Gleichheit aller Menschen

Die Ethik des Judentums wird beherrscht vom Prinzip des Universalismus, d. h. sie kennt in ihren Forderungen und Vorschriften keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Was sie befiehlt, gilt schlechthin; die Scheidung der Menschen nach Abstammung und Glauben ist für sie bedeutungslos. Es hieße die jüdische Sittlichkeitslehre nicht nur herabwürdigen, sondern völlig verkennen, wollte man annehmen, sie lege den Geboten der Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe eine größere Verbindlichkeit bei, wo es sich um Juden untereinander handelt, als wo die Ansprüche Andersgläubiger Berücksichtigung verlangen.

Wie bei der sittlichen Verpflichtung, so macht das Judentum auch hinsichtlich der Eignung zur Sittlichkeit keinerlei Unterscheidung zwischen Menschen und Menschen. Der Mensch als solcher ist sowohl Objekt als Subjekt der Sittlichkeit. Alle Erdenkinder sind zugleich Gotteskinder, fähig und berufen, das Gute zu verwirklichen und seine Herrschaft in der Welt immer mehr zu befestigen. Die sittliche Anlage ist jedem Menschen angeboren, es liegt ihm ob, sie im Kampf mit seinen Trieben und Begierden zu immer größerer Macht auszubilden.

Der grandiose Ausdruck dieser Anschauung vom sittlichen Beruf aller Menschen ist die Messiaslehre des Judentums geworden, jene Zukunftshoffnung, die auf ihrer höchsten Stufe unter dem Bilde des Gottesreiches auf Erden die Versittlichung der Völker und Nationen als Endziel der Menschheitsentwicklung schaut.

Der Gedanke der Auserwählung Israels, der auf den ersten Blick der Lehre von der sittlichen Gleichwertung aller Menschen zu widerstreiten scheint, ordnet sich ihr bei näherer Betrachtung vielmehr unter: Israel hat — das ist der tiefste Sinn seiner Begnadung durch Gott — die Aufgabe, beispielgebend auf die übrige Menschheit einzuwirken; es soll sein ethisches Gut nicht für sich behalten, sondern allen Völkern mitteilen, auf daß sie aufsteigen zu immer höherer Gesittung.

Das Judentum ist so weit davon entfernt, die sittliche Würdigkeit von der Übung seiner zeremoniellen Gebote abhängig zu machen, daß es den Frommen, d. h. den Sittlich-Guten aller Völker Anteil an der ewigen Seligkeit verheißt. Aus diesem Grunde hat es auch auf eine großzügige Bekehrungspropaganda verzichtet, wiewohl es dem Proselyten, der freiwillig und ohne Nebenabsichten kommt, die Aufnahme nicht verweigert. Das Fehlen der eigentlichen Mission im Judentum der letzten zwei Jahrtausende bedeutet kein mangelndes Vertrauen in die Werbekraft des eignen Glaubens, sondern entspricht der Überzeugung, daß die Erfüllung ethischer Forderungen auch außerhalb seiner Kreise möglich ist.

 

Samson Hochfeld

 

Gleichheit aller Menschen

 Bibel

1: Und es wird geschehen in der Späte der Tage, da wird aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Ewigen hoch über alle Berge und erhaben über alle Hügel — und strömen werden zu ihm alle Völker, und gehn werden viele Völker und sprechen: Auf, laßt uns hinaufziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns belehre über seine Wege und wir gehen in seinen Pfaden, denn von Zion geht die Lehre aus und des Ewigen Wort von Jerusalem. — Jesaja 2, 2—3 u. Micha 4, 1—2.

2: Nicht spreche der Fremde, der sich dem Ewigen anschließt: Absondern wird mich der Ewige von seinem Volke … — Jesaja 56, 3.

3: Und die Fremden, die sich dem Ewigen anschließen, ihm zu dienen und den Namen des Ewigen zu lieben, auf daß sie seine Diener seien, ein jeder, der den Shabbath wahrt, ihn nicht zu entweihen, und alle, die an meinem Bunde festhalten — sie bringe ich zu meinem heiligen Berge und erfreue sie in meinem Bethause; ihre Ganzopfer und ihre Schlachtopfer sollen wohlgefällig sein auf meinem Altar, denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker. Jesaja 56, 6—7.

4: Sie [die heidnischen Völker] werden eure Brüder aus allen Völkern als eine Gabe dem Ewigen bringen zu Roß, auf Wagen und in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren auf meinen heiligen Berg in Jerusalem — spricht der Ewige, so wie die Kinder Israel die Opfergabe in reinem Gefäße in das Haus des Ewigen bringen. Und auch von ihnen werde ich zu Priestern und Leviten nehmen, spricht der Ewige. — Jesaja 66, 20—21.

5: In dieser Zeit wird man Jerusalem den Thron des Ewigen nennen, versammeln werden sich dahin alle Völker nach Jerusalem um des Namens des Ewigen willen, und nicht werden sie fürder der Verstocktheit ihres bösen Herzens folgen. — Jeremia 3, 17.

6: Dann werde ich den Völkern reine Lippen schaffen, daß sie alle den Namen des Ewigen anrufen und ihm einmütig dienen. — Zefanja 3, 9,

 

Palaestinische Apokryphen

 

Welches Geschlecht steht in Ehren? Das Geschlecht des Menschen. Welches Geschlecht steht in Ehren? Die, die den Herrn fürchten. Welches Geschlecht steht nicht in Ehren? Das Geschlecht des Menschen. Welches Geschlecht steht nicht in Ehren? Die, die Gebote übertreten. — Sirach 10, 19.

 

Juedisch-hellenistische Literatur

 

1: Und dann wird er ein Königreich errichten für alle Zeiten über alle Menschen, er, der einst das heilige Gesetz den Frommen gab, denen er verhieß, die ganze Erde zu erschließen und die Welt und die Tore der Seligen und alle Freuden und unsterblichen, ewigen Geist und ein frohes Herz. Von der ganzen Erde werden sie Weihrauch und Gaben zu dem Hause des großen Gottes bringen, und es wird kein andres Haus bei den Menschen sein auch der Nachwelt zur Kunde, als das, welches Gott den gläubigen Männern zu verehren gegeben hat. Denn den Tempel des großen Gottes werden es die Sterblichen nennen. — Sibyllinen III, 767—776.

2: Gott heißt die Tugend willkommen; auch wenn sie aus niedrer Abkunft sprießt. — Philo: De praemiis et poenis (de execrationibus), (M. II, 433, C.-W. 152).

3: Wenn es ein solches Volk [von Tugendhaften] gäbe, so würde es über die übrigen Völker hervorragen wie das Haupt über den Körper, nicht sowohl um sich auszuzeichnen, als vielmehr um den übrigen, die es bemerken, zu nützen. — Philo: De praemiis et poenis (M. II, 426, C.-W. 114).

4: Von solchem Geiste sagt der Prophet, daß Gott „in ihm wandle“ wie in einem Königspalast — denn wirklich ist Gottes Palast und Wohnhaus der Geist des Weisen —; „sein Gott“ heißt eigentlich der Gott aller Wesen, und er wiederum „das auserwählte Volk“, nicht das Volk einzelner Herrscher, sondern das des einen wahrhaften Herrschers, das heilige (Volk) des heiligen (Gottes). — Philo: De praemiis et poenis (M. II, 428, C.-W. 123).

5: Jeder Mensch ist seinem Geiste nach der göttlichen Vernunft verwandt, da er ein Abbild, ein Teilchen, ein Abglanz ihres seligen Wesens ist. — Philo: De opificio mundi (M. I, 35, C.-W. 146).

6: Was haben wir also mit denen zu teilen, die auf den Adel, als wäre er nur ihr Eigentum, Anspruch erheben, während er ihnen (in Wahrheit) etwas Fremdes ist? Solche können, abgesehen von dem Gesagten, mit Recht als Feinde sowohl des jüdischen Volkes als auch aller Menschen allenthalben angesehen werden: des jüdischen Volkes, weil sie ihren Stammesgenossen die Freiheit gewähren wollen, ein vernünftiges und sittlich gekräftigtes Leben zu verachten im Vertrauen auf das Verdienst der Vorfahren; der andern Menschen, weil diese auch dann, wenn sie den Gipfel der Tüchtigkeit erreichen, keinen Nutzen davon haben sollen, weil sie nicht tadelfreie Eltern und Großeltern gehabt hätten. — Philo: De virtutibus (de nobilitate) (M. II, 444, C.-W. 226).

 

Talmudisches Schrifttum

 

1: Mißachte keinen Menschen. — Sprüche d. Väter IV, 3.

2: Die Frommen der Völker der Welt haben Teil am Jenseits. — Tossefta Sanhedrin 13, 2.

3: Rabbi Meir lehrte immer: Ein Heide, der sich mit der Thora befaßt, ist dem Hohenpriester gleichzuachten. Denn es heißt (3 M 18, 5): Wahret meine Satzungen und meine Rechte, die der Mensch üben soll, daß er in ihnen lebe. Es wird da nicht gesagt, Priester, Leviten oder Israeliten, sondern der Mensch. — Aboda sara 3 a.

4: Der Heilige, gelobt sei er, verwirft kein Geschöpf. Die Tore sind geöffnet, und wer eintreten will, mag kommen und eintreten. Denn so heißt es [Jes. 26, 2]: „Öffnet die Tore, daß eintrete ein gerechtes Volk, das die Treue wahrt.“ Es heißt da nicht: Priester, Leviten oder Israeliten, sondern: eintrete ein gerechtes Volk. — Sifra Abschnitt Achare mot; Schemot rabba c. 17.

5: Himmel und Erde rufe ich zu Zeugen an, es sei Nichtjude oder Jude, Mann oder Weib, Knecht oder Magd, nach dem Wirken jedes Menschen ruht der heilige Geist auf ihm. — Jalkut § 42.

6: „Sie lagerten in der Wüste“, die Thora ward im Freilande gegeben, in aller Öffentlichkeit, an einer Stätte, die keinem gehört. Wäre sie nämlich im Lande Israel gegeben worden, so hätte das den heidnischen Völkern gesagt, daß sie keinen Anteil daran haben; darum ward sie im Freiland gegeben, in aller Öffentlichkeit, an einer Stätte, die keinem gehört, und wer sie annehmen will, komme und nehme sie …. R. Jose meint, es heißt ja (Jesaja 45, 19), „nicht im geheimen habe ich gesprochen, nicht an einer Stätte der Finsternis“ usw.; als ich zuerst sie gab, gab ich sie nicht im geheimen, nicht an einer Stätte der Finsternis, nicht an einer Stätte der Dunkelheit, auch sprach ich nicht zu den Nachkommen Jakobs „euch allein gebe ich sie“. — Mechilta zu 2. B. Mos. 19, 2.

7: „Gott liebt die Gerechten“ (Ps. 146, 8); warum liebt er die Gerechten? Weil ihre Tugend nichts Ererbtes ist. . . . Wollte ein Mensch ein Levite oder ein Kohen sein, so kann er es nicht, wenn sein Vater kein Levite oder Kohen war. Will aber jemand ein Gerechter werden, so kann er, selbst wenn er ein Heide ist, ein Gerechter werden; denn die Gerechten kommen nicht von einem bestimmten Stamme her, sondern sie haben durch sich selbst diesen Vorzug erworben; deshalb heißt es: Gott liebt die Gerechten. — Midrasch zu Psalm 146; Bamidbar rabba c. 8.

8: Ob Israelit oder Heide — wer eine fromme Tat vollbracht hat, Gott wird sie ihm lohnen. — Tanna di be Elijahu c. 13.

9: „Deine Priester kleiden sich in Heil“ (Ps. 132, 9). Damit sind auch die frommen Heiden gemeint, die ein priesterliches Leben führen. —  Jalkut zu Jesaia § 429.

10: Rabbi Simon b. Lakisch lehrt: Der Fremde, der aus innrer Überzeugung die Thora annimmt, ist höher zu bewerten als jene Scharen der Israeliten, die am Berge Sinai standen und die Thora annahmen, als sie die Donner vernahmen und die Blitze sahen. — Tanchuma Abschn. Lech lecha.

11: Den Priestern gleich sind die frommen Heiden, die Gott dienen. —  Otijjot di Rabbi Akiba § 7.

 

 

Mittelalter

 

1: Alle Israeliten haben Anteil an dem ewigen Sein und ebenso die Frommen der andern Völker. — Maimonides: Hilchot teschuba (Rückkehr zu Gott) III, 5.

2: Zu deiner Frage hinsichtlich der Völker: Wisse, daß Gott das Herz fordert, und daß alles von der Gesinnung abhängt. Darum haben unsre alten Weisen gesagt: Die Frommen der Völker der Welt haben teil am Jenseits, wenn sie sich angeeignet haben, was sie sich anzueignen vermochten von der Erkenntnis des Schöpfers, und ihre Seele veredelt haben durch gute Eigenschaften.  Und es ist kein Zweifel, daß jeder, der seine Seele veredelt hat durch Lauterkeit der Eigenschaften und durch Lauterkeit der Erkenntnis in der Auffassung des Schöpfers, daß der sicher teil hat am Jenseits. Darum haben unsre Weisen gesagt, ein Heide, der sich mit der Thora befaßt, ist dem Hohenpriester gleichzuachten. — Maimonides: Briefe, Ed. Lichtenberg, II, 23 d ff.

3: Solche, die sich zum Judentum bekehren, heißen Israeliten oder Juden, wenn sie auch von andern Nationen stammen. — Joseph Albo: Ikkarim (Grundlehren) IV 42.

 

Neueres juedisches Schrifttum

 

1: Nach den Begriffen des wahren Judentums sind alle Bewohner der Erde zur Glückseligkeit berufen. — Moses Mendelssohn: Jerusalem, 1783, S. 170.

2: Gerade das Judentum ist’s ja, das nicht spricht: außer mir kein Heil! Gerade das wegen seines vermeintlichen Partikularismus verschrieene Judentum lehrt ja: die Wackeren aller Völker wandern dem seligsten Ziele entgegen! Gerade die wegen ihres vermeintlichen Partikularismus verschrieenen Rabbinen weisen auf die Verkündigung des herrlichen Menschheitsmorgens im Munde der Propheten und Sänger hin, wie da nicht Priester, Leviten und Israel genannt, wie da die Gerechten, Wackeren und Braven aller Völker von dem herrlichsten Segen umschlossen seien. — S. R. Hirsch: Ges. Sehr. I, 1902, S. 155.

3: Unser Lied [Ps.8] meint, daß nur mit den Zorere ha-schem [Feinden Gottes] auch Aujew [Feinde] und Mitnakem [Rachsüchtige] aus der Menschengesellschaft schwinden werden, daß erst mit allverbreiteter Einkehr des rechten Gottesbewußtseins auch das rechte Menschenbewußtsein in jedem Menschengemüte und jedem Menschengeiste zur Herrschaft gelangen werde, jenes Bewußtsein von dem einen einzigen Gott und Vater der Menschheit, das zugleich in dem letzten gesunkensten Menschen noch die unverlierbare Göttlichkeit und in ihm das Gotteskind, den Bruder erkennen, achten und lieben lehrt und die Menschenfeindschaft tilgt …. — S. R. Hirsch: Ges. Schr. I, 1902, S. 394.

4: Wie groß immer der Gegensatz zwischen Menschen ist, die Gottesebenbildlichkeit ist ihnen allen charakteristisch und gemeinsam; sie ist es, die den Menschen zum Menschen macht. Nicht bloß dieser oder jener kann das Ebenbild Gottes sein, sondern der Mensch schlechthin ist es; denn er ist es von Natur aus. Ein jeder Mensch ist, wie die Heilige Schrift die Gottesebenbildlichkeit auch umschreibt, „das Kind Gottes“. Er ist es durch sein Menschentum. Der edelste Adel, der einem Menschen gegeben sein kann, ist allen gegeben. Ihn einem absprechen, hieße ihn allen rauben. Über jeglicher Abgrenzung von Rassen und Völkern, von Kasten und Klassen, von Herrschenden und Dienenden steht der Begriff „Mensch“. Wer immer Menschenantlitz trägt, ist befähigt und berufen, eine Offenbarung der wahren Menschheit zu sein. — Leo Baeck: Das Wesen d. Judentums, 1905, S. 93/94.

5: Die Anerkennung, die wir dem Nebenmenschen schulden, ist demnach unbedingt und unbeschränkt; denn sie beruht ausschließlich darauf, daß er ein Mensch ist. Wir sollen ihn ehren, nicht weil er vielleicht dieses oder jenes leistet und gilt, sondern weil er ein Mensch ist. — Leo Baeck: Das Wesen d. Judentums, 1905, S. 113.

6: Da der einzige Gott den Gott der Sittlichkeit bedeutet, so ist er nicht in erster Linie für das Individuum da, noch auch für die Familie, den Stamm und das Volk, sondern für die gesamte Menschheit. — Hermann Cohen: Religiöse Postulate, Vortrag, 1907, S. 14.

7: Mit den Juden müssen also alle Völker ohne jede Ausnahme von den entferntesten Inseln her gen Jerusalem ziehn. Und es darf kein Unterschied bleiben zwischen den Kindern Israel und den Söhnen der Fremde. Denn auch sie werden Priester und Leviten werden. Wir stehn vor der Zeit, da der „neue Bund“ geschlossen wird; denn „die Thora wird ins Herz geschrieben“ sein. Wir stehn vor der Zeit, da man sprechen wird: „Du bist unser Vater; Abraham hat uns nicht gekannt.“ — Hermann Cohen: Religiöse Postulate, 1907, S. 14/15.

8: Der Satz: „Gott hat Israel auserwählt“ besagt demzufolge, daß der, der ihn geprägt, und wer ihn aufnimmt und als sein Bekenntnis wiederholt, an einen Gott glaubt, der der ganzen Menschheit den Weg zu sich bahnen will, der allen Menschen die Gotteskindschaft zu eigen gegeben und darum jemand zum Träger seiner Botschaft an die Menschheit bestimmt hat. — M. Dienemann: Israels Erwählung. 1914, S. 4.

9: Die Menschheit insgesamt aber ist geschaffen im Ebenbilde Gottes, nicht bloß der Stammvater dieses oder jenes Volkes, sondern der Stammvater aller, der auch die ganze Menschheit aus sich hervorgehen läßt als eine gleichberechtigte. — Abraham Geiger: Das Judentum u. s. Geschichte, I, 1865, S. 42.

10: Das Judentum hat die Schranken des engen Volkstums gebrochen; nicht die Geburt macht den Juden, sondern die Überzeugung, die Anerkennung des Glaubens, und auch derjenige, welcher nicht von jüdischen Eltern erzeugt ist, aber den wahren Glauben in sich aufnimmt, wird ein Vollberechtigter. Das Proselytentum in seinem edleren Sinne, wonach von den bisher Fernstehenden die Überzeugung aufgenommen wird, weil sie gleichfalls sich mit ihr einverstanden erklären, dieses Proselytentum ist ein Produkt des Judentums. — Abraham Geiger: Das Judentum u. s. Geschichte, I, 1865, S. 88/89.

11: Aber Gott ist der Vater aller Menschen, zu dem jeder in dem Verhältnis eines Kindes steht, und zu dem jeder, zu welcher Zeit immer, den Weg findet, wenn er ihn aufrichtig sucht. Das sind die Anschauungen, zu deren Bekundung der Neujahrstag durch seinen universalistischen Charakter den natürlichen Anlaß bietet, und die auch den Inhalt der Messiashoffnung des Judentums ausmachen. — M. Güdemann: Das Judentum i. s. Grundzügen, 1902, S. 103/104.

12: Das Judentum anerkennt, wie bereits dargetan wurde, daß es auch außerhalb seiner solche Fromme gibt, und es gesteht ihnen die ewige Seligkeit zu. Einen höhern Preis hat es selbst für seine Bekenner nicht zu vergeben. Ein Himmelreich, in das nur Juden Einlaß finden, oder in welches der Eintritt nur auf ein jüdisches Symbolum gewährt wird, kennt das Judentum nicht. — M. Güdemann: Das Judentum in s. Grundzügen, 1902, S. 105.

13: Aber das Judentum anerkennt das Verdienst eines jeden, der an der Heiligung Gottes auf Erden mitwirkt. Daß sie endlich verwirklicht und „die Welt zu einem Gottesreich geordnet werde“, wie es in dem täglichen Schlußgebete heißt, ist die Hoffnung des Judentums für die Zukunft der Menschheit. M. Güdemann: Das Judentum in s. Grundzügen, 1902, S. 105.

14: Wir Juden haben eine andere Vorstellung von dem Gott der Liebe. Weil wir an einen Gott der Liebe glauben, der alle Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen hat, darum glauben wir an einen Fortschritt, der sich unaufhaltsam in der Geschichte der Menschheit vollzieht, und darum glauben wir an den Sieg des Versöhnungsgedankens im Leben der Völker. Jedes Kulturvolk als der Träger einer Idee steht im Dienste der ganzen Menschheit. Sein Ideal ausgestaltend, die ihm übertragene Mission erfüllend, bereichert und erweitert es den Besitz der gesamten Menschheit, trägt es dazu bei, die Menschheit ihrer letzten Bestimmung entgegenzuführen. Es kommt der Tag, wo diese Erkenntnis zu siegreichem Durchbruch gelangen und der Bruderbund der ganzen Menschheit erstehen wird. Dann wird der Versöhnungsgedanke des Judentums, die wahre Versöhnungsidee den Sieg errungen haben. Nicht der Messias erlöst die Menschheit von der Sünde, sondern wenn die Menschheit durch eigene Kraft von der Macht der Sünde sich befreit hat und zu wahrer sittlicher Vollendung herangereift ist, dann ist der Messias für sie gekommen. — Jakob Guttmann: Die Idee der Versöhnung im Judent. Heft „Vom Judentum“, 1909, S. 14/15.

15: Anderseits bestreiten wir, daß irgendein Mensch hier auf Erden lebt, dem kraft seiner Hautfarbe, kraft seiner Gesichtsbildung, kraft seiner Abstammung die Fähigkeit verlorengegangen wäre, sich sittlich zu bewerten und seiner sittlichen Würde als Mensch treu zu bleiben. Daher stehen wir fest gegen allen Rassenhaß. — Emil G. Hirsch: Die Beiträge d. Judentums z. lib. Religion, 1911, S. 466.

16: Vor allem aber hat in Israel die Moral zuerst die nationalen Schranken niedergerissen, alle Menschen als Kinder Gottes bezeichnet und im Geiste eine ferne Zukunft geschaut, in welcher alle Menschen einmütig Gott dienen werden in Reinheit und Heiligkeit, in Gerechtigkeit und Liebe. — Max Joseph: Zur Sittenlehre d.  Judentums, 1902, S. 18.

17: Durch diesen Bund Gottes mit Noah und seinen Nachkommen für alle Geschlechter wird die Religion als die universale Grundlage menschlicher Gesittung dargestellt. Damit ist aber von vornherein der Grundgedanke ausgesprochen, daß das Judentum auf der breiten Grundlage einer Menschheitsreligion stehen und diese in voller Reinheit hergestellt sehen will. Wie die biblische Geschichte mit dem Menschengeschlechte beginnt, so findet die Geschichte Israels oder das Judentum das Endziel in dem die ganze Menschheit umschließenden Gottesbunde. — Kaufmann Kohler: Grundr. e.  syst. Theol. d. Judentums, 1910, S. 37/38.

18: Nicht am Roten Meer, am Sinai erst wurde Israel erlöst und mit Israel die Menschheit, lehren die Rabbinen an vielen Stellen, u. a. in der Allegorie, daß Gott Moses befohlen habe, das Gesetz in allen 70 Sprachen aufzuschreiben, damit alle Völker es empfangen können. Vgl. dazu die Stelle in Mechilta Jithro P. Bachodesch. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums I, 1899, S. 25.

19: Nach ihrem [der ältesten Ethik des Judentums] wesentlichen Gehalt aber, in ihren Hauptgedanken über den Grund und das Ziel aller Sittlichkeit ist sie nicht eine nationale, sondern eine universale Sittenlehre; das heißt, die sittliche Erkenntnis ist nicht für dieses Volk allein, sondern für alle Welt geschaffen; die Ideale einer bestimmten Lebensführung werden nicht bloß den eignen Angehörigen verkündet, in deren Mitte sie ausgebildet werden, sondern der ganzen Menscheit, deren Vereinigung im Erfassen und Erfüllen dieser Ideale den Inhalt der wichtigsten Gebete, die nie gestillte Sehnsucht und die nie verzagende Hoffnung aller Edlen ausmacht. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899,1, S. 144.

20: Zum Aufbau der sittlichen Weltordnung, zur geistigen Gestaltung der Ideenwelt und ihrer Verwirklichung im realen Leben ist die ganze Menschheit berufen. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, I, 1899, S. 149.

21: Was uns aber durch die Propheten „geoffenbart“, ist einfach und schlicht die Aufgabe: Gott lieben und in seinen Wegen wandeln; und diese Aufgabe ist allen Völkern gestellt. — H. Steinthal: Über Juden u. Judentum, 1906, S. 14.

22: Das Judentum, als religiöse Gemeinschaft oder religiöses System, hat nie allein seligmachende Prätensionen gehegt; es verbürgt kein Seelenheil durch die Zugehörigkeit zu ihm und versagt es niemandem, der nicht als Jude geboren wurde. Jeder, — so lautet die talmudische Lehre (Megilla 13 a), — der den Götzendienst verwirft, ist ein Jehudi, und nur die sittliche Vervollkommnung verschafft den Menschen das ewige Heil. — Ludwig Venetianer: Jüdisches im Christentum, 1913, S. 27/28.

23: Die Grundvoraussetzung der mosaischen Lehre, der Glaube an einen einzigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, mußte den Gedanken an die Gotteskindschaft aller Menschen nahelegen und demnach die Verpflichtung zur brüderlichen Gesinnung gegen alle Menschenkinder hervorrufen. Denn im Mosaismus quillt das Sittengesetz aus dem Glauben an den einig-einzigen, heiligen Gott, der die Menschen zu seiner Nacheiferung berufen. Wie Gott selbst, so mußte darum auch sein Sittengebot alle seine Ebenbilder in gleicher Weise umfassen. — Begründung der öffentlichen Erklärung über die interkonfessionelle Stellung des Judentums. (Abgedruckt in: Verhandlungen u. Beschlüsse der Rabbiner-Versammlung i. Berlin am 4. u. 5. Juni 1884, S. 87.)