Judentum – Feiertage – Elul-Gedanken

Rüste dich Israel Deinem Gott entgegen! Amos 4, 12.

Während des ganzen Monats Elul ertönt zur Vorbereitung für die kommenden heiligen Tage Schofarschall in unsern Gotteshäusern und mahnt uns zur inneren Einkehr, zur Reue und zur Rückkehr zu unserem himm­lischen Vater. Draussen ist es Herbst geworden. Die fahlen Blätter fallen von den Zweigen. Ohne Laubschmuck stehen die Bäume da, die noch vor kurzer Zeit so saft- und kraftvoll schienen, mit ihren Früchten und ihrem Schatten uns erfreuten und erquickten, und der Sturm zaust und zerrt an den dürren Ästen. Die Natur bietet uns das Bild der Vergänglichkeit. Eindringlicher als Menschenzungen es vermögen, ruft sie uns die Mahnung zu: „Es dorrt das Gras, es welkt die Blume.“ Auch der Mensch ist wie der Baum des Feldes. Auch der Mensch hat die Zeit seines Wachstums, seiner Blüte, seiner fortschreitenden Entwicklung; aber auch er geht ein, wenn seine Zeit gekommen ist. Es gibt wohl keinen denkenden Juden, der nicht die gleiche Mahnung aus dem Schofarschall heraus hört: Gezählt, gezählt sind deine Tage, kurz, vergänglich, flüchtig ist dein Leben. Wie lange du dich des Daseins erfreuen, wie lange du im Sonnenlicht wandeln wirst, du und die Deinen, das bestimmt in diesen heiligen Tagen der Allmächtige, der über dich Gericht hält.
Aber nicht nur die Kürze unseres Lebens veranlasst uns zu ernsten Überlegungen, sondern auch die Unruhe und Hast, in der wir es verbringen.
Im Buche Hiob lesen wir einen Satz, der uns zu denken gibt: ,,wie die Tage des Mietlings sind des Menschen Tage.“ Warum vergleicht Hiob das Leben des Menschen mit dem des Taglöhners? Weil dieser die Stunden zählt, bis der Feierabend kommt, weil er sich freut auf den Augenblick, der ihm Ruhe bringt, und in welchem seine Arbeit endigt. Er horcht auf den Schlag der Turmuhr und sehnt die Zeit herbei, in welcher ihm nach der Mühe und Plage des Tages Erholung und Erquickung winken. Geht es nicht ähnlich den meisten Menschen, die, unzufrieden mit ihrer augenblicklichen Lage, stets ein Ende des gegen­wärtigen Zustandes herbeiwünschen, weil sie von der Zukunft mehr Glück und Freude erwarten?
Und nun begreifen wir die ganze Tiefe des bibli­schen Ausspruchs. Da unser Leben so überaus kurz ist, so sollte man meinen, dass wir Menschen uns an die vergängliche Stunde anklammern sollten, dass es uns leid sein müsste um jedes Jahr, das verrinnt von unserm flüchtigen Dasein, dass wir jedem Augenblick, den wir auf Erden geniessen, des Dichters Wort zurufen sollten: „Verweile doch, du bist so schön.“ Aber das Gegen­teil ist der Fall, und diese menschliche Eigentümlichkeit ist es, die unser Los noch tragischer macht, als es ohnehin schon ist. Kurz ist das Leben, und doch sehnt der Mensch die einzelnen Phasen seines Daseins hinweg, immer unzufrieden mit der Gegenwart, immer begierig nach einer Zukunft, von der er schönere Tage erhofft. Schon der Knabe, dessen junges Leben von Spiel ausgefüllt ist, wünscht, dass diese sorglose Zeit, die schönste des Daseins, verschwinde, und er in die Schule eintreten dürfe. Der Schüler wünscht sehnlichst, dass er die Schule verlassen und ins schaffende Leben einziehen könne. Der Lehrling, der Angestellte wünschen sich die Selbständigkeit, und der selbständig Schaffende, der unter der Last und Plage des Lebens seufzt, wünscht die Zeit herbei, da er frei von aller Arbeit ausruhen kann. Hat er endlich — einer unter vielen — dieses Ziel erreicht, so kommen Krankheiten aller Art und mindern ihm den Genuss des Daseins, und es kommt der Tod und ruft ihn ab aus der Reihe der Lebenden. Fürwahr, nicht nur kurz ist unser Leben, wie die Tage des Mietlings verbringen wir unsere Tage.
Woher kommt wohl diese menschliche Eigentüm­lichkeit? „Fremdlinge sind wir auf Erden und — schattengleich zieht unser Leben dahin.“ Weil wir eine Seele in uns tragen, ein Gottesteil von oben, so fühlen wir uns auf Erden selten recht befriedigt. Weil unsere Seele aus dem Himmel stammt, halten wir in Unrast und Unruhe, ohne uns der Gegenwart zu freuen, immer Aus­schau nach einer Zeit, von der wir volle Befriedigung erwarten, die auf Erden doch nicht häufig zu finden ist. Die glücklichsten Stunden aber sind und bleiben auch in der Erinnerung für uns die Stunden der religiösen Weihe und Erhebung, die Stunden, in denen wir uns selbst bezwungen, in denen wir etwas Gutes und Edles gewirkt und geschaffen haben, etwas, woran unsere Seele Freude empfand!
Vielleicht haben diese Gedanken dem Midrasch vorgeschwebt, als er die Bemerkung hinzufügt: „Wäre es noch wie der Schatten eines Baumes oder einer Wand, aber unser Leben gleicht dem Schatten eines Vogels, der entfliegt und seinen Schatten mit sich trägt.“ Kurz ist unser Leben, es gleicht einem Schatten, der nichts Greifbares ist, einem Traum, der zerflattert. Machen wir unser Dasein zu etwas Wesenhaftem, gleichen wir dem Baum, der andern Früchte spendet, der Mauer, die andern Schutz und Schatten gibt. Nur nicht dem Vogel gleichen, der seinen Schatten mit sich trägt; nur nicht aus dem Leben scheiden, ohne in jene Welt das Bewusstsein mitzunehmen von der erfüllten Pflicht, von den Gottesgeboten, die wir geübt, von den Gebeten, die wir gesprochen haben; nur nicht aus dem Leben scheiden, ohne Gott und Menschen erfreut, ohne zum Nutzen und zum Segen für andere geworden zu sein, denn „ein nutzlos Leben ist ein früher Tod“.
Einstmals, so erzählen unsere Weisen im Talmud, war eine Zeit der Dürre im heiligen Lande eingetreten. Verschmachtet lagen die Felder da, die seit Wochen kein Regen erquickt hatte. Ein Jahr des Hungers drohte dem Volke. Da ordnete Rabbi Elieser Fasttage an. Das ganze Volk versammelte sich, und er sprach zu ihnen ergreifende Worte, um ihre Herzen zu rühren, damit sie durch gute Vorsätze und innige Gebete die Gnade und die Barmherzigkeit Gottes erlangten. Aber das Herz der Zuhörer blieb kalt und war nicht zu erweichen. Da sprach zu ihnen Rabbi Elieser: „Habt ihr euch eure Gräber schon gerüstet?“ Da ging ein Beben durch das Volk, herzbrechendes Schluchzen ertönte, das Volk betete voller Inbrunst, und Gott sandte den Regen, die dürstenden Fluren zu tränken.
Welch magischer Zauber lag in den Worten: „Habt ihr euch eure Gräber gerüstet“, dass sie imstande waren, harte Herzen weich  und  gefühlvoll zu machen?   Diese Worte erinnern, nach einer sinnvollen Erklärung, an eine traurige Periode aus der jüdischen Geschichte. Durch die von den Kundschaftern veranlasste Empörung hatten unsere Väter den Einzug in das heilige Land ver­scherzt. Das ganze damalige Geschlecht musste in der Wüste sterben. Nur die Kinder, von denen sie geglaubt, sie würden eine Beute der Feinde werden, durften in das gelobte Land kommen. Vierzig Jahre zog das jüdische Volk durch die Wüste. Am neunten Aw eines jeden Jahres, dem Tage der Versündigung, starb ein Teil des Volkes. Als Zeichen ihrer Bussfertigkeit musste sich während der Wüstenwanderung jeder, wie uns der Talmud erzählt, an diesem Tage selbst ein Grab schaufeln. Wenn dann am nächsten Morgen Schofarruf mächtig durch das Lager ertönte, standen die einen auf, frisch gestärkt zu neuem Leben, die andern erhoben sich nicht mehr. Sie schliefen den Schlaf, aus dem es auf Erden kein Erwachen gibt; und weinend und trauernd schaufelten die Angehörigen das Grab zu, das sich die Lebenden selbst bereitet.
Welch herzzerreissende Szenen müssen sich an einem solchen neunten Aw abgespielt haben! Da gruben nebeneinander zwei Brüder sich ein Grab, und wie einer dem andern in die treuen Augen blickte, dachten sie daran, dass sie morgen vielleicht einander nicht mehr wiedersehen und durch den Tod getrennt sein würden. Und mit welchen Gefühlen umfingen sich Gatte und Gattin bei dem Gedanken, dass sie vielleicht zum letztenmal beieinander weilten, und wie flössen ihre Tränen, wenn sie auf ihre noch unerzogenen Kinder blickten, die schon am nächsten Tage vater- oder mutterlos sein konnten, während sie der Leitung und Erziehung noch so sehr bedurften!    Begreifen  wir  nun,   dass  ein  Beben  durch das Volk ging, als es dieser traurigen Periode aus seiner Geschichte gedachte, die damals jedem Einzelnen weit besser bekannt und viel geläufiger war, als in unsern Tagen, dass es erschüttert wurde durch die Erwägung, dass, wenn nicht Gottes Gnade sich ihm zuwandte, Hunger, Elend und ein schrecklicher Tod jedem Einzelnen von den Bewohnern des Landes drohte?!
Uns allen gräbt die Zeit das Grab. Gar mancher weilte noch im vorigen Jahre in unserer Mitte, den nun der kühle Rasen deckt, und wenn wir in diesem Jahre den Schofarschall hören, so weiss niemand, ob er ihn auch im nächsten Jahre vernehmen wird.
Aber nicht nur die Zeit schaufelt uns einst das natür­liche Grab, in gewissem Sinne bereiten wir selbst uns das Grab dann, wenn wir nur sorgen für den Körper und die Seele darüber vergessen, wenn wir nur arbeiten und schaffen — und wie viele tun das — für das, was irdisch ist und den Tod nicht überdauert.
Dass wir nicht selbst uns das Grab rüsten sollen, diese Mahnung hören wir aus dem Schofarschall heraus. Wir sollen sorgen, dass, wie es in unsern Gebeten am Versöhnungstag heisst: unser Haus nicht werde unser Grab, dass, wie in den Häusern unserer Eltern, auch in unserem Hause die Thora ihre Stätte finde, welche unserem Streben und Wirken die Richtung geben und das Ziel bestimmen soll. Dann und nur dann bereiten wir uns nicht selbst das Grab, dann schaffen wir nicht für das, was stirbt, und was dem Tode anheimfällt, sondern für das, was lebt und was einst für uns sprechen wird am Throne des Allmächtigen.
Gar vieles hat ein jeder von uns in diesen heiligen Tagen von Gott zu erbitten. Möchte das neue Jahr ein Jahr des Lebens und der Gesundheit werden, in welchem der Allgütige die Wünsche unseres Herzens zum Guten
in Erfüllung gehen lasse. Wir aber wollen mit jedem Gebet, mit jedem Wunsche, den wir Gott vortragen, einen Vorsatz zum Guten verbinden. Wir flehen zu Gott, uns einzuschreiben in das Buch des Lebens, wir wollen das Gelöbnis hinzufügen, dass, wenn uns der Allmächtige begnadigt zu neuem Leben, wir uns selbst einschreiben in das Buch der Erfüllung unserer jüdischen und menschlichen Pflichten, in das Buch des wahren Lebens, das eine Vorbereitung sein soll, nicht für das Grab, sondern für ein höheres Dasein, in das Buch eines Lebens, dessen Wirksamkeit den Tod überdauert, eines Lebens, an dem Gott Wohlgefallen hat.