich immer wieder erinnern, dass vom Beginn der mündlichen Tradition bis zur endgültigen Niederschrift des Talmud etwa tausend Jahre vergangen sind, eine Epoche, in der Meinungen und Gesetze nach der zeitgemäßen Entwicklung beurteilt werden müssen. Wie viel Unfug wurde z B. getrieben mit dem Ausspruch »Tow schebagoim harog«, d. h. »den Besten unter den Völkern töte«. In dieser Übersetzung und ohne nähere Angabe klingt er brutal und aufreizend, aber er findet sich in dieser Form überhaupt nicht. In der Mechilta zu Beschallach heißt es: Es steht geschrieben Exodus 14, 7: Und Er, Pharao, nahm sechshundert auserwählte Wagen und alle Wagen Ägyptens, und Hauptleute waren auf allen. In der Diskussion, wem die Tiere gehörten, welche die Wagen zogen, sagt R. Simon: »Der frömmste unter den Ägyptern ist erschlagen worden, der besten Schlange Hirn ist zertreten worden.« Die Zeit und der Volksmund haben den Ausdruck gewandelt. Aus Ägypter ist Götzendiener und aus: ist erschlagen worden der Imperativ erschlage hervorgegangen. Dieser Ausspruch bezieht sich auf die Zeit des Krieges, es soll heißen: ein Feind bleibe ein Feind, und wenn er auch der Beste sei, er müsse im Kampfe unschädlich gemacht werden. Diese Erklärung wird verschwiegen, aber das »Töte ihn« hat viele Juden das Leben gekostet und wird von Juden selbst oft genug schaudernd als Beweis talmudischer Rückständigkeit, jüdischer Rachsucht erwähnt.

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Dieser Ausspruch des Rabbi Simon, Sohn Jochais, stammt aus der Zeit der Entweihung und vollständigen Zerstörung Jerusalems durch Hadrian, der die letzten jüdischen Bewohner blutig verfolgte; soll das ein Beweis sein, dass die Juden Christen von heute umzubringen gelüsten?
Es gibt im Talmud und auch in der Gebetspoesie der Juden manchen Aufschrei gegen den feindseligen Goj — Volk, Fremdvolk. Dies aber sollte man aus den Leiden der Juden heraus verstehen. Leopold Zunz ließ seinem Buche »Die synagogale Poesie der Juden« den Weheschrei durch Jahrhunderte gepeinigter Seelen vorangehen, eine Liste aller Judenschlächtereien und Austreibungen drucken. Diese Zusammenfassung wirkt in ihrer trockenen Tatsächlichkeit Grauen erregend, und es darf uns nicht wundern, wenn feindselige Naturen in den betreffenden Talmud-oder Gebetstellen Angriffspunkte gegen das Judentum finden.
Wer das Judentum beschimpfen will, hat es auch sonst leicht, er braucht nur irgend eine Behauptung, den Teil einer Debatte zu zitieren, ohne die Gegenbehauptung anzuführen, und er kann beweisen, was immer er mag. Wir zitieren wieder Wünsche: »Es spiegelt sich alles, was der jüdische Geist in dem genannten Zeitraum, in den verschiedensten Zeitlagen unter freudigen und traurigen Ereignissen, unter erhebenden und niederdrückenden äußeren Einflüssen logisch richtig oder absurd gedacht, wahr und falsch empfunden, im Talmud wahr und naturgetreu ab. Wir begegnen Schluss und Trugschluss, Redlichkeit und Eskamotage, Objektivität und Tendenz. Dazu kommt noch, dass die verschiedenen Materien oft in einer Prägnanz und stilistischen Kürze abgehandelt werden, die es oft selbst jüdischen Gelehrten schwer machen, hinter den wahren Sinn des Gesagten zu kommen.«
Wichtig und von bleibendem Wert ist nicht, was in den Kontroversen gesagt wird, sondern wie die Lehre gilt. Es sind feste Normen aufgestellt, wann der Ausspruch eines Lehrers und gegen welche Opposition er Geltung haben soll. Z. B. die Meinung Rabbi Akibas, des großen Meisters, ist stets maßgebend in der Kontroverse mit einem Lehrer, aber nicht mehr, wenn zwei anderer Meinung sind usw. Feste Geltung haben nur jene wenigen Vorschriften, die nach den Quellen der Thora auf Moses selbst zurückgeführt werden. Hier hört jede Opposition auf, sonst aber bestimmte die Mehrheit.
Demnach ist der Talmud nur eine Quelle des Gesetzes, aus dessen Material die Richtschnur für den Lebensweg zu finden ist. Viermal wurden feste Vorschriften aus dem Talmudmaterial kodifiziert; einmal von Maimonides, dem großen spanisch-arabischen Arzt und Philosophen (Mischne Thora 1170), dann von Moses aus Coucy (Sepher-ha-mizwoth hagadol) 1250), im Arba Turim des Jakob ben Ascher (gest. 1340) und endlich in dem vielbekannten Schulchan Aruch des Joseph Karo, der von 1488 bis 1575 lebte. Doch auch aus diesem Gesetzbuch darf nur an Hand des Urmaterials und der Kommentare judiziert werden. Diese Kodifizierungen waren ihrer Zeit angemessen, und es ist durchaus möglich und wünschenswert, dass die neue Zeit den Ausdruck ihrer Entwicklung auch in der »Lehre« finden möge.
Wir wissen, dass es sich nach unserem Gefühl um Kleinigkeiten handelt, die in ihrer minutiösen Genauigkeit das ganze Leben der Juden umspannten und einengten. Der Talmud ist nun einmal der Ausdruck seiner Zeit mit vielen Vorurteilen und abergläubischen Begriffen aus der Dämonologie der Perser und scholastischen Tüfteleien über jedes noch so unwichtige Gebot. Andrerseits muss beachtet werden, dass diese Halacha, das Gesetz, nach dem das gesamte Leben der Juden geordnet war, ihm eine einzig dastehende Disziplinierung des Willens überlieferte; jede Lebensäußerung war einem geheiligten Gesetze unterworfen, jede Tätigkeit, jeder Genuss durch Zeremonie und Segen mit der Gottheit vereinigt, jeder Einzelne mit dem Universum verbunden.
Die Halacha, demnach die Mischna und die reine, ich möchte sagen juridische Durcharbeitung im Talmud, sie hat sehr viel Ähnlichkeit mit der christlichen Scholastik des Mittelalters, nur dass der Talmud in der Halacha sich nur mit der Wirklichkeit, mit realen Dingen beschäftigt, während die Scholastik neben dem Realen auch das Transzendentale bespricht und untersucht, sich in Regionen erhebt, die vom Leben der Erde losgelöst sind, das Unfassbare und Unnennbare definieren will. Wir müssen bei solchen Gegenüberstellungen immer daran denken, dass das Paulinische Christentum mit der Mystik beginnt, in ihrem Wesen seine Hauptstütze findet, während das Judentum mystische Bewegungen ablehnt, immer klar und gemeinverständlich bleiben will. Wohl aber lebten sich der Überschwang, die Regung nach seelischem Aufschwung in Festen und Gebräuchen aus und in der Agada.
In der Agada, wir möchten sie vielleicht im Gegensatz zu den scholastischen Teilen des Talmuds die schöngeistigen nennen, finden wir Unterhaltung und Belehrung, Bejahung des Lebens, Verschönerung des Daseins, so dass der Talmud als wertvolle Gabe betrachtet werden muss, die das Judentum durch Jahrtausende aufrecht hielt und der Judenheit Kraft verlieh, allen Verfolgungen Trotz zu bieten und die Zeit tiefster Erniedrigung siegreich zu bestehen.

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Von größter Bedeutung für die Wertschätzung des Talmud ist den christlichen Kennern die Tatsache, dass die Aussprüche Jesu im Neuen Testament fast immer ihren Beleg im Talmud finden oder auch im Midrasch. Der wiederholt zitierte August, Wünsche hat ein Werk veröffentlicht: »Neue Beiträge zur Erläuterung der Evangelien aus Talmud und Midrasch«, in welchem er das ganze Matthäusevangelium anhand des Talmud und der Midraschim erklärt. Er geht so weit, zu behaupten, dass nur jene Aussprüche Jesu im Neuen Testament, die bekanntlich nach dessen Tode, in manchen Evangelien sogar Jahrhunderte später niedergeschrieben wurden, als echt gelten können, welche leicht in die Sprache des Talmud zu übersetzen sind, und das aus folgendem Grunde: Beide Talmudeditionen, die palästinensische und die babylonische, sind im landläufigen Aramäisch geschrieben, das zur Zeit Jesu allgemein gesprochen wurde, während die Mischna in neuhebräischer Sprache überliefert ist. Was daher nicht leicht in die Talmudsprache zu übersetzen ist, dürfte hellenistischen Ursprungs sein, demnach apokryph.
Es ist aber außer Frage, dass der Talmud nicht von den Evangelien befruchtet wurde, sondern umgekehrt. Wünsche sagt darüber: »Wenn dann und wann behauptet worden ist, das zwischen den neutestamentlichen Urkunden, speziell den Evangelien und dem Talmud und Midrasch bestehende verwandtschaftliche Verhältnis beruhe auf einer Entlehnung oder Beeinflussung der letzteren durch erstere, so ist das sicherlich nicht richtig. Nach unserem Dafürhalten sind die neutestamentlichen Urkunden an den talmudischen Weisen der beiden ersten Jahrhunderte fast spurlos vorübergegangen. Nur unter den Aussprüchen der Gelehrten des dritten und vierten Jahrhunderts finden sich einige, welche auf eine Bekanntschaft der Evangelien hindeuten, da sie den Stempel der Polemik an der Stirne tragen.«
Während die Halacha ein Produkt angespannter Denkkraft, nüchternen Verstandes ist, finden wir in der Hagada das Spiel schöpferischer Phantasie, poetische Gebilde, die Sprache des Gemütes und des Gefühles. Die Hagada weckt durch ihre sinnigen Erzählungen, durch ihre trefflichen Parabeln und Fabeln die erhabenen Kernsprüche, den Sinn für das Gute, Rechte und Wahre. Sie regt den sittlichen Willen an, läutert die Gesinnung, dämpft die Leidenschaft und spornt zu edlen Taten an.
Wie die Hagada in die Halacha, also in die eigentliche Gesetzesauslegung eingesprengt wurde, können wir an einem Beispiel erweisen. Wenn die Denkkraft der Schüler erschöpft war, der Geist abgespannt und ermüdet, konnte der Verstand die Untersuchungen, Folgerungen und Entwicklungen nicht mehr fassen, und der Lehrer war genötigt, die Diskussion abzubrechen. Gewöhnlich griff er dann zur Hagada, d. h. er unterhielt seine Schüler. Wie es dabei zugegangen sein mag, zeigt folgende Erzählung im Midrasch Rabba:
Es war ein heißer Sommernachmittag, und während der gelehrte Rabbi einige verwickelte Fragen des Gesetzes erörterte, waren seine Schüler allmählich sanft eingeschlafen. Da rief er plötzlich aus, so laut er vermochte: »Es war einmal eine Frau in Ägypten, welche 600 000 bewaffnete Männer auf einmal zur Welt brachte.« Die Zuhörer erwachten und gerieten in großes Erstaunen. Der Rabbi aber fuhr fort: »Ihr Name war Jochebed und sie war die Mutter des Moses, der in seiner Person 600 000 bewaffnete Männer, welche aus Ägypten nach dem Heiligen Lande hinaufzogen, allein aufwog. « Die Schüler waren nun ermuntert, hörten noch einiges, was an diese Legende anschloss, und waren nun frisch genug, der juristischen Auseinandersetzung zu folgen.
Mit dieser Erzählung ist jedoch nur eine besondere Gelegenheit für agadistische Einschaltung wiedergegeben. Es geschah immer wieder, dass die trockene Materie der Halacha mit schöngeistiger Hagada durchsetzt wurde. Es waren dies gewissermaßen dichterische Reaktionen gegen den trockenen Lehrstoff. Jeder geistig strebende Jude schärfte seinen Witz an der Lehre. Es gab aber auch dichterische Naturen unter den Gesetzeskundigen, Männer, die im freien Spiel der Phantasie Thora, Mischna und Gemara verbrämten und so herrliche, wenn auch naive Poesien oder Urzellen für die Phantasie künftiger Dichtergenerationen schufen. Diese dichterischen Schöpfungen oder feinsinnigen Aussprüche finden wir im Midrasch und im Talmud als Hagada.

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Herder, der Schöpfer der »Poesie der Völker«, hat die Hagada sehr gepriesen. Er sagt: »Es täte mir leid, wenn man nicht etwas Scharfsinniges, etwas Geistiges und Feines in diesen Dichtungen fände! —
Die ganze Welt frommer, biblischer Legende, welche der Islam in seinen vielen Zungen zum Ergötzen der Weisen ebenso wohl, wie der Frauen und Kinder seit nunmehr zwölf Jahrhunderten gesagt und gesungen hat, sind entweder embryonisch oder völlig entwickelt in der Hagada zu finden. Aber auch vieles von dem, was unter uns aus mittelalterlichen Sagen kreist, aus Dante, Boccacio, Cervantes, Milton heimisch ist, wurde bewusst oder unbewusst diesem wunderbaren Reiche entnommen.«
Die Hagada ist aber ebenso wie die Halacha eine Anlehnung an das Alte Testament, bei der Halacha an die Gesetzbücher, bei der Hagada an die poetischen und prophetischen Werke. Wir geben hier zuerst die Proben einer Parabel:
Der beste Wunsch.
Als Rabbi Nachman im Begriffe stand, sich von seinem Gastgeber Rabbi Jizchak zu verabschieden, sprach dieser zu ihm: »Der Herr gebe dir seinen Segen.« Rabbi Nachman entgegnete: »Ich will dir zum Dank ein Gleichnis sagen.
Ein Mann wanderte in der Wüste, ward müde, hungrig und durstig. Da fand er einen Baum mit süßen Früchten, der kühlenden Schatten bot und in dessen Nähe eine Quelle sprudelte. Er stillte seinen Hunger an den Früchten, seinen Durst an dem Wasser und ruhte in dem Schatten. Als er aufbrach, sprach er zu dem Baume: 0 Baum, o Baum, was kann ich dir wünschen? Dass deine Früchte süß seien? Sie sind es ja schon. Dass dein Schatten angenehm sei? Er ist angenehm. Dass eine Quelle in deiner Nähe fließe? Das ist schon der Fall. Was kann ich dir noch wünschen? Ich will dir wünschen, dass alle deine Schößlinge dir gleichen mögen. So dir, mein Freund, welchen Segen kann ich dir geben? Gelehrsamkeit, die besitzest du schon. Reichtümer? Du bist schon reich. Zahlreiche Nachkommenschaft? Du hast schon viele Kinder. Ich will dir daher nur das Eine wünschen: Alle deine Kinder mögen dir gleichen.« (Taanith Fol. 5b.)
Und nun eine Fabel:
Die zwei Hunde.
Zwei Hunde, die sich bei einer Herde befanden, lebten miteinander in stetem Streit. Als ein Wolf kam und einen von ihnen angriff, sprach der andere: Wenn ich jetzt meinem Bruder nicht beistehe, so erwürgt er heute ihn und morgen kommt er über mich. Deshalb eilte er zu dem Angegriffenen und stand ihm bei, s0 dass sie den Wolf gemeinsam erwürgten.
Eine schöne Sage finden wir im palästinensischen Talmud, Traktat Berachothh (Segenssprüche):

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Wenn Ben Soma Volkshaufen in Jerusalem sah, sprach er: »Gepriesen sei der, welcher alle diese zu meinem Dienste erschaffen hat.« Wie hat sich der erste Mensch abgemüht, bevor er einen Bissen Brot essen konnte: Er musste pflügen, säen, jäten, Wasserbehälter graben, mähen, düngen, dreschen, windschaufeln, sieben, mahlen, beuteln, kneten, backen, ich aber stehe am Morgen auf und finde das alles zubereitet vor mir. Siehe, wie viele Mühe hatte ferner der erste Mensch, bis er ein Hemd gewann, um sich bekleiden zu können; er musste Schafe scheren, bleichen, ausspannen, färben, spinnen, weben, waschen, nähen; ich aber stehe am Morgen auf und finde das alles zubereitet vor mir.«
Im Abschnitt Pea, der von den Verpflichtungen gegen die Öffentlichkeit spricht, heißt es: Der Mensch ist verpflichtet, die Nachlese, die vergessene Garbe, die Ecke für die Armen (Pea), den ersten und zweiten Zehnten, den Zehnten für die Armen, die Gabe vom Teige »Challah« abzusondern, zur Laubhütte, zum Lulab, zum Schofer, Arme und Hungrige zu speisen und Durstige zu tränken, wenn er das Vermögen dazu hat. Er ist aber zu alledem nicht verpflichtet, wenn er kein Vermögen hat; handelt es sich aber um die Ehre der Eltern, so ist er dazu verpflichtet, ihre Wünsche zu erfüllen und sie zu beschützen, er mag das Vermögen haben oder nicht, selbst wenn er vor den Türen (bettelnd) herumgehen müsste.
Eine sehr interessante Lese gäbe es auch, wenn man die Sprüche über den Verkehr mit Menschen sammeln würde. Wir geben einen Spruch wieder: »Wenn ein Mann dir sagt, dass du ein Esel bist, lache ihn aus; wenn es zweie sagen, dann lache nicht mehr; wenn aber dreie es behaupten, dann gehe hin und kaufe dir einen Halfter.« (Midrasch.)
Und nun zum Schluss einige Proben von religiös sittlichen Sprüchen:
»Wenn ein Heide in seinem Gebete den Gottesnamen ausspricht, dann darfst du Amen sagen.«
»Ein Heide, welcher sich mit der Thora beschäftigt, ist ebenso anzusehen, wie ein hoher Priester.« (Baba Kama Fol. 3 8a.)
»Wer ist weise? Der von jedermann lernt. Wer ist ein Held? Der seine Leidenschaften besiegt. Wer ist reich? Der sich mit dem Seinigen begnügt. Wer ist ehrwürdig? Der seine Mitmenschen ehrt und achtet.« (Pirke Aboth b IV 13.)
»Der böse Trieb gleicht anfangs dem Wanderer, dann dem Gaste, zuletzt dem Hausherrn.« (Sukka Fol. 5 za.)
»Wer seinen Nebenmenschen öffentlich beschämt, ist so zu betrachten, als hätte er Blut vergossen.« (Baba mezia Fol. z8b.)
»Jede Liebe, die von einer Sache abhängt, hört auf, sobald die Sache aufhört, die Liebe aber, die von keiner Sache abhängt, hört nimmer auf.« (Pirke Aboth 6 V 18.)
»Der Mensch gehöre lieber zu den Verfolgten, als zu den Verfolgern.« (Baba kama Fol. 93a.)
»Dein Ja soll ein wahrhaftiges Ja und dein Nein ein wahrhaftiges Nein sein.« (Baba mezia Fol. 49a.)
Wem fällt bei diesem Spruche nicht ganz von selbst der Satz aus dem Neuen Testament ein: »Deine Sprache sei ja, ja und nein, nein.«
Anschließend bringen wir einige Proben über den Zusammenhang mit dem Neuen Testament aus »Talmud und Midrasch« von Hermann L. Strack und Paul Billerbeck. Hermann L. Strack gehört zu den hervorragendsten christlichen Kennern des jüdischen Schrifttums. Sein Buch »Einleitung in Talmud und Midrasch« enthält auf 2.30 Seiten in abgekürzten Bezeichnungen eine solche Fülle von Wissen und wohlgeordneten Kenntnissen über den Talmud und über dessen Nebenwerke, dass man dieses Buch bei ernsthaftem Studium des Talmud in moderner Form gar nicht übergehen kann. Es ist allerdings bloß dem Fachmann verständlich oder dem Laien, der sich mit Geduld und Mühe in das Material eingelebt hat. Möge es mir gestattet sein, diesem hervorragenden Manne ein bescheidenes Denkmal zu errichten. Es gereicht mir zur besonderen Genugtuung, dass ich die Freude hatte, Strack wenige Jahre vor seinem Tode im Hause eines befreundeten protestantischen Theologieprofessors in Wien persönlich kennen zu lernen. Sein Andenken soll im Judentum nicht untergehen, so lange man Wert darauf legen wird, den Talmud dem allgemeinen Verständnis zuzuführen und dieses Wunderwerk der Weltliteratur gegen Bosheit und Niedrigkeit zu verteidigen. Er erlebte noch die Genugtuung, sein Lebenswerk in Druck zu geben (Kommentar zum Neuen Testament aus Mischna und Talmud von Hermann L. Strack und Paul Billerbeck). Dieses vierbändige Werk bringt für jedes Wort, für jeden Satz des Neuen Testaments die Parallelen aus Midrasch und Talmud. Wir können an dieser Stelle nur einen rein äußerlichen, höchst oberflächlichen Begriff von diesem gewaltigen Buche geben. Der erste Band: Über das Evangelium nach Matthäus, ist 1074 Seiten Lexikonformat stark. Davon etwa vier Fünftel Zitate in Perlschrift gedruckt. Über den Ausdruck »das Himmelreich« (Gottesreich) aus dem Evangelium Matth. 4, 17b finden wir zwölf Seiten Text, davon acht Seiten Zitate. Das Imposanteste scheint mir die Aufdeckung der Parallelen mit der Bergpredigt. Das Evangelien-Material aus Matthäus, die Kapitel 5, 6 und 7 finden in der Ausgabe der englischen Bibelgesellschaft auf siebeneinhalb Seiten Kleinoktav Raum, die Parallelstellen bei Strack umfassen 2.85 Seiten Lexikonformat. Strack ist kein Apologet; was er über die Geringschätzung des Am-Haarez bringt, macht es verständlich, dass die Talmudgegner unter dieser Benennung die Christen erkennen wollen.

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Jüdische Gelehrte, wie Bacher, Chajes und andere, haben zahlreiche Parallelen der Bergpredigt in Talmud und Midrasch gefunden; die beiden Tal, Vater und Sohn (T. Tal »Ein Blick in Talmud und Evangelien« und Justus Tal »Joed en Joedentum«) erklären, dass die gesamte Sittenlehre des Neuen Testaments im Talmud zu finden sei, dass er als Quelle des Neuen Testaments zu gelten habe. Wir aber wollen in diesem Abschnitt über den Talmud nur christliche Zeugnisse anführen. Strack ist nicht vollständig dieser Meinung, weil nicht genügend bewiesen ist, dass die Sprüche im Talmud älteren Ursprungs sind als die Evangelien. Er sagt hierüber in seinem Nachwort zur Bergpredigt: » Ohne weiteres ist zuzugeben, dass einige Aussprüche in der Bergpredigt der jüdischen Tradition entnommen sind (worauf er Matth. 7,12 anführt: Alles nun, was ihr wollet, dass euch die Leute tun sollen, das tuet ihr ihnen auch, das ist das Gesetz und die Propheten). Dem Gedanken, dass Gott der Vater der einzelnen Menschen sei, begegnet man lange vor Jesus. Ebenso dem von den beiden Wegen (von der weiten Pforte zur Verdammnis und vom engen Weg zum wahren Leben). Der Ausspruch aus Matth. 7, 2: Mit welchem Maß Ihr messet, wird Euch gemessen werden, findet sich wörtlich im Munde des Rabbi Meir. Strack sagt weiter: »Wenn hiernach die Übereinstimmung, die zwischen den Gedanken und Lehren der Bergpredigt und ihren zeitlich jüngeren rabbinischen Parallelen tatsächlich vielfach besteht, aus der Abhängigkeit der einen Seite von der anderen nicht erklärt werden kann, so heißt das jedoch nicht, dass auf jeden Versuch, diese Übereinstimmung begreiflich zu machen, einfach verzichtet werden müsste. Man kann sich die Sache so denken. In der alten Synagoge hat es eine Geistesmacht gegeben, der sich niemand entziehen konnte, der öffentlichen Einfluss gewinnen wollte; eine Geistesmacht, der Jesus nicht minder unterstanden hat, als die Männer der gelehrten Schulen. Diese Macht ist die Thora, die religiös-sittliche Gedankenwelt des Alten Testaments gewesen. In dieser Welt hat Jesus geatmet und gelebt, bis hin zu seinen letzten Worten am Kreuz; in dieser Welt sind heimisch gewesen die rabbinischen Gelehrten aller Generationen. Unter dem Einflusse des religiös-sittlichen Geistes des Alten Testaments ist die Spruchweisheit der früheren Jahrhunderte entstanden, unter dem Einfluss desselben Geistes hat Jesus seine Sentenzen geprägt — man denke an die engen Beziehungen der Seligpreisungen (in der Bergpredigt) zu den Worten der Schrift, und unter dem Einfluss desselben Geistes ist jene Fülle ethischer Aussprüche erwachsen, die den geistigen Reichtum des rabbinischen Judentums ausmachen.«
Die mündliche Tradition war das Gegebene, die gesetzlichen Anhaltspunkte wurden dann gesucht. Wir finden im Talmud eine große Anzahl von Gesetzen und Verordnungen, die im Leben keine Basis hatten, Vorschriften aus der Zeit des Tempels, Verordnungen, die, seit der jüdische Staat nicht existierte, keine Bedeutung hatten. Das Gleiche gilt auch von vielen Zeremonialgesetzen, die durch die Zerstreuung außer Kraft waren. Das Gesetz ward mit Zäunen und Gittern umgeben, über die sehr viel diskutiert wurde. Ganze Traktate im Talmud, wie Sebachim und Menachoth, die vom Opfergesetz handeln, Sanhedrin, der das Strafrecht lehrt, hatten keine Beziehung zum wirklichen Leben der Zeit.
Das Gesetz war a priori Vernunftgesetz, aber in der Frühzeit des jüdischen Volkes wirkten auch lebendige Kräfte neben den trockenen Teilen der Bibel, die Psalmen, die innige religiöse Lyrik. Das Gesetz strebte aber immer danach, an erster Stelle zu stehen. Als das Leben am Ausgang der Antike immer komplizierter wurde und das Gesetz immer neue Wirkungssphären gefunden hatte, wurde die poetische Kraft mehr zurückgedrängt. Aber sie trat hie und da heftig wieder auf. Wir rechnen hierzu den Geist der Religion und den um sich greifenden Mystizismus. Der unterdrückte Mystizismus wurde ein Ferment des entstehenden Christentums, und was außerdem noch an poetischer Kraft vorhanden war, finden wir in der Hagada und im Midrasch.

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Strack kämpft gegen die Abhängigkeit des Neuen Testaments vom Talmud, aber er gibt zu, dass die Sittenlehre des Neuen Testaments an sich nichts absolut Neues bringe. Und was für uns in diesem Abschnitt von besonderer Wichtigkeit ist, dass der Talmud in seinen Sittenlehren schon durch die gleiche Quelle dem Neuen Testament verwandt ist. Damit ist aber gesagt, dass der Talmud keine Geheimlehren enthält, nichts, was der Moral unserer Zeit widerspricht, und vor allem nichts, was den Nichtjuden verborgen bleiben soll. Strack und Billerbeck haben in diesem gar nicht genug zu bewundernden Werke den Talmud und seine Quellen derart durchpflügt, dass auch nicht eine Zeile übrig geblieben ist, die nicht dem allgemeinen Verständnis zugänglich wäre. Was er manchmal kritisiert, das bedeutet eben den Unterschied zwischen christlichem und jüdischem Empfinden der Religion gegenüber.
Vielleicht genügen diese Beweise, dass der Talmud eine Quelle des Neuen Testaments ist, dass Jesus aus der Anschauung der talmudischen Lehrhäuser, aus der talmudischen Agada jene Aussprüche übernommen hat, die so viel Trost, so viel seelische Kraft über die ganze Welt verbreitet haben, um der Behauptung entgegen zu treten, dass der Talmud kalt, trocken und seelenlos sei.
Von Prof. Bacher in Budapest ist ein groß angelegtes Werk über die Agada erschienen. Auch in dem erwähnten Werke »Der Talmud« von Dr. August Wünsche finden wir Auszüge aus der babylonischen Agada und die agadischen Bestandteile des jerusalemschen Talmuds, phantasievolle Offenbarungen, schöne, alte Sagen, Märtyrerhist0rien, Märchen von Engeln und Legenden von hervorragenden Gelehrten. Naiv erzählt, überglänzt von wahrhaft poetischem Empfinden bietet dieses Buch eine Fülle köstlichen Genusses. Bei all diesen Einfühlungen in die wirkliche Welt des Talmud ist es allerdings immer wieder notwendig, darauf zu verweisen, dass eine große Anzahl der Lehrer, vielleicht die meisten, den einfachsten Ständen angehörten. Wir haben ja ihre Berufe in anderen Abschnitten dieses Buches wiederholt aufgezählt. Ich will nur kurz einschalten, dass im Abschnitt Pea angeführt wird, wie zwei Gelehrte, Rabbi Berachja und Rabbi Chija aus dem Dorfe Techumin, einfache Landleute, verschiedene Meinungen hatten über den Wert des Gesetzesstudiums, die dann angeführt werden. Wir wiederholen, es handelt sich im Talmud um keine systematische Glaubenslehre, nicht um folgerichtig zusammengestellte Lehrsysteme, sondern um die Meinungen, Aussprüche von etwa 1000 Männern während siebenhundert Jahren. Jene Zeit war erfüllt von religiösem Denken und Empfinden, das gesamte Leben stand in Zusammenhang mit der Gottheit, aus der alles strömte, was das Leben wertvoll machte.
Dem Christen fehlt im Talmud der mystische Einschlag, zu dem seine Religion ihn verführt und die wir bei den anderen asiatischen Bekenntnissen in so reichem Maße finden. Max Weber sagt sehr richtig (»Das antike Judentum«): Die Rabbinen aus der Zeit der Talmudkomposition waren zunächst und vor allem keine Mystagogen oder Magier, dadurch unterscheiden sie sich grundsätzlich von der großen Masse der indischen und ostasiatischen Seelenhirten aller Art. Sie wirkten durch Belehrung in Wort und Schrift, diese durch Zauber, und ihre Autorität beruhte auf Kenntnis und intellektueller Schulung, nicht auf magischem Charisma. Dies war zunächst Folge der Stellung, welche die Magie überhaupt im nach-prophetischen Judentum einnahm. In ihm ist die Vorstellung, dass man durch Zauber die Gottheit finden könne, radikal ausgerottet. Die prophetische Gotteskonzeption schloss diese Vorstellung ein für allemal aus. Die Magie in diesem ursprünglichen Sinne galt dem Talmud als unbedingt verwerflich und gotteslästerlich.

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Von Mystizismus will die jüdische Religion absolut nichts wissen, aber sie bietet nicht nur im Alten Testament, dem »Buch aller Bücher«, auch im Talmud findet der sorgfältige Leser eine Fülle von Geist und Schönheit, die auf Jahrhunderte hinaus die Welt befruchtet hat, so dass auch dieses monumentalste Geisteswerk, diese originellste Erscheinung der Weltliteratur uns zu hohem Stolz auf unsere Vorfahren berechtigt, die zur Zeit der größten nationalen Katastrophen ihr Streben zu Gott, zu sittlicher Vollkommenheit, ihr Wollen und Wissen der Nachwelt überliefert und im Talmud niedergelegt haben.
Von Heinrich York-Steiner: »Die Kunst als Jude zu leben«

Schechina

Der Begriff Schechina (hebr.: שכינה), bezeichnet in der jüdischen Theologie die „Einwohnung“ oder „Wohnstatt“ Gottes in Israel, die als Inbegriff der Gegenwart Gottes bei seinem Volk verstanden werden kann. Das Bedeutungsspektrum schließt eine Reihe von Nebenbedeutungen wie „Ruhe“, „Glück“, „Heiligkeit“ oder „Frieden“ ein, immer als Merkmale, die den Wirkungskreis der Gegenwart Gottes charakterisieren und für den Menschen spürbar werden lassen.

Ursprung und Bedeutung

Die Vorgeschichte dieses Begriffs und der damit verbundenen theologischen Konzeption von „Gottes Heimstätte auf Erden“, die später in der rabbinischen Überlieferung zu einem zentralen Topos jüdischer Theologie geworden ist, reicht in die persisch-hellenistische Zeit zurück. Zwar kommt das Substantiv Schechina selbst im Tanach nicht vor, die Wurzel ist allerdings häufig anzutreffen, insbesondere in dem Verb schachan (שכן, „wohnen“, „zelten“) und dem Substantiv Mischkan (משכן, „Wohnsitz, Stiftszelt“). Von seinem Ursprung und seiner Grundbedeutung her weist der Begriff auf die Begegnung des Volkes Israel mit seinem Gott in der Wüste zurück. Gottes Gegenwart manifestiert sich in seinem „Zelten“ mitten unter dem Volk (vgl. Ex 25,8-9 EU). Dementsprechend bestand das erste israelitische Heiligtum aus einem beweglichen Zelt und der darin aufgestellten Bundeslade. Die Schechina als Inbegriff der Nähe und Präsenz Gottes ging später auf den Jerusalemer Tempel und den heiligen Bezirk der Stadt über.

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Die Wurzel ist auch in dem im Tanach zahlreich erwähnten Eigennamen Schechanjahu oder Schechanja (auch Schekanja) enthalten, der ebenfalls auf die Bedeutung „Einwohnung Gottes“ hinweist (Esra 8,3-5;10,2, Neh 3,29;6,18;12,3, 2. Chr 31,15).

In der altgriechischen Bibelübersetzung (Septuaginta) wird das hebräische Wort Schechina im allgemeinen mit Doxa (zu Deutsch etwa „Herrlichkeit [Gottes]“) wiedergegeben. Es wird an entsprechenden Stellen des Neuen Testaments von der christlichen Exegese in der Regel auf den Heiligen Geist bezogen. In einigen Texten der Septuaginta wird jedoch auch die Bezeichnung (kata)skēnosis (κατα’σκήνοσις) als griechisches Äquivalent der hebräischen Wurzel Schin-Kaf-Nun (שכנ) verwendet, ein Begriff, der in Anlehnung an das Schrifttum der Wüstenväter später in der lateinischen Übersetzung als „Tabernakel“ (tabernaculum) auch Eingang in die christliche Spiritualität fand.

Rabbinische Tradition

Nach rabbinischer Tradition befindet sich die Schechina mit dem Volk Israel im Exil. Sie ist mitten unter den Menschen und mit ihrem Leid und also auch mit ihrer Erlösung verknüpft. Sie wird personifiziert und mit weiblichen Bildern verbunden. Es gibt auch Hinweise auf die Nähe der Schechina zur Schöpfung.

Lurianische Kabbalah

In der Vorstellung des Kreises um Isaak Luria entsteht die Schöpfung aus göttlichen Kontraktionen und Strömungen. In der lurianischen Darstellung eines aus Sefirot bestehenden Urbildes des Menschen (Adam Qadmon) geht aus der letzten Sefira die untere Welt hervor. Diese Sefira wird Schechina genannt (auch Malchut, was Königreich oder Herrlichkeit bedeutet). Funken der Schechina, also göttliche Funken, sind bei der Schöpfung in die Welt gefallen. Dabei wird die Schechina der weiblichen Sphäre zugeordnet und als ergänzende, weibliche Dimension Gottes begriffen, was sich bspw. im Bild der Braut äußert. Das Brautmotiv stellt metaphorisch die „Gemeinschaft“ zwischen derSchechina und Gott dar, also die Einheit zwischen dem für menschliche Begriffe unfassbaren Gott im Himmel und seiner Vergegenwärtigung in der Welt.

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Lecha Dodi

Das akrostische Gebet „Lecha Dodi“, dessen Anfangsbuchstaben auf den Verfasser Schlomo Alkabez, einen Schüler aus dem kabbalistischen Kreis von Isaak Luria, hinweisen, gehört bis heute zur Liturgie am Vorabend des Schabbats. Das Gebet mit der Anfangszeile „Geh, mein Geliebter, der Braut entgegen…“ ist als Jubel über die Heimkehr der Braut (identifiziert mit dem Schabbat bzw. der Schechina) in messianischer Zeit konzipiert.

Chassidische Tradition

Im Chassidismus können die Menschen eine aktive Rolle bei der Erlösung spielen, indem sie die Funken der Schechina einsammeln. Die Chassidim gehen von göttlicher Immanenz in der Welt aus.

Christliche Mystik

In der christlichen Kabbala findet über die Weisheitstradition eine Gleichsetzung nicht nur von Malchut (Gottesreich) und Schechina, sondern auch von Chokhma (hebr.) bzw. Sophia (grch. Weisheit) und Schechina statt. In seinen mystischen Abhandlungen schildert Jakob Böhme die personifizierte Weisheit Jesu Christi und beschreibt die Gemeinschaft zwischen der Weisheit und dem Menschen als Erleuchtungserfahrung. Die Erlösung durch Jesus Christus wird in der Begegnung des Menschen mit dieser Weisheit im Hier und Jetzt vergegenwärtigt. Schechina und Sophiaper se gleichgesetzt werden, personifizieren aber beide die weibliche Dimension Gottes, die sowohl der Schöpfung als auch der Erlösung innewohnt. Beide Vorstellungen sind auch mit messianischen Erwartungen verbunden, die der Christ in Jesus Christus erfüllt sieht. Besonders Friedrich Christoph Oetinger zogen die messianischen Tendenzen der Kabbala an. können zwar nicht

Islamische Verwendung des Begriffes

Mit Sakina kennt auch der Islam einen sprachlich und inhaltlich eng verwandten Begriff, der ebenfalls die Gegenwart Allahs und den damit verbundenen glückseligen und friedlichen Seelenzustand bezeichnet.

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Zusammenfassender Ausblick

Die Schechina bezeichnet die Gegenwart Gottes in der Welt, also seine Immanenz. Die Schechina trägt verschiedene Namen (z.B. die hier erwähnten Malchut und Schabbath). Sie bietet Anknüpfungspunkte für ein ökumenisches Gespräch. Ihre Vorstellung als einer weiblichen göttlichen Dimension bietet auch Anknüpfungspunkte für die feministische Theologie. Aufgrund mancher tradierter negativer Beschreibung von weiblichen Aspekten ergeben sich daraus auch Ansätze zur Kritik: Beispiele zur Kritik an der kabbalistischen Tradition sind die Vorstellung der Passivität des Weiblichen oder die Vorstellung, dass alles Böse aus dem Weiblichen entspringt. Das Gesamtkonzept zielt auf kosmisches Gleichgewicht. Die Idee der Einheit von Ursprung und Ziel ist schon platonisch und findet sich auch in Gnosis und Gnostizismus.

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Thora

Die Tora (auch Thora, Torah; hebräisch ‏תּוֹרָה‎, Weisung, Belehrung, Gebot, von jarah = unterweisen) ist der erste und wichtigste Hauptteil des Tanach, der Hebräischen Bibel. Sie besteht aus fünf Buchrollen (griechisch: Pentateuch), deren Abfassung Mose zugeschrieben wird.

Sie offenbart für das Judentum JHWHs Erwählung der Israeliten zum Volk Gottes, seinen Rechtswillen und seine Lebensordnungen. Sie erzählt von der Schöpfung und Urzeit, den Erzvätern, dem Auszug aus Ägypten, der Offenbarung der Gebote am Sinai und der Wanderung der Israeliten durch die Wüste bis zu ihrer Landnahme im gelobten Land Kanaan. In diese Geschichtsüberlieferung eingebettet sind 613 Einzelgebote.

Auf ihre Verschriftung und Kanonisierung (ab ca. 1000 bis ca. 250 v. Chr.) folgte eine lange mündliche Auslegungstradition, die die Rabbiner seit 70 n. Chr. in der Mischna und im Talmud sammelten und für alle Juden verbindlich machten. Danach sind die Zehn Gebote und das Gebot der Nächstenliebe die wichtigsten Toragebote.

Dies entspricht der Tora-Auslegung des Jesus von Nazaret und des Paulus von Tarsus im Neuen Testament. Die Tora gilt mit dem ganzen Alten Testament auch im Christentum als normatives Wort Gottes.

Die schriftliche Tora

 

Rimonim aus Danzig, 18./19. Jh.

Die Tora besteht aus fünf Büchern (im Christentum die „fünf Bücher Mose“, griech: Pentateuch), die im Hebräischen nach dem ersten Wort im Buch benannt sind:

Bereschit (בְּרֵשִׁית‎) (Im Anfang schuf …) Genesis (1. Buch Mose)
Schemot (שְמוֹת‎) (Dies sind die Namen …) Exodus (2. Buch Mose)
Wajikra (וַיִּקְרָא‎) (Und es rief JHWH …) Levitikus (3. Buch Mose)
Bemidbar (בְּמִּדְבַּר‎) (Und es redete JHWH in der Wüste …) Numeri (4. Buch Mose)
Devarim (דְּבָרִים‎) (Dies sind die Worte …) Deuteronomium (5. Buch Mose)

In der jüdischen Tradition heißt es, insgesamt fänden sich 613 Vorschriften (Mitzwot) in der Tora: 248 Gebote und 365 Verbote. Beide Zahlen sind Zahlen der Vollkommenheit: 248 symbolisiert die Zahl der Knochen im menschlichen Körper, 365 die Zahl der Tage im Jahr.

Begriffsbestimmung

Das hebräische Wort hat mehrere, verschieden weite Bedeutungen. Die engste bezeichnet die fünf Bücher Mose, die das Volk Israel laut dessen Überlieferung am Berg Sinai erhielt. Juden reden nicht vom Alten Testament, da dies ein Neues Testament voraussetzt, das es im Judentum nicht gibt; es gibt hier nur ein Testament.

Die Schriftrolle

Im Zusammenhang damit ist mit „Tora“ oft die Torarolle gemeint. Dies ist eine große Rolle aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose in hebräischen Buchstaben (ohne Vokale) von Hand aufgeschrieben sind. Torarollen werden im Allgemeinen in der Synagoge aufbewahrt. In Gottesdiensten, vor allem am Schabbat, aber auch an Feiertagen, wird aus dieser Torarolle in der Synagoge „gelesen“. Üblicherweise wird der Text dabei nicht gesprochen, sondern gesungen. Sinn dieser 2000-jährigen Tradition ist, das jüdische Volk mit dem Text der Tora vertraut zu machen.

Eine für den öffentlichen Gottesdienstgebrauch vorgesehene Tora wird grundsätzlich per Hand von einem Sofer, einem speziell dafür ausgebildeten Schreiber, geschrieben. Bei guter Aufbewahrung kann eine Torarolle mehrere hundert Jahre rituell brauchbar bleiben. Die älteste existierende Torarolle stammt von etwa 900 n. Chr.. Torarollen, die mechanisch, durch Abnutzung oder hohes Alter (Materialermüdung) beschädigt und somit unbrauchbar geworden sind, werden aus Respekt nicht weggeworfen, sondern in einer Genisa aufbewahrt oder auf einem jüdischen Friedhof begraben. Zum Toraschmuck gehören Mappa (Tuch), Me’il (Mantel), Tass (Schild), Jad (Stab) und Kether (Krone) oder je nach Anlass ein spezieller Aufsatz, Rimonim (Granatäpfel) genannt.

Die mündliche Tora

Laut traditioneller jüdischer Überlieferung erhielt Israel über Mose jedoch nicht nur diese Schriften (die schriftliche Tora), sondern auch deren mündlich überlieferte Ausdeutung, die den Schlüssel für das Verständnis der schriftlichen Tora liefere. Diese wurde von den Propheten (Neviim) und den weiteren Lehrern des Volkes mündlich überliefert. Unter Rabbi Jehuda ha-Nassi wurde das in einzelnen Sammlungen erhaltene, aber kaum überschaubare Material in ein System von 6 Ordnungen gebracht. Diese erste schriftliche Fixierung der Mündlichen Tora wurde zum Standardkanon, der in seinem Bestand nicht ergänzt, wohl aber kommentiert wurde. Die Mischna wird ausführlich im Talmud diskutiert und erklärt. Talmud ist die Bezeichnung für das gesamte Werk, das aus Mischna und deren Diskussion Gemara besteht. Es gibt den Babylonischen Talmud, der in Bavel (dem heutigen Irak) entstand, und den Jerusalemer Talmud, der aber nicht die Bedeutung des Babylonischen Talmuds erlangte. Die Mischna wurde um das Jahr 200 n. Chr. in schriftlicher Form fixiert, die Gemara bis zum 6. Jahrhundert. Während im Pentateuch neben den erzählenden Teilen 613 Ge- und Verbote aufgelistet werden, werden in der Mischna und der Gemara diese Vorschriften konkretisiert und teilweise faktisch verändert.

Die hebräische Bibel

In einer weiteren Bedeutung bezeichnet Tora als pars pro toto die gesamte jüdische Bibel (Tanach), also die Tora im engeren Sinne, die Neviim (Prophetenbücher) und die Ketubim (Schriften).

Bedeutung der Tora

Die Tora ist seit mehr als 2500 Jahren mit ihrem klaren Monotheismus, ihrer Rechts- und Philosophiegeschichte, ihrer Mystik und vor allem ihrem ethischen Gehalt ein wesentliches Element des Judentums.

Jedoch gilt eine Entstehungszeit vor dem Babylonischen Exil unter den Historikern als unwahrscheinlich. Zum einen werden sehr viele Fakten erwähnt, die um 1500 v.Chr nicht existent waren – z.B. die Könige Israels, Karavanen, zum anderen trifft man in den Richtlinien des täglichen Lebens sehr viele Bräuche, die nachweislich späterer Herkunft sind. [2]

Mit dem Judentum in der Diaspora, aber vor allem mit dem Christentum und der Ekklesia (griechisch; deutsch: Kirche) wurde die Tora prägend für das westliche Abendland ebenso wie für den Islam, durch das, was die Tora tatsächlich oder vermeintlich zu sagen hat, und in der Betrachtung, durch das, was man annahm, was sie zu sagen habe. Für das Judentum ist die Tora wichtiger Hintergrund für das Verständnis seiner Vergangenheit als Volk und als Zivilisation.

Bedeutungsebenen der Tora

Offenbarte und verborgene Dimension

Im orthodoxen Verständnis hat die Tora zwei Dimensionen – eine offenbarte und eine verborgene. Die offenbarte Dimension enthält die Gesetze der Tora, die ein Ausdruck des Willens Gottes sind. Im Hebräischen heißt dieser Aspekt Gufej Tora („Körper der Tora“) oder Nigleh, die „offenbarte Dimension“. Neben dem „Körper“ der Tora gibt es auch die „Seele“ der Tora – die mystische Dimension. Sie birgt Einsichten über die göttliche Existenz und ihre Offenbarung, den Schöpfungsprozess und das Wesen der menschlichen Seele. Im Hebräischen wird dieser Aspekt auch Sitrej Tora genannt, die „Geheimnisse der Tora“, oder Nistar, die „verborgene Dimension“.

Die vier Bedeutungsebenen der Tora

Hauptartikel: PaRDeS

Die unterschiedlichen Bedeutungsebenen der Tora werden in der orthodoxen Auffassung in 4 allgemeine Kategorien geteilt:

  • Peschat ist die wörtliche, einfache Bedeutung des Verses. Der Vers (Gen. 1:1) „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ bedeutet demnach, dass Gott im Anfang den Himmel und die Erde schuf.
  • Remes sind die Hinweise und indirekten Bezugnahmen der Tora. Die Gematria etwa, der numerische Wert der hebräischen Buchstaben, ist eine der Methoden der Tora, auf Zusammenhänge hinzuweisen. Die Gematria von bereschit bara „Im Anfang schuf (Er)“ ist ident mit der von b’rosch ha’schana nivra ha’olam „an Rosch HaSchana wurde die Welt geschaffen“, erklärt beispielsweise der mittelalterliche Bibelkommentator Baal HaTurim (ca. 1275-1349).
  • Drasch legt die abstrakte Bedeutung des Verses offen. Das hebräische Wort für „Im Anfang“ ist bereschit. Wie der Midrasch ausführt, kann dieses Wort in zwei geteilt werden: b – reschit. Damit will der Vers sagen, dass die Welt für die zwei (im Hebräischen der Buchstabe b) reschit („Anfang“, „Erster“) geschaffen wurde – das jüdische Volk und die Tora (siehe den Kommentar von Raschi ad. loc.).
  • Sod (hebr. „Geheimnis“) ist der mystische Teil der Tora. Dem kabbalistischen Tikkune Sohar zufolge kann das Wort bereschit gelesen werden als bara schit „geschaffen (mit) sechs“, und drückt damit aus, dass Gott die Welt mit sechs emotionellen Attributen (hebr. „Middot“) schuf: Liebe, Strenge, Harmonie, Ambition, Herrlichkeit und Verbund (siehe Sephiroth).

Aber auch innerhalb dieser vier Ebenen gibt es verschiedene Interpretationen der Tora. Auf der Ebene des Peschat etwa kennt das Judentum nicht eine, sondern mehrere Autoritäten (Raschi, Ibn Esra, Raschbam u.v.m.). Und trotz einheitlicher Grundausrichtung auf die wörtliche Interpretation kommen sie oft zu unterschiedlichen Lehrmeinungen über die einzelnen Verse und Ereignisse.

Orthodoxes Bibelverständnis

Der grundlegende Unterschied zwischen orthodoxem Judentum und progressivem Judentum ist das Verständnis der Offenbarung. Die orthodoxe Tradition innerhalb des Judentums betrachtet die Tora als Gotteswort, das Mosche am Berg Sinai von Gott selbst gegeben wurde. Es wird in einigen orthodoxen Kreisen durchaus eingeräumt, dass sich in der Tradierung des Gotteswortes hier und da einige Schreibfehler eingeschlichen haben könnten, das fechte die Tatsache, dass die Tora das Wort Gottes sei, jedoch nicht an. So ist dem orthodoxen Standpunkt ein Satz wie „Da erschuf Gott den Menschen in seinem Ebenbilde …“ (Gen 1,28) eine Tatsache, da das Wort Gottes per definitionem die Wahrheit selbst ist. Dies impliziert auch, dass jedes Wort der Tora einen Sinn haben muss, da kein Buchstabe Gottes Wortes überflüssig sein könne. Wo die modernen Wissenschaften mit dem Tanach in Widerspruch stünden, würde sich einmal zeigen, dass die modernen Wissenschaften irrten oder wir die Bibel nicht sachgemäß verstünden.

Progressives Bibelverständnis

Das nicht-orthodoxe Judentum sieht die Offenbarung als einen fortschreitenden („progressiven”) Dialog des Volkes Gottes mit seinem Gott. Im nicht-orthodoxen Judentum wird die Tora heute mit Hilfe erkenntnistheoretischer Kriterien gedeutet. Das Gewissen, die Vernunft, ethische Überlegungen, Erkenntnisse der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften beschränken die Bedeutung und die Auswirkung der Gebote und Verbote der Tora.

Die jüdische progressive Zivilisation ist in der Zeit von Menschenrechten, demokratischen Entscheidungen und Naturwissenschaften vor allem um die Einhaltung der Moralgesetze bemüht. Sie glaubt nicht, dass der Tanach, die Tora das unabänderliche Wort Gottes ist, aber dass diese im Kern göttlich inspiriert sind. Die Offenbarung ist ein fortschreitender Prozess. Gott offenbart die Inhalte seines Willens und seiner Gebote jeder Generation neu. Diese Haltung macht es möglich, die tradierte jüdische Rechtspraxis dort zu ändern, wo sie nach progressiver Auffassung den ethischen Normen des Judentums nicht mehr entspricht. Dazu zählen bestimmte Regeln in Bezug auf Scheidung, Mamser (d.h. ein aus einer inzestuösen oder ehebrecherischen Beziehung stammendes Kind), Kohanim (Priester), Homosexuelle etc. und vor allem die volle religiöse Gleichberechtigung von Frauen. Die Ausführung der Mitzwot wird in die verantwortliche Entscheidung des Einzelnen gestellt.

Das progressive Judentum bestimmt für sich Teile der Tradition, die immerwährende Bedeutung haben, getrennt von solchen, die zeitbedingt und relativ sind. Wertelemente der jüdischen Tradition und des Judentums von Dauer sind der Schabbat, das Streben nach Gerechtigkeit und die Heiligkeit des Lebens. Zeitbezügliche, relative Wertelemente sind zum Beispiel das Tempelopfer und die unbedingte Macht des Mannes über seine Frau (als juristische Sache).

Wissenswertes

  • Wird die Tora getragen oder gelesen, so wird sie nur an den beiden Holzstangen gehalten. Das Pergament wird möglichst nicht berührt. Somit bleibt die Schrift leserlich und erhalten, denn eine Tora „herzustellen“ ist sehr aufwändig, da sie von Hand geschrieben wird. Dazu wird ein speziell ausgebildeter Schreiber, der Sofer, beauftragt. Ein Sofer benötigt zum Schreiben einer Tora etwa ein volles Jahr.
  • Die Tora wird in Synagogen an einem speziellen Schrein, dem Aron haKodesch aufbewahrt. Meist ist dieser mit einer Tür und einem Vorhang, dem Parochet, verschlossen. Der Toraschrein wird während spezieller Gebete geöffnet, sowie zu Gelegenheiten an denen aus der Torarolle gelesen wird.
  • Alle Zeilenbreiten und -längen sind durchgehend gleichbleibend.

 

 

Talmud

Der Talmud (heb.: תלמוד, talmūd „Belehrung, Studium“) ist nach dem Tanach – der jüdischen Bibel – das bedeutendste Schriftwerk des Judentums.

Er ist sehr viel umfangreicher als die Bibel; vollständige Ausgaben kommen auf fast 10.000 Seiten in einem Dutzend Bänden. Es gibt verschiedene Traditionen des Talmud.

Entstehung und Bedeutung

Der Talmud liegt in zwei großen Ausgaben vor. Nach Umfang und inhaltlichem Gewicht ist der Talmud Bavli, der Babylonische Talmud, das bedeutendere Werk. Er entstand in den relativ großen, geschlossenen jüdischen Siedlungsgebieten, die nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im judenfreundlicheren Perserreich existierten, genauer gesagt in Sura und Pumbedita. Als maßgebliche Autoren gelten die Rabbiner Abba Arikha (genannt Raw), Samuel Jarchinai (Mar) sowie Rab Aschi.

Daneben steht der erheblich kürzere, in seinen Bestimmungen oft weniger strenge und weniger wichtige Talmud Jeruschalmi, der in Palästina entstand und daher der Palästinische oder Jerusalemer Talmud genannt wird. Hier gilt nach jüdischer Tradition, die auf Maimonides zurückgeht, als wichtigster Autor Rabbi Jochanan.

Wenn einfach vom Talmud gesprochen wird, ist in der Regel der Babylonische Talmud gemeint.

Der erste Druck des Talmud stammt von Daniel Bomberg, einem aus Antwerpen stammenden Christen, der zwischen 1516 und 1539 in Venedig tätig war. Die von Bomberg eingeführte Folio-Zählung wird heute noch benutzt.

Aufbau und Inhalt

Es gibt verschiedene Methoden der Stoffgliederung im Talmud:

Überlieferungsschichten

Kernstück des Talmud ist die Mischna (hebräisch: משנה (Lehre durch) Wiederholung). Es handelt sich hierbei um jenen Teil der Tora (תורה), den Gott nach jüdischer Tradition Moses am Berg Sinai mündlich geoffenbart hat und der in der Folgezeit auch zunächst nur mündlich weitergegeben, in den beiden ersten Jahrhunderten n. Chr. schließlich aber doch kodifiziert wurde. Ihre endgültige Form gefunden hat die in Hebräisch abgefasste Mischna im 2. Jahrhundert n. Chr. unter redaktioneller Federführung von Jehuda ha-Nasi. Sie ist im babylonischen und im palästinischen Talmud im wesentlichen identisch.

Die zweite Schicht des Talmud ist die Gemara (aramäisch: גמרא Lehre, Wissenschaft), die aus Kommentaren und Analysen zur Mischna in aramäischer Sprache besteht. Sie sind die Frucht umfangreicher Diskussionen unter jüdischen Gelehrten insbesondere in den Akademien von Sura und Pumbedita. Ausgehend von den meist rein juristischen Fragestellungen wurden Verbindungen zu anderen Gebieten wie Medizin, Naturwissenschaft, Geschichte oder Pädagogik hergestellt. Auch wurde der eher sachliche Stil der Mischna mit diversen Fabeln, Sagen, Gleichnissen, Rätseln etc. angereichert. Die Gemara war zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert n. Chr. abgeschlossen. Anders als die einheitliche Mischna weichen die Fassungen der Gemara in der babylonischen und der palästinischen Talmudausgabe voneinander ab.

Beim Babylonischen Talmud kommen schließlich als dritte Schicht die Kommentare aus späterer Zeit hinzu. Hervorzuheben sind insofern insbesondere jene von Rabbi Schlomo ben Jizchak (genannt „Raschi“), einem im 11. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland wirkenden Talmud-Gelehrten.

Die ständige Fortentwicklung der Tradition durch Diskussionen, Kommentare und Analysen prägt den durchgängig dialektischen Stil des Talmud. Das bevorzugte Mittel der Darstellung ist der Dialog zwischen verschiedenen rabbinischen Lehrmeinungen, der am Ende zu einer Entscheidung führt und den maßgeblichen Stand der Tradition wiedergibt.

Üblicherweise sind die einzelnen Textteile so angeordnet, dass sich die Mischna in der Mitte jeder Seite befindet. Links und unten wird sie L-förmig von der Gemara umrahmt. Der Textstreifen am oberen Innenrand einer Seite enthält die Kommentare Raschis, der am Außenrand und ggf. am unteren Rand schließlich etwaige weitere Kommentare.

Funktionale und stilistische Einteilung

Quer zur bereits genannten Einteilung des Talmud in die drei Überlieferungsschichten steht die Einteilung in die praxisnahe Auslegung der gesetzlichen Vorschriften (Halacha, הלכה) und die erzählerischen und erbaulichen (homiletischen) Betrachtungen (Aggada, אגדה). Sie findet sich nur in den beiden Kommentarschichten, jedoch kaum in der nahezu ausschließlich aus Halacha bestehenden Mischna.

In seinem Gedicht Jehuda Ben Halevy vergleicht Heinrich Heine die Halacha mit einer „Fechterschule, wo die besten dialektischen Athleten (…) ihre Kämpferspiele trieben“. Die Aggada, die er fälschlich „Hagada“ nennt, sei indes „ein Garten, hochphantastisch“, in dem es „schöne alte Sagen, Engelmärchen und Legenden“ gebe, „stille Märtyrerhistorien, Festgesänge, Weisheitssprüche (…).“

Sachliche Einteilung

Eine dritte Gliederungssystematik schließlich fußt auf sachlichen Prinzipien. Beide Talmude sind, wie die ihnen zugrundeliegende Mischna, in 6 „Ordnungen“ (Seder, סדר) eingeteilt, diese wiederum in 7 bis 12 Traktate (masechet, מסכת). Die Traktate wiederum bestehen aus Abschnitten und letztlich aus einzelnen Mischnajot.

Die Titel der Ordnungen lauten:

  • Seraim (זרעים, „Aussaat“): Landwirtschaftliche Abgaben an Priester, sozial Bedürftige, Fremdlinge
  • Moed (מועד, „Festzeiten“): Fest- und Fasttage
  • Naschim (נשים, „Frauen“): Familienrecht
  • Nesikin (נזיקין, „Schäden“): Straf- und Schadensersatzrecht
  • Kodaschim (קדשים, „Heiligtümer“): Opferkult u.a.
  • Tohorot (טהרות, „Reinigungen“): Reinheit von Opferstätten u.a.

Sprache

Neben dem Hebräischen ist vor allem Aramäisch Sprache des Talmuds. Der Talmud wird gewöhnlich in den Originalsprachen studiert.

Im Jüdischen Verlag erschien 1929 bis 1936 die erste und bisher einzige vollständige und unzensierte deutsche Übersetzung des Babylonischen Talmud. Die Übersetzung stammt von Lazarus Goldschmidt. Diese Ausgabe umfasst 12 Bände. Im Seitenaufbau weicht sie von den gängigen Ausgaben ab. Die Mischna ist in Kapitälchen gesetzt. Darunter folgt die Gemara im normalen Satz. Sie wird jeweils mit dem in Großbuchstaben gesetzten Wort „Gemara“ eingeleitet. Zusätzliche Anmerkungen zur Mischna oder Gemara sind als Fußnoten gesetzt. In der Originalausgabe und in den Nachdrucken gibt es nur ein Inhaltsverzeichnis pro Band, kein Gesamtverzeichnis für alle Bände. Auch die Einteilung in Sektionen geben diese Verzeichnisse nicht wieder.

Sogenannte „Talmud-Zitate“ im Antisemitismus/Antijudaismus

In judenfeindlichen Publikationen werden seit dem Mittelalter Stellen aus dem Talmud zitiert, um die jüdische Tradition in Misskredit zu bringen.[1] Teilweise handelt es sich bei den „Zitaten“ um schlichte Fälschungen. Aber auch die echten Zitate sind in der Regel aus dem Zusammenhang gerissen und missachten die im Talmud vorherrschende Form der dialogischen Annäherung an ein Thema. Talmudische Diskussionen zwischen den Positionen einzelner Rabbinen und verschiedener Schulen spiegeln den Prozess der Verschriftlichung der mündlich überlieferten Tora. In solchen Auseinandersetzungen werden oft auch bewusst abstruse Thesen (etwa: „Nichtjuden sind keine Menschen“) in die Diskussion geworfen, um sie daraufhin im Dialog zu widerlegen. Antijudaisten verwenden bevorzugt solche Thesen, verschweigen jedoch die folgenden Antithesen, so dass ein verfälschter Gesamteindruck zu den religiösen Leitlinien des Talmuds und damit auch der jüdischen Religion entsteht.

 

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