Judentum – Schir ha-Schirim – Hohes Lied Salomon – Kapitel 2 – Vers 8-17

V. 8. Horch – mein Geliebter! Siehe er kommt!
V. 9. Mein Geliebter gleicht einer Gazelle.
V. 10. Mein Geliebter rief und sprach zu mir. Was? Ich bin der Ewige s. das. V. 2.
V. 11. Denn siehe, der Winter ist vorüber
V. 12. Blumen schaut man im Lande
V. 13. Der Feigenbaum reifet seine Frucht.
V. 14. Mein Täubchen dort in Felsenritzen.
V: 15. Fanget uns die Füchse, die kleinen Füchse.
V. 16. Mein Geliebter ist mein und ich bin sein.
V. 17. Bis der Tag sich kühlt


ZWEITE ORDNUNG.

V. 8. Horch – mein Geliebter! Siehe er kommt!
Damit ist nach R. Jehuda Mose gemeint. Als er den Israeliten verkündigte: In diesem Monat werdet ihr erlöst, sprachen sie zu ihm: Mose, unser Lehrer! wir sollen erlöst werden? Hat nicht Gott dem Abraham gesagt, dass wir 400 Jahre in der Sklaverei gepeinigt werden sollen s. Gen. 15, 13, es sind doch erst 210 Jahre verstrichen? Weil er an eurer Erlösung Freude hat, erwiderte Mose, so sieht er nicht auf eure Berechnungen, sondern er hüpft über die Berge, über die Hügel, worunter nur abgegrenzte Zeiten und Schaltjahre zu verstehen sind, die er überspringt, ich sage euch: In diesem Monat sollt ihr erlöst werden, wie es heißt Ex. 12, 2: „Dieser Monat soll euch der erste der Monate sein.“
R. Nechemja sagte: Als Mose den Israeliten verkündete: In diesem Monat werdet ihr erlöst! sprachen sie zu ihm: Unser Lehrer Mose! wie können wir erlöst werden, wir sind uns doch keiner guten Werke bewusst? Da er euch befreien will, antwortete Mose, so sieht er nicht auf eure bösen Taten, sondern er sieht auf die Frommen unter euch und ihre Taten, wie beispielsweise auf Amram und seinen Gerichtshof. „Er hüpft über Berge und springt über Hügel.“ Unter den Bergen sind nur die Gerichtshöfe zu verstehen vergl. Jud. 2, 27 und in diesem Monat sollt ihr erlöst werden, wie es heißt: „Dieser Monat sei euch der erste der Monate.“
Die Rabbinen sagten: Als Mose den Israeliten eröffnete, dass sie in diesem Monat erlöst werden sollten, sprachen sie zu ihm Mose, unser Lehrer! wie können wir erlöst werden, da ganz Ägypten von unsrer Abgötterei besudelt ist? Da er eure Erlösung will, erwiderte Mose, so sieht er nicht auf eure Abgötterei, sondern „er hüpft über die Berge und Hügel“ und unter den Bergen ist nur der Götzendienst zu verstehen vergl. Hos. 4, 13: „Auf den Häuptern der Berge opfern sie und auf den Hügeln räuchern sie“, allein in diesem Monat werdet ihr erlöst werden, wie es heißt: „Dieser Monat sei euch“ u. s. w.
R. Hunja im Namen des R. Elieser ben Jacob sagte: Unter „der Stimme meines Freundes“ ist der König Messias zu verstehen. Wenn er den Israeliten verkündet: In diesem Monat werdet ihr erlöst! so entgegnen sie ihm: Wie können wir erlöst werden, hat nicht Gott geschworen, dass er uns siebzig Völkern unterwerfen will? Er gibt ihnen darauf eine zweifache Antwort. Wenn einer von euch nach der Barbarei, ein anderer nach Samothracien wandert, so gilt das soviel, als wenn ihr alle dahin versetzt worden wäret und nicht nur das, sondern dieses (römische) Reich schreibt Steuern aus über die ganze Welt; wenn ein Kuthäer, ein Barbar euch unterjocht, so gilt das soviel, als wenn eure ganze Nation von siebzig Völkern unterjocht worden wäre. Ich sage euch: In diesem Monat werdet ihr erlöst werden, wie es heißt: „Dieser Monat sei euch der erste der Monate.“

V. 9. Mein Geliebter gleicht einer Gazelle.
R. Jizchak sagte: Die Gemeinde Israel spricht vor Gott: Herr der Welt! du sagtest zu uns anfangs dius dius (mit Anspielung auf ydvd) d. i. dius dius. „Mein Geliebter gleicht einer Gazelle.“ Sowie die Gazelle von Berg zu Berg, von Tal zu Tal, von einem Baum zum andern, von einem Dickicht zum andern hüpft, ebenso sprang Gott (in drei Offenbarungen) von Ägypten zum Meere, vom Meere zum Sinai und vom Sinai zur Zukunft. In Ägypten sahet ihr ihn s. Ex. 12, 12, ebenso am Meere s. das. 15, 2, am Sinai s. Deut. 5, 4. vergl. das. 33, 2. Unter ,ylyah rpvi ist nach R. Jose bar Chanina das Junge der Gazelle zu verstehen.
Da steht er schon hinter unsrer Wand d. i. hinter der Wand des Sinai s. Ex. 19, 11, schaut durch die Fenster hindurch s. V. 20, blickt durch die Gitter s. das. 20, 1.

V. 10. Mein Geliebter rief und sprach zu mir. Was? Ich bin der Ewige s. das. V. 2.
Oder: Die Gemeinde Israel spricht vor Gott: Herr der Welt! Du sagtest zu uns im Anfange dius dius. „Mein Geliebter gleicht der Gazelle.“ Sowie die Gazelle von Berg zu Berg, von Tal zu Tal, von Baum zu Baum, von Dickicht zu Dickicht und von Mauer zu Mauer hüpft, ebenso springt Gott von einem Versammlungshause zum andern und von einem Lehrhause zum andern. Und das alles warum? Um Israel zu segnen. In wessen Verdienst? Im Verdienste Abrahams s. Gen. 18, 1. Weil da nicht bsvy, sondern bsy steht (was für das Perf. gelesen werden kann), so erklärte R. Berachja im Namen des R. Levi, dass Abraham, als Gott ihm erschien, saß und nun aufstehen wollte. Bleib sitzen! rief ihm Gott zu, du dienst deinen Kindern als günstiges Vorzeichen; wie du hier sitzest und ich stehe, so werden deine Kinder beim Lesen des Schema auch im Versammlungs- und Lehrhause sitzen und meine Herrlichkeit wird bei ihnen stehen s. Ps. 82, 1, wo nicht dmvi sondern bon steht, was nach R. Chaggi im Namen des R. Jizchak soviel wie cvmyuya bedeutet d. i. „Gott ist gegenwärtig in ihrer Versammlung“ s. Ex. 34, 2 vergl. Jes. 65, 24. R. Samuel sagte im Namen des R. Chanina: Bei allen Lobpreisungen Israels sitzt Gott unter ihnen s. Ps. 22, 4.
R. Jose bar R. Chanina legte obigen Vers auf diese Weise aus: „Er steht hinter unserer Wand“ d. i. hinter der Wand der Versammlungs- und Lehrhäuser, „lugt durch die Fenster“ d. i. zwischen die Schultern der Segensprechenden Priester, „blickt durch die Gitter“ d. i. zwischen die Finger der Segensprechenden Priester, „mein Geliebter antwortet und spricht zu mir“ d. i. der Ewige segne dich und behüte dich s. Num. 6, 24.
Oder: Die Gemeinde Israel spricht zu Gott: Du sprachst anfangs zu uns: dius, dius. Sowie diese Gazelle bald sichtbar, bald unsichtbar ist, so war auch der erste Erlöser (Mose) bald sichtbar, bald unsichtbar. Wie lange war er unsichtbar? R. Tanchuma sagte: Drei Monate s. Ex. 5, 20.
R. Jehuda bar Rabbi sagte: Zur rechten Zeit wird auch der letzte Erlöser ihnen bald sichtbar, bald unsichtbar sein. Wie lange? 45 Tage; wie Dan. 12, 11. 12 geschrieben steht. Wie wird er in den übrigen 45 Tagen sein? In diesen Tagen, sagte R. Jochanan ben Kezartha im Namen des R. Jona, wird er unsichtbar sein und sie werden für die Israeliten verhängnisvoll sein vergl. Hi. 30 4.
Und wohin wird er sie führen? Nach der Meinung des einen nach der Wüste Jehuda s. Hos. 12, 10, nach der Meinung eines anderen nach der Wüste Sichon und Og s. das. 2, 16. 17, wer ihm vertraut und ihm folgt und geduldig ausharrt, wird glücklich leben, wer aber ihm nicht traut, sondern zu den Völkern der Welt übergeht, der wird von diesen erschlagen werden.
R. Jizchak bar Marjon sagte: Nach Verlauf der 45 Tage wird er ihnen erscheinen und das Manna für sie herabbringen. Es gibt nichts Neues unter Sonne s. Koh. 1, 9.
Oder: „Mein Freund gleicht einer Gazelle“ d. i. dem Jungen der Gazelle; „er steht hinter unserer Wand“ d. i. hinter der Wand an der Abendseite des Heiligtums. Warum? Weil Gott ihr geschworen hat, sie werde nicht eher zerstört werden, wie das Priester- und Chuldator, als bis er sie erneuert habe. „Er schaut durch die Fenster“ d. i. auf die Tugenden der Väter, „er blickt durch die Gitter“ d. i. auf die Tugenden der Mütter; „mein Geliebter ruft und spricht zu mir.“ Was? „Dieser Monat sei euch der erste der Monate“ s. Ex. 12, 2.
R. Asarja sagte: hni heißt hier nicht antworten und rma nicht sprechen, sondern der Sinn ist: Er antwortete mir durch Mose und er sprach zu mir durch Aaron. Was? „Auf, meine Freundin! meine Schöne, auf!“ d. i. rüste dich!
Oder: „Auf, meine Tochter!“ d. i. Tochter Abrahams, den ich aus seiner Heimat gehen hieß s. Gen. 12, 1, „meine Freundin, meine Schöne“ d. i. Tochter Jizchaks, der mich liebte und mich verherrlichte, „komm“ d. i. Tochter Jacobs, der auf seinen Vater und seine Mutter hörte und nach Padan Aram ging. s. das. 28, 7.

V. 11. Denn siehe, der Winter ist vorüber
as sind die 400 Jahre, die über unsre Väter in Ägypten verhängt wurden. „Ist nicht Regenzeit dasselbe wie Winter? Allerdings; aber die Hauptbeschwerde des Winters ist der Regen“ (die Regenzeit, der Winter dauert in Palästina 86 Tage; die 8 letzten Tage in Tischri, nachdem man am 22. Tischri, am Beschlussfeste, um Regen gebeten, 29 Tage in Marcheschwan, 30 Tage in Kislev, 29 Tage in Tebeth (8+29+30+29 = 86 Tage). „Und so war in den 86 Jahren seit Mirjams Geburt der stärkste Druck Israels. Sie hieß deshalb Mirjam, wie es heißt Ex. 1, 14: „Sie verbitterten ihnen ihr Leben“; denn ,yrm kommt von rvrym Bitterkeit her.

V. 12. Blumen schaut man im Lande d. i.
Siegeszeichen (tvxvonh). Welche sind es? Mose und Aaron s. Ex. 12, 1.
Die Zeit des Sanges ist angelangt d. i. die Zeit der Erlösung Israels ist gekommen, die Zeit ist gekommen, dass die Vorhaut abgeschnitten werde (d. i. dass die gemeinschaftliche Beschneidung der Israeliten nach erfolgter Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft stattfinde); die Zeit ist gekommen, dass die Ägypter abgeschnitten (hingerafft) werden; die Zeit ist gekommen, dass seine Abgötterei ausgerottet werde s. Ex. 12, 12; die Zeit ist gekommen, dass das Meer gespalten werde s. das. 14, 21; die Zeit ist gekommen, dass ein Siegeslied angestimmt werde s. Ex. 15, 1.
R. Tanchuma sagte: Die Zeit ist gekommen, dass ihr Gott Gesänge anstimmt s. Ex. 15, 2. R. Bibi sagte: Es heißt Ps. 119,54: „Gesänge sind mir deine Satzungen.“
Der Turteltaube Stimme hört man in unserem Lande.
R. Jochanan las ryyt, die Stimme eines guten Botschafters (Spähers) d. i. die Stimme Moses wird schon vernommen in unsrem Lande, welche die Befreiungsstunde verkündet s. Ex. 11, 4.

V. 13. Der Feigenbaum reifet seine Frucht.
Darunter sind die treulosen Israeliten zu verstehen (S. Midr. Schemot r. Par. 14.), welche in den drei Tagen der Finsternis umgekommen sind s. Ex. 10, 23.
des Weinstocks junge Träubchen verbreiten Wohlgeruch d. i. die übrigen, welche Busse taten und erlöst wurden, zu denen kam Mose mit den Worten: Ihr duftet so angenehm und sitzet hier? „Auf! meine Freundin, meine Schöne!“
Oder: „Es antwortete mein Freund und sprach zu mir.“ R. Asarja sagte:  „Ist nicht hni dasselbe wie rma? Aber der Sinn ist: er hub zu mir an durch Mose und sprach zu mir durch Aaron. Was sprach er zu mir? „Auf! meine Freundin, meine Schöne! der Winter ist vorüber“ d. i. die 40 Jahre, welche die Israeliten auf ihren Wanderungen durch die Wüste zubrachten, „der Regen ist vergangen“ d. i. die 38 Jahre, in welchen die Israeliten wie Verbannte in der Wüste waren, wo Gott Mose nicht eher seines Wortes würdigte, als bis das ganze Geschlecht dahin war s. Deut. 2,14 u. 15. Als das geschehen war, heißt es: „Und es redete der Ewige zu mir also.“ „Die Blumen (,ynonh) werden sichtbar im Lande“ d. i. die Siegeszeichen (Würdenträger tvxvonh), die Fürsten lassen sich sehen s. Num. 7, 10. 11, „die Zeit des Schnitts ist herangenaht“ (rymzh ti) d. i. es ist die Zeit gekommen, dass die Vorhaut abgeschnitten werde; es ist die Zeit gekommen, dass die Kanaaniter abgeschnitten (beseitigt) werden; es ist die Zeit gekommen, dass das Land Israel an die Israeliten verteilt werde s. Num. 26, 53. „Der Turteltaube Stimme in unsrem Lande lässt sich hören“ d. i. nach R. Jochanan die Stimme des guten Spähers, die Stimme Josuas wird vernommen in unsrem Lande, welche dem Volke zurief: Ziehet mitten durch das Lager s. Jos. 1, 11. „Der Feigenbaum zeitigt seine Frucht“ d. i. die Körbe mit den Erstlingen (um sie nach Jerusalem als Dankesgaben zu führen) und „des Weinstocks junge Trauben duften“ d. s. die Trankopfer.
Oder: „Mein Geliebter ruft“ durch Daniel und „er spricht zu mir“ durch Esra. Was? „Auf! meine Freundin, meine Schöne! der Winter“ d. i. die siebzigjährige Gefangenschaft in Babylon „ist vorüber“, „der Regen“ d. i. der Zeitraum von 52 Jahren von der. Tempelzerstörung bis zum Untergang der chaldäischen Herrschaft „ist verflossen“ (es sind zwar 70 Jahre, aber davon gehen nach. R. Levi 18 Jahre ab, in welchen eine Himmelsstimme dem Nebukadnezar zuflüsterte: „Du schlechter Diener! ziehe hinauf und zerstöre das Haus deines Herrn, dem seine Kinder nicht gehorchen); „die Blumen“, wie Mordechai und Genossen, Esra und Genossen „werden sichtbar“, „die Zeit des Sanges ist gekommen“, d. i. die Zeit, dass die Vorhaut (die Frucht, die in den  3  ersten Jahren gewachsen und als solche verboten ist) abgeschnitten und die Macht der Ruchlosen gebrochen s. Jes. 14, 5, die Babylonier vertilgt, der Tempel wieder hergestellt werden s. Obad. V. 21 vergl. Hagg. 2, 9. „Die Stimme der Turteltaube“ d. i. nach R. Jochanan die Stimme des guten Spähers „wird in unserm Lande gehört.“ Wer ist das? Koresch s. Esra 1, 2. „Der Feigenbaum reifet seine Frucht“ d. i. die Körbe mit den Erstlingen, „des Weinstocks junge Träubchen verbreiten Wohlgeruch“ d. s. die Trankopfer.
Oder: „Mein Geliebter antwortet mir“ durch Elias „und spricht zu mir“ durch den König Messias. Was spricht er zu mir? „Auf! meine Freundin, meine Schöne! denn der Winter“ d. i. nach R. Asarja die Herrschaft der Kuthäer, welche die Welt überredete und mit ihren Lügen irre führte, „hat ihre Endschaft erreicht“ (das Wort vtch von htc überreden wie Deut. 17, 7 abgeleitet), „der Regen“ d. i. die Unterjochung „hat aufgehört“, „es werden die Blumen“ d. i. die Siegeszeichen ,,schon im Lande gesehen.“ Wer sind sie? R. Berachja im Namen des R. Jizchak sagte: Jene vier Steinschneider s. Sach. 2, 2, nämlich Elia, der König Messias, Melchisedek und der gesalbte Priester. „Die Zeit des Sanges ist gekommen“ d. i. es ist die Zeit gekommen, Israel zu erlösen, es ist die Zeit gekommen, die Vorhaut abzuschneiden, es ist die Zeit gekommen, dass die Macht der Kuthäer vernichtet und es ist die Zeit gekommen, dass das Himmelreich offenbart werde s. Sach. 14, 9. „Und die Stimme der Turteltaube“ d. i. die Stimme des Königs Messias „wird in unserem Lande schon vernommen“, welche ausruft Jes. 52, 7: „Wie lieblich klingen auf den Bergen die Tritte des Botschaftbringers.“ „Der Feigenbaum reift seine Frucht.“ Den Tagen des Messias, sagte R. Chija bar Abba, wird eine große Pest vorangehen, welche die Frevler hinwegrafft; „und die Trauben der Weinstöcke duften“, das sind die Übriggebliebenen, über welche Jes. 4, 3 zu vergleichen ist.
R. Jochanan sagte: In dem siebenjährigen Zeitabschnitte (ivbs) in welchem der Sohn Davids kommt, wird im ersten Jahre sich alles erhalten s. Am. 4, 7, im zweiten werden die Pfeile des Hungers entsendet, im dritten werden Männer, Weiber und Kinder durch Hunger umkommen und die Zahl der Frommen und werktätigen Männer wird sich mindern und die Thora wird bei den Israeliten in Vergessenheit geraten, im vierten wird nicht Hungersnot, aber auch nicht Überfluss (eig. Hunger und nicht Hunger, Sättigung und nicht Sättigung) merklich sein, im fünften wird große Fülle (Sättigung) sein, man wird essen und trinken und sich freuen und die Thora wird sich den Israeliten erneuern, im sechsten werden Stimmen erschallen, im siebenten werden Kriege ausbrechen und am Ausgange des siebenten Jahres wird der Sohn Davids erscheinen. Aber wie viele solche Zeitabschnitte, bemerkte R. Abaje, sind nicht bereits verlaufen und er ist noch nicht gekommen? Es muss sich verhalten, wie Resch Lakisch gesagt hat (Sanhedr. fol. 97 findet sich eine andere Version): In der Zeit, in welcher der Sohn Davids kommt, wird das Versammlungshaus zu Schwelgerei (Buhlerei) dienen, Galiläa wird verwüstet, Gablan zerstört werden und die Einwohner von Galiläa werden von einer Stadt zur andern wandern und nirgends Aufnahme finden, die Gelehrsamkeit der Schriftkundigen wird Ekel erregen (stinken), die Sündenscheuenden und die Mildtätigen werden abnehmen und die Wahrheit wird vermisst werden und das Angesicht des Geschlechts wird dem des Hundes ähneln. Woher lässt sich beweisen, dass die Wahrheit sich verlieren wird? Aus Jes. 59, 15. Wohin? Nach R. Janai wie die Herden in der Wüste.
Die Rabbinen sagen: In der Zeit, in welcher der Sohn Davids kommt, werden die Gelehrten des Zeitalters sterben und die Augen der Übriggebliebenen werden verschmachten in Kummer und Seufzen, und vielerlei arge Nöte werden über die Gesamtheit ergehen, grausame Verordnungen werden sich erneuern und aufeinander folgen und zwar so, dass, während die vorhergehende noch besteht, schon die neue kommen und sich ihr anschließen wird.
R. Nehorai sagte: In der Zeit, in welcher der Sohn Davids kommt, werden Knaben Greise erblassen machen, letztere werden vor jenen sich erheben müssen s. Mich. 7, 6 und der Sohn wird sich nicht vor seinem Vater schämen.
R. Nechemja sagte: Den Tagen des Messias wird große Armut und Teuerung vorangehen, der Weinstock wird wohl seine Frucht geben, der Wein wird aber stinken. (Sanhedr. fol. 97 wird der Wein teuer sein) Die Herrschaft wird in Ketzerei (Häresie) ausarten und es wird keine Zurechtweisung geben.
R. Abba bar Kahana sagte: Der Sohn Davids erscheint nur in einer Zeit, wo das Geschlecht dem Hunde gleichen wird. R. Levi sagte: Der Sohn Davids kommt nur in einer Zeit, deren Gesicht frech ist und die Vernichtung verdient.
R. Janai sagte: Wenn du ein Geschlecht nach dem andern schmähen und lästern siehst, dann erwarte die Füße des Königs Messias s. Ps. 89, 52. 53.

V. 14. Mein Täubchen dort in Felsenritzen.
Wer ist das Täubchen? So nennt Gott, sagte R. Jochanan, Israel s. Hos. 7, 11. Bei mir, spricht Gott, erscheint Israel wie ein Täubchen, bei den Völkern der Welt wie ein wildes Tier s. Gen. 49, 9: „Ein junger Löwe ist Juda“, V. 21: Naphthali ist eine schlanke Hindin“, V. 27: „Benjamin ein Wolf, der raubt.“ Alle zwölf Stämme  werden mit wilden Tieren verglichen. Weil die Völker Israel bekriegen und sprechen: Was wollt ihr mit eurer Shabbathfeier und Beschneidung? Allein Gott verleiht den Israeliten Stärke, dass sie  gegen die Völker wie wilde Tiere werden, um sie vor Gott und  Israel zu demütigen, aber vor Gott verhalten sie sich wie die fromme Taube durch kindliche Folgsamkeit, wie geschrieben steht  Ex. 4, 31: “Das Volk glaubte, als es hörte, dass der Ewige es bedacht habe.“ So sprach auch Gott zu Mose: Mose! du stehst da  und schreist, ich habe Israel und sein Flehen bereits vernommen, wie es heißt Ex. 14, 15: „Was schreist du zu mir?“ Die Israeliten  bedürfen deiner Fürbitte nicht. Darum sagt Gott hier: „Mein Täubchen dort in Felsenritzen.“
R. Jehuda bar R. Simon sagte: Gott sagt von den Israeliten:  Gegen mich verhalten sie sich so fromm wie die Tauben, unter den  Völkern der Welt aber sind sie klug wie die Schlangen vergl. Dan.  3, 16. Es heißt in der in dem angezogenen Vers enthaltenen Antwort der drei Männer Schadrach, Mesach und Abed Nego: sie erklärten dem König Nebucadnezar, wo doch eine der beiden Benennungen hinreichend wäre, es brauchte entweder bloß: dem König, oder bloß Nebucadnezar zu stehen, allein sie verbanden  damit diesen Sinn: Magst du uns auch alle Arten von Steuern, wie  Kopfgelder, Gemeindesteuern und Beisteuern auflegen, so zahlen wir  sie, denn du bist König über uns, wie es heißt: „dem Könige  Nebucadnezar“, wenn du aber von uns verlangst, dass wir uns vor  deinem Götzenbilde bücken sollen, dann heißt du bloß Nabucadnezar d. i. du und der Hund sind uns gleichbedeutend, belle wie der Hund, blähe dich auf wie ein Wasserkrug und zirpe wie eine Grille. Bald darauf  bellte er wirklich wie ein Hund, blähte sich auf wie ein Wasserkrug und zirpte wie eine Grille. (Vergl. Midr. Wajikra r. Par. 37) Das ist es, was auch Kohelet  8, 2 nach der Erklärung von R. Levi gesagt ist: „Ich achte auf den Mund des Königs der Könige, auf jenen Mund, der zu uns auf dem  Sinai gesprochen.“ Ex. 20, 2: „Ich bin der Ewige, dein Gott“,  „wegen des Eides Gottes” (s. Koh. 8, 2b) d. i. ich halte auch das, was über den Schwur: „du sollst den Namen des Ewigen nicht vergeblich aussprechen“ (s. Ex. 20, 7), geboten ist.
R. Ismael hat gelehrt: Womit waren die Israeliten bei ihrem  Auszuge aus Ägypten zu vergleichen? Mit einer Taube, welche  vor dem Habicht floh, in einen Felsenritz kroch und da eine Schlange  nistend fand. Sie wollte hinein, konnte aber nicht, weil drinnen noch  die Schlange nistete, konnte aber auch nicht zurück, denn der Habicht  stand draußen. Was tat die Taube? Sie fing an zu jammern,  lärmte mit den Flügeln, damit der Herr des Taubenschlags sie höre, herbeikomme und sie rette. So ging es auch den Israeliten am Meere, ins Meer konnten sie nicht treten, denn es war ihnen noch  nicht gespalten, zurück konnten sie auch nicht, weil bereits Pharao  heranrückte. Was taten sie? Sie fürchteten sich sehr, schrieen  zum Ewigen und es ward ihnen geholfen s. Ex. 14, 10. 30
R. Jehuda führte im Namen des R. Chana vom Dorfe Techumin dieses Beispiel an: Ein König hatte eine einzige  Tochter, die er gern sprechen hören wollte. Was tat er? Er ließ durch einen Herold bekannt machen, dass die ganze Bevölkerung  auf einen freien Platz komme. Als sie sich daselbst eingefunden  hatte, winkte er seine Diener herbei, dass sie plötzlich wie Räuber  sie anfallen) sollten. Die Königstochter fing an zu schreien: Vater, Vater, rette mich! Wenn ich es nicht so angestellt hätte, sprach  dieser zu ihr, so würdest du nicht so gerufen und gesagt haben: Vater, rette mich! So fingen auch die Israeliten, als sie von den  Ägyptern sklavisch behandelt wurden, zu schreien an und richteten ihre Blicke auf Gott s. Ex. 2, 23. 24. Gott gab ihrem Angstgeschrei und Gebete Gehör und führte sie mit starker Hand und ausgestrecktem Arm aus der Sklaverei. Gott wollte aber ihre Stimme  noch einmal hören, aber sie wollten sie nicht vernehmen lassen.  Was tat Gott? Er ließ Pharao starrsinnig werden, dass er ihnen  nachsetzte s. das. 14, 8 u. 10. Was heißt das: er rückte heran? Er drängte die Israeliten zur Buße (Um- und Einkehr), dass sie ihre Augen zu Gott emporhoben und zu ihm schrieen wie  damals in Ägypten s. das. V. 10. Wenn ich es euch nicht so gefügt hätte, sprach Gott, so hätte ich eure Stimme nicht zu hören  bekommen. Hierauf beziehen sich die Worte: „Mein Täubchen in den Felsenritzen, lass mich hören deine Stimme, denn süß ist deine  Stimme“, die Stimme nämlich, die ich schon in Ägypten vernommen habe. Als die Kinder Israel vor Gott schrieen, da ward ihnen  auch an demselben Tage Hilfe zu Teil s. Ex. 14, 30
R. Eleasar deutete den Vers auf die Israeliten, als sie am  Meere standen. „Mein Täubchen in Felsenritzen“ d. i. sie waren  im Schirm des Meeres verborgen; „lass mich dein Angesicht sehen“,  wie es heißt Ex. 14, 13: „Stehet und sehet die Hilfe des Ewigen“;  „lass mich deine Stimme hören“, das ist das Loblied, welches Mose  sang s. das. 15, 1; „denn süß ist deine Stimme“ d. i. dein Sang,  „lieblich dein Anblick“, denn die Israeliten wiesen mit dem Finger  auf ihn, rufend: „Dieser ist mein Gott, ihn will ich verherrlichen“  s. das. 15, 2.
R. Akiba deutete obigen Vers auf die Israeliten, als sie vor dem Berge Sinai standen. „Mein Täubchen in Felsenritzen“ d. i. verborgen im Schirm des Berges Sinai; „lass mich sehen dein Angesicht“, wie es heißt Ex. 20, 18; „Und das ganze Volk sah die  Donner“; „lass mich deine Stimme hören“ d. i. die Worte vor den  Zehngeboten s. Ex. 24, 7: „Alles, was der Ewige gesprochen, wollen  wir tun und gehorchen, denn deine Stimme ist süß“ d. i. die Worte nach den Zehngeboten s. Deut. 5, 28: „Und der Ewige hörte die  Stimme eurer Worte u. s. w.; es ist alles gut, was sie geredet.“  Was heißt das? R. Chija bar Ada und Bar Kapra (sind darüber  verschiedener Meinung). Der eine sagte: Sie sind mir so lieb wie  Leuchten, der andere sagte: Sie sind mir so angenehm wie Weihrauchduft. „Dein Anblick ist lieblich“, wie es heißt Ex. 20, 18:  „Und als das Volk solches sah, flohen sie und traten von ferne.“
R. Jose der Galiläer deutete obigen Vers auf die Israeliten, als sie unter den Fremdherrschaften sich befanden. „Mein Täubchen in Felsenritzen“ d. i. sie waren geborgen unter dem Schirm der Fremdherrschaften; „lass mich sehen dein Angesicht“ d. i. das  Lernen; „lass mich hören deine Stimme“ d. i. die gute  Tat. Was von beiden vorzuziehen sei, ob das Lernen oder  die Tat, diese Frage war schon einmal in der Bodenkammer zu  Lydda angeregt worden. R. Tarphon gab der Tat, R. Akiba aber dem Lernen den Vorzug. Sie kamen schließlich darin miteinander  überein, dass dem Lernen der Vorzug gebühre, weil es zur Tat  führe. „Denn deine Stimme ist süß“ d. i. das Lernen, „und lieblich ist dein Angesicht“ d. i. die gute Tat.
R. Huna und R. Acha im Namen bar Chanina’s deuteten den  Vers nach der Meinung des R. Meir auf das Stiftszelt. „Mein Täubchen in Felsenritzen“ d. i. sie (die Israeliten) waren geborgen unter dem Schirm des Stiftszeltes; „lass mich sehen dein Angesicht“, wie es heißt Lev. 8, 4: „Die Gemeinde versammelte sich an dem Eingange des Stiftszeltes; „lass mich hören deine Stimme“, wie es  heißt das. 9, 24: „Und das ganze Volk sah es und sie jauchzten“, d. i. sie stimmten einen lieblichen Gesang an. Weil sie etwas Neues  gesehen hatten, so sangen sie auch ein neues Lied. „Denn deine  Stimme“ d. i. dein Jubelgesang, „ist süß“, „und dein Anblick“ d. i. dein Erscheinen s. Lev. 9, 5 „angenehm“.
R. Tanchuma sagte: Wenn jene Männer den Vers nach dem Sinne des R. Meir auf das Stiftszelt auslegen, so lege ich ihn nach dem Sinne der Rabbinen auf den Tempel aus. „Mein Täubchen in Felsenritzen“ d. i. im Schutze des Heiligtums geborgen; „lass mich sehen dein Gesicht“, als Salomo dich berief, die Bundeslade  nach Jerusalem zu bringen s. 2 Chr. 5, 2; „lass deine Stimme“ d. i. den Einklang deiner Trompeter und Sänger „mich vernehmen“ s. das. V. 13. R. Abin sagte im Namen des R. Abba Kohen ben  Dalja: Es heißt Ex. 19, 8: „Und es antwortete das ganze Volk  einstimmig“; desgleichen heißt es das. 24, 3: „Und es antwortete das  ganze Volk mit einer Stimme also.“ Bis hierher stand ihnen jene Stimme bei 2 Chron. 5, 2: „Wie wenn es einer wäre, spielten die Trompeten und Sänger mit einer Stimme.“ „Denn deine Stimme“ d. i. das Lied „ist süß“, „und deine Erscheinung“ d. s. die Friedensopfer s. 1 Reg. 8, 63 „ist lieblich.“
R. Elia deutete den Vers auf die Wallfahrer. „Lass mich sehen dein Angesicht“ d. s. die an den jährlichen drei Festen nach Jerusalem hinaufziehenden Wallfahrer s. Deut. 16, 16; „lass mich  deine Stimme“ d. i. das helle Singen des Hallel, „vernehmen“. In  der Stunde, wo die Israeliten das Hallel singen, steigt der Widerhall zur Höhe empor. Das Sprichwort sagt: Wird im Hause das Pessachfest gefeiert und das Hallel (Psalmenhymnus) gesungen, so bricht der Söller (durch den Freudenlärm) zusammen. „Denn deine Stimme“  d. i. das Lied „klingt süß, und dein Erscheinen“ d. i. der Duchan „ist lieblich.“
R. Jehuda bar R. Simon sagte im Namen des R. Simon ben Eleasar: Warum ist Rebecca in den ersten Jahren ihrer Ehe kinderlos geblieben? Weil sonst die Völker der Welt gesagt hätten: Unser Gebet hat Früchte gebracht, weil man zu ihr gesagt hatte Gen. 24, 60: „Unsre Schwester, du werde zu tausendmaltausenden.“ Erst als Jizchak für sie betete s. das. 25, 2: „Und Jizchak betete  zum Ewigen für sein Weib“, wurde sie bedacht.
Warum ist denn aber unsern Stammüttern überhaupt ein solches Loos beschieden gewesen? Darum, wie R. Asarja im Namen des R. Chanina bar Papa sagte, dass ihre Schönheit nicht sobald  in den Augen der Männer sich vermindern, oder wie R. Huna und  R. Jeremja im Namen des R. Chija bar Abba sagten, dass ihre  meisten Jahre ohne Beschwerlichkeit verlaufen, oder wie R. Chunja im Namen des R. Meir meint, dass ihre Männer an ihrer Schöne  sich ergötzen sollten; denn so lange das Weib schwanger wird, wird  sie hässlich und garstig, was du auch daran erkennen kannst: So  lange unsre Mutter Sara nicht schwanger war, weilte sie in ihrem  Hause wie die Braut in ihrem Gemache, mit ihrer Schwangerschaft änderte sich ihr Aussehen vergl. Gen. 3, 16.
R. Levi im Namen des R. Schila vom Datteldorfe und R. Chelbo im Namen des R. Jochanan sagten: Die Stammütter blieben deshalb  so lange unfruchtbar, weil Gott ihr Gebet so gern hörte. „Mein  Täubchen“, spricht er zu ihnen, warum versagte ich euch den Muttersegen? Weil ich euch darum bitten hören wollte, „denn  deine Stimme ist süß und deine Erscheinung lieblich.“

V: 15. Fanget uns die Füchse, die kleinen Füchse.
Gott vergleicht die Reiche mit nichts anderem als mit Feuer s. Ezech. 15, 7, die Ägypter mit nichts anderem als mit etwas, was  entzündbar ist s. Jes. 43, 17; oder er vergleicht die Reiche mit Silber und Gold s. Dan. 2, 32 und die Ägypter mit Blei s. Ex. 15 10;  oder er vergleicht die Reiche mit Zedern s. Ezech. 31, 3 vergl. Amos  2, 19 und die Ägypter mit Stoppeln s. Ex. 15, 7; oder er vergleicht  die Reiche mit wilden Tieren s. Dan. 7, 3 und die Ägypter mit  den Füchsen s. hier, weil jene, wie R. Eleasar im Namen des R. Simeon bemerkt, so listig waren wie diese. Wie der Fuchs hinter sich sieht, so blickten auch die Ägypter hinter sich, sie sprachen nämlich: Wodurch sollen wir die Israeliten hinrichten? Durch Feuer?  Gott straft mit Feuer s. Jes. 66, 16. Mit dem Schwert? Mit ihm  straft er alles Fleisch s. das. Wir wollen sie durch Wasser hinrichten, denn Gott hat geschworen, dass er keine Flut mehr über  die Welt bringen will s. Jes. 54, 9. Da sprach Gott zu ihnen: Bei eurem Leben! ich werde jeden von euch durch die Flut hinraffen  s. Ps. 63, 11, ich werde diese Frevler durchs Schwert hinraffen, sie sollen den Füchsen zur Beute werden. Gott sprach: Diese Gabe soll für die Füchse bestimmt sein. Das erste Mal ist das Wort  ,ylivs plene mit v, das zweite Mal defektive ohne v geschrieben, damit soll angedeutet sein, dass sie in die hohle Hand des Meeres  fahren werden. R. Tanchuma sagte im Namen des R. Jehuda bar  R. Simon: Es steht Jes. 43, 16. 17 geschrieben: „Der im Meere Weg  macht“, das ist nicht eine schwere Art, „und in starken Wassern  Bahn“, das ist auch keine schwere Art, das ist aber eine schwere  Art, „der herausbringt Wagen und Ross, Heer und Kriegsmacht,  dass sie auf einem Haufen daliegen.“
R. Judan sagte: Er (Gott) täuschte die Jagd (die Jäger) auf  eine große Weise; sie (die Ägypter) stellten zwar nach, aber die  albernen Verfolger wurden gefangen.
R. Chanan sagte: Was taten die braven und sittenreinen israelitischen Frauen?“ Sie nahmen ihre Kinder und verbargen sie in Höhlen. Die  ruchlosen Ägypter nahmen ihre kleinen Kinder und brachten sie  in die Häuser der Israeliten, stachen sie, dass sie weinten, das  israelitische Kind hörte das weinende Kind und weinte mit ihm. Sie  ergriffen nun dieselben und warfen sie in den Fluss, was hier gesagt  wird: „Sie fingen uns die Füchse“ und bewahrten sie, um sie in  den Nil zu werfen. Wie viele Kinder wurden im Nil ertränkt?  Zehntausend s. Ezech. 16, 7, nach R. Levi 600000 s. Num. 11, 21.  Was taten die Ägypter? Sie holten ihre Kinder aus den Schulen  und schickten sie in die Badeanstalten, und sie sahen nach, welche  Israelitin schwanger war, die schrieben sie auf, kehrten zu ihren  Vorstehern (Vätern) zurück und berichteten: Diese Frau wird in drei  Monaten, jene in vier Monaten, eine andere in fünf Monaten gebären. Nach dieser Berechnung nahmen sie dann die Säuglinge  von der Mutter Brust und warfen sie in den Fluss, darum heißt es  auch hier: „Sie fingen uns Füchse, kleine Füchse.“ Es heißt nicht:  Sie ergriffen uns und brachten uns um, sondern: sie ergriffen uns,  dass sie uns für den Fluss bewahrten (aufsparten).
R. Judan will unter den kleinen Füchsen Esau und seine Heerführer verstanden wissen, weil jener der Kleine genannt wird s. Obadja 5. 2. R. Simeon ben Eleasar machte es durch das Gleichniss von einem Lande deutlich, welches einen Spatelträger dem König erzeugte und woselbst auch eine Frau lebte, die einen Zwerg gebar, welchen sie aber schnellfüßiger Riese nannte. Sie sagte: Mein Sohn ist Makrolaphros und ihr stellt ihn nicht als Spatelträger an? Allein man wandte ihr dagegen ein: Wenn er auch in deinen Augen als Makrolaphros erscheint, wir halten ihn doch für den kleinsten der Zwerge. So  sprach auch Gott in Bezug auf den ruchlosen Esau: Obgleich sein Vater ihn den Grossen nannte s. Gen. 27, 1, ebenso auch seine Mutter s. das. 5. 15, obgleich er also in euren Augen groß ist,  in meinen Augen ist er klein, wie es heißt Obadja 5. 2: „Siehe, klein habe ich dich gemacht unter den Völkern und sehr verachtet.“  Und wenn er auch wirklich groß sein sollte, so gilt das Sprichwort: Wie der Ochs, so der Schlächter s. Jes. 34, 6.
Die Weinbergsverderber.
Hierunter sind die Israeliten zu verstehen, wie es heißt Jes.  5, 7: „Denn ein Weinberg des Ewigen Zebaoth ist das Haus Israel.“  
unsere Weinberge knospen, wie Micha 7, 1 geschrieben steht: „Es ist keine Traube zu essen, keine Frühfeige, wonach mich  gelüstet.“
R. Berachja versteht unter „den kleinen Füchsen“ die vier  Reiche s. Prov. 30, 24, unter den „Weinbergsverderbern“ die Israeliten, wie es heißt: „Ein Weinberg des Ewigen Zebaoth ist das Haus Israel“ und zu den Worten „unsere Weinberge knospen“ bemerkt er: Wer hat verursacht, dass unsere Weinberge unreife Beeren ansetzen? „Weil ich“, spricht Gott, „unter ihnen einen Mann  suchte, der eine Mauer errichtete, aber keinen fand“ s. Ezech. 22, 30,  außer Noach, Daniel und Hiob.

V. 16. Mein Geliebter ist mein und ich bin sein.
Er ist mir ein Gott s. Ex. 20, 2 und ich bin sein Volk s. Jes.  51, 4; er ist mir ein Vater s. das. 63, 16 vergl. Jerem. 31, 9 und  ich bin ihm ein Sohn s. Ex. 4, 22 vergl. Deut. 14, 1; er ist mir ein  Hirt s. Ps. 80, 1 und ich bin sein Schaf s. Ezech. 34, 31; er ist  mir ein Hüter s. PS. 121, 4 und ich bin sein Weinberg s. Jes. 5, 7;  er ist unter meinen Rächern, denn er schlug die Erstgebornen Ägyptens s. Ex. 12, 12. 29 und ich bin unter den ihn Erzürnenden,  denn ich habe den Göttern Ägyptens geopfert s. das. 8, 22; 12, 3;  er sprach zu mir: Dir wird nicht der gemischte Wein fehlen s. Cant.  7, 3 und ich erwiderte ihm: Du bist mein guter Freund, deine  Güte wird nimmer fehlen s. Ps. 23, 1.
R. Jehuda im Namen des R. Ilai sagte: Er besingt mich und  ich besinge ihn; er rühmt mich und ich rühme ihn; er nennt mich meine Schwester, meine Freundin, mein Täubchen, meine Fromme und ich spreche zu ihm: Dieser ist mein Geliebter, mein Freund; er spricht zu mir: „Du bist schön, meine Freundin“, und ich erwidere ihm: „Du bist schön, mein Geliebter! auch lieblich“; er spricht zu mir: Heil dir, Israel! wer gleicht dir? s. Deut. 33, 29 und ich spreche  zu ihm: Wer gleicht dir, Ewiger, unter den Göttern s. Ex. 15, 11;  er spricht zu mir: Wer ist wie dein Volk, Israel, ein Volk, dem  durch den Ewigen geholfen wird? s. 2 Sam. 7, 23 und ich feiere täglich zwei Mal seine Einheit mit den Worten: Höre Israel! der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einig einzig s. Deut. 6, 4. Habe ich ein Anliegen, so verlange ich es nur von seiner Hand s. Ex. 2, 23. 24, und wenn er etwas will, so verlangt er es nur von mir und durch mich s. das. 13, 3; wenn ich etwas will, so verlange ich es nur von seiner Hand s. das. 14, 10, und wenn er etwas will, so verlangt er es nur von  mir s. das. 25, 2; war ich in der Not, so rief ich nur ihn um  Hilfe an s. Jud. 4, 3. Was bedeutet in der angezogenen Stelle  das Wort: hqzxb? Mit Schmähungen und Lästerungen und hatte  er einen Wunsch, so wandte er sich nur an mich s. Ex. 25, 8. der unter Lilien weidet.
R. Jochanan wurde von Schmerzen heimgesucht und litt drei und ein halbes Jahr hindurch an Fieberschauer. R. Chanina ging hinauf und besuchte ihn und fragte ihn: Was ist über dich gekommen? Ein  Leiden, antwortete er, das meine Kräfte übersteigt (eig. das größer ist, als dass ich es ertragen kann). Sprich nicht so, sondern sprich immer: Der treue Gott! Als seine Schmerzen sehr groß waren,  sprach er: Der treue Gott; als seine Schmerzen aber bis aufs  äußerste gestiegen waren, besuchte ihn R. Chanina abermals, flüsterte ihm ein Wort zu und er schöpfte Mut. Nach langer Zeit erkrankte (litt) R. Chanina und R. Jochanan besuchte ihn. Was  fehlt dir? fragte er ihn. Ach, wie schwer sind die Leiden! Wie groß ist aber auch der Lohn! Ich mag weder jene noch diesen. Warum gebrauchst du nicht ein Mittel (Wort), was mir so gut getan? Als ich draußen (schmerzensfrei) war, konnte ich anderen  als Bürge (Helfer) dienen, jetzt aber, wo ich darin (selbst mit  Schmerzen beladen) bin, muss ich andere zu Bürgen (Helfern)  suchen. Es steht aber geschrieben, entgegnete R. Jochanan, „der unter den Lilien weidet“ d. i. Gott wendet seine Zuchtrute nur bei solchen Menschen an, deren Herz so weich (zart) wie die Lilie ist. Gleich einem Hausherrn, sagte R. Eleasar, der zwei Kühe hatte, von denen die eine kräftig, die andere aber schwach war, welcher bürdet er wohl das Joch auf (welche belastet er wohl)? Doch wohl derjenigen, die kräftig ist.. Ebenso prüft Gott nicht die Ruchlosen,  weil sie nicht bestehen können s. Jes. 57, 20. Wen prüft er denn?  Die Tugendhaften (Gerechten) s. Ps. 11, 5; Gen. 22, 1; 39, 7. Der  Flachshändler, sagte R. Jose bar R. Chanina, schlägt nicht sehr auf  harten Flachs. Warum? Weil er zerfasert. Wenn aber sein Flachs  gut ist, so schlägt er auf ihn, weil er dadurch nur noch besser  wird. Ebenso prüft Gott nicht die Ruchlosen, weil sie nicht bestehen können, sondern er prüft die Tugendhaften, wie es heißt: „Der Ewige prüft den Gerechten.“ So prüft ferner der Töpfer, wie R. Jochanan bemerkte, nicht lockere Gefäße. Warum? Wenn er auf  sie schlägt, so zerbrechen sie. Was prüft er denn? Gute Gefäße,  denn obgleich er noch so oft auf sie schlägt, so zerbrechen sie doch  nicht. Ebenso prüft Gott nicht die Ruchlosen. Wen prüft er denn?  Die Tugendhaften, wie es heißt: „Gott prüft den Gerechten.“ (Vergl. Midr. Beresch. r. Par. 32 und 34.)

V. 17. Bis der Tag sich kühlt d. i.
nach R. Judan, bis  ich einen (mildernden Hauch) in die Nacht der Reiche gebracht habe. Habe ich nicht bereits einen Hauch in die Nacht der ägyptischen Gewaltherrschaft gebracht, welche vierhundert Jahre dauern sollte  und ich habe diese auf 210 vermindert?
und die Schatten fliehen.
Habe ich nicht zwei schwere Schatten, den von Lehm und den von den Ziegeln von ihnen abgewendet und verscheucht?
R. Chelbo sagte: Weil es heißt: „Und auch (,gv) das Volk, dem sie dienstbar sein werden, will ich richten“ Gen. 15, 14, so bezieht sich dieses Wort „auch“ auf die vier Reiche.
R. Judan sagte: „Das Weilen als Fremde geschah in einem Lande, das nicht ihnen gehörte; Sklaverei und Peinigung auch in dem Lande, wo sie als Gastfreunde waren.“ Ber. r. 44 R. Judan will sagen: Die 400 Jahre beziehen sich auf das Ganze. Fremd war der Same Abrahams nämlich seit der Geburt Jizchaks in Kanaan, einem Lande, das nicht ihnen gehörte; Sklaven und gepeinigt waren sie außerdem noch in Ägypten; tvrg und tvdbi zusammen dauerte 400 Jahre; yvni und tvdbi dauerte 210 Jahre.
„Tummle dich, mein Geliebter, gleich einer Gazelle“,  Zuletzt werde ich verwandeln, die Eigenschaft des strengen Rechts in die Eigenschaft der Barmherzigkeit und eure Erlösung beschleunigen, wie Hirsch und Reh (so schnell sind).
gleich einer Gazelle d. i. nach R. Jose bar R. Chanina: gleich dem Jungen einer Gazelle, auf zerklüfteten Bergen d. i. im Verdienste der Übereinkunft mit eurem Vater Abraham bei den zerschnittenen Opferstücken (,yrtbh ]yb) s. Gen. 15, 10. 11. 18.
R. Berachja sagte: Bis ich den Tag in Brand setze, wie es  heißt Ezech. 21, 36: „Ich werde das Feuer meines Grimmes wider dich anblasen“ vergl. das. 22, 20: „Um Feuer darauf anzublasen.“ Was heißt das: „Und die Schatten fliehen?“ Das sind die Schatten des Kummers und Jammers. „Tummle dich, mein Geliebter“ d. i.  es ist das Ende da, zuletzt werde ich die Eigenschaft des strengen Rechts euch verwandeln in die Eigenschaft der Barmherzigkeit, und eure Erlösung beschleunige, dass sie herbeikomme, gleich der muntern Gazelle, gleich dem jungen Hirsch, „auf zerklüfteten Bergen“ d. i. wie R. Judan bemerkt, damit die  Reiche ihren Lohn empfangen. Ebenso deutete auch R. Levi bar  Chitha die Worte.
R. Berachja sagte: Gott spricht: Wenn ich nur das ahnden wollte, was in Bitther (rt tybb) geschehen ist, so verdienten die Urheber die Ausrottung. Was ist nun dort geschehen? Der Kaiser Hadrian hat dort nach R. Jochanan 400000 Menschen erschlagen.