II. Die Priester in Jerusalem - a) Ihre Zahl und die Zusammensetztung der Priesterschaft

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Wenn wir die für die Geschichte der Priester uns zur Verfügung stehenden Quellen in ihrer Gesammtheit überblicken, gewinnen wir den Eindruck, als ob es Priester nur in Jerusalem gegeben hätte; denn alle Mittheilungen sprechen von ihnen nur im Zusammenhange mit dem Tempel und stellen die Sache so dar, als ob die Priester nur in der Stadt des Heiligthumes in die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse eingegriffen hätten und ihre Stellung, wie ihr Einfluss nur im Mittelpunkte des staatlichen Lebens zur Geltung gelangt wäre. Da jedoch, wie es allgemein bekannt ist und wir im Einzelnen noch erfahren werden, nur die höhere Priesterschaft an den politischen Geschäften sich betheiligte, demnach nur ein geringer Theil der ganzen Körperschaft hiedurch zum Aufenthalte in Jerusalem veranlasst wurde, so muss die Masse der gewöhnlichen Priester auf dem Lande gesucht werden, der aber, wie wir schon jetzt bemerken können, die Quellen sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Wohl erforderte es andererseits der Opferdienst in dem einzigen Heiligthume, dass die dienstthuenden Priester zur Hand seien, doch war es keineswegs nothwendig, dass sie in Jerusalem selbst wohnen sollten. Ihre grosse Anzahl hatte es zur Folge, dass nicht nur nicht alle innerhalb eines kurzen Zeitraumes, etwa eines Monates, zum Dienste gelangten, sondern, da die ganze Priesterschaft bekanntlich in 24 Abtheihlungen zerfiel und jede von diesen eine Woche im Tempeldienste stand, an jede nur einmal in 24 Wochen die Reihe kam. Es war doch offenbar wegen zweimaliger Dienstleistung im Jahre, die nur sieben Tage dauerte, nicht erforderlich, dass die gewöhnlichen Priester in Jerusalem wohnen, das allerdings durch den daselbst genommenen Aufenthalt manche Vortheile bieten konnte, aber dem zumeist dürftigen Priester die Εrnährung seiner Familie erschweren musste. Doch darf man nicht glauben, dass nicht viele gemeine Priester in der Hauptstadt wohnten; schon zur Zeit der Neuordnung der Gemeinde durch Nehemias besetzte sich ein Theil der Priester und Leviten in Jerusalem selbst, die übrigen wohnten zerstreut in den Städten und Dörfern Judäa’s.1) Um die Zahl der ersteren bestimmen zu können, muss Folgendes berücksichtigt werden: Nach Schürer2) betrug die Gesammtzahl der Priester zu jener Zeit sechs Tausend, so dass nach den Angaben im Buche Nehemias nur ein Fünftel derselben in der Stadt des Heiligthums Wohnung erhielt. Stade3) bezweifelt die Richtigkeit der nach seiner Meinung zu hoch gegriffenen Zahl für die Zeit Serubabels und Schürer4) fügt zu den von Stade hervorgehobenen Bedenken noch eines hinzu, dass nämlich Pseudo-Hekatäus zu Anfang der hellenistischen Zeit die Zahl sämmtlicher jüdischen Priester auf nur fünfzehn Hundert schätzt (Josephus, Contra Apionem Ι, 22).
Wollen wir diese stelle näher ins Auge fassen; sie lautet: ”οἵ. πάντες ἱερεῖς τῶν Ἰσυὃαίων οἱ τὴν δεκάτην τῶν γὶνομένων λαμβάνοντες καὶ τὰ κοινὰ διοασῦντες περὶ χιλίους μάλιστα καὶ πεντακοσίους εἰσίν, alle
1) Nehemias 11, ‏;10-19‎ Schürer, Geschichte ΙΙ, Seite 191.
2) II, Seite 190, Note 51.
3) Theol. Literaturzeitung 1884, Seite 218.
4) II, Seite 188, Note 26a.


Priester der Juden, die den Zehnten von den Bodenerträgnissen bekommen und die öffentlichen Angelegenheiten verwalten, sind insgesammt 1500.« Da es keine Zeit gab, in welcher die Priester die ausschliesslichen Verwalter aller öffentlichen Angelegenheiten gewesen wären und es diese in dem Sinne, wie sie der Berichterstatter hier meint, nur in Jerusalem gegeben hat, ‏— wie er der Provinz Judäa’s überhaupt mit keinem Worte gedacht zu haben scheint, — so liegt die Annahme nahe, dass er nur die in Jerusalem wohnenden Priester meint. Die Zahl, die er angibt, stimmt ebenfalls für dieselben, denn auch in Nehemias 11, 10—19 entfallen auf die Hauptstadt 1192, nach der Chronik Ι, 9, 13, die schon die Eintheilung in 24 Dienstklassen kennt, 1760; es hat also Pseudo-Hekatäus eine annähernd genaue Zahl für die Priester in Jerusalem genannt. Da es nun unzweifelhaft und geschichtlich nachweisbar ist, dass sich auch die Priesterschaft vermehrt hat, so müssen wir für die Zeit des herodianischen Tempels, für welche allein uns zuverlässige Mittheilungen zu Gebote stehen, eine viel grössere Zahl von Priestern in Jerusalem und Judäa annehmen. Wäre der Bericht des Aristeasbriefes1) vertrauenswürdig, der da erzählt, dass bei seinem Besuche im Tempel 700 dienstthuende Priester anwesend waren,— was ja, wie manche andere Einzelheit auf der mündlichen Mittheilung eines Jerusalemers oder eines ägyptischen Juden, der es in Jerusalem gehört hatte, beruhen kann und daher trotz anderer der Wirklichkeit widersprechenden Stellen Glaubwürdigkeit beanspruchen darf, — so könnten wir, da hiemit wahrscheinlich eine von den 24 Dienstabtheilungen, die eben anwesend war, gemeint ist, die Gesammtzahl der Priester zur Abfassungszeit des Briefes auf 700 X 24 = 16.800 schätzen. So steigt die Zahl mit der Zeit immer höher und der bekannte unechte Brief über die Feier des Versöhnungstages, welcher einem Consul Marcus zugesehrieben wird, kann kurz vor der Tempelzerstörung von 24.000 Priestern sprechen.2) Hiezu stimmt auch die Angabe bei Josephus,3) licet enim sint tribus quattuor saecrdotum et
1) Merx' Archiv Ι, Seite 271.
2) Siehe Herzfeld, Geschichte ΙII, Seite 193.
3) Contra Apionem II, Seite 8.


harum tribuum singulae habeant plus quam quinque milia, wo die von mehreren vorgeschlagene Conjectur, 24 für 4 zu setzen, schon deshalb unstatthaft ist, weil sich dann die Zahl der Priester 5000 X 24 = 120.000 ungeheuer gestalten würde, dagegen bei Beibehaltung des überlieferten Textes 5000 X 4 = 20.000 dieser eine mit den bisherigen Berechnungen gleichlautende Zahl. ergibt.1)
Haben wir nun die Zahl der in Jerusalem wohnhaften Priester ungefähr bestimmt, so muss in nächster Reihe die Thatsache festgestellt werden, dass es unter ihnen neben den eingeborenen judäischen auch ausländische eingewanderte gab und zwar, soweit die Quellen diesen Punkt überhaupt berühren und sich dieser verfolgen lässt, aus zwei Ländern, aus Egypten und Babylonien Infolge der regen Verbindung zwischen diesen und Judäa könnte es auch ohne jeden Beweis als wahrscheinlich angenommen werden, dass einzelne Priester von dort nach Israel einwanderten, doch erhebt es die Mischna zur sichern Thatsache, indem sie in Menachoth ΧΙ, 7 die babylonischen Priester in Jerusalem ausdrücklich nennt: ‏שעיר של יום‎ הכפורים נאכל לערב והבבליים אוכלין אותו חי מפני שדעתן יפה‎ der Opferbock des Versöhnungstages, wenn dieser auf Freitag fällt, wird Abends gegessen; da er jedoch wegen des eingetretenen Sabbates
1) Es ist auch möglich, dass in diesem Berichte, wie oben bei Pseudo-Hekatäus, die Priesterschaft in Jerusalem allein gemeint ist, die, da sie aus fast 5000 Männern bestand, wahrscheinlich in vier Dienstabtheilungen zerfiel, die eben Josephus hier nennt. Der Uebersetzer, dessen Arbeit allein von diesem Stücke vorhanden ist, gab die Stelle falsch wieder, indem er die Angabe, dass die vier Abtheilungen insgesammt 5000 Mitglieder zählten, auf jede einzelne bezog. Wenn Josephus in Antiquit. XV, 11, 2 berichtet, dass der König Herodes zum Tempelbau tausend Priestern priesterliche Kleider anfertigen liess, so hat er hiebei entweder eine runde Zahl, oder die Durchschnittszahl einer Priesterabtheilung berücksichtigt. Wenn er sie andererseits theils in der Steinhauerkunst, theils in den Zimmerhandwerken unterweisen lässt, so haben wir uns unter den hiezu berufenen in Jerusalem ansässige Priester zu denken, wo unter 5000 ein Fünftel derselben bereitwilligst solche Dienste leistet, da sie sonst nur geringes Einkommen hatten; vgl. hiemit die Schilderung des salomonischen Tempelbaues bei Josephus in Antiquit. VIII, 8, 8.
2) j. Pea VΙΙΙ, 21a oben wird der Schlusssatz dieser Mischnastelle ‏מפני שדעתן מקולקלת‎ angeführt.


nicht gekocht werden kann, assen ihn die Babylonier roh, weil sie solches Fleisch vertragen konnten.« Wohl wird hier nicht vermerkt, dass diese Priester waren, doch dass von solchen die Rede ist, braucht nicht erst gesagt zu werden, da der Genuss des Opferfleisches nur ihnen gestattet ist. Dieselben Babylonier sind auch in Joma VI, 4 erwähnt, wo gemeldet wird, dass zur ungestörten Entlassung des Sündenbockes aus dem Tempelvorhofe am Versöhnungstage wegen der Bahylonier eine Treppe gemacht wurde, weil sie dessen Haar ausrissen und ihm zuriefen, dass er schnell hinwegeile. Es ist wohl nicht so unzweifelhaft, wie in dem vorhergenannten Berichte, dass Priester gemeint sind, doch spricht für diese nicht nur dieselbe Bezeichnung, sondern auch der Umstand, dass die Männer in so unmittelbarer Nähe des Opferthieres standen, daher kaum Laien gewesen sein dürften, wie auch, dass sie an beiden Stellen der Mischna am Versöhnungstage auftreten und ihnen beide Male etwas Tadelnswerthes zugeschrieben wird, was sich zum Theile aus der gereizten Stimmung der erbgesessenen Priester gegen die eingewanderten erklären lässt.
Wann diese nach Judäa gelangten, lässt sich in Ermanglung jedweder Nachricht nicht bestimmen; am nächsten läge es, daran zu denken, dass sie mit Hyrkan II., als er auf Einladung des Königs Herodes aus Babylonien nach Judäa zurückkehrte, kamen. Doch spricht entschieden dagegen die Erwägung, dass seit der Rückkehr Hyrkan’s ΙΙ. im Jahre 36 vor d. g. Ζ. bis zum letzten Jahrzehnte des Tempelbestandes, von dessen Vorgängen die Mischna ohne Zweifel spricht, ein volles Jahrhundert verstrich, welcher Zeitraum doch eine Verschmelzung der babylonischen Priester mit den palästinischen hatte herbeiführen müssen; es muss die Einwanderung demnach viel später, vielleicht nur wenige Jahrzehnte vor der Zerstörung Jerusalems erfolgt sein, ohne aber, dass sich ihre Veranlassung ermitteln liesse. Jedesfalls wird der rege Verkehr zwischen Babylonien und Judäa, von dem auch die Bemerkung Josephus’ (Contra Apionem Ι, 7) zeugt, »die Priester prüfen die Stammbäume ihrer Frauen nicht nur in Judäa, sondern auch in Egypten und Babylonien und schicken Listen nach Jerusalem, um sie prüfen zu lassen«, zur Niederlassung einzelner Priester in Jerusalem beigetragen haben. Auf dieselbe Weise gelangten auch zahlreiche Alexandriner nach Judäa, unter denen gewiss auch Priester; denn nicht nur die Thatsache, dass sich die Mischna mit der Frage beschäftigt, ob Priester, die im Oniastempel gewirkt, zum Opferdienste im jerusalemischen Heiligthum zugelassen werden dürfen (Menachoth XIII, 10) — was ja akademisch geschehen konnte, — zeugt von der Einwanderung, sondern viel kräftiger diejenige, dass die Familie des von Herodes zum Hohenpriester erwählten Boethos aus Alexandrien war (Antiquit. ΧΧ, 9, 3) und gewiss nicht erst zu diesem Behufe aus Egypten berufen wurde, wie auch nicht vereinzelt in Jerusalem stand. Die Wahl des so bevorzugten Ausländers zog wahrscheinlich viele Priester aus Alexandrien nach Jerusalem, da sie sich von ihrem Landsmanne, dem an der Spitze des Tempels stehenden Hohenpriester manche Bevorzugung versprechen durften, und es kamen Alexandriner in solcher Zahl nach der judäischen Hauptstadt, dass sie sich eine Synagoge erwarben.1) Auch die talmudischen Quellen geben uns Kunde von der Einwanderung, oder richtiger Berufung alexandrinischer Priester nach Jerusalem; sie theilen nämlich Folgendes mit:2) »Die Priesterfamilie Beth-Garmu verstand das Schaubrod für den Tempel sehr schön zu bereiten, wollte aber diese Kunst Anderen nicht lehren. Da sandten die Weisen nach Alexandrien um andere Männer, welche jedoch die Kunst nicht so vollkommen verstanden, und die Weisen bewogen die Beth Garmu, ihre früher innegehabten Stellen wieder einzunehmen.« Dass die aus Egypten Berufenen, die das Schaubrod im Heiligthume bereiten sollten, gleichfalls Priester waren, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden;3) doch ist es von hohem Interesse und von Wichtigkeit, falls es die Quellen ermöglichen, den Zeitpunkt dieses Geschehnisses festzustellen. Für die Zuverlässigkeit des Berichtes selbst, abgesehen von den übertreibenden Zahlenangaben, braucht nur auf den Tradenten, R. Jehuda b. Ilai, den Schüler R. Tarfon’s in Lydda, dem wir noch viele Mittheilungen über den Tempel zu verdanken haben, hingewiesen zu werden; sein Name, wie auch die Gre-
1) Tos. Megilla III. 6, j. Megilla III, 73a, Act. 6, 9.
2) Tos. ‏Joma II, 5, j. Joma ΙΙΙ, 41a, b. Joma 38a.
3) Vgl. Tamid I, 3 bei den Speiseopfern.


nauigkeit, mit der er die Thatsachen berichtet, darf uns auch Bürgschaft für die Treue der Angabe sein.1) Grätz hat in seinem Aufsatze über die in der Mischna Schekalim V, Ι aufgezählten Tempelbeamten2) die Ansicht ausgesprochen, dass diese während der Revolution von dem Volke eingesetzt wurden und beweist sie mit der Angabe Josephus’ (Bellum Judaicum IV, 3, 6), »die Zeloten verstiegen sich, nachdem Galilaa von den Römern erobert wurde, so weit, über die Wahl der Hohenpriester zu verfügen; sie haben nämlich die Familien, aus welchen die Hohenpriester gewählt zu werden pflegten, einflusslos gemacht und Obscure und Niedriggeborene angestellt« Grätz sieht in den Letztgenannten die in der Mischna gezählten Tempelbeamten und beruft sich noch darauf, dass Josephus von mehreren Hohenpriestern spricht, obgleich er nur von der Wahl eines einzigen berichtet, er demnach hierunter höhere Würdenträger des Heiligthums gemeint haben muss. lch sehe jedoch weder im Zusammenhange, noch in den einzelnen Wörten den Hinweis auf die Tempelbeamten; denn wenn auch Josephus von dem Hohenpriester Pinchas, den das Volk erwählt, ausdrücklich erst zwei Absätze später handelt, so beweist das noch nicht, dass er hier, wo er von dem Uebergreifen der Zeloten in allgemeinen Worten redet, an jemand Andern, als den erwähnten Hohenpriester selbst denkt, und auch der Umstand, dass er von Hohenpriestern in der Mehrzahl spricht, zeugt nicht davon, dass er ausser Pinchas noch höhere Tempelbeamte im Sinne hat, sondern er will nur allgemein die sein aristolcratisches Gefühl verletzende Anmassung der Zeloten schildern und gebraucht, um dieses Vorgehen um so schärfer zu verurtheilen, die Mehrzahl, ohne jedoch ausser
1) Dem ersten Sammler dieser Ueberlieferungen müssen zwei verschiedene Relationen derselben vorgelegen haben, die eine von einem jetzt unbekannten, weil im Talmud nicht verzeichneten Berichterstatter, die andere von R. Jehuda, der die Beträge, mit denen die Beth-Garmu zur Wiederaufnahme ihrer Thätigkeit bewogen wurden, viel höher angegeben hatte. Ich kann mir diese Meinungsverschiedenheit, die einen solchen, die Sache selbst nicht berührenden Punkt betrifft, nur auf ‏diese‎ Weise erklären. Zu bemerken ist noch, dass, wie manche anderen den Opferdienst betreffenden Berichte, auch dieser das als charakteristisch erkannte Wort ‏סח‎ für ‏אמר‎ aufweist; siehe oben Seite 37, Note 1.
2) Monatsschrift 1885, Seite 193 ff.; vgl. oben Seite 11.


Pinchas jemand Andern im Auge zu haben. Auch die aus den Berichten des Josephus und der Mischna geführten Einzelbeweise bezeugen nur, dass die in der Mischna genannten Beamten der letzten Zeit des Tempelbestandes angehörten und auch bei der Zerstörung Jerusalems auftreten, erhärten aber nicht die von Grätz aufgestellte Behauptung, dass sie erst in den letzten zwei Jahren vor der völligen Auflösung und Eroberung des Landes gewählt worden waren. Doch wann gelangten diese Beamten zu ihrer Stellung? Verzeichnen wir vor Allem die Thatsache, dass die ‏,חכמים‎ die Weisen es sind, welche die Beth-Abtinas auffordern, ihr Amt weiter zu bekleiden und mit ihnen unterhandeln; dass dieselben in Joma Ι, Para Ι-ΙΙΙ, Sukka V, mit einem Worte in all’ den Mischnatractaten, die der Beschreibung des Tempelcultus gewidmet sind, alle auf die Opfer und den Dienst im Heiligthume bezüglichen Verfügungen treffen. An all’ diesen Stellen ist es weder das Volk, das bekanntlich während der Revolution die Macht im Tempel in Händen hat, noch sind es die höheren Priester, die in früherer Zeit die alleinigen Herrscher waren über Alles, was mit dem Heiligthume und den Opfern zusammenhing, welche in der Mischna anordnen und befehlen, sondern es sind die pharisäischen Weisen, die im Gegensatze zu den Sadducäern die Opferhandlungen und deren Gang bestimmen und sie nach ihrer Auffassung regeln. Doch wann geschah dieses?
Wir fanden oben, dass R. Tarfon an einer grossen Festversammlnng in Jerusalem theilnahm, in welcher der König Agrippa den Abschnitt aus Deuteron. 17 vorlas und erfuhren zugleich, dass Josephus, der denselben vom Hohenpriester vortragen lässt, von diesem Verfalle nichts weiss. Ein gleichaltriger Zeitgenosse R. Tarfon’s, der Levite R. Josua b. Chananja, berichtet mit den eindringlichen Worten eines Augenzeugen,1) wie das Fest des Wasserschöpfens in Jerusalem gefeiert wurde und wir hören auch, wie Simon b. Gamaliel an einem solchen Feste seiner Freude Ausdruck gab; es ist nicht schwer, die Zeit, wann dieses geschehen, mit ziemlicher Ge- nauigkeit zu bestimmen, denn wir wissen, dass Josua b. Chananja nur als junger Levit im Dienste des Tempels zu Jerusalem
1) Tos. Sukka IV, 5, j. Sukka ν, 65b, b. Sukka 53a.‎


stand und keinesfalls schon im zweiten Jahrzehnt vor der Zerstörung gewirkt hat. Da nebenbei auch Simon b. Gamaliel erwähnt wird, der im jüdischen Kriege eine bedeutende Rolle gespielt, dessen Wirksamkeit demnach ebenfalls in das letzte Jahrzehnt des Tempelbestandes fällt, so ergibt sich für dieses Fest des Wasserschöpfens dieselbe Zeit, wie oben. Während nun aus der ganzen Darstellung der Mischna und der talmudischen Quellen die Thatsache deutlich hervortritt, dass sie in dem Feste des Wasserschöpfens eine neue, oder richtiger neueingeführte Institution der bereits genannten Weisen, der pharisäischen Lehrer als Gegenstand ihrer Beschreibung haben und sie demselben eine eingehende Schilderung widmen, weiss Josephus von dem ganzen ebenso nichts, wie von dem Vortrage des Königs Agrippa bei einem andern, von den talmudischen Berichten gleichfalls als grossartig dargestellten Volksfeste. Wir haben noch von einem dritten Feste Kenntniss, das in Jerusalem stattgefunden hat und dessen Josephus ebensowenig gedenkt; die Fastenrolle verzeichnet nämlich den 14. Ijjar als Halbfesttag mit der Bemerkung ‏,נכיסת פסחא זעירא‎ das kleine Pessachopfer wurde geschlachtet, was doch darauf hinweist, dass es sich, wie in den meisten Sätzen dieses Kalenders, um ein ungewöhnliches Geschehniss und nicht, wie bei dem Chanukka- und Purimfeste,1) um eine alljährlich wiederkehrende Feier handelt. Nun wird in der Mischna Challa IV , 12 berichtet, dass ein Priester, namens Josef, auch die weiblichen Glieder seiner Familie zu dem Ersatzpessachopfer nach Jerusalem mitgebracht habe, was die Weisen missbilligten und jene fortschickten. Hatte es sich um das auch sonst am 14. Ijjar dargebrachte Pessachopfer gehandelt, an dem sich Jeder, der durch Unreinheit an der Darbringung desselben am 14. Nissan verhindert wurde, betheiligte, wahrlich die Weisen hatten sich um die Begleiter eines einzelnen Mannes nicht gekümmert; es war aber eine von den pharisäischen Weisen veranstaltete grosse Feier, bei der auf jede Einzelheit mit Aufmerksamkeit
1) Es ist auch in der Ausdrucksweise von Purim und Chanukka verschieden, indem das erste Pest nur mit ‏יוטי פוריא‎, das letztere mit ‏חנוכה‎ verzeichnet wird, dagegen das zweite Pessachopfer mit der erzählenden Verbalform, was jedenfalls zu beachten ist.


gesehen wurde, weshalb sich jene veranlasst fühlten, die geringste Abweichung vom festgesetzten Brauche zu verhindern, und aus diesem Grunde nahm die Fastenrolle den Tag des Geschehnisses in die Reihe der Halbfeste auf. Nun gehört der erwähnte Priester Josef, wie wir noch sehen werden, den letzten Jahren des Tempels an, die Feier des zweiten Pessachfestes ist demnach den Festen des Thoravortrages durch den König und des Wasserschöpfens zuzuzählen, mit denen sie auch das gemein hat, dass Josephus auch von ihr keine Kenntniss besitzt. Es sind dieses einzelne Geschehnisse, die aus einer langen Reihe von grossen Ereignissen mit den dürftig verzeichneten Thatsachen hervortreten und es an dieser Stelle noch nicht ermöglichen, einen tiefern Einblick in die Beweggründe zu gewinnen. Doch kann die Frage schon hier gestellt werden, wie es kommt, dass Josephus, der doch diese mit so grossem Aufwande und Geprange gefeierten Feste gesehen haben musste, darüber nichts zu sagen hat?
Wir könnten noch alle in der Mischna vorgeführten Einzelheiten der Opferhandlungen, welche im Zusammenhange mit den pharisäischen Weisen genannt werden, hier als solche Punkte aufzählen, von denen Josephus nichts zu wissen scheint, denn er sagt über dieselben kein Wort, obgleich sich ihm hiezu bei der Beschreibung der Opfer Gelegenheit dargeboten hätte. Sollen etwa alle diese Feste und Opfer zu einer Zeit stattgefunden haben, als er von Jerusalem abwesend war? Solcher Zeiträume gab es zwei; bekanntlich ward er bei Ausbruch der Revolution zu Ende des Jahres 66 als Feldherr nach Graliläa gesandt, es könnte demnach all’ das, was uns die talmudische Litteratur allein in zuverlässigen Berichten über Vorgänge im Tempel und in Jerusalem zu schildern weiss, zwischen 67 und 70 vorgefallen sein. Bedenkt man jedoch, dass Jerusalem schon im Winter des Jahres 67 der Schauplatz eines furchtbar blutigen Bürgerkrieges wurde, welcher der Freude, wie sie Josua b. Chananja beim Feste des Wasserschöpfens mitangesehen, unmöglich Raum gelassen haben kann, so bleibt nur das Jahr 66|67 selbst für all’ die Geschehnisse übrig, welche die Mischna verzeichnet. Doch wurde diese Zeit, wie wir aus Bellum Judaicum ΙΙ, 22, 1 erfahren, unter Vorbereitungen und Rüstungen zum Empfang der Römer, mit der Ausbesserung der Mauer und mit Anfertigung von Kriegsgerathen zugebracht, die selbst den friedliebendsten Gesetzeslehrern die Musse nicht liessen, sich mit der für das Volk berechneten öffentlichen Durchsführung pharisäischer Auffassungen und mit Anordnungen zu grossen Volksfesten zu beschäftigen. Nun wissen wir auch von einer zweiten Abwesenheit Josephus’ von Jerusalem; er erzählt (Vita 3), dass er im Alter von 26 Jahren, das ist im Jahre 63/64 1) eine Reise nach Rom machte, um die Freilassung einiger ihm nahestehender Priester, welche wegen einer Geringfügigkeit dorthin geführt wurden, zu erwirken; bald nach seiner Rückkehr kam der Krieg gegen Rom zum Ausbruch. Es ist also möglich, dass die den Berichten der Mischna zu Grunde liegenden Ereignisse in die Zeit von 64 bis 66 fallen, weshalb er die grossen Vorgänge, welche das religiöse Leben umgestalteten, nicht kennen konnte. Doch was war die Veranlassung zu diesen Vorfällen im Tempel? Grätz2) hat darauf aufmerksam gemacht, dass der sadducäische Hohepriester, von dem die talmudisehen Berichte in Verbindung mit R. Jochanan b. Sakkai sprechen und dessen Bestreben, im Opferdienste nach sadducäischer Auffassung vorzugehen, die in der Mischna verzeichneten Vorsichtsmassregeln zur Verhinderung eines solchen Verfahrens veranlasste, Anan b. Anan war. Nun hat dieser die Hohenpriesterwürde im Jahre 62 bekleidet, es können also die von seiner sadducäischen Wirksamkeit hervorgerufenen Abänderungen im Tempeldienste erst nach seiner Absetzung, etwa, da er nur drei Monate wirkte, im Jahre 63 getroffen worden sein, so dass wir auf Grund zweier, von einander völlig unabhängiger Angaben dieses Jahr als die Zeit des oben bereits berührten und bald näher zu besprechenden Wechsels ansetzen können; es ist dies eine Erkenntniss, die im Fortgange dieser Untersuchungen noch weitere Bestätigung finden wird. Das den pharisäischen Principien Hohn sprechende Verfahren des Hohenpriesters Anan hatte es veranlasst, dass die Pharisäer, die ja ohnehin eine grosse Macht im Volke und in der Hauptstadt hatten, nun auch Herren des Tempels wurden,
1) siehe Wieseler, Chronologie des apostolischen Zeitalters, Seite 98; Schürer Ι, Seite 57; Gutschmid, Kleinere Schriften IV, seite 338.
2) Geschichte III, seite 747; Monatsschrift 1881, Seite 56-62.


was Agrippa II., der den vornehmen Priestern nicht besonders hold war und, gewiss gegen deren Willen, den Leviten priesterliche Rechte einräumte,1) sicherlich nicht hinderte. Josephus, der zu dieser Zeit in Rom weilte, erfuhr von dieser grossen religiösen Bewegung nichts, weil er für dieselbe kein Interesse hatte, wie er auch die Vorgänge im staatlichen Leben Judäa’s während seiner dreijährigen Abwesenheit in seinem Geschichtsswerke sehr kurz abgethan hat.
Nach dieser Abschweifung von dem eigentlichen Gegenstande unserer Untersuchung, welche der Bestimmung des Zeitpunktes der behandelten Ereignisse gewidmet war, können wir nun auf die oben aufgeworfene Frage, welcher Zeit die in der Mischna Schekalim V, 1 aufgezählten Tempelbeamten angehören, mit der Nennung des Jahres 63|64 antworten. Wir wissen auch bereits aus den voraufgehenden Ausführungen, dass die Pharisäer die Einsetzung neuer Tempelbeamten veranlassten, von denen sie, wie als selbstverständlich angenommen werden darf, die Gewissheit hatten, dass sie die Opferhandlungen in ihrem Sinne leiten werden. Es ist hiebei nur fraglich, ob der Sieg des pharisäischen Principes im Tempel den Sturz aller Würdenträger desselben zur Folge hatte und aus der langen Reihe der früheren Beamten keiner verblieben ist; besonders da der Wechsel so plötzlich kam und die Priester, die an Stelle der ihres Amtes entsetzten treten sollten, darauf nicht vorbereitet waren, so dass sie die ihnen zuertheilten Pflichten gar nicht zu erfüllen verstanden. Handelte es sich doch nicht um blosse Aufsicht, sondern um das thatsächliche Verwalten von Aemtern und die Ausführung von Handlungen, die das tägliche Opfer mit allen seinen Zubehören erforderte. Am schwierigsten war die Ausfüllung jener Stellen, die eine Kunstfertigkeit erheischten, wie die Zubereitung des so streng zu beobachtenden Räucherwerkes und der Schaubrode und die Leitung des Tempelgesanges. Es liegt nun nahe anzunehmen, dass die ihres Amtes entsetzten Priester nicht geneigt waren, ihren Nachfolgern, denen sie gezwungen den Platz räumen mussten, ihre Kunst zu lehren, wodurch im täglichen Opferdienste leicht eine Störung eintreten konnte. Diese unange-
1) Antiquit. ΧΧ, 8, 11 und ΧΧ, 9, 6.


nehme, fast peinliche Lage des neuorganisirten Tempelwesens widerspiegelt die Mischna und der Talmud in dem Berichte, dass die Familien Garmu und Abtinas und die Tempelbeamten Hogros ben Levi und ben Kamzar ihr Wissen Anderen nicht mittheilen wollten. Da beriefen die Weisen Künstler dieser Fächer aus Alexandrien, die wahrscheinlich in Ermanglung der hiezu erforderlichen Uebung es nicht verstanden, das Räucherwerk und die Schaubrode so herzustellen, wie die geübten Beth-Garmu und Beth-Abtinas und diese hatten die Genugthuung, dass sich die Weisen bequemen und herablassen mussten, sie nicht nur zurückzurufen, sondern, da sie im Bewusstsein ihrer grossen Fertigkeit und der Nothlage der Weisen zurückzukehren sich weigerten, ihr Gehalt übermässig zu erhöhen, worauf sie nachgaben. Die Mischna Schekalim V, 1, welche die Liste der von den Pharisäern gewählten Tempelbeamten enthält, nennt daher auch die zur Wiederaufnahme ihrer früheren Thatigkeit bewogenen Beth-Garmu, Beth-Abtinas und Hogros b. Levi, doch nicht den vierten ben Kamzar, der sich zur Rückkehr nicht bewegen liess, weil man vielleicht bei ihm als einem für den Opferdienst entbehrlichen Schreiber die angedeuteten Mittel nicht im selben Maasse in Anwendung brachte; deshalb wird seiner in der Tradition mit einem Fluche, dagegen der anderen drei mit Segen gedacht (siehe auch b. Arachin 10b).
Nebst dieser an sich interessanten Thatsache haben wir aus diesem Berichte der Mischna zugleich erfahren, dass im letzten Jahrzehnte des Tempelbestandes alexandrinische Priester nach Jerusalem eingewandert sind; wir können es demnach verstehen, dass R. Jose b. Chalafta, der von Zeitgenossen des Heiligthumes Ueberlieferungen über Vorgange in demselben besass und dem wir die Erhaltung zahlreicher Mittheilungen über die Geschichte der Juden, welche sonst aus dem Andenken gänzlich verlöscht wären, verdanken, die in der Mischna den babylonischen Priestern zur Last gelegten Unarten, dass sie nämlich den Sündenbock am Versöhnungstage zausten und Opferfeisch roh assen, den aus Alexandrien stammenden zuschreibt,1) wogegen sich diese verwahrten. Welchen von beiden auch der Vorwurf mit Recht gemacht wurde, soviel erhellt
1) Tos. Joma IV, 13, j. Joma VI, 43a אלכסנדרײם ‎אומרין‏ עד מתי אתם תולן‏ את הקלקלה בני


hieraus jedesfalls, dass es in Jerusalem Priester sowohl aus Babylonien, als auch aus Egypten gab, zu denen in der letzten Zeit noch neue hinzukamen. Von dem Regierungsantritte des Königs Herodes angefangen dürften dieselben ununterbrochen eingewandert sein und auch Tempelämter erlangt haben, und die späteren Berichterstatter über diese Verhältnisse konnten nur schwer zwischen den Ausländern, die höhere Tempelämter innegehabt hatten, unterscheiden, ebenso wie die Tradition über die den ausländischen Priestern gemachten Vorwürfe betreffs der Personen nicht mehr Sicheres wusste. Diese Unsicherheit betreffs des Ursprunges und der Heimat dieser Beamten zeigt sieh auch im Schwanken der Quellen über die Zugehörigkeit des von Herodes eingesetzten Hohenpriesters Ananel, den die Mischna (Para III, 5) einen Egypter, Josephus (Antiquit. XV, 2, 4; 3, 1) einen Babylonier nennt.1)

b) Die Sprache der Priester im Tempeldienste.

Die erlangte Kenntniss über die Einwanderung ausländischer Priester nach Jerusalem und deren Eintritt in den Kreis der eingeborenen zur Betheiligung am Opferdienste des Tempels regt dazu an, hier die schon so oft behandelte Frage über die im Heiligthume und bei dem Dienste desselben gebrauchte Sprache kurz zu beleuchten. Es ist selbstverständlich, dass sich diese nach der des Volkes richtete, dem auch die gewöhnlichen Priester angehörten, und wenn es demnach feststeht, dass in den letzten Jahrzehnten des staatlichen Lebens das Aramäische die Volkssprache war, so gilt dasselbe auch für den Tempel. Doch da es nicht unmöglich ist, dass im Heiligthume die Sprache der Bibel, das Hebräische, als heilige mit Absicht beibehalten wurde, so wollen wir die Frage unabhängig von der nach der Sprache des Volkes untersuchen, besonders weil sich hiebei eine beachtenswerthe Erscheinung wird wahrnehmen lassen. Josephus (Antiquit. III, 7, 2) erzählt: »Den...
1) Grätz III, Seite 198, Schürer II, Seite 167, Note 544; es ist jedoch möglich, dass dieses Schwanken die Folge des Umstandes ist, dass es einen hochstehenden Richter ‏חנן המצרי‎ gab (Kethuboth XIII, 1); vgl. Hoffmann, Die erste Mischna, Seite 22, Note 1. Vielleicht ist auch gar nicht Ananel gemeint.