Judentum – Rosch Haschana

Gott ist mein Licht und meine Hilfe, Vor wem sollte ich mich fürchten. Gott ist meines Lebens Wehr, Vor wem sollte mir bangen.

Psalmen 27, 1.

Mit den Worten des Psalmes, den wir in diesen heiligen Tagen alltäglich beten sollen, will ich sie er­öffnen, diese einzigartige Festesstunde, die jedes Menschen­herz ergreift, weil sie an der Grenze zweier Jahre ge­legen ist: „Gott ist mein Licht und meine Hilfe, vor wem sollte ich mich fürchten. Gott ist meines Lebens Wehr, vor wem sollte mir bangen.“

Unsere Weisen erzählen im Talmud übertreibend von einer Stadt, die so gross gewesen sein soll, dass, während auf der einen Seite schon die Feinde eindrangen, raubend, mordend, plündernd, auf der andern Seite noch Feste gefeiert und Hochzeiten abgehalten wurden. Ist das nicht ein Bild des Lebens? Ist nicht das vergangene Jahr mit seinen verschiedenartigen Erlebnissen, wenn wir es zurückschauend überblicken, dieser Stadt ver­gleichbar? Freude hat es dem einen, Leid dem andern gebracht, Glück zog bei dem einen, Trauer bei dem andern   ein.     Die  Wünsche   der   einen   wurden  erfüllt, die Hoffnungen der andern zerstört. So überschreiten die einen mit stolzem Herzen und freudig bewegt, die andern tief bekümmert und gebeugten Hauptes die Schwelle des neuen Jahres.

Auch mir hat das vergangene Jahr manche sorgen­volle Stunden gebracht. Mehr als die Hälfte des Jahres war ich an das Krankenbett gefesselt und habe kaum ge­dacht, dass ich in diesem Hause, über dem der Name Gottes genannt wird, noch einmal würde zu meiner lieben Gemeinde sprechen können. Der Allgütige hat mir geholfen und die Macht der schweren Krankheit ge­brochen. Nun ist es mir heute ein Herzensbedürfnis, der ganzen Gemeinde, den Vorstehern und allen Mit­gliedern, herzlichst zu danken für die liebevolle Nach­sicht, die sie mir gegenüber geübt haben. Wie klingt das Wort des Psalmisten wieder in jedem fühlenden Herzen „Wenn meine Kraft dahin­schwindet, verlass mich nicht“. Dieser Wunsch wurde mir gegenüber in schönster Weise erfüllt, und ich danke von Herzensgrund allen Männern und Frauen, die mir so viele liebevolle Teilnahme während meiner Krank­heit bezeugt haben. Es ist für mich ein erhebendes Bewusstsein, dass ich nach beinahe vierzigjähriger Wirk­samkeit so viel Liebe geerntet habe. Möge Gott jeden Einzelnen segnen für die Treue, die er mir erwiesen, und mein Gebet erhören, meine schwachen Kräfte auch fernerhin der Gemeinde widmen zu können.

Und nun stehen wir heute angstvoll und beklommen vor der Pforte der Zukunft. Was wird sie uns bringen? Zu König Salomo, von dem erzählt wird, dass er auch über die Dämonen, die unsichtbaren Geister, herrschte, wurde einst der Dämon Aschmedaj gerufen. Als man an  einem  Hochzeitszug vorbei kam,   der mit  Cymbeln und Pauken, mit Reigen und Schalmeien fröhlich dahinzog, fing der Dämon bitterlich zu weinen an. Dann führte sie der Weg an einem Wahrsager vorüber, der auf einem Stein sitzend für Geld die Zukunft enthüllte, da lachte der Dämon, und er konnte sich gar vor Lachen nicht fassen, als sie einen Mann sahen, der sich auf dem Markte ein Paar Schuhe erhandelte, die aber, wie er verlangte, so stark sein müssten, dass sie sieben Jahre ganz blieben. Da fragte ihn der König: „Warum hast du geweint, warum hast du gelacht?“ Und der Dämon antwortete: „Als ich das junge Paar so fröhlich dahinziehen sah, musste ich weinen, denn ihr Glück wird nicht lange dauern. Dort, wo jetzt die Schalmeien klingen, werden bald Klagelieder erschallen, dort, wo jetzt der Jubel tönt, werden bittere Tränen fliessen. Und sollte ich über den Wahrsager nicht lachen, der die Zukunft enthüllt, und der nicht einmal die Gegenwart kennt, denn unter dem Stein, auf dem er sitzt, liegt ein Schatz verborgen, von dem er keine Ahnung hat. Und wie sollte ich nicht lachen über den Mann, der sich Schuhe bestellt für sieben Jahre, da ich sein Schicksal kenne und weiss, dass er nicht sieben Wochen mehr zu leben hat!“

Ist dieses Wort nicht tief bedeutsam für uns Alle? Wir sorgen für Jahre und Jahrzehnte hinaus und wissen doch nicht, ob wir sie erleben werden, wir weinen dort, wo schon die Freude winkt, und wir jubeln, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringen wird.                        .

Geht es uns nicht allen wie jenem König, der beim üppigen Gastmahl sass, und plötzlich erschien an weisser Wand eine Hand, die mit feuriger Schrift Worte schrieb, und „schrieb und schwand“. Ach, wir sehen die Schicksalshand nicht und sehen nicht die Schrift, und doch wissen wir, wie es in unserm Gebete steht: „an diesem Tage sitzt Gott auf seinem Richterthron, und vor Ihm ist aufgeschlagen das Buch des Lebens und das Buch des Todes.“ Wissen wir, ob auch wir werden eingeschrieben werden in das Buch des Lebens, in das Buch der Gesundheit, in das Buch des Glückes?

Fühlen wir nicht heute wie jener Schiffer, der auf leichtgezimmertem Fahrzeug auf dem Meere vom Sturm überrascht wird? Es brausen die Wogen und branden die Wellen, und die Fluten drohen, das Schiff zu verschlingen. Dichter Nebel verhüllt alle Aussicht, und der Schiffer kennt sich nicht mehr aus. Er weiss, Sandbänke drohen zur Rechten, ein Felsenriff dräut zur Linken. Welchen Weg soll er steuern? Da strahlt vor ihm ein helles Licht auf. Es sind die Lichtkegel, die der Leuchtturm wirft, und nun findet er sich zurecht. Nun weiss er den Weg, und jetzt kann er mit sicherer Hand in den schützenden Hafen steuern. — So ergeht es auch uns. Was die Zukunft bringt, ist mit dichtem Nebel verhüllt. Da leuchtet vor uns der Glaube an Gott als der rettende Leuchtturm auf. „Gott ist mein Licht und meine Hilfe, Gott ist meines Lebens Wehr!“ So wollen wir mit dem Psalmisten sprechen, und ohne Furcht und in festem Vertrauen auf die göttliche Waltung wollen wir einziehen in das neue Jahr. Wir sind schwache Menschen; an den starken Gott wollen wir uns anlehnen, wie der Psalmist uns lehrt: „wirf auf Gott deine Sorgen, Er wird sie dir abnehmen.“ Wohl wird Er nicht alle deine Wünsche erfüllen, nicht alle deine Gebete erhören. Aber gewöhne dich daran, auf Gott zu bauen; gewöhne dich zu denken: „auch dieses zum Guten.“

Aber können wir alle sprechen: „Gott ist mein Licht und meine Hilfe, Gott ist meines Lebens Wehr?“ Kann der sprechen, „Gott ist mein Licht,“ der an Gott nicht glaubt,  der von  Gott nichts wissen will,  den sein Weg nicht ins Gotteshaus führt? Kann der sprechen, „Gott ist meine Hilfe,“ der da sagt, „meine Kraft und mein Verstand haben mich reich gemacht,“ der da spricht, „ich kenne keinen Gott, wer ist der Gott, auf dessen Stimme ich hören soll?“ Kann der sprechen, „Gott ist meines Lebens Wehr,“ der nur dem Mammon dient und dieses Leben auffasst als einen Ort des Vergnügens?

Diese Frage ist unabwendbar und unabweisbar. Sie lehrt uns, wie wir die heilige Festzeit richtig auffassen müssen, als Tage heiliger Berufung, an denen wir uns unseres eigentlichen Berufes, unserer wahren Bestimmung und unseres höheren Lebenszweckes wieder bewusst werden wollen. Du kommst hierher, um Gott deine Wünsche vorzutragen. Nicht auf diese kommt es an, sondern auf Gottes Willen, nicht das, was du willst, ist die Hauptsache, sondern das, was du sollst. Morgen ergeht an uns alle des Schofars Schall; es ist der Ruf Gottes aus den Höhen, der Ruf des Hirten an seine Herde. Kehret um, ihr abtrünnigen Kinder! Kehret um zu eurem heiligen Vater! Das ist der Sinn und die Bedeutung der heiligen Festzeit.

Noch vieles hätte ich zu sagen, doch will ich mich beschränken auf ein einziges Wort, das wir wie ein Motto in das neue Jahr hinübernehmen sollen. Von unserem Stammvater Jakob wird erzählt: „und Jakob kam ganz nach der, Stadt Sichem im Lande Kanaan.“ Was bedeutet dieses Wort „ganz“? Im Midrasch wird es uns erklärt: Er kam „ganz mit seiner Lehre, ganz mit seinem Vermögen, ganz mit seinen Kindern.“ Wenn doch dieses Wort auch von uns gelten möchte!

Er kam ganz mit seiner Lehre. Es wird von einem Naturforscher erzählt, der im Mittelalter zum Tode durch das Feuer verurteilt wurde, weil er Gott geleugnet habe. Als er den Scheiterhaufen besteigen sollte, griff er einen Strohhalm auf und zeigte ihn allem Volk und sprach: „Und wenn ich Gott leugnen wollte, dieser Strohhalm würde sein Dasein beweisen, denn wer hat diesen Halm geschaffen?!“ Dieses Wort gilt auch für uns Juden: wenn alle Völker Gott leugnen wollten, wir könnten es nicht. Unsere Existenz allein beweist schon das Dasein Gottes. Sind wir nicht das kleinste Volk unter den Völkern, die schwächste unter den Nationen, verstreut allüberall, verfolgt, bedrängt von Allen und dennoch das einzige Volk, das aus dem Altertum sich erhalten hat? So wollen wir denn ganz mit unserer religiösen Überzeugung in das neue Jahr einziehen. Nicht heute fromm und morgen gottlos, heute gläubig und morgen zweifelnd, sondern ganz in der Überzeugung: es gibt einen Gott, es ist der Gott unserer Väter, und seine Gebote sollen uns, wie unsern Vätern, heilig sein.

Ganz mit unserm Vermögen. Das Wort Vermögen sagt schon, was der Reichtum für den Menschen bedeuten soll. Er gibt uns die Kraft, verleiht uns das „Vermögen“, Gutes zu tun, und wer reich ist, heisst nach deutschem Sprachgebrauch „bemittelt“, das will sagen: er hat die Mittel, den Armen zu helfen, die Schwachen aufzurichten. Aber wie viele Menschen gibt es, die besitzen gar nicht ihr Vermögen, sondern ihr Vermögen beherrscht sie! Ganz mit unserm Vermögen, bereit, es für gute Zwecke herzugeben, wollen wir die Schwelle zum neuen Jahre überschreiten.

Und ganz mit unsern Kindern. Wenn wir nur allein kommen und unsere Kinder bleiben fern und gehen andere Wege, wie stehen wir da? Haben wir dann unsere Pflicht  erfüllt?    Soll  das   Judentum  nach  einer  ruhmreichen Geschichte von Jahrtausenden ruhmlos enden? So sei es unser Vorsatz, ganz mit unsern Kindern, die Saaten der Gottesfurcht stets wieder in sie streuend, einzuziehen ins neue Jahr.

Zu Dir aber, o Allgütiger, richten wir unser Gebet empor, in dieser Feierstunde des jüdischen Jahres. Nicht für uns allein bitten wir, sondern auch für die Stadt, in der wir wohnen, für das Land, das uns als seine Bürger aufgenommen hat. Segne, o Allgütiger, unsere Stadt und unser Land und gib ihm Aufblühen und Gedeihen; denn es gilt das Wort des Propheten: an ihr Wohl ist das unsrige geknüpft. Segne, o Allgütiger, alle Juden, wo immer sie zerstreut über die weite Erde wohnen, und gib, dass endlich die Zeiten nahen, in denen Hass und Bosheit verschwinden und der Jude als Mensch unter Menschen lebt. Segne, o Allgütiger, unsere ganze Gemeinde, ihre Vorsteher und Leiter und alle diejenigen, die selbstlos sich den Angelegenheiten der Gemeinde widmen. Segne, o Allgütiger, unsere wohltätigen Einrichtungen und gib, dass sie den Armen helfen und die Dürftigen aufrichten. Segne, o Allgütiger, unsere Schule und gib, dass in ihr ein Geschlecht heranwachse, das mit ganzem Herzen unser Judentum liebt und seine Gebote heilig hält. Segne, o Allgütiger, die Männer und die Frauen, die Greise und die Kinder! Gib, dass unsere Kinder zu unserer Freude heranwachsen, als brave Menschen und als fromme Juden. Gib uns Allen aus Deinem Gnadenschatze Heil und Gedeihen! „denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, in Deinem Licht schauen wir Licht.“