d) Ueberlieferungen über den Tempel in Sepphoris.

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Ich habe oben bereits erwähnt, dass der Patriarch Simon b. Gamaliel II. für die Vergangenheit seines Volkes, besonders für die gesellschaftlichen Bräuche2) in Jerusalem zur Zeit des Tempels Interesse an den Tag legte, ohne aber dass wir, mit Ausnahme eines einzigen Priesters, die Quelle hatten bezeichnen können, aus der er seine Kenntniss schöpfte. Wir haben es der Genauigkeit der im Talmud angeführten Ueberlieferungen, die es selten unterlassen, ihren Gewährsmann anzugeben, zu danken, dass uns die Möglichkeit geboten ist, ausser den bereits besprochenen Männern, die wir als Vermittler der auf den Tempel in Jerusalem bezüglichen Traditionen kennen lernten, noch andere ausfindig zu machen. In Tos. Kethuboth VII, 11, j. Kethub. VII, 31d, Genesis r. Cap. 41 begegnen wir folgendem Berichte: ‏אמר רבי שמעון בן גמליאל מצאתי‎ ‏לי עשרים וארבעח מוכת שחין הן בכולן שהאשה‎ ‏זקן אחד ממוכי שחין בצפורי ואמר‎ ‏,רעה לו אלא לבעלי ראתן בלבד‎ R. Simon b. Gamaliel sagte: Ich traf einen Alten von den mit Grinden Behafteten in Sepphoris, der mir mittheilte, dass es 24 Arten dieser Krankheit gibt. Da der Name des gelehrten Gewährsmannes, von dem R. Simon diese Aufklärung erhielt, hier nicht gegeben ist, sind wir geneigt, in diesem Satze nichts als die persönliche Erfahrung eines Sepphorensers zu sehen, die in dem Rahmen unserer Untersuchung
1) Siehe unten Cap. IV, a.
2) Tos. Berachoth IV, 9 ff, Mischna Taanith IV, 8.


keine besondere Aufmerksamkeit beanspruchen kann. Der glückliche Zufall hat es jedoch gefügt, dass dieselbe Belehrung auch als eine dem R. Jose b. Chalafta in einer abweichenden, für uns sehr beachtenswerthen Form zu Theil gewordene erhalten ist; dieser Tannaite, der bekanntlich in Sepphoris wohnte, erzählt nämlich in b. Kethub. 77b: ‏שח לי זקן אחד מאנשי ירושלים עשרים‎ ‏,וארבעה מוכי שחין הן רכולן אמרו חכמים תשמיש קשה להן ובעלי ראתן קשה מכולן‎ es sagte mir einer von den Männern Jerusalems, dass es 24 Arten der mit Grinden Behafteten gebe. Wo traf R. Jose, der viele Jahre nach der Zerstörung lebte, mit Männern aus Jerusalem zusammen?1) Dass er mit solchen, die den Tempel noch gesehen hatten, verkehrte, theilt er selber mit (Sifra, Seite 4b, b. Chagiga 16b), indem er erzählt, dass ihm Abba Eleasar über sein Verfahren betreffs des Handauflegens auf ein Opfer im Tempel berichtete.2) Es ist uns jedoch nicht bekannt, dass er jemals im Süden Judäa’s oder in der Nähe der Hauptstadt sich aufgehalten hatte, um die Gelegenheit zu haben, daselbst jerussalemischen Flüchtlingen zu begegnen und von ihnen diese Mittheilungen zu erhalten;3) wir hören dagegen viel von seiner Thätigkeit und Wirksamkeit in Sepphoris, sind demzufolge geneigt, mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass er dem Alten von den Männern Jerusalems, der ihn über die verschiedenen Arten des genannten Leidens belehrte, in Sepphoris selbst begegnete. Nun meldet der Patriarch Simon b. Gamaliel, der dem R. Jose b. Chalafta sehr nahe stand,4) dass er dieselbe Mittheilung von einem Alten in Sepphoris erhielt; es müssen demnach die beiden Berichterstatter, der Alte aus Sepphoris und der Alte von den Männern Jerusalems identisch sein, und der
1) Nach j. Schekalim V, 49a wäre er in Jerusalem selbst gewesen, vgl. jedoch b. Joma 38a, wo statt R. Jose R. Ismael und an Stelle Jerusalems ‏בדרך‎ steht; dass ‏עומד‎ in der That nicht zu Jerusalem passt, braucht nicht erst gesagt zu werden.
2) ‎siehe oben Seite 33.‏
3) Man wäre versucht, auch unter den ‏מוכי שחין‎ solche zu verstehen, die einst in Jerusalem daran gelitten hatten, und den Satz als einen Bericht aus alter Zeit anzusehen, wie auch eine andere Stelle dieselbe behandelt; in Kerithoth III, 8 sagen nämlich R. Gamaliel und R. Josua dem R. Akiba ‏שבירושלים עושין הולך לו ערב הפסח אצל הרופא וחותכו עד שהוא כשעורה‎ ‏שכך היו מוכי שחין‎ (dasselbe mit geringen Varianten auch in Sifra, Seite 16b).
‎4) siehe Bacher, Agada der Tannaiten II, Seite 322.


Sachverhalt klärt sich auf die einfachste Weise dahin auf, dass es in der Hauptstadt Galiläa’s Flüchtlinge aus Jerusalem gab, welche die Kunde von verschiedenen Begebenheiten und Bräuchen in Jerusalem und im Tempel den Gelehrten in Sepphoris übermittelten. Daher konnte R. Jose b. Chalafta, den ohnehin warmes Interesse für die Geschichte seines Volkes erfüllte, sogar die Gassen Jerusalems genau kennen (Erubin X, 8), ohne jemals dort gewesen zu sein, und war über ein Zeugenverhör, das die Priester zur Bestimmung des Neumondes von der Ansicht des Gerichtshofes abweichend aufgenommen (Rosch haschana I, 7), so wohl unterrichtet; daher rührte wahrscheinlich auch die Kenntniss seines Vaters, R. Chalafta in Schabb. 115b her. Diese Männer aus Jerusalem werden auch sonst noch im Talmud genannt und wir haben zur Sicherstellung des oben erzielten Ergebnisses nachzusehen, ob sie auch da der auf die Zerstörung Jerusalems unmittelbar folgenden Zeit angehören, um als Flüchtlinge aus dieser Stadt gelten zu können. So führt sie R. Josua b. Karcha in Gittin 57b an: ‏סח לי זקן אחד‎ ‏,מאגשי ירושלים בבקעה זו הרג נבוזראדן רב טבחים מאתים ואחת עשרה רבוא‎ ein Alter von den Männern Jerusalems erzählte mir, dass in diesem Thale Nebusaraddan so viele Tausende getödtet habe.1) Da auch Josua b. Karcha mit Jose b. Chalafta und Simon b. Gamaliel verkehrte2) und auch die vorhadrianische Zeit kannte, konnte er gleichfalls Flüchtlingen aus dem zerstörten Jerusalem begegnet sein, vielleicht in Sepphoris selbst.3) So traf mit ihnen ein sonst völlig unbekannter Tannaite Namens Seira zusammen, der in ihrem Namen4) drei Dinge überliefert, welche Josia, der Schüler R. Ismael’s von ihm hörte; sowohl der letztere, als auch der Inhalt der Sätze bestätigt unsere Annahme über diese Männer.
Was führte, so müssen wir uns fragen, die Flüchtlinge nach Galiläa? Grätz,5) hat nachgewiesen, dass in diesem Lande,
1) ‎Man wird das in mehreren bisher angeführten jerusalemischen Berichten vorkommende charakteristische Wort ‏ סח ‎bemerkt haben.‏ ‎‏
2) Tos. Synhedr. XIV, 6, Tos. Jebam. XII, 5.
3) siehe Becher, a. a. O., Seite 311.
4) משם אנשי ירושלים und מאנשי ירושלים ‎in Sifre Deuteron., §. 218, j. Synhedr. ‎VIII, 26b, j. Sota IV, 19c, b. Sota 25a, Synhedr. 88a; Bacher, a. a. O., Seite 352.‏
‎5) Monatsschrift 1881, Seite 482 ff.


das nach dem Falle Jerusalems und der Besetzung Judäa's von Vespasian dem jüdischen Könige Agrippa gegeben wurde, nach der Zerstörung ein friedliches Leben herrschte und viele Juden sich dahin begaben, weil sie dort Schutz und Ruhe zu finden hofften und auch fanden. Zu diesen Ausführungen möchte ich noch Folgendes hinzufügen: Josephus erzählt an mehreren Stellen des Bellum Judaicum, wie viele während der Belagerung Jerusalems zu den Römern übergingen. Es waren dies zumeist die Wohlhabenden,1) »unter denen die Hohenpriester und Hohenpriesterssöhne, Josephus und Jesus, drei Söhne von Ismael, der in Kyrene enthauptet wurde, vier Söhne des Matthias und ein anderer Sohn eines andern Matthias; mit den Hohenpriestern gingen noch viele andere Vornehme zu den Römern über«. Während der Schreckensherrschaft der Zeloten2) »wurde Jeder, der Geld gab, von ihnen durchgelassen, wer nichts gab, war ein Verräther; so kam es, dass nur die Armen niedergemetzelt wurden, während die Vermöglichen sich die Flucht erkauften«. Welche Belohnung erhielten diese vornehmen Ueberlaufer von Titus? Josephus selbst bekam seine Aecker zurück und da diese bei Jerusalem lagen und für die römische Besatzung gebraucht wurden, gab ihm Titus andere in der Ebene.3) Dasselbe versprach er den Ueberläufern,4) »entliess sie nach Grofna, wo sie einstweilen bleiben sollten; sobald der Krieg ihm Ruhe lassen würde, versprach er einem Jeden die Rückgabe seines Vermögens. Mit Freude und in voller Sicherheit zogen sie in das angewiesene Städtchen.« Ob Titus sein Versprechen erfüllt, wird uns nicht mitgetheilt. Josephus5) berichtet ferner, dass »von den gemeinen Bürgern in Jerusalem vierzigtausend begnadigt wurden, welche der Cäsar ziehen liess, wohin es Jedem beliebte« vermuthlich zogen viele von ihnen in das benachbarte Galiläa, wo jetzt neue grosse Gemeinden entstanden. Ein Theil, wie wir bereits gesehen haben, zog nach dem Westen und Süden Judäa’s und an die Meeresküste, wo auch Josephus seine Aecker erhielt, und da wurden die
1) Bellum Judaicum VI, 2, 2.
2) Bellum IV, 6, 3.
3) Josephus, Vita 76.
‎4) Bellum VI, 2, 2.
5) Bellum VI, 8, 2.


Lehrhauser, von denen wir eingehend handelten, gegründet. Nach dem Süden wandten sich wahrscheinlich auch die Hohenpriester, denn R. Ismael, der im Süden wohnte, erzählt in j. Joma V, 42d, ‏שני כהנים ברחו בפולמוסיות אחד אומר עומד הייתי ומחטא‎ ‏,ואחד אומר מהלך הייתי ומחטא‎ dass zwei Priester, die sich während der Kriege geflüchtet hatten, ihm angeben, auf welche Weise sie die Sprengung des Opferblutes am Versöhnungstage vorgenommen; da der ganze Opferdienst an diesem Feste dem Hohenpriester oblag, müssen solche gemeint sein, wie es übrigens die Parallelstelle in b. Joma 59a ausdrücklich sagt: ‏שני כהנים גדולים נשתיירו במקדש ראשון זה אומר בידי הקפתי וזה אומר ברגלי‎ הקפתי‎ .1) Es können dieselben vornehmen Priester sein, von deren Flucht und Rettung Josephus erzählt; denn R. Ismael begegnet auch anderen von ihnen,2) den Nachkommen der Beth Abtinas, die das Räucherwerk im Tempel bereitet und ein höheres Amt bekleidet hatten.3) So wie nun diese nach dem Süden Judäa’s wanderten, um dort Ruhe zu finden, so zogen viel mehr nach Galiläa, besonders die Vornehmen, um sich theils in Agrippa’s Grösse zu sonnen und durch ihn im Dienste der Römer zu verbleiben, theils um ein ungestörtes Leben zu führen. Uns interessiren unter diesen vorzüglich die aus Jerusalem nach Sepphoris Eingewanderten, die wir bereits unter dem Namen »Männer von Jerusalem« aufgefunden, und wir wollen die einmal aufgedeckte Spur weiter verfolgen.
Es liegt wohl auch ohne jede Gewähr nahe, anzunehmen, dass die Eingewanderten, — wie es zu allen Zeiten und aller
1) Das ‏ראשון‎ ist selbstverständlich ein irriger Zusatz, da es sich doch um eine mündliche Mittheilung der Priester an R. Isrnael handelt; doch ist hiemit die oben angeführte stelle aus Gittin 57b zu vergleichen, wo ein Jerusalemer dem R. Josua b. Kaarcha den Ort bezeichnet, wo vor mehreren Jahrhunderten der Feldherr des Königs Nebukadnezar viele Tausende von lsraeliten hinrichten liess. Doch kann es auch hier keinen Augenblick zweifelhaft sein, dass die Metzeleien bei der Zerstörung des zweiten Tempels gemeint sind und nur die entsprechende biblische Figur zur Darstellung und Ausmalung gewählt ist, wie wir es noch bei anderen Autoren in derselben Weise finden werden.
2) b. Joma 38a; in j. Joma III, 41a ist R. Jose b. Chalafta genannt.
3) Auch der nur einmal vorkommende Simon b. Luga, wie auch R. Jochanan b. Nuri erzählen dem R. Akibia, dass sie denselben begegnet seien, in Tos. Joma II, 7, j. Joma III, 41a. b. Joma 38a.‎


Orten bei nach fremden Gegenden Verschlagenen zu beobachten ist und wofür die vielen Synagogen in Jerusalem ein lehrreiches Beispiel darbieten,1) — eine besondere Gemeinde für sich bildeten und gewiss auch eine eigene Synagoge besassen, deren Bestand ich nachweisen zu können glaube. Ich vermuthe dieselbe nämlich in der im Talmud genannten ‏עדה קדושה‎ , der sohon zahlreiche, unbefriedigende Erklärungen zu Theil geworden sind. Im Namen dieser heiligen Gemeinde theilt der Patriarch R. Jehuda I. den Satz mit:2) »Erwirb dir ein Handwerk nebst der Thora«, und wir hören ferner,3) dass an der Spitze derselben R. Jose b. Meschullam und R. Simon b. Menassja standen. Andererseits finden wir, dass R. Jehuda I. mehrere Aussprüche der קהלה קדושה שבירושלים‎ 4) überliefert. Da uns von einem Aufenthalte dieses Patriarchen in Jerusalem und seinem Verkehre mit der dortigen Gemeinde nichts bekannt ist, wir aber wohl wissen, dass er seinen Wohnsitz in Sepphoris hatte, wo er mit R. Simon b. Menassja, der als das Oberhaupt der heiligen Gemeinde genannt wird, halchische Sätze besprach, so folgt hieraus zuvörderst, dass sich das Oberhaupt derselben in Sepphoris aufhielt und dann, da sich doch auch die Gemeinde dort befunden haben muss, wo ihr Führer, ergibt sich, dass die ‏עדה קדושה‎ einen Verband in Sepphoris bezeichnet, von dessen Mitgliedern R. Jehuda einige Sätze vernahm. Der Umstand aber, dass derselbe auch im Namen der sonst nirgends erwähnten ‏קהלה קדושה שבירושלים‎ tradirt, macht es ebenso unzweifelhaft, dass beide Bezeichnungen derselben Gemeinde gelten und statt ‏שבירושלים‎ einfach ‏שמירושלים‎ ‎zu lesen ist.5) Es ist diese Erkenntniss für die Glaubwürdig-
1) Act. 6, 9; Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes II, seite 359.‏
2) ‎Midrasch Koheleth r. zu 9, 9, Seite 91c.
3) j. Maasser scheni II, 53d.
‎4) Beza 14b unten; 27a; Rosch haschana 19b.
‎5) Bacher, Agada der Tannaiten II, 490, Note 2. hält ‏שבירושלים‎ kur einen willkührlichen Zusatz, den die ‏אנשי ירושלים‎ in Pessachim 113a, in deren Namen R. Josua b. Levi und R. Jochanan überliefern, verursacht hätten. Wie wir nun sehen, sind die ‏אנשי ירושלים‎ mit der ‏עדה קדושה‎ identisch und erfahren, dass diese aus Jerusalem nach Sepphoris Eingewanderten, nachdem sie sich zu einer Gemeinde vereinigt hatten, deren Bestand zur Zeit R. Jose b. Chalafta’s in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, zu der R. Jehuda’s in der zweiten Hälfte desselben und unter R. Jochanan im dritten Jahrhundert vorausgesetzt wird, noch zwei Jahrhunderte nach ihrer Einwanderung den


keit und Zuverlässigkeit der von R. Jochanan, dem grössten Alterthumsforscher unter den Amoräern, überlieferten Angaben über Jerusalem und den Tempel von Wichtigkeit; da auch er mit der Gemeinde der Jerusalemer in Sepphoris verkehrt, von der wir trotz völligen Mangels an diesbezüglichen Mittheilungen annehmen können, dass sie in ihrer Mitte die Ueberlieferungen, welche sich auf ihre Heimatsstadt bezogen, mit besonderer Aufmerksamkeit und Liebe bewahrten, so konnte er von den Mitgliedern derselben Manches davon, was er meldet, vernommen haben. Es ist umso wichtiger, auf die Quellen dieses im dritten Jahrhunderte lebenden Amoräers hinzuweisen, als er, wie merkwürdigerweise auch die wenigen Alterthumsforscher unter den Tannaiten ohne Ausnahme, R. Jose b. Chalafta, R. Jehuda b. Ilai und Abba Saul, gerade die Sätze historischen Inhaltes ohne Angabe seiner Gewährsleute überliefert und, wie die eben erwähnten Mischnalehrer, den Anschein erweckt, als seien diese Aussprüche die Früchte seines eigenen Nachdenkens. Wie wir es bei den gezählten Tannaiten erkannt haben, dass sie trotz des genannten Umstandes unantastbare Glaubwürdigkeit verdienen, weil sie die Mittheilungen von Augenzeugen des Tempels überliefern, ebenso wissen wir nun nach Auffindung der Quellen R. Jochanans, dass er in seinen Aussprüchen nicht die Ergebnisse eigenen Grübelns niederlegt, sondern Auszüge aus den Ueberlieferungen Anderer gibt, so dass auch da, wo heute keine ältere Quelle angegeben ist, sich als solche die Jerusalemer Gemeinde in Sepphoris annehmen lässt.
Die Einwanderung vornehmer jerusalemischer Familien in Sepphoris lässt sich ebenfalls mit Wahrscheinlichkeit nachweisen. Um dieses thun zu können, muss ich für wenige Augenblicke vom eigentlichen Gegenstande unserer Untersuchung mich entfernen, um die Aufmerksamkeit auf ein genealogisches Verzeichniss, das uns der Talmud bewahrt hat, zu lenken. Der Agadist Levi berichtet nämlich über ein solches, das in Jeru-
Namen Jerusalemiter führen. So konnte R. Jochanan, der in Sepphoris wohnte, von den Mitgliedern der Jerusalemer Gemeinde zu seiner Zeit manche Mittheilungen über Jerusalem hören, wie R. Jose b. Chalafta in seinen Tagen; allerdings waren die dem letzteren gemachten verlässlicher, weil von Augenzeugen vorgetragen.


salem gefunden wurde:1) ‏במצאו בירושלים וכתיב בה הלל מן‎ ‏מגלת יוחסין‎ ‏דדוד. בן יצף מן דאסף. בן ציצית הכסת מן דאבנר. בן קוביסין מן דאחאב. .בן‎ ‏צפורין רבי חייה רבה מבני‎ ‏מן דעלי. בן יהודי מן‎ ‏כלבא שבוע מן דכלב. רבי יניי‎ ‏ שפטיה בן אביטל. רבי יוסי בי רבי חלפתא מבני יונדב בן רכב. רבי נחמיה מן נחמיר ‎.התרשתא Es müssen vor Allem zwei Dinge vorausgeschickt werden; erstens, dass der agadische Charakter dieser Zurückführungen auf biblische Personen in der von dem Anklingen des Namens und der Eigenschaft der einzelnen Männer veranlassten Wahl der Ahnen viel zu deutlich hervortritt, als dass sie alle ernst genommen und für geschichtliche Angaben anerkannt werden dürften. Zweitens kann diese genealogische Rolle mit dem Inhalte, der uns vorliegt, unmöglich im alten, der Tempelzeit angehörenden Jerusalem gefunden worden sein, da hier Männer gezählt werden, die nach dem Abschluss der Mischna in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts in Galiläa gelebt haben. Und doch scheint die Angabe des Fundortes richtig zu sein, wenn man nur die ersten fünf Glieder in der Aufzählung der Rolle als die ursprünglichen betrachtet; denn sie nennen Männer, die, — mit Ausnahme Hillel’s, der, wie wir bald wahrnehmen werden, als Begründer des Patriarchenhauses hier an Stelle des Patriarchen überhaupt steht, — im grossen Kriege gegen Rom handelnd auftraten. Allerdings wird dieses ausdrücklich nur von ben Zizith und Kalba Sabua berichtet, doch zeigt die Zusammenstellung, dass auch die beiden anderen, wiewohl sie nirgends sonst vorkommen, doch vielleicht mit Personen, die Josephus als Anführer in diesem Kriege nennt, identisch sind, dem Kreise der Vornehmen in Jerusalem aus derselben Zeit angehören. Im zweiten Theile der genealogischen Rolle folgen auf die genannten noch fünf andere Namen in völlig unchronologischer Reihenfolge, die davon zeugt, dass dieselben allmählig und nur einzeln zum ursprünglichen Grundstocke des Familienverzeichnisses hinzugetreten sind. Dabei tritt ein anderer Umstand auffällig hervor, der im Gegensatz zu der unchronologischen Anordnung für die Zusammengehörigkeit der einzelnen, scheinbar durch blossen Zufall zusammengefügten und an einander gereihten Namen spricht.
1) J. Taanith IV, 68a, Genesis r. Cap. 98.


Wir bemerken nämlich zuvörderst, dass im zweiten Theile des genealogischen Verzeichnisses die Stadt Sepphoris namentlich erwähnt wird, indem gesagt ist, dass ben-Jehuda aus derselben stamme, offenbar, weil der Urheber dieser Zusammenstellung nicht wusste, von wem der genannte Mann abstammte und ihm nur so viel bekannt war, dass er aus Sepphoris gewesen. Doch selbst wenn diese Stadt nicht ausdrücklich angeführt wäre, wüssten wir augenblicklich, dass wir es hier mit einem Verzeichnisse von Sepphorenser Familien zu thun haben; denn es ist uns bekannt, dass R. Jose b. Chalafta, R. Chijja und R. Jannai in Sepphoris lebten und auch R. Nechemja, dessen Wohnsitz keine Angabe verzeichnet, den aber seine Controversen mit Tannaiten aus der genannten Stadt vermuthen lassen, dürfte in Sepphoris gelehrt haben. Es sind demnach alle fünf Lehrer, die das Register zählt, aus Sepphoris und wir werden nach dieser Erkenntniss trotz der unchronologischen Reihenfolge zugeben müssen, dass es kein Zufall war, der diese Zusammenstellung hervorgebracht; es bleibt nur fraglich, welche Absicht den Verfasser geleitet, sowohl in der Auswahl der Familien, deren es doch in Sepphoris hunderte gab, als auch in dem Aneinanderreihen selbst. Betrachten wir dieses aufmerksam, so vermissen wir die vornehme Familie des zur selben Zeit ebenfalls in Sepphoris wohnenden Patriarchen; berücksichtigen wir jedoch, dass dieser aus dem Hause Hillel's war, so werden wir nicht mehr erwarten, dass gesagt werde, R. Simon b. Gamaliel oder R. Jehuda stammten von David, nachdem dasselbe bereits von ihrem Ahn Hillel bemerkt wurde. Hiemit dürfte der Grund dessen gefunden sein, weshalb zu dem ersten Theile der Rolle, der von Familien in Jerusalem handelt, der zweite, welcher Lehrer aus Sepphoris bespricht, die ein grosser Zeitraum von jenen trennt, gefügt wurde. Es sollten alle in Sepphoris lebenden vornehmen Männer, die aus altem jerusalemischen Adel stammten, aufgezählt werden, wie es der zweite Theil unmissverständlich besagt und dasselbe auch aus der sonst unerklärlichen Aneinanderfügung verschiedener, nicht aus derselben Stadt stammender Familien hervorgeht. Daraus folgt unmittelbar, dass die Nachkommen der im ersten Theile der Rolle aufgezählten Männer, die sich als einflussreiche Führer vornehmer Abkunft am Kriege gegen die Römer betheiligt hatten, in Sepphoris zu denken sind. Diese Schlussfolgerung wird nun durch die Thatsache bestätigt, dass der Urenkel Hillel’s, oder genauer der Simon b. Gamaliel's I., der als Zeitgenosse der übrigen hier zu setzen ist, in Sepphoris lebte und auch für die anderen Männer ist dieses Ergebniss als wahrscheinlich anzuerkennen, nachdem zwei der genannten Führer ausdrücklich als Römerfreunde bezeichnet werden 1) und Kalba Sabua als Schwiegervater R. Akiba’s angeführt wird, demnach den Sturz Jerusalems überlebt haben muss; ferner, da wir oben fanden, dass sich viele Vornehme aus Rücksicht auf die Herrschaft Agrippa’s nach Galiläa begaben, um in dessen Nähe zu sein und als Adelige, die sich als Römerfreunde verdienste erworben hatten, wieder eine Rolle, wie einst in Jerusalem, zu spielen, so spricht nichts gegen die Möglichkeit, dass die Nachkommen dieser Männer in der Hauptstadt Galiläa’s wohnten.
Wir hätten demnach nicht nur die Thatsache der Einwanderung vornehmer jerusalemischer Familien in Sepphoris, sondern mit Wahrscheinlichkeit auch die Namen einiger derselben ermittelt. Da es uns aber hauptsächlich um die Kenntniss des Tempels und seiner Einrichtungen zu thun ist, wollen wir nur noch nach Priestern unter den Eingewanderten forschen, die allein in der Lage waren, über das Innere des Heiligthumes und die Vorgänge in demselben Auskunft zu ertheilen. In der genealogischen Rolle, die wir besprachen, wird der Priester R. Jannai und im ersten Theile derselben der Levite ben-Jizef erwähnt, doch muss es selbstverständlich neben diesen namentlich bekannten Priestern viele gewöhnliche gegeben haben. Denn gerade R. Jannai ist es, der beim Ableben des Patriarchen R. Jehuda I. verkündigen lässt, dass das Gesetz, welches den Ahroniden die Verunreinigung an einem Leichnam verbietet, an dem Tage der Bestattung des Patriarchen aufgehoben sei (j. Berachoth III, 6a); es müssen hienach viele Priester in Sepphoris gewohnt haben. Hierauf weist noch eine andere Erzählung hin; als der Enkel des eben erwähnten, der Patriarch R. Jehuda II. starb,2) ‏רחף רבי חייא בר אבא לרבי זעירא בכנישתא דגופנה‎ וציפורין וסאביה,
1) Gittin 56a,‎ Midrasch Echa r.‎ zu Threni 1, 5 und Koheleth r. zu 7, 11; Grätz, Geschichte III, Seite 527, Note 4.
2) Frankel, Introductio in Talmud Hieros., Seite 94a macht darauf aufmerksam, dass hierunter nicht Jehuda III. gemeint sein könne, da dieser


‎drängte R. Chijja b. Abba den R. Seira in die Synagoge דגופנה‏ ‎von Sepphoris und verunreinigte ihn. Es‏ ‎taucht hier augenblicklich die Frage auf, warum ein Priester‏ ‎den andern gerade in die genannte Synagoge drückt, da er‏ ‎ihn ja auch im Freien hätte verunreinigen können? War viel‎leicht der Leichnam des Patriarchen gerade in diesem Bethause,‏ ‎wie uns berichtet wird, dass man den des R. Jehuda I. in‏ ‎18 Synagogen von Sepphoris brachte?1) Oder waren die beiden‏ ‎Amoräer Mitglieder desselben Bethauses und stand dieses zu‏ ‎den Priestern, als welche jene bekannt sind, in irgend welcher‏ ‎Beziehung? Bestimmen wir vorerst die Bedeutung von ‏דגופנה דצפורין כנישתא; ‎Levy2) gibt diese Bezeichnung mit Synagoge auf‏ ‎einem Weinberge in Sepphoris wieder und Schürer3) mit Sy‎nagoge des Weinstockes, indem er noch hinzufügt, dass Lightfoot‏ ‎irrig Synagoge der Gofniter übersetzt. Zur Sicherstellung meiner‏ ‎mit der letztangeführten übereinstimmenden Ansicht will ich‏ ‎Folgendes bemerken. Es gab, wie wir bereits gesehen, 18 Synagogen in Sepphoris, von denen wir eine auch namentlich kennen.‏ ‎Es wird nämlich in j. Pessachim V, 9a כנישתא דבבל דצפורין und j. Schabb. VI, 8a ‏ ציפוראי אמרין מן כנישתא דבבלאי עד דרתיה דרבי המא ‎j. schabb. VI,‏ ‎die der Babylonier in Sepphoris erwahnt4) und der Name der‎selben zeigt, wie es ja aus den Benennungen der zahlreichen‏ Synagogen in Jerusalem mit vollster Sicherheit sich ergibt, dass‏ ‎sie nach ihren Begründern, die eingewandert waren und sich‏ ‎zu einer Gemeinde vereinigten, die der Babylonier geheissen wurde.‏ Hieraus erhellt, dass כנישתא דגופנה דצפורין‏, ‎welches genau כנישתא דבבל דצפורין und בית הכנסת של אלכסנדריים שהיו בירושלים ‎in Tos. ‎Megilla III, 5 entspricht, nur nach dem Orte Gofna erklärt‏
nicht in Sepphoris starb; es ist vielmehr Jehuda II., zu dessen Zeit auch die im Berichte erwähnten Amoräer passen, da er lange gelebt hat.
‎1) j. Kilajim IX, 32b, Kohel. r. zu 7, 11.
2) In seinem neuhebräischen Lexicon I, Seite 352, s. v. גופנה.
3) ‎Geschichte II, Seite 374.
‎4) Hienach sind auch die beiden Stellen j. Taanith IV, 64a unten und j. Nasir VII, 56c unten, wo כנישתא דובלי‎ steht, zu verbessern, da doch nicht von Rathsversammlungen, sondern von Lehrvorträgen die Rede ist und diese Synagoge auch in Genesis r. cap.33, ‏כנישתא דבבלאי בצפורין‎ ‏רבינו הוה יתיב לעי באורייתא קמי‎ (vgl. j. Kilajim IX, 32b) und j. ‏Joma.‎ VII, 44b ‏רבי יוסי מפקד לבר עוולא הזנא דכניטתא‎ ‏דבבלאי‎ vorkömmt.


werden darf,1) aus welchem Flüchtlinge nach Sepphoris kamen und ein Bethaus begründeten. Nun wird uns andererseits ausdrücklich berichtet, dass in Grofna eine grosse Anzahl priesterlicher Familien gewohnt haben,2) es müssen demnach bei der Zerstörung dieser Stadt durch Vespasian unter den nach Sepphoris gelangten Gofnitern viele Priester3) gewesen sein, die der Synagoge in Sepphoris angehörten, wodurch es verständlich wird, dass Chijja b. Abba, der Priester, Seira, den Priester, in das Bethaus der Gofniter drängt. Wenn also im Talmud von R. Jochanan und seinen Schülern über die Zahl der Priester in Grofna, über die Priesterabtheilung Immer, über die Beförderung der priesterlichen Abgaben nach dem Tempel, über die Verkaufshallen auf dem Oelberge und über die Geflügelopfer und andere das Heiligthum betreffende Punkte Mittheilungen angeführt werden, ohne dass die Quelle derselben angegeben wäre, so haben wir kein Recht, die Glaubwürdigkeit dieser Berichte ohne Grund nur deshalb einfach in Abrede zu stellen, weil R. Jochanan zwei Jahrhunderte nach der Zerstörung Jerusalems lebte. Denn seine Aussprüche dieses Inhaltes gehen auf die Ueberlieferungen der Gemeinden in Sepphoris zurück, deren jerusalemische und judäische Mitglieder sich ohne Zweifel ein reges Interesse für die Vergangenheit ihrer Heimat bewahrt und die auf den Tempel und die Hauptstadt bezüglichen Angaben getreu erhalten hatten.
1) Siehe Nenbauer, La geographie du Talmud, p. 194.
2) j. Taanith IV, 69a;‎ siehe unten Cap. V, a.
3) Wenn ein scheinbar bildlich aufzufassender Ausdruck uns nicht täuscht, sind wir auch in der Lage, die Priesterabtheilung zu bezeichnen, der die in Sepphoris wohnenden Priester aus Gofna und aus anderen Orten angehörten. Der Talmnd j. Kilajim IX, 32a, Koheh r. zu 7, 11, Seite 88a ‎(siehe Bacher, Agada der Tannaiten II, Seite 504) berichtet nämlich, dass, als der Patriarch R. Jehuda I. starb, bar-Kappara dieses traurige Ereigniss dem versammelten Volke meldete und dieses mit ‏אחינו בני ידעיה שמעוני‎ anredete, was auch Levy (Neuhebräisches Lexicon, s. v. ידעיה‎) mit Nachkommen Jedaja’s übersetzt, und da dieses mit j. Taanith IV, 68d « ‏,ידעיה עמוק צפוריס der Priesterstamm Jedaja wurde nach Sepphoris vertrieben,« genau übereinstimmt, so können wir annehmen, dass in dieser Stadt viele Priester aus der Abtheilung Jedaja wohnten. Vgl. Geiger, Urschrift, Seite 205; Zunz, Litteraturgeschichte der synagogalen Poesie, Seite 602 und Grätz, Geschichte III, Seite 159, Note 3 über die in Kalir’s Klagelied aufgezählten Priesterwohnsitze.


Ueberblicken wir unsere bisherigen Erörterungen, so können wir das aus denselben gewonnene Ergebniss dahin zusammenfassen, dass sowohl die Schulen im Süden Judäa’s, besonders in Lydda, als auch die in Sepphoris durch die nach dem Untergange des Staates und der Zerstörung Jerusalems erfolgten Einwanderungen von Priestern in der Lage waren, authentische Berichte über die Verhältnisse der Hauptstadt und die Einrichtungen des Heiligthums zu erlangen. Dagegen bekundete das von R. Jochanan b. Sakkai begründete Lehrhaus in Jabneh, solange die lyddäischen Lehrer sich demselben nicht angeschlossen hatten, infolge anderer, dasselbe völlig in Anspruch nehmender Fragen kein Interesse für die Vergangenheit, ebensowenig R. Akiba und seine Schule, weil R. Jochanan b. Sakkai das Streben nach der Einheit des Judenthums und seiner Lehre und die Sicherung ihres Bestandes, R. Akiba dagegen die folgerichtige Durchführung seiner neuen Lehrweise so sehr beschäftigte, dass alles Andere in den Hintergrund treten musste.