Archive: 29. Mai 2018

Schulchan Aruch – Jore Dea 260-267

Es ist ein Gebot, dass der Vater seinen Sohn beschneiden muss, und dieses Gebot ist größer, wichtiger, als jedes andere. Hat der Vater dieses Gebot nicht ausgeübt, so muss das Gericht dafür sorgen; ist dies auch vom Gericht unterblieben, so muss der Unbeschnittene, wenn er erwachsen ist, dies selbst tun; tut er es nicht, so hat er die Strafe der Ausrottung (Vertilgung) auf sich geladen und für jeden versäumten Tag wird ihm diese Strafe zugerechnet. Man darf Niemanden beschneiden ohne Mitwissen seines Vaters, hat man es aber doch getan und der Vater des Beschnittenen versteht dies Geschäft selbst, so muss der unberufene Beschneider jenem zur Strafe zehn Gulden zahlen; wenn aber der Vater dieses Geschäft vernachlässigt (unterlassen) hat, so muss das Gericht mit Gewalt darauf dringen. Einer Frau liegt diese Pflicht nicht ob. Versteht der Vater das Beschneiden nicht und es ist Jemand da, der es versteht, aber dafür bezahlt sein will, so wird dieser vom Gerichte deshalb angefahren (ihm ernstliche Vorwürfe darüber gemacht), denn so etwas tun Abraham’s Nachkommen nicht. Die Beschneider bestreben sich im Gegenteil um dieses Geschäft und machen sich eine Ehre daraus. Beharrt aber ein der Beschneidung Kundiger bei der Widerspenstigkeit, dieses Geschäft an dem Sohne eines nicht zahlungsfähigen Vaters zu verrichten, so wird er vom Gerichte mit Gewalt dazu gezwungen.

Die Beschneidung muss am achten Tage nach der Geburt, aber nicht früher als mit Sonnenaufgang, geschehen; hat man sie indessen schon mit Aufgang der Morgenröte vollzogen, so gilt es auch. Die Beschneidung kann den ganzen achten Tag geschehen, Gottesfürchtige tun dies aber schon gleich des Morgens, jedenfalls muss es noch bei Tage geschehen; selbst wenn die Beschneidung außer der Zeit (später als den achten Tag) geschieht, z.B. wegen Krankheit u. dgl., muss sie doch bei Tage geschehen. Hat man dennoch bei Nacht beschnitten, so muss man den Tag darauf zum Zeichen des Bundes noch einen Tropfen Blut aus dem Gliede fließen lassen. Hat man vor Ablauf der acht Tage beschnitten, aber doch am Tage, so gilt die Beschneidung, weil sie einmal geschehen ist. Ein krankes Kind wird nicht eher beschnitten, als siebenmal 24 Stunden nach seiner Herstellung, d. h. bei einer wirklichen Krankheit (hitzigem Fieber u. dgl.), welche den ganzen Körper angreift; ist aber nur ein einzelnes Glied des Körpers erkrankt (die Augen u. dgl.), so kann die Beschneidung gleich nach der Herstellung geschehen; ist jedoch der Augenschmerz sehr bedeutend, dann ist es so viel, als ob der ganze Körper erkrankt sei. Ein Zwitter (Androgynus, dessen Zeugungsglieder sich nicht bestimmen lassen, ob sie männlich oder weiblich sind), ferner ein Kind, welches zwei Vorhäute, eine über die andere (nach einigen Rabbinern zwei Glieder) hat, oder ein Kind, welches aus dem Mutterleibe herausgeschnitten worden, solche Kinder werden, wie andere, am achten Tage beschnitten.

Ist ein Kind in der Dämmerung geboren, also zweifelhaft, ob bei Tag oder Nacht, so wird von der Nacht an gezählt und das Kind am neunten Tag (welcher in dieser Hinsicht zweifelhaft ist, ob er der achte oder neunte Tag ist) beschnitten. (Bekanntlich zählt man die Nacht immer zum folgenden Tage und berechnet die 24 Stunden erst am Ende jedes Tages.) Hat das Kind aber den Kopf aus der Scham, (Prusdur), bei Tage herausgestreckt oder man hat es weinen gehört, so werden die acht Tage von diesem Zeitpunkte an gezählt, wenn es auch mehrere Tage nachher erst geboren worden ist. Sagt die Mutter, das Kind habe schon im Mutterleibe geweint, ohne dass sie Geburtsschmerzen verspürt hätte, so wird erst vom Tage der Geburt an gezählt, und obschon es ungewöhnlich ist, dass ein Kind schon weine, bevor es den Kopf herausgestreckt hat, so ist die Mutter doch beglaubigt. Ist das Kind in der Dämmerung geboren, aber es waren schon drei — wenn auch nur ganz kleine — Sterne am Himmel zu sehen, so kann man sich im Zweifel darauf verlassen, dass es recht ist, wenn man vom darauf folgenden Tage an zu zählen beginnt; selbst wenn der Himmel noch ganz klar war, gilt dies; nur darf es kein Shabbath oder ein anderer Feiertag sein, weil ja dann auf den achten Tag der Shabbath fällt; denn hätte man sich deshalb geirrt, dass es noch nicht ganz Nacht gewesen sei, als die drei kleinen Sterne erschienen waren, so würde ja der Shabbath umsonst entweiht. Waren aber gleich, nachdem das Kind den Kopf herausgestreckt, drei Mittelsterne am Himmel zu sehen, so kann man für bestimmt annehmen, dass es Nacht war, wenn auch der andere Tag ein Shabbath war, die Sterne aber nicht gleich zum Vorschein kamen, weshalb man glauben konnte, es sei beim Herausstrecken des Kopfes noch Tag gewesen, so muss man doch von dem folgenden Tag an zu zählen anfangen. Wenn das Kind gelb oder rot ist — ein Zeichen von Mangel an gehörigem Geblüt oder dass dasselbe (das Geblüt) nicht ordentlich in die Glieder gedrungen ist, sondern zwischen Haut und Fleisch steckt — so darf das Kind nicht eher beschnitten werden, bis es die natürliche Farbe wieder erhält, denn die Beschneidung könnte ihm sonst gefährlich werden und man hat sich in solchen Fällen sehr in Acht zu nehmen, in dem eine verlorene israelitische Seele nie wieder zu erstatten ist.

Sind Jemanden zwei Kinder nacheinander infolge der Beschneidung gestorben, so ist dies ein Anzeichen, dass die Kinder, von dieser Mutter geboren, die Operation nicht aushalten können, und man muss, wenn das dritte Kind geboren wird, mit der Beschneidung so lange warten, bis das Kind mehr erwachsen und stärker ist. Es gilbt in dessen gleich viel, ob die Kinder dieser Frau von einem und demselben oder von dem zweiten Manne sind; ebenso ist es, wenn die Kinder von verschiedenen Weibern sind. Gegen den letzten Satz streiten einige Rabbiner, mir aber denkt, sagt die Hagah, dass man in solchen Fällen, wo Lebensgefahr eintreten könnte, keinen Unterschied machen dürfe. Desgleichen muss man vorsichtig sein, wenn die Kinder von zwei Schwestern an dieser Operation starben; dann müssen die anderen verheirateten Schwestern mit der Beschneidung ihrer Kinder ebenfalls warten. Ist ein Kind beschnitten geboren, so muss man doch einen Tropfen Blut (Bundesblut) aus dem Gliede fließen lassen, jedoch hat man sehr vorsichtig dabei zu Werke zu gehen und lieber so lange zu warten (nicht gerade am achten Tag diese Operation vorzunehmen), bis es ohne Gefahr geschehen kann. Ist das Kind vor dem achten Tage gestorben, so geschieht die Beschneidung auf dem Begräbnisplatz mit einem scharfen Stein oder sonst dergleichen ohne Segenspruch, aber man gibt dem Kinde einen Namen zum Andenken, dass man sich vom Himmel aus über dasselbe erbarmen möge und dass es an der Auferstehung der Toten teilnehme. An einem zweiten Feiertage (Pessach, Schawuoth und Laubhütten) darf man in einem solchen Falle diese Operation nicht vornehmen; denn man darf solche früh verstorbene Kinder selbst am zweiten Feiertage nicht beerdigen, auch nicht einmal von einem Orte zum anderen bewegen oder berühren, wegen Entweihung des Feiertages; denn nur ein lebendiges und gesundes Kind muss am achten Tage beschnitten werden, und wenn dieser auch auf einen Sonnabend fällt — vor der Beschneidung muss sogar der Sonnabend weichen.

Man darf keinen Nichtjuden beschneiden, außer es müsste geschehen zum Behufe des Übertretens zum Judentume, aber nicht zu einem anderen Zwecke; denn, sagt der Ture Sahab, Vater Abraham passet in jener Welt auf die Beschnittenen, die lässt er nicht in die Hölle bringen. Deshalb muss man diese Handlung nicht profanieren, sonst wird Vater Abraham irre. Beschneiden darf ein jeder, z.B. ein jüdischer Sklave, eine Frau (ist aber nicht gebräuchlich), ein unmündiger oder ein unbeschnittener Jude (weil seine Brüder bei dieser Operation starben); jedoch hat ein erwachsener Jude, der das Beschneiden versteht, den Vorzug vor allen anderen, aber ein Nichtjude darf diese Handlung nicht verrichten, selbst wenn er beschnitten ist (vielleicht so geboren); ist es aber einmal geschehen, so gilt es, man muss aber doch noch einen Tropfen Bundesblut aus dem Gliede fließen lassen. Wer abtrünnig ist entweder vom ganzen Gesetze oder nur von der Beschneidung, ist so gut als ein Nichtjude. Man soll sich nach einem rechtlichen und frommen Beschneider umsehen usw.

Man kann mit allem, was scharf ist, die Beschneidung verrichten, ausgenommen vom Abfall eines Rohres, weil Splitter davon abspringen und dadurch die Hoden ausgeschnitten werden können. Das beste ist Eisen, ein Messer oder eine Schere (der Gebrauch ist mit einem Messer).

Die Beschneidung geschieht auf folgende Art: Die Vorhaut wird gedehnt und zwischen einen Kamm gesteckt, knapp am Kamm abgeschnitten und in Sand geworfen, dann wird ein Mund voll Wein aus dem Becher genommen und wenig davon auf die Wunde, das übrige dem Kinde ins Gesicht gespritzt, damit es sich wieder etwas erquicke; dann nimmt der Beschneider seinen Daumen, woran der Nagel lang sein muss, und reißt mit demselben das Häutchen unter der Eichel voneinander, so dass dieselbe ganz entblößt wird; dies wird (Priah, Entblößung) genannt, und wenn dies nicht geschehen ist, ist die Beschneidung ganz und gar ungültig; dann nimmt der Beschneider abermals den Mund voll Wein und saugt das Blut von der gemachten Wunde aus (dies wird Meziezah genannt und geschieht, dass sich die Wunde nicht inflammiert), streut Heilpulver darauf und verbindet sie gehörig usw.

Der Gevatter muss, wie schon erwähnt, ein rechtlicher und frommer Mann sein; so wie der Gevatter ist, so wird auch das Kind. Wenn der Gevatter fromm ist, so kommt auch der Prophet Elias desto lieber zur Beschneidung, denn es heißt im Buche Medrosch Schochartob: David sagte zu Gott (Ps. 35, 2, 10): Ergreife den Schild und die Waffen und mache dich auf, mir zu helfen! — Da antwortete Gott: Was machst du mir da? — Da erwiderte David (Vers 10): Alle meine Gebeine müssen dich loben, denn ich trage an meinem Haupte die Tephilin, ich beschneide meine Haare nicht (3. B. M. 19, 27), ich lobe dich auch mit meiner Hüfte, in dem ich allzeit solche Gevattern gewinne, welche die Kinder, die beschnitten werden sollen, von meiner Hüfte annehmen, d.h. gut, wie ich.

In der siebenten Nacht nach der Geburt des Kindes kommen diej eni gen zusammen, welche zum Beschneidungsmahl eingeladen werden, in der Behausung der Kindbetterin und belustigen sich, denn sie glauben, dies Nacht sei der Wöchnerin am gefährlichsten und sie müsse daher Leute bei sich haben. Einige recht Gottesfürchtige unter diesen beten Psalmen, lesen auch gewisse Stücke aus dem Talmud und der Mischna; (die Seele, Neschommah, hat die nämlichen Buchstaben wie die Mischna. Durch das Lesen der Mischna bekäme also das Kind eine fromme Seele); auch wird der Beschneider bei dieser Gelegenheit ermahnt, das er sich nicht berauschen soll und dadurch eine zitternde Hand bekäme und das Kind nicht gehörig beschneiden könnte. Den achten Tag nach dem gewöhnlichen Morgengebet wird das Kind in die Synagoge gebracht und dann der 20. Psalm gebetet: Der Herr erhört in der Not (Anfang des Kapitels); durch diese Worte werden die Schmerzen des Kindes durch die Beschneidung gelindert; dann werden zwei prächtige Lehnstühle gegen den heiligen Schrank, in welchem die Sepherthora sich befindet, gestellt, einer für den Gevatter und einer für Elias. Bei der Beschneidung, wenn sie kalter Witterung oder einer anderen Ursache wegen nicht in der Synagoge geschehen kann, müssen doch immer zehn erwachsene Israeliten als Zeugen gegenwärtig sein (nach  den Sprüchen des Rab. Elieser, Cap. 19). Bevor das Kind durch die Frau des Gevatters, in Begleitung anderer Weiber, worunter gewöhnlich die Hebamme ist, vor die Tür der Synagoge gebracht wird, setzt sich der Gevatter auf den einen Stuhl nieder, die anderen müssen stehen bleiben und schaffen auch alles herbei, was zur Beschneidung nötig ist. Hierauf kommen einige Knaben, einer von ihnen hat ein großes Wachslicht in der Hand, dann kommen noch zwölf kleinere Wachslichter, nach der Zahl der zwölf Stämme Israels, darauf kommt jemand mit einem zwölfeckigen, silbernen Becher mit Wein zum Segensprechen für den Vorgänger, dann einer mit dem Beschneidungsmesser, ferner einer mit dem Pulver, dann wieder einer mit dem Band, mit welchem das beschnittene Glied verbunden wird, wieder ein anderer mit einem Becher Wein für den Beschneider; sodann einer mit einer Schüssel mit Sand und einem Gefäße mit Öl, Baumwolle, auf die Wunde zu legen usw. Der Beschneider stellt sich dem Gevatter gegenüber und fängt an, wechselweise mit dem, welcher die Priah macht, den Gesang aus dem 2. B. M. 15 zu singen; macht der Beschneider auch die Priah, so singt er alles allein; neben dem Gevatter steht der Vater des Kindes; der Gevatter allein, als der Frömmste und Vornehmste in der Versammlung, hat das Recht zu sitzen, denn der Prophet Elias ist selbst jedes Mal bei einer Beschneidung zugegen und in dessen Gegenwart darf nur ein ganz Frommer und Vornehmer sitzen. Sobald die Weiber mit dem Kinde an der Tür der Synagoge angelangt sind, erhebt sich der Gevatter, geht an die Tür und nimmt den Weibern das Kind ab, kommt so dann zurück und ruft: Baruch habah, gesegnet sei, der da kommt! Dieser Ausruf gilt sowohl dem Kinde, als auch dem Elias, der mitkommt. Aus dem Worte 24=71, habah, macht man aus jedem Buchstaben
desselben, ein Wort: (Hineh Bah Ejlahu), siehe der Elias kommt! Elias ist der Enges des Bundes, nach Malach. 3, 1.; denn die Isareliten hatten eine Zeit lang das Beschneiden ihrer Kinder unterlassen, da sei Elias in eine Höhle geflohen usw. (s. 1 Könige 19, 6 bis 14); darauf habe Gott dem Elias verheißen, dass er künftig immer bei der Beschneidung gegenwärtig sein solle, damit er bezeugen könne, dass es dabei ordentlich zugehe. Deswegen wird auch allezeit ein leerer Stuhl hingesetzt, welchen die Israeliten Kisse Eljahu, Eliasthron, zu nennen pflegen. Diese Worte werden laut gesprochen, dann kommt Elias desto lieber (s. Aboda sara, Kap. 1. u. w.): Der Segenspruch des Beschneiders lautet: Gelobt etc. seist du, der du die Beschneidung geboten hast. Während der Priah oder Entblößung spricht der Vater: Gelobt etc., dass wir uns versammeln sollen in dem Bund Abrahams, unseres Vaters; worauf die Umstehenden antworten: Gleichwie du ihn (dieses Kind nämlich) hast eintreten lassen in den Bund, so wolltest du ihn auch führen zu Gesetz, zur Ehre und zu allen guten Werken. Darauf wäscht der Beschneider seine Hände und spricht folgenden Segen (nachdem sich zuvor der Gevatter ihm gegenüber gestellt hat); Gelobt sei etc., der du die Frucht des Weinstocks geschaffen. Dann spricht der Beschneider weiter: Gelobt etc., der du den Liebling im Mutterleibe schon geheiligt und ein Gesetz an seinem Fleische gemacht und seine Nachkommen besiegelt hast mit dem Zeichen des heiligen Bundes (der Beschneidung); deshalb, du lebendiger Gott, unser Schöpfer, hast du uns befohlen, unsern Liebling zu retten usw.; gelobt seist du Gott, der du den Bund mit uns gemacht hast. Der Herr, unser Gott und der Gott unserer Väter, stärke dieses Kind und erhalte es seinen Eltern, sein Name sei in Israel N. N. (hier wird dem Kinde ein Name gegeben); sein Vater freue sich seiner, der ihn aus seinen Lenden gezeugt; seine Mutter ergötze sich an ihm, als der Frucht ihres Leibes, wie geschrieben steht (Spr. Sal. 23, 2); lass deinen Vater und deine Mutter sich freuen und fröhlich sein, die dich gezeugt haben (Ezech. 16, 6): Ich ging vor dir vorüber und sah dich in deinem Blute liegen und sprach zu dir, da du so in deinem Blute lagest: du sollst leben! — Ja zu dir sprach ich: du sollst leben! Nach der vorher angeführten prophetischen Stelle spricht er (Ps. 105, 8): Er gedenket ewiglich an seinen Bund des Wortes, das er verheißen hat auf viele Tausende für und für; dann gibt er (der Beschneider) sowohl dem Gevatter als den dabei stehenden Knaben etwas von dem gesegneten Becher Wein zu trinken, worauf dann das Kind wieder zu Hause gebracht wird. Die oben angeführte Stelle aus Ezech. 16, 6 deutet nicht allein auf die Beschneidung, sondern auch auf das Pessach, zu welchem das Kind auch gleichsam eingeweiht werden sollte.

Den 30. Tag nach der Geburt des Kindes, nämlich am vierten Shabbath, geht die Wöchnerin auch in die Synagoge, auf den Lektor (eine Art Galerie, wodurch die Frauen in der Synagoge von den Männern abgesondert sind); der Vater des Kindes wird dann zur Anhörung der Vorlesung eines der Kapitel, welche an der Reihe sind, aufgerufen und der Vorsänger spricht alsdann den Segen über die Frau, worauf die Frau wieder zu Hause geführt wird, wo man sich lustig macht. Die Priah, oder die Entblößung der Eichel, leiten die Talmudisten daher, weil dies hebräische Wort, Priah, 365 in der Zahl hat, nach der Zahl der 365 Verbote. Dass die Israeliten in der Wüste nicht beschnitten wurden, geschah, weil während der ganzen 40 Jahre der kalte Nordwind nicht wehte; da wäre die Beschneidung noch gefährlicher gewesen!

Warum die Vorhaut in den Sand geworfen wird, wird bewiesen aus 1. B. M. 32, 13 und 28, 14. Die erste Stelle: Ich will deinen Samen mehren, wie Sand am Meer, den man vor Menge nicht zählen kann; in der zweiten Stelle heißt es; es soll dein Same werden, wie der Staub auf Erden. Hierüber glossiert Rabbi Elieser in seinem Pirke, Kap. 29 wie folgt: Es hätten einmal die Israeliten einige Vorhäute mit dem Blut daran in dem Sand der Wüste begraben. Als nun Bileam den Israeliten nach 4. B. M. 22, 23 fluchen sollte und in der Wüste so viel Vorhäute unter dem Sand fand, hätte er gesagt: Wer kann Israel widerstehen, da es das Gebot der Beschneidung so pünktlich beobachtet, wie aus den gefundenen Vorhäuten zu ersehen ist. Und dies bedeuten die Worte 4. B. M. 23, 10: Wer kann den Staub Jakobs zählen?! Die Kabbalisten beweisen die Pflicht der Vergrabung der Vorhaut in den Sand aus der Stelle Jes. 65, 25. Die Schlange soll Erde essen, denn die Vorhaut, sagen sie (die Kabbalisten), rühre von der ersten Schlange her, welche Adam und Eva verführte, mithin müsse die Schlange die Vorhaut wieder fressen usw.

Die Mädchen können natürlicherweise nicht in dem israelitischen Bunde aufgenommen werden, sowie überhaupt mit den Mädchen nicht viele Umstände gemacht werden. Einem neugeborenen Mädchen wird sechs Wochen nach der Geburt bloß in der Synagoge ein Namen gegeben, an einem Shabbath; die Mutter ist alsdann auch in der Synagoge und der Vater wird zur Anhörung der Vorlesung eines der Kapitel aufgerufen, hierauf wird der Frau vom Vorsänger der Segen erteilt und dem Kinde der Namen gegeben, den es haben soll, das ist auch alles. Denn die Frauen sind Gehilfen des Mannes und stehen unter deren Herrschaft; diese können sich also nicht um die Gesetze kümmern, denn sonst würden die Männer darunter leiden. Nach dem Talmud, Tractat Sota, Kapitel 1 sind folgende 14 Personen beschnitten geboren worden: Adam, Seth, Noah, Sem, Melchisedeck, Jakob, Joseph, Hiob, Moses, Bileam, Samuel, David, Jermias und Zorobabel. (Dies ist das Wesentliche über die Beschneidung, welches sich teils im Original befindet und teils aus anderen Schriften übertragen wurde.)

Ein Bastard ist in dieser Hinsicht so gut, als ein echter reiner Jude und man spricht bei der Beschneidung den Segen, aber nur bis gelobt usw., der du den Bund mit uns gemacht hast, das übrige, das Gebet enthaltend, lässt man weg (man bittet seinetwegen nicht Gott um Barmherzigkeit, wie es im Original heißt), man macht auch bei der Beschneidung bekannt, dass es ein Bastard ist; nach einigen Rabbis darf ein solches Kind nicht in der Synagoge, sondern muss in dem Vorhof derselben beschnitten werden. Am Versöhnungstage und an den anderen vier hohen Fasttagen spricht man nicht den Segen über den Wein, weil man nicht davon trinken darf. Einige Rabbis sind dagegen und wollen, dass man den Wein den Kindern, welche sich in der Synagoge befinden, zu trinken geben soll und so ist auch der Gebrauch. Am Versöhnungstage gibt man beschnittenen Kindern davon zu trinken. Der Shabbath muss, wie schon erwähnt ist, vor der Beschneidung weichen, aber nur, wenn solche zu rechter Zeit (am achten Tage) geschieht, sonst aber muss man damit bis zu einem Wochentage warten und darf den Shabbath nicht entweihen. Hat jemand noch nie ein Kind beschnitten, so darf er nicht zum erstenmal am Shabbath ein Kind beschneiden, denn es könnte sein, dass er die Beschneidung unrecht macht und so den Shabbath umsonst entweiht. Ein Siebenmonats Kind darf am Shabbath beschnitten werden, aber nicht ein Achtmonat Kind, die Haare und Nägel müssten denn schon ausgewachsen sein. Ein übergetretener Jude, dem ein Sohn von einer Jüdin geboren ist, kann am Shabbath beschnitten werden; ist die Mutter aber eine Nichtjüdin, so darf es nicht geschehen.

 

Schulchan Aruch – Jore Dea 247-259

Es ist ein Gebot, nach seinem Vermögen Almosen zu geben und sehr oft sind wir dazu aufgefordert, sowohl durch Gebote, als auch durch Verbote, 5. B. M. 15, 7 bis 11. Wer sein Auge von einem Armen abwendet, der wird ein schlechter, nichtswürdiger Mensch genannt und fehlt ebenso, als wenn er ein Götzenbild anbetet; daher soll man so etwas vermeiden, denn es könnte dadurch sogar ein Mord geschehen, z.B. der Arme könnte verhungern, wenn man ihm nichts gibt. Almosengeben macht niemals arm, auch geschieht nie etwas Böses dadurch, noch verursacht es irgendeinen Schaden, denn es heißt: „das Werk des Almosengebens bringt Frieden.“ Wer sich der Armen erbarmt, über den erbarmt sich auch Gott. Jeder Mensch soll bedenken, dass ebenso, wie er selbst wünscht, dass Gott sein Gebet um tägliche Nahrung erhören möge, er auch das Geschrei der Armen nicht überhören soll; auch soll er ferner bedenken, dass das Glück wie ein Rad sich drehe und dass er selbst oder seine Nachkommen dereinst ebenfalls arm werden können; wer sich dann über andere erbarmt hat, über den erbarmt man sich wieder. Das Almosengeben vernichtet die bösen Verordnungen und errettet in Hungersnot vom Tode. Almosengeben macht auch reich. Man darf Gott in keinerlei Weise versuchen, ausgenommen beim Almosengeben. (Malachi 3, 10.) Einige Rabbiner wollen aber, dass man mit gewöhnlichem Almosengeben Gott nicht versuchen dürfe, sondern nur wenn man jedes Mal den zehnten Teil des Erwerbes den Armen gibt; und dies darum, sagen die Rabbiner, weil es heißt (5. B. M. 14, 22.): „Verzehnte, du sollst verzehnten“ usw. (Doppelter Ausdruck, also schärfend.) Dies bedeutet aber, nach dem Talmud: Verzehnte dein Vermögen, damit du reich werdest.

Abschnitt 248

Jeder Mensch muss Almosen geben (hier ist die Rede von Beiträgen zu der allgemeinen jüdischen Armenanstalt), sogar der Arme, der von der Armenanstalt lebt, muss von dem, was er erhält, wieder etwas Almosen geben (d. h. wenn er außerdem noch etwas Eigentum hat, obwohl dasselbe nicht hinreichend ist, ihn zu ernähren). Jeder, der weniger beiträgt, als er soll und kann, wird vom Gericht dazu gezwungen, durch Züchtigung, Schläge etc., das zu geben, wozu man ihn eingeschätzt hat; fügt er sich nicht, so nimmt man das Fehlende in seiner Gegenwart mit Gewalt. Auf Beiträge zu der Armenanstalt wird auch gepfändet, selbst an einem Freitagabend vor dem Shabbath. Waisen brauchen zu der Armenanstalt nichts zu geben, selbst um Gefangene auszulösen nicht und wenn sie, die Waisen, auch noch soviel Vermögen hätten, es müsste denn sein, dass die Waisen keine berühmt gewesenen Eltern hatten; in diesem Falle lässt man sie auch zu der Armenanstalt beitragen, damit sie sich, wenn sie groß werden, Ehre und Ruhm erwerben können. Ebenso müssen die hinterlassenen Kinder, wenn der verstorbene Vater seinen armen Verwandten jährlich etwas Gewisses gab, solches ebenfalls geben, weil ihnen die Unterlassung sonst, wenn sie erwachsen sind, zur Schande gereichen würde. Die Vorsteher der Armenanstalt dürfen von Weibern, Kindern und Sklaven nur sehr kleine Beiträge annehmen, nichts Bedeutendes; denn gewöhnlich ist solches, da sie kein eigenes Vermögen haben, gestohlen. Die Vorsteher müssen sich hierin nach dem Vermögen der Männer richten, wie viel ihnen erlaubt ist, von den Untergebenen zu nehmen (ungefähr so viel, dass man annehmen könnte, sie hätten dies als Geschenk erhalten). Sobald es aber der Mann verbietet, dürfen die Vorsteher gar nichts annehmen. Hat eine Frau für ihren Sohn einen Lehrer gemietet und der Mann weiß es, schweigt aber dazu, so ist dies als eine Billigung des Lehrers anzusehen; protestiert er jedoch dagegen, so gilt ihre Mietung des Lehrers nicht. Von einem gutmütigen, großmütigen Manne (Schua), der über sein Vermögen für die Armen beisteuert und sich deshalb Manches entzieht, aus Scham vor dem Vorsteher, darf letzterer nicht zu viel annehmen oder gar einfordern und ihn dadurch beschämen; wer dies doch tut, von dem wird Gott Rechenschaft fordern. Wer Lohn von Gott haben will, der soll Almosen geben, so viel er kann und alles vom Besten; z.B. wenn jemand eine Synagoge baut, so soll er solche schöner als eine Wohnung bauen; gibt er einem Armen von seinem Tische zu essen, so soll er ihm vom Besten geben usw.

Abschnitt 249.

Ist Jemand reich, so soll er so viel geben, als die Armen nötig haben; im Allgemeinen soll man das erste Jahr —wenn man mit seinem Gelde zu handeln anfängt — den fünften Teil seines Vermögens den Armen geben, die folgenden Jahre aber nur den fünften Teil seines Erwerbes. Solches Almosengeben ist das wohlgefälligste vor Gott. Nächst dem folgt der zehnte Teil; weniger als den zehnten Teil zu geben, verrät schon ein böses Auge, das nicht gerne gibt. Mehr als den fünften Teil seines Vermögens soll aber niemand geben, damit er nicht dereinst selbst die Hilfe anderer nötig habe. In der Todesstunde jedoch kann man so viel weggeben als man will. Von dem zehnten Teil seines Erwerbes darf man indes nichts zu anderen guten Werken verwenden, z.B. zur Erleuchtung der Synagoge usw., sondern es muss lediglich für Arme bestimmt werden. Weniger als ein Drittel eines (Sekels) jährlich darf niemand geben, sonst hat er das Gebot, Almosen zu geben, nicht erfüllt. Man soll mit freundlicher Miene Almosen geben, teilnehmend gegen den Armen sein und ihn trösten, sonst ist der Lohn des Gebers dahin. Wird man um Almosen angesprochen, hat man aber selbst nichts, so soll man den Armen deshalb nicht anfahren, sondern ihm mindestens gut zusprechen, ihm den guten Willen, aber auch das Unvermögen zu erkennen geben. Wenn es möglich ist, soll man keinen Armen ganz leer weggehen lassen und wenn man ihm auch nur eine Olive, eine Feige etc. geben kann. (Ps. 74, 21.) Wer andere zum Almosengeben veranlasst, dessen Lohn ist größer, als wenn er selbst von seinem eigenen Vermögen gegeben hätte. Zehn Grade sind beim Almosengeben, einer größer als der andere; der größte ist der, wenn man einem Israeliten, dessen Vermögensumstände sich verschlimmert haben (der aber noch nicht ganz verarmt ist), ein Geschenk macht oder ihm eine Summe Geld leiht, um ihn zu unterstützten, oder Compagnie im Handel mit ihm macht oder ihm Arbeit verschafft, um ihn nicht sinken zu lassen, damit er andere Leute (Almosen zu nehmen) nicht nötig habe. Wer so handelt, erfüllt das Gebot, 3. B. M. 25, 35: Unterstützte ihn (damit er nicht ganz sinke) Nicht ganz so gut (der zweite Grad) ist es, wenn jemand einem Armen gibt, den er nicht kennt und von dem er auch nicht gekannt ist; dem zu vergleichen ist, wenn jemand in die Armenbüchse Geld steckt; es soll aber niemand dies tun, wenn er nicht überzeugt ist, dass der Verwalter derselben (der Armenbüchse) auch rechtlich damit umgehe. Der dritte Grad ist, wenn man zwar selbst den Armen kennt, dem man gibt, aber von demselben nicht gekannt ist, wie es verschiedene Weise gemacht haben, indem sie heimlich Geld in die Haustüren der Armen warfen und sich so dann entfernten. Dies ist sehr lobenswert, besonders wenn die Armenvorsteher nicht rechtlich zu Werke gehen. Der vierte Grad ist, wenn der Arme den Gebenden kennt, diesem aber der Arme unbekannt ist, wie die Weisen taten, in dem sie Gaben in ein Tuch banden und rückwärts von sich warfen, damit sie die Armen aufnehmen konnten, ohne nötig zu haben, sich zu schämen. Der fünfte Grad ist, wenn man dem Armen unaufgefordert gibt. Der sechste Grad ist, wenn man dem Armen gehörig gibt, aber erst nachdem man von diesem angesprochen worden ist. Der siebente Grad ist, wenn man dem Armen zwar nur eine kleine Gabe, aber mit freundlichem Gesichte gibt. Der achte Grad ist, wenn man dem Armen wenig und ungern gibt. Jedenfalls soll man nicht prahlen damit oder es ausposaunen, wenn man Almosen gibt. Wer dies tut, hat nicht allein seinen Lohn dahin, sondern er wird auch – von Gott — noch dazu bestraft. Wenn Jemand aber eine gewisse, benannte Sache den Armen vermacht (heiligt), der kann nicht allein seinen Namen dabei nennen, sondern es ist auch notwendig, dass er dies tue zur Erinnerung, damit — sagt der Ture Sahab – die Gemeinde das Vermächtnis nicht zu einem anderen Zwecke — mag er auch nocht so gut sein, wenn er aber nicht für die Armen ist — verwende, als des Gebers Absicht war. Es ist gut, wenn man des Morgens vor dem Gebete einem Armen eine Kleinigkeit gibt. (Ps. 17, 15.) Vorsteher, welche Armengelder in Händen haben, können auch armen Jungfrauen damit zu einem Manne verhelfen (dieselben aussteuern), denn eine größere Wohltat als diese gibt es nicht. Ein Rabbi will, dass es noch besser sei, Gelder zur Erhaltung für arme Studierende oder arme Kranke anzuwenden, ist wieder besser, als zur Erhaltung der Synagoge beizusteuern. Der Gebrauch, dass man Gelder für die Armen hergibt, wenn der Seelen der Toten gedacht wird (am Neujahr und am Versöhnungstag), ist sehr gut und hilft den Verstorbenen (dass sie früher ins Paradies gelangen).

Abschnitt 250.

Man soll dem Armen so viel geben, als er bedarf; 5. B. M. 15, 8: „sondern öffne ihm deine Hand und leihe ihm hinreichend für seinen Mangel, was ihm auch mangle. Ist Jemand z.B. hungrig, so gib ihm zu essen; bedarf er Kleidung, Betten, so gib sie ihm; fehlen ihm Hausgeräte, so verschaffe ihm solche; hatte er — als er noch reich war — ein Pferd und einen Vorreiter, so muss man ihm auch diese geben; und so nach eines jeden Bedarf, wie er es gewohnt war usw.; will er sich auch verheiraten, so muss man ihm ein Haus mieten und alles, was dazu gehört (Hausgeräte) und ihm dann eine Frau verschaffen; d. h. dieses alles müssen die Vorsteher oder sonst mehrere zusammen tun; ein Einzelner jedoch hat nicht so viel zu geben nötig, sondern dieser gibt nach seinem Vermögen, mach aber die Not des Zurückgenommenen auch anderen bekannt, damit diese auch zur Hilfe beitragen. Wenn eine arme Frau heiraten will, so soll man ihr nicht weniger als ein Suß, 1/4 Sekel geben (jetzt — sagt der Zifze Cohen — da alles weit teurer ist, als damals, gibt man weit mehr); ist Geld genug in der Kasse, so gibt man ihr nach ihrem Stande und man kann das Geld dazu leihen. Geht Jemand an den Türen betteln, so erhält er aus der Armenbüchse nicht viel. Einem armen Reisenden gibt man nicht weniger als ein Brot; bleibt er über Nacht, so muss man ihm auch eine Schlafstelle und Bett, Öl geben; bleibt er über den Shabbath, gibt man ihm so viel, als zu drei Mahlzeiten genug ist (da bekanntlich jeder Israelit den Shabbath halten muss), nebst Öl, Schlafstelle, Fische und Gemüse. (Fische soll jeder Jude ebenfalls am Shabbath essen.) Häufen sich die Stadtarmen, und die Reichen wollen, dass solche in den Häusern der Stadt betteln sollen, die anderen Einwohner, nicht reich, aber mittleren Standes, wollen jedoch, dass die Armen von der ganzen Gemeinde nach Verhältnis unterhalten werden sollen, so behalten die letzteren Recht; denn die Hauptpflicht des Almosengebens richtet sich nach dem Vermögen; doch richtet man sich hierin an einigen Orten nach freiwilligen Gaben, an anderen Orten wieder nach dem Zoll; wer nach seinem Vermögen gibt, der hat einen größeren Segen von Gott.

Abschnitt 251.

Wer ein mutwilliger Übertreter nur eines von den Geboten Gottes ist und keine Buße tut, den braucht man nicht zu ernähren und auch nichts zu leihen. Des Friedens wegen kann man auch nichtjüdische Arme ernähren. Wer aber ein Gebot übertrat, um einen anderen Juden zu ärgern, den darf man nicht einmal aus der Gefangenschaft auslösen; aber wenn einer nur aus Wollust ein Gebot verletzt, so ist es zwar keine Pflicht, ihn aus der Gefangenschaft zu erlösen, aber es ist erlaubt. Die Armen seiner Stadt haben den Vorzug vor den Armen einer fremden Stadt. Die Armen im gelobten Lande haben den Vorzug vor den Armen außerhalb desselben. Die Selbsterhaltung geht vor allem und Niemand hat nötig, Almosen zu geben, bevor er sich gehörig selbst nähren kann; dann aber gehen die Eltern voraus, wenn sie arm sind; dann die eigenen Kinder, dann seine Brüder, dann die anderen Verwandten, dann seine Nachbarn usw. Der Vater muss seinen armen Sohn nähren, wenn er auch schon erwachsen ist und er muss zu dessen Erhaltung mehr beitragen, als die anderen reicheren Einwohner der Stadt; so ist es auch in Hinsicht der anderen Verwandten. Sobald jemand einem Vorsteher Geld zur Verteilung an die Armen gibt, so hat er keine Gewalt mehr über dieses Geld, auch nicht seine Erben. Arme sollen deine Hausbewohner sein (sollen Zutritt zu dir haben, du sollst sie unterstützen); den Hungrigen muss man erst zu essen geben und dann den Nackten kleiden.

Eine arme Frau geht in jeder Hinsicht einem armen Manne vor; ebenso muss man erst einer armen Waise zum Manne verhelfen, als umgekehrt. Sind der Armen zu viel und es sind keine Mittel da, allen zu geben, so geht ein Priester einem Leviten, dieser dem gewöhnlichen Israeliten, dieser einem in der Entweihung Geborenen (von eines Priesters Tochter, welche sich preisgab), dieser einem von einer Hure Geborenen, der seinen Vater nicht angeben kann, dieser einem Findling, dieser wieder einem Bastard (in einem verbotenen Grade Erzeugten), dieser einem Naßin, dieser einem Geer, Fremdling, Proselyten, dieser einem freigelassenen jüdischen Sklaven vor, d. h. wenn diese alle Benannten an Gelehrsamkeit gleich sind; ist aber ein armer Bastard ein gelehrter Schüler und ein armer Oberpriester ein Idiot, so geht der erstere vor; sogar wenn ein Gelehrter Kleidung bedarf und ein Idiot Nahrungsmittel, so geht der erstere vor. — Die Frau eines Gelehrten ist, wenn sie arm ist, so gut als ihr Mann beim Almosen zu bevorzugen. Bei armen Gelehrten geht es nach dem Grad der Gelehrsamkeit; ist der eine von beiden Armen der Vater oder Lehrer, so geht der Vater wenn er gelehrt ist oder der Lehrer, Jedem anderen, wenn er auch gelehrter ist, vor.

Verlangt Jemand zu essen, so untersucht man nicht erst, ob er nicht ein Betrüger ist, sondern man gibt ihm gleich zu essen. Verlangt aber jemand Kleidung, so untersucht man erst, ob er kein Betrüger ist (sich nur so arm stellt); hat man sich aber überzeugt oder man kennt ihn, so muss man ihn sofort kleiden lassen. — Rabbi (der bekannte Rabbi Jehudah der Heilige, der Zusammensteller der Mischna, Text des Talmuds) grämte sich einst darüber, dass er in einer Zeit, wo die Lebensmittel sehr teuer waren, einem Idioten Brot gab, woran vielleicht ein Gelehrter Mangel litt. Kommt aber Jemand, der ganz ausgehungert ist und vor Hunger sterben könnte, da untersucht man nicht erst und gibt ihm gleich zu essen, wenn es auch zweifelhaft ist, ob man dies nicht in der Folge einem armen Gelehrten entziehen müsste. Zwei Arme, welche Almosen geben müssen, können sich gegenseitig die Almosen geben, welche sie erhalten. —Wenn eine jüdische Gemeinde einen Rabbiner, aber auch einen Vorsänger haben muss, und sie kann die Kosten für beide nicht bestreiten, so geht der Rabbiner vor, wenn er nämlich sehr ausgezeichnet ist, sonst aber geht der Vorsänger vor. Den Stadtrabbiner soll man nicht aus der Armenkasse ernähren, denn dies wäre sowohl für ihn als auch für die Gemeinde schimpflich, sondern man muss suchen, ihm seinen Unterhalt auf andere Art zu verschaffen; jeder einzelne Israelit kann aber dem Rabbiner schicken von dem, was er doch weggeben muss; dies ist ehrenvoll. — Zum Behuf des Kopfgeldes an den (nichtjüdischen) Statthalter kann man von dem Gelde, welches für arme Studierende bestimmt ist, nehmen, wenn man sich nicht anders helfen kann, denn es betrifft die Rettung vom Tode, weil es nämlich viele Arme gibt, welche diese Abgabe nicht bezahlen können, und diese würden dann gezüchtigt und nackt ausgezogen werden, wenn die Gemeinde sich nicht mit dem Statthalter deshalb zu vergleichen suchen würde.

Hier wird eine Frage aufgeworfen von dem Ture Sahab im Namen eines Rabbi; es heißt ja nämlich im Talmud (Tractat Megillah) am Ende des ersten Abschnittes: Studieren geht vor Menschenrettung? Die Antwort ist: Menschenrettung geht zwar jeder anderen Sache vor, der Talmud meint aber so: wohl dem, der immer studieren kann und nicht davon gestört wird, in dem der Fall, Menschen zu retten, ihm nie vorkam usw.

Abschnitt 252.

Gefangene auszulösen, geht vor Allem; ein größeres, Gott wohlgefälligeres Gebot gibt es nicht; selbst der Bau einer Synagoge muss diesem nachstehen, und wenn man schon die Materialien zu diesem Bau gekauft hätte, so müssen solche wieder verkauft werden, was sonst zu einer anderen Sache durchaus nicht erlaubt ist; ist aber die Synagoge schon gebaut, so darf sie sich selbst wegen der Auslösung der Gefangenen nicht verkauft werden. Ein Jude, der sich dem Gebot (Auslösung der Gefangenen) entzieht, der übertritt die beiden Verbote: 5. B. M. 15, 7 und 3. B. M. 19, 16 u. a. m., auch unterlässt er die Ausübung mehrerer Gebote usw. Jeder Augenblick, den man versäumt, Gefangene auszulösen, ist so gut als Blutvergießen. Man muss aber die Gefangenen nicht über ihren Wert auslösen, denn wenn dies die Feinde merken, werden sie sich alle nur mögliche Mühe geben, jüdische Gefangene zu erhalten. Einem jeden steht es aber frei, für seine Befreiung so viel zu geben, als er will, auch kann die Gemeinde für die Auslösung eines Gelehrten mehr geben als für jeden anderen Gefangenen. (Wegen einer Frau, die gefangen ist, siehe E. H., Absch. 78.) Man soll aber den Gefangenen keine Gelegenheit zum Entweichen geben, damit sie es in der Folge nicht schlimmer bei ihren Feinden haben und dass diese ihre Sorgfalt, das Entweichen zu verhindern, nicht noch vergrößern. — Wer sich einem Nichtjuden aus Not verkauft hatte oder wegen einer nicht bezahlten Schuld eingesperrt wurde, der wird das erste und auch das zweitemal ausgelöst, zum drittenmal aber nicht mehr; doch müssen die Kinder, wenn der Vater gestorben ist, ausgelöst werden. Wenn der Gefangene aber getötet werden soll, so muss er gleich ausgelöst werden, wenn er auch schon viele male in Gefangenschaft war. Ist es aber ein Gefangener, der zu einer nichtjüdischen Religion übergegangen ist, den darf man nicht auslösen. Einen jüdischen  Sklaven, welcher gefangen wurde, muss man, sobald er beschnitten und die Beobachtung des Gesetzes auf sich genommen hat, und mit Wasser getauft (ganz untergetaucht) worden, ebenso gut auslösen wie einen geborenen Juden.

Eine gefangene Frau muss eher ausgelöst werden als ein gefangener Mann; treiben die Nichtjuden aber Sodomie, so muss ein Mann früher ausgelöst werden; sind ein Mann und eine Frau gefangen und wollen sie sich, wahrscheinlich aus Verzweiflung, ins Wasser stürzen, so muss man den Mann erst retten. Ist Jemand im Gefängnis mit seinem Vater und mit seinem Lehrer, so muss er sich vor allem auszulösen suchen, dann seinen Lehrer, dann seinen Vater: ist aber die Mutter auch im Gefängnis, so geht diese allen vor. (Siehe Absch. 142). Ist ein Mann und seine Frau im Gefängnis, so geht die Frau vor ihm, und das Gericht greift das Vermögen des Mannes an und löst die Frau damit aus, selbst wenn der Mann dagegen wäre. Ist Jemand gefangen und hat das Vermögen, sich auszulösen, will aber nicht, so wird er vom Gerichte dazu gezwungen. Der Vater muss den Sohn auslösen, wenn er Vermögen hat; der Sohn nicht. Wenn jemand seinen Nächsten aus der Gefangenschaft löst, so muss ihm dieser das Lösegeld, wenn er es hat, gleich wieder erstatten.

Abschnitt 253 bis 259.

Wenn jemand noch so viel hat, als zu zwei Mahlzeiten hinreicht, so darf er nichts aus der großen Schüssel nehmen, aus welcher man täglich Portionen den Armen austeilt; hat er so viel noch, als zu vierzehn Mahlzeiten hinreicht, so darf er auch nichts aus der Armenbüchse nehmen; hat er noch 200 Gulden im Vermögen, und wenn er auch keinen Handel damit treibt, oder er hat 50 Gulden und treibt Handel damit, so darf er keine Almosen nehmen; hat er 200 Gulden weniger einen Dinar, und er handelt nicht damit, so kann er Almosen nehmen, wenn man ihm auch 1000 Gulden auf einmal gäbe. Hat jemand viel Geld, aber auch viele Schulden, oder er hat sein Vermögen der Frau für ihre Morgengabe verpfändet, so kann er Almosen nehmen; wenn er auch sein eigenes Haus und sehr viel Hausgeräte hat, aber keine 200 Gulden, so kann er Almosen nehmen und hat nicht nötig, seine Hausgeräte zu verkaufen, wenn es auch silberne oder gar goldene wären, d. h. Geräte, die er zum Essen und Trinken gebraucht, oder Kleidungsstücke zu seinem Gebrauche, oder Bettzeug, wenn alle diese Dinge auch noch so kostbar wären, d. h. so lange er nicht öffentlich Almosen nimmt, sondern heimlich; will er aber öffentlich Almosen haben, so gibt man ihm eher nichts, bis er nicht die kostbaren Geräte verkauft hat; alle Sachen, welche er nicht seinem Gebrauche nötig hat, muss er erst verkaufen, bevor er Almosen nehmen darf. Einige Rabbi wollen jedoch, dass obiger Maßstab nur für die damaligen Zeiten galt; jetzt aber dürfe jeder Almosen nehmen, bis er so viel hat, womit er sich und die Seinigen durch den Handel nähren kann.

Hat Jemand Grundstücke (Ländereien) und es ist gerade Winter, wo die Grundstücke nicht so im Preise sind als im Sommer, so braucht er solche nicht früher zu verkaufen, sondern man gibt ihm Almosen bis zur Hälfte des Wertes seiner Grundstücke. Sind aber die Grundstücke gut im Preise, er kann sie aber nicht zu demselben verkaufen, weil man weiß, dass er in Not ist und von ihm wohlfeiler kaufen will, so wird er nicht verpflichtet, wohlfeiler zu verkaufen, sondern kann weiter Almosen genießen. Wenn jemand auf der Reise ist und sein Geld ist ihm ausgegangen, so kann er Almosen nehmen und braucht es nicht zu erstatten, wenn er nach Hause kommt, denn er ist zu betrachten als ein Armer, der reich geworden ist. Hat jemand eine unmündige Waise aus Wohltätigkeit ernährt und will er, da die Waise groß ist, eine Forderung an dieselbe machen, so braucht sie nichts zu zahlen. Hat man für Jemand, der arm ist, so viel zusammengebracht, dass er davon nicht allein leben kann, sondern noch mehr hat, als zu seinem Unterhalte

nötig ist, so gehört ihm alles, weil es für ihn gesammelt wurde; ebenso verfährt man, wenn man Geld gesammelt hat zur Auslösung eines Gefangenen, was übrig bleibt, gehört ihm. Hat man aber für keinen bestimmten Armen oder Gefangenen gesammelt sondern allgemein für Arme oder Gefangene, so versteht es sich, dass man nur so viel davon verwendet, als nötig ist; das übrige wird für andere Arme oder Gefangene aufbewahrt. Hat man für die Beerdigungskosten eines einzelnen gesammelt, so gibt man das übrige den Erben; hat man überhaupt für Begräbniskosten armer Verstorbenen im allgemeinen gesammelt, so bewahrt man das übrige für ähnliche Fälle auf; jedoch können die Vorsteher nach Umständen eine Veränderung hierin machen. Hat man für die Auslösung eines Gefangenen Geld eingesammelt und der Gefangene ist vorher gestorben, so wollen einige, dass man das Geld den Erben geben soll; andere Rabbiner sind jedoch dagegen und so bleibt es auch; ebenso verfährt man, wenn der Gefangene unter den Nichtjuden verloren (verschwunden) ging und man weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Hat jemand das Gelübde getan, einer armen Waise Geld zu ihrer Aussteuer zu geben, und gab es ihr, sie stirbt aber vor der Hochzeit, so fällt das Geld wieder an den Geber und nicht an ihren Erben. Einige Rabbe sind dagegen. Will ein Armer aus Scham kein Almosen nehmen, so überlistet man ihn, man gibt es ihm als Geschenk oder Anleihe. Ein Reicher, aber Geiziger, der von seinem Gelde nichts nimmt, sondern Almosen haben will, wird nicht beachtet. Einem armen Gelehrten muss man nach seiner Ehre, seiner Gelehrsamkeit geben; will er aus Scham oder aus Frömmigkeit nichts annehmen, so richtet man ihm einen Handel ein; man sucht die Ware wohlfeil einzukaufen und kauft solche wieder von ihm zu teueren Preisen; versteht er mit dem Handel umzugehen, so leiht man ihm Geld, damit er selbst handeln kann. Wenn jemand bedürftig ist, sich aber bestrebt, durch den Handel zu ernähren, was ihm nicht gelingt, und man gibt ihm Almosen, so können sich seine Gläubiger nicht an das gegebene Almosen halten, man müsste ihm denn dasselbe zu diesem Zwecke gegeben haben, nämlich seine Schulden damit zu bezahlen.

Öffentlich darf kein Jude von einem Nichtjuden Almosen annehmen, sonder heimlich; kann er aber mit dem jüdischen Almosen nicht auskommen, so ist ihm auch solches öffentlich anzunehmen erlaubt.

Hat ein nichtjüdischer König oder ein anderer vornehmer und reicher Nichtjude Geld geschickt zur Verteilung an jüdische Arme, so darf man solches des Friedens wegen nicht zurückschicken, sondern man nimmt es und verteilt es heimlich an nichtjüdische Arme, dass es der König nicht erfährt. Einige Rabbi wollen aber, dass man es zu dem Zwecke verwenden soll, wozu es der König geschickt hat. Hat der König aber ein Gelübde getan für den Bau einer Synagoge oder für deren Unterhaltung eine Summe Geldes hergegeben, so muss man solches unbedingt annehmen. Von einem übergegangenen Juden darf man nichts annehmen. So lange als möglich soll sich ein jeder enthalten, Almosen anzunehmen, und sich lieber zu behelfen und einzuschränken suchen; so haben die Weisen befohlen: Mache lieber deinen Shabbath zu einem Wochentage, pflege dich lieber nicht an demselben, um nur nicht nötig zu haben, anderen zur Last zu fallen; selbst ein geehrter aber armer Gelehrter soll sich lieber mit einem Handwerke beschäftigen, und wenn es auch nur ein niedriges, verächtliches (Handwerk) wäre, um nur den Leuten nicht beschwerlich zu fallen. Wer nicht nötig hat, Almosen zu nehmen und betrügt die Leute, der stirbt nicht, ohne bedürftig zu werden; er wird arm. Wer jedoch wirklich bedürftig ist, z.B. nicht allein arm, sondern auch alt und krank ist, oder sonst einen schwächlichen, kränklichen Körper hat und quält, zerrt und peinigt sich ab und will kein Almosen nehmen, der ist so zu betrachten, als vergieße er Blut (begehe einen Mord an sich selbst), und er hat nicht allein Schmerzen, sondern Sünden obendrein. Wer aber nicht ganz so schlimm daran ist, sich jedoch sehr kärglich behilft, um nur der Gemeinde nicht lästig zu fallen, der stirbt nicht eher, bis er andere ernähren kann, er wird wohlhabend; und auf einen solchen deutet die Schrift, wenn sie sagt: Gesegnet ist der Mann, der auf Gott vertraut.

Jede Stadt, in welcher sich Juden befinden, muss bekannte und glaubhafter Armenvorsteher ernennen, welche die Armengelder von jedem einsammeln, so viel als er taxiert ist; das Geld wird jeden Freitag verteilt und man gibt jedem Armen so viel, als er für die ganze Woche gebraucht. Diese Einrichtung wird Armenbüchse genannt, werden Leute aufgestellt, welche täglich allerlei Lebensmittel für die Armen einsammeln, mitunter auch Geld von Gelübden, die man getan und wird dies Eingesammelte jeden Abend unter die Armen verteilt, so heißt dies große Schüssel. Nie haben wir eine jüdische Gemeinde gesehen oder von einer gehört, welche keine Armenbüchse gehabt hätte, aber manche Gemeinde hat den Gebrauch einer Armenschüssel nicht eingeführt.

An Festtagen verteilt man Lebensmittel unter die Armen. Wenn dies unterlassen wird, ist es eben so gut, als würde ein Mord begangen. Bei dem Einfordern des Armengeldes müssen immer zwei Personen sein; ist die Einnahme vollendet, so ist ein Aufbewahrer, Schatzmeister, genug dazu. Schatzmeister können zwei Brüder sein; bei Verteilung der Gelder müssen aber drei Personen sein, denn dies Geschäft ist als Geldsache zu betrachten, weil man nämlich acht geben muss, dass jeder Arme das erhält, was ihm zukommt. Lebensmittel in der großen Schüssel werden täglich von drei Personen eingesammelt und von eben so vielen verteilt. Die große Schüssel ist für alle, auch für auswärtige Arme; die Armenbüchse aber nur für die Stadtarmen bestimmt; in dessen kann nach Umständen die Gemeinde, auch der Vorsteher, jeder einzeln eine Veränderung hierin machen; wenn Jemand aber eine Summe Geld aussetzt und selbst Verwalter dazu ernannt hat oder ausdrücklich gesagt hat, das Geld sollen die Stadtarmen oder andere gewisse Arme haben, als dann darf keine Veränderung daran gemacht werden; auch zum Studieren für Unbemittelte darf solches nicht verwendet werden, sondern ganz nach dem Willen des Gebers. Wenn eine Gemeinde Vorsteher ernannt hat und die Mitglieder derselben haben sich entfernt oder sind in eine andere Stadt gezogen, einer dahin, der andere dorthin und der Vorsteher hat noch Armengeld in Händen, so verfährt er damit so, als wenn die Gemeinde noch beisammen wäre; war damals seine Verwaltung unumschränkt, so bleibt sie so; musste er sich aber damals erst mit den Stadtleuten beraten, so muss dies auch jetzt geschehen, wenn möglich ist, wo nicht, so kann er das Geld nach seiner Einsicht verteilen, aber immer so, dass es Gott gefällig ist.

Wenn Jemand in einer Stadt dreißig Tage gewohnt hat, muss er zur Armenbüchse, ist er schon drei Monate da, muss er auch zu der Schüssel; in sechs Monaten muss er auch zur Bekleidung der Armen und bei einem neunmonatlichen Aufenthalte muss er auch zu den Begräbniskosten der Armen beitragen; d. h. wenn er nur einstweilen in der Stadt wohnen, aber sich nicht darin festsetzen will. Ist aber seine Absicht, für immer in der Stadt zu verbleiben, so muss er zu allen Abgaben gleich beitragen usw. Hat ein Armenvorsteher keine Armen, an welche er das Geld verteilen kann, so muss er das kleine Geld (anderen zum Einschmelzen) verkaufen; er selbst darf es jedoch des Verdachtes wegen nicht tun; ebenso soll er, wenn er die Lebensmittel nicht los werden kann, solche anderen verkaufen, aber nicht selbst kaufen. Man soll mit den Armenvorstehen und Schatzmeistern nicht rechnen (man soll keine Rechnung von ihnen verlangen). Jedenfalls ist es gut, um vor Gott und den Menschen rein zu sein (verdachtslos), wenn sie von selbst Rechnung ablegen.

Almosen geben ist zu den Gelübden zu zählen. Wenn also Jemand sagt: so viel soll für die Armen sein, so muss er solches gleich geben, sonst übertritt er ein Gebot (5. B. M. 23, 22). Wenn die Armenkasse für einen Augenblick nicht hinreicht, so muss der Vorsteher Geld leihen und es wieder erstatten, wenn mehr Geld in derselben ist und braucht nicht erst die Erlaubnis dazu zu haben. Wenn ein Vorsteher sagt, er habe der Armenkasse eine Summe Geldes geliehen, so glaubt man ihm ohne Schwur, wenn er nämlich noch im Amte ist; nachher muss er schwören. Wenn die Armen einen Vorsteher lästern, wahrscheinlich weil sie mit der Verteilung nicht zufrieden sind, so soll er sich nicht darum kümmern, desto größer wird sein Lohn (vor Gott) sein. Wenn ein Armer reiche Verwandte in der Stadt hat, die ihn ernähren können, dann brauchen die Vorsteher nichts zu geben, obschon die Verwandten auch zu der Armenbüchse beitragen usw. Tut Jemand ein Gelübde, Almosen zu geben und er weiß nicht mehr, zu wie viel er sich damals entschlossen hatte, so muss er so viel geben, bis er gewiss weiß, dass er nicht mehr geben wollte. Sagt Jemand zu seinen Angehörigen: gebet 200 Gulden oder eine Sepherthora (Gesetzrolle) der Synagoge, so erhält das Geld oder die Sepherthora die Synagoge, die sich in der Stadt befindet, in welcher er wohnt und welche er gewöhnlich besucht (wenn mehrere Synagogen in der Stadt sind). Ebenso wenn Jemand sagt: Gebet 200 Gulden den Armen. Das eben gesagte gilt aber nur, wenn der Geber einfach sagte: gebt usw. Bestimmte er aber, wer die Gaben haben soll, oder wenn auch nicht; der Geber jedoch war ein Sterbender und man weiß seine Absicht, wem er das Geld gegeben haben wollte, so muss man dieser Folge leisten; weiß man aber die Absicht des Sterbenden nicht, so richtet man sich nach dem Gebrauch der Stadt, falls dieser so ist, dass auch auswärtige Arme daran teilnehmen können. Wenn der Verstorbene reich und die Summe sehr groß, die er auf seinem Sterbette zu geben befahl. So hängt es in diesem Falle von seinen Erben ab, welchen Armen sie dieses Geld geben wollen. Hat der Verstorbene vor seinem Tode zwei Vormünder bestellt und ihnen befohlen, eine Summe Geldes den Armen zu geben und einer von den Vormündern stirbt, so kann die Gemeinde keinen zweiten Vormund an diese Stelle der Verstorbenen setzen, sondern der andere Vormund besorgt alles allein nach des Verstorbenen Willen.

Schlägt oder lästert Jemand seinen Nächsten, so dass er demselben nach den Gesetzen fünf Gulden zahlen muss, dieser will aber das Geld nicht, sondern schenkt es den Armen, so muss jener die Summe den Armen geben, wenn er sich auch vorher oder gleich nachher mit dem Beleidigten ausgesöhnt hätte usw. Hat Jemand durch ein Gelübde eine Summe Geldes zur Unterhaltung der Synagoge oder des Begräbnisplatzes ausgesetzt, so kann die Gemeinde dieses Geld auch zur Unterhaltung der Lehrschule oder noch besser für arme Studierende verwenden, selbst wenn der Geber dagegen wäre (weil dies Gott gefälliger ist); daher darf man auch das Geld, welches zur Unterhaltung für arme Studierende bestimmt ist, nicht zur Unterhaltung einer Synagoge verwenden usw. Hat ein Nichtjude durch ein Gelübde einen Leuchter oder eine andere Sache der Synagoge vermacht und erwähnt dabei, er hätte dies Gelübde mit Wissen und Willen eines (benannten) Juden getan, so darf man es von ihm annehmen und dazu benützen; macht er aber diese Bemerkung nicht dabei, so kann man es zwar annehmen, aber nicht benutzen, sondern vergraben, denn der Nichtjude könnte einen abgöttischen Gedanken dabei gehabt haben. Hat Jemand etwas (auf dem Sterbebette) dem Heiligtume vermacht, aber in einer unbestimmten, zweifelhaften Redensart, so dass man seine Absicht nicht recht wissen kann und er stirbt: so bleiben die Erben im Besitze der Sache und die Vorsteher können ohne Beweis die Erben nicht zwingen, die Sache herauszugeben.

Von Armengeldern darf man nichts nehmen, um nichtjüdische Abgaben — Zoll, Kopfgeld etc. — entrichten zu können. Hat Jemand einen Beutel voll Geld in seiner Kiste gefunden und an dem Beutel standen die Worte geschrieben: Wohltätigkeit — zum Almosen geben bestimmt — so verlässt man sich auf das Geschriebene und das Geld darf zu nichts anderen verwendet werden. Desgleichen, wenn Jemand zu seinen Söhnen sagt: dieses (benannte) Geld ist zum Almosen bestimmt, so muss es dabei bleiben, wenn es nämlich den Kindern deucht, der Vater habe diese Worte testamentarischer Weise gesagt; glauben die Kinder aber, dass er solches nur deshalb sagte, um sie abzuhalten von seinem Gelde etwas zu nehmen oder nicht für reich gehalten sein wollte, so haben seine Worte keine Kraft und die Kinder können nach seinem Tode von diesem Gelde Gebrauch machen usw.

Schulchan Aruch – Jore Dea 246

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Eine jeder Israelit hat diese Pflicht zu beobachten, er mag reich oder arm, gesund oder kränklich, jung oder alt sein, selbst ein Bettler, ein Verheirateter mit Kindern muss täglich des Morgens und des Abends eine bestimmte Zeit festsetzen zum Studieren oder zum Lernen, oder zum Wiederholen des Gesetzes. Jos. 1, 8: Und du sollst darüber (über das Gesetz) nachsinnen Tag und Nacht. In der Not ist aber das tägliche zweimalige Schma — Lesen, Morgens und Abends, auch genügend. Wer aber gar nicht zu lernen versteht oder zu viele Geschäfte hat, der muss anderen Gelehrten so viel geben, dass sie für ihn lernen und dies wird ihm (von Gott angerechnet), als wenn er selbst studiert hätte. Auch können zwei Personen die Bedingungen miteinander machen, dass die eine von ihnen sich gänzlich mit Studieren beschäftige und die andere dafür durch Handel sorgen wolle, dass erstere dies ohne Nahrungssorgen tun könne, so dass sie den beiderseitigen Gewinn (den diesseitigen und den jenseitigen in der anderen Welt von Gott) miteinander teilen. Hat die eine Person sich aber schon lange Zeit vorher mit Studieren beschäftigt, so kann sie der anderen den Lohn dafür (von Gott) nicht für Geld verkaufen.

Ein jeder soll sich erst hinlänglich mit Studieren beschäftigen und sich dann erst verheiraten; denn hat er sich erst verheiratet, dann ist es ihm nicht mehr möglich, sich dem Studium des Gesetzes zu widmen, weil er dann einen Mühlstein am Halse hat, für Nahrung sorgen muss. Kann er sich aber nicht ohne Frau behelfen, weil ihn der Trieb überwältigt, dann kann er sich zuerst verheiraten.

Bis zu welcher Zeit muss er studieren? Bis zu seinem Tode (5. B.M. 4, 9), „dass du Zeit deines Lebens die Lehre nicht vergisst“ (von deinem Herzen abweiche) und man vergisst jedes Mal, wenn man nicht immerfort studiert. Ein jeder soll sein Studieren in drei Klassen abteilen, ein Dritt Teil in der Thora, ein Dritt Teil in der Mischna und ein Dritt Teil im Talmud; so z.B. wenn jemand ein Handwerk treibt und beschäftigt sich damit täglich drei Stunden und die anderen neun Stunden mit Studieren, so soll er diese neune Stunden auf obige Weise einteilen usw. Einige Rabbis behaupten aber, da der babylonische Talmud mit der Schrift, der Mischna und der Gemara vermischt ist, brauche man eigentlich nur diesen (den Talmud) zu studieren und habe dadurch schon seine Pflicht erfüllt und dadurch dieses und jenes Leben erworben, aber nicht durch das Studieren anderer weltlicher Wissenschaften. Jedoch ist es erlaubt, zuweilen, durch Zufall, auch in den Büchern anderer Wissenschaften zu lesen, aber nicht in solchen, welche zur Abtrünnigkeit verleiten, und dies nennen die Weisen in einem Garten lustwandeln. Man soll dies aber nicht eher tun, bis man sich den Leib mit Fleisch und Wein, d.h. mit den göttlichen Geboten und Verboten, angefüllt habe, sie gehörig innehat. Wo der Gebrauch ist, die Thora für Geld zu lehren, da ist das erlaubt, aber (die Tadition, das mündliche Gesetz) den Talmud muss man umsonst lehren; jetzt ist der Gebrauch, alles für Geld zu lehren, wenn man sich nicht anders nähren kann oder wenn man dadurch zu viel bei den Handelsgeschäften versäumt. Wenn eine Frau das Gesetz lehrt, hat sie auch zwar Lohn (von Gott) zu erwarten, aber nicht so viel als ein Mann, weil sie nicht dazu von Gott befohlen ist. Die Ursache ist, nach dem Kommentator Ture Sahab, dass der, dem das Gebot von Gott befohlen ist, von dem bösen Geiste (Jezer harah) von der Ausübung desselben abgehalten wird und es ihm viele Mühe kostet, diesem zu widerstreben; deshalb ist sein Lohn auch größer, als der einer Frau, die es gar nicht nötig hat und deshalb auch nicht so viele Anreizungen dagegen vom bösen Geiste leidet. Dessen ungeachtet haben die Weisen, Talmudisten, verboten, dass Jemand seiner Tochter das Gesetz lehrt, weil die meisten Weiber den ernsten Sinn für das Gesetz nicht haben, sie sind leichtsinnig und erfinden törichte Sachen aus dem Gesetz nach ihren Ansichten; sie verstehen nicht, die Tiefe der Gedanken des Gesetzes einzusehen. Eben darum haben die Weisen gesagt: Wer seiner Tochter das Gesetz lehrt, handelt so, als wenn er ihr sündenhafte Sachen lehrt; auf jeden Fall soll man sie das geschriebene Gesetz nicht lehren (der Tur schreibt gerade das Gegenteil, d.h. das geschriebene Gesetz kann man einer Frau lehren, aber nicht den Talmud, er ist jedoch überstimmt.), doch muss man die Frau diejenigen Gesetze lehren, welche sie angehen und die sie wissen muss; auch kann sie alles ihr Verständliche mit anhören, aber nichts weiter. Eine Frau ist überhaupt nicht schuldig, ihren Sohn das Gesetz zu lehren, wenn sie aber ihrem Sohne oder ihrem Manne behilflich ist, dass diese sich mit dem Studieren beschäftigen können, so teilt sie den Gotteslohn (für das Studieren) mit ihnen.

Man darf keinem unrechtlichen Schüler das Gesetz lehren, sondern man sucht ihn erst zum Guten und auf den rechten Weg zu bringen, dann führt man ihn in die Lehrschule und lehrt ihn das Gesetz (die Thora). Von einem Rabbiner, der das Gesetz nicht beobachtet, lässt man sich nicht belehren, wenn er auch noch so gelehrt wäre und man ihn auch nötig hätte.

Das Lehren geschieht auf folgende Art: Der Rabbiner sitzt obenan und seine Schüler sitzen um ihn herum wie eine Krone (Halbkreis), damit sie ihn alle hören und sehen können. Der Lehrer darf nicht auf einem Stuhl und die Schüler hingegen auf der Erde sitzen, sondern entweder alle auf Stühlen oder alle auf der Erde; einige Rabbi meinen, dass hier nur die Rede von den Schülern ist, die schon einen gewissen Grad erhalten haben und bald ordiniert werden. Wenn die Schüler den Lehrer nicht gleich verstanden haben, so soll dieser nicht gleich zornig werden, sondern die Sache wiederholen und so oft, bis sie den tiefen Sinn der Sache verstanden haben; kein Schüler soll sagen, er habe den Lehrer verstanden, wenn dem nicht so ist, sondern nicht aufhören zu fragen, bis er den Lehrer wirklich verstanden hat, und wenn dieser böse wird, soll der Schüler sagen: Mein Lehrer, es ist das Gesetz und ich muss lernen; mein Verstand (Auffassungsgabe) ist aber nur schwach. Kein Schüler soll sich vor dem anderen schämen, wenn er den Lehrer nicht so geschwind versteht als diese und soll nicht aufhören zu fragen, denn sonst lernt er nichts. Deshalb sagen die Weisen: Der Schamhafte lernt nichts und der Zornige schickt sich nicht zum Lehrer; das Letztere ist aber nur der Fall, wenn die Sache wirklich schwer zu verstehen ist oder die Schüler wegen ihres geringen Verstandes sie nicht begreifen können, dann darf der Lehrer nicht gleich zornig werden; merkt aber der Lehrer, dass die Schüler nachlässig, träge sind, sich keine Mühe geben wollen, dann ist es seine Pflicht, böse zu werden und die Schüler zu beschämen, um sie zur Aufmerksamkeit zu bewegen. Deshalb haben die Weisen gesagt: Wirf Galle unter die Schüler, sei scharf gegen sie! Deshalb ist es auch nicht schicklich für einen Lehrer, sich leichtfertig in Gegenwart seiner Schüler zu betragen, in ihrer Gegenwart einen Spaß zu machen, mit ihnen zu essen und zu trinken, damit sie die gehörige Ehrfurcht vor ihm behalten und desto eher von ihm lernen. Man muss den Lehrer, wenn er in das Lehrhaus kommt, nicht gleich um etwas fragen, erst bis er die Gedanken beisammen hat, sich besinnt; ebenso muss man einen Schüler nicht gleich bei seinem Eintritt in das Lehrhaus um etwas fragen, bis er sich besonnen hat; auch dürfen nicht zwei Schüler zugleich fragen. Man darf den Lehrer nicht um etwas fragen, wovon gar nicht die Rede ist oder womit man sich gerade nicht beschäftigt, damit man ihn nicht in Verlegenheit bringe.

Es ist dem Lehrer erlaubt, die Schüler durch seine Fragen und Verhandlungen irre zu machen, um sich zu überzeugen, ob sie das noch wüssten, was sie gelernt haben, und sie aufmerksam und scharfsinnig zu machen; auch kann er sie, wie sich das von selbst versteht, etwas fragen, wovon jetzt die Rede gar nicht ist (was nicht abgehandelt wird), ebenfalls aus obiger Ursache. Stehend dürfen die Schüler den Lehrer nichts fragen und nichts antworten. Einige wollen, um das Schlussurteil zu wissen, müssten sie stehend fragen. Die Schüler dürfen den Lehrer nichts fragen, wenn sie sich auf einer Anhöhe befinden und der Lehrer befindet sich unten, oder sonst in einer Entfernung von ihnen, oder hinter ihnen; die Schüler dürfen den Lehrer nur über das Thema befragen, was eben jetzt abgehandelt wird, und selbst hierin nicht mehr als über drei Schlussurteile, auch darf das Fragen nur in ehrfurchtsvollem Tone geschehen. Fragen zwei Schüler über etwas, der eine über das jetzt abzuhandelnde Thema und der andere über ein anderes, so beschäftigt man sich zuerst mit dem ersten Schüler; will der eine Auskunft haben über eine Sache, die wirklich geschehen ist, und der andere über eine Sache, die geschehen könnte usw., so beschäftigt man sich ebenfalls zuerst mit dem ersten. Ist der erste Frager ein Gelehrter und der zweite ein Schüler oder der erste ein Schüler und der zweite ein Idiot, so hat der erste den Vorzug. Sind beide Frager und auch ihre Fragen in jeder Hinsicht sich gleich, so hängt es von dem Lehrer ab, mit wem von Beiden er sich zuerst beschäftigen will. Ist der eine Frager ein Bastard, aber dabei gelehrt, und der andere ein Priester, aber nicht gelehrt, so geht der erstere vor. (Viele Disputationen hierüber in dem Kommentator Zifze Cohen.)

Man darf in der Lehrschule nicht schlafen, und wer auch nur schlummert, dessen Weisheit wird zerstückelt (zerrissen). (Spr. Sal. 23, 21.) Man darf in der Lehrschule nicht sprechen, selbst nicht über das Gesetz (wenn es nicht das abzuhandelnde Thema betrifft), selbst einem Niesenden darf man nicht die Formel: Zur Gesundheit! Antworten. Die Lehrschule ist heiliger als die Synagoge, das Studieren ist so viel, als die Ausübung aller Gebote. Liegt Jemandem ein Gebot auszuüben ob und auch das Studieren, und kann das erstere auch durch einen anderen bewerkstelligt werden, so darf er sich vom Studieren nicht stören lassen, sonst aber muss er erst das Gebot tun und dann gleich wieder zum Studieren zurückkehren. Der Mensch wird nach seinem Tode von Gott erst befragt, ob er auch fleißig studiert habe, und dann erst über seinen Lebenswandel. Ein jeder soll sich damit beschäftigen, das Gesetz zu studieren; wenn es auch anfänglich mit Nebenabsicht, in eigennütziger, weltlicher Absicht geschieht, am Ende, durch die Gewohnheit, wird es doch Gottes wegen geschehen. Das Gesetz erhält sich nicht, das Gelernte bleibt nicht haften, wenn das Studieren nachlässig geschieht, auch nicht in Wollust, im Essen und Trinken, sondern peinigen und töten muss man sich über das Studieren (es höchst eifrig betreiben), keinen Schlaf im Auge und keinen Schlummer in den Augenwimpern sich gönnen. — Spr. Sal. 6, 5. Man soll nicht deshalb studieren, um Reichtümer und Ehre dadurch zu erwerben, ein solcher wird die Krone der Thora nicht erlangen. Das Studieren muss die Hauptsache sein, Arbeiten und weltliche Geschäfte Nebensache. Man soll sich aller herrschenden Vergnügungen enthalten, nur so viel arbeiten, als nötig ist, um sich ernähren zu können, wenn man kein Vermögen besitzt und arbeiten muss, die ganze übrige Zeit aber mit Studieren zubringen.

Es ist ein großer Vorzug bei einem jeden Gelehrten, wenn er sich von seiner Händearbeit nähren kann, denn es heißt: Ps. 128, 2. So du deiner Hände Fleiß genießest: heil dir! Wohl dir! Wer sich vornimmt, zu studieren und gar nicht zu arbeiten und sich durch Almosen zu ernähren, der entweiht den Namen Gottes und verunwürdigt die Thora — denn man darf durch das Studieren keinen Nutzen ziehen; wo beim Studieren kein Handwerk ist, um sich dadurch zu ernähren, da schleppt sich die Sünde hinterdrein und man bestiehlt am Ende seine Nebenmenschen. Ist aber der Studierende alt oder kränklich, dann kann er sich von anderen ernähren lassen; andere Rabbis wollen dies aber auch bei einem Gesunden erlauben und so bleibt es auch; daher ist auch der Gebrauch in allen jüdischen Städten, dass der Ortsrabbiner gewisse bestimmte Einkünfte von den Einwohnern hat, damit er nicht nötig habe, vor allen Leuten sich mit Arbeiten zu beschäftigen und die Thora in den Augen des Volkes nicht erniedrigend und herabwürdigend erscheinen möge; ist der Gelehrte aber an sich schon reich, so darf er für das Lehren nichts nehmen. Einige Rabbis wollen noch gelinder verfahren und erlauben dem Lehrer sowohl als seinen Schülern bestimmte Gaben (Stipendien) anzunehmen, um sich dadurch in Stand zu setzen, ohne Nahrungssorgen studieren zu können, aber einzelne unbestimmte Geschenke darf kein Gelehrter annehmen; dies könnte zur Bestechlichkeit führen usw. Es ist ein Bund abgeschlossen (eine ausgemachte Sache durch Tradition), dass, wer in der Synagoge studiert, dessen Studium bleibt, er vergisst es so leicht nicht; ebenfalls wer sich insgeheim mit Studieren abmüht, der wird weise werden. Spr. Sal. 11, 2. Bei Bescheidenen ist Weisheit.

Wer beim Studieren laut spricht, der behält, was er lernt, wer aber leise spricht, der vergisst es bald. Wer die Krone des Gesetzes erlangen will, der muss die Nächte in Acht nehmen und keine Nacht verlieren durch Schlaf, Essen und Trinken, Plaudern u.dgl. m., sondern mit Weisheit und Studieren sich beschäftigen. Die meiste Weisheit lernt man nur, wenn man die Nächte studiert. Von dem 15. Tag im Monat Ab an (ungefähr Mitte August) soll man schon anfangen, des Nachts zu studieren; wer dies unterlässt, stirbt früh. Jedes Haus, in welchem man des Nachts nicht studieren hört, wird vom Feuer verzehrt.

Wem es möglich ist, sich mit dem Gesetze zu beschäftigen, zu studieren und er unterlässt es oder wer beim Studieren war und geht davon ab, wendet sich zu den Torheiten der Welt und verachtet das Studieren: von dem heißt es, 4. B. M. 15, 31.: „denn das Wort Gottes hat sie (die Person) verachtet und sein Gebot hat sie gebrochen; abgeschnitten, ja abgeschnitten (ausgerottet) werde diese Person, ihr Vergehen haftet an ihr.“ Es ist jedem Israeliten verboten, über gleichgültige (unheilige) Sachen zu sprechen. Wer das Studieren (oder vielmehr die Beobachtung der Gesetze) vernachlässigt wegen seines großen Reichtums, der wird am Ende solches vernachlässigen müssen, wegen zu großer Armut; aber wer die Gebote trotz seiner Armut hält, der wird am Ende reich werden uns sie umso mehr halten können. Hat man irgend einen Traktat im Talmud beendigt, so ist es löblich, sich zu freuen und eine Mahlzeit in Gesellschaft anderer Gelehrten (mit denen zugleich man diesen Traktat beendigt hat) zu halten; eine solche Mahlzeit wird eine löbliche genannt. Dieser Gebrauch ist noch bis auf den gegenwärtigen Augenblick beibehalten, besonders in den sogenannten Klausen. (Es sind die Stiftungen, durch Vermächtnisse oder Beiträge gottesfürchtiger Israeliten erhalten. In einer solchen Klause müssen, die ganze Woche über, täglich drei gelehrte Männer, zugleich Klausner genannt, studieren und bekommen dafür einen gewissen Gehalt, wöchentlich oder monatlich. Eine solche Klause dient auch zugleich als kleine Synagoge, in welcher sowohl an Wochen — als Feiertagen das tägliche Gebet dreimal verrichtet wird. Es ist immer ein Mann in einer solchen Klause angestellt, der für die Heizung, Beleuchtung u. des Studierzimmers, welches zugleich als Synagoge dient, Sorge tragen muss. ) An schmutzigen, unreinlichen Orten darf man sich nicht mit Studieren beschäftigen usw.

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