Judentum – Schir ha-Schirim – Hohes Lied Salomon – Kapitel 4 – Vers 1-6

V. 1. Sieh, schön bist du, meine Freundin! sieh, schön bist du
V. 2. Deine Zähne wie eine Herde geschorener Schafe,
V. 3. Wie ein Faden von Karmesin deine Lippen
V. 4. Wie Davids Turm dein Hals,
V. 5. Deine beiden Brüste.
V. 6. Bis der Tag sich kühlt und die Schatten weichen, will ich zum Myrrhenberge, zum Weihrauchhügel gehen.


V. 1. Sieh, schön bist du, meine Freundin! sieh, schön bist du d. i.
schön bist du in der Ausübung der Pflichtgebote, schön in der Mildtätigkeit, schön in der Ausübung der Gebote, schön in der Beobachtung der Verbote, schön in der Erfüllung der häuslichen Vorschriften betreffs der Gabe vom Teige, der Hebe und Zehnten, schön in der Erfüllung der Vorschriften auf dem Felde betreffs des Einsammelns der vergessenen Garbe, des Eckstückes, des zweiten Zehnten und des Freigebens der Früchte, schön in der Beobachtung des Verbotes betreffs des Gemischten, schön im Tragen der Zizith, schön im Pflanzen, schön in der Vorhaut (s. Lev. 19, 23 f.), schön im vierten Pflanzen (d. i. das Pflanzen im vierten Jahr s. Lev. 19, 24. 25), schön in der Beschneidung, schön im Reißen, schön im Gebet, schön im Lesen des Schema, schön in der Mesusa, schön in den Thephillin, schön in der Laubhütte, schön im Lulab und Ethrog, schön in der Buße, schön in guten Werken, schön in dieser und schön in jener Welt.
Deine Augen Tauben.
„Deine Augen“ das sind die Synedrien, welche die Augen der Gemeinde (Versammlung) sind vergl. Num. 15, 24. Wie die 248 Glieder des menschlichen Körpers den Augen, so sollen auch die Israeliten jenen Folge leisten. Wie die Taube unschuldig ist, so sind auch die Israeliten auf ihrem Gange nach Jerusalem zu den Festzeiten unschuldig; wie die Taube gezeichnet ist, so sind auch die Israeliten gezeichnet durch Scheren, Beschneidung und Schaufäden; wie die Taube züchtig ist, so sind auch die Israeliten bescheiden; wie die Taube beim Schlachten ihren Hals hinstreckt, so geben auch die Israeliten willig sich dem Tode hin s. Ps. 44, 23; wie die Taube die Festpilger sühnt, so bewirken auch die Israeliten die Sühne der Völker durch die 70 Stiere, die sie am Hüttenfeste (Sukkoth) für dieselben darbringen, damit die Welt nicht von ihnen verheert werde s. Ps. 109, 4; wie die Taube, sobald sie ihr Männchen erkannt hat, sich keinem anderen mehr zuwendet, so wenden sich auch die Israeliten, seitdem sie Gott erkannt haben, keinem anderen mehr zu; wie die Taube zu ihrem Neste geht, ihr Nest, ihren Schlag, ihre Jungen und die Fenster ihrer Behausung kennt, so kennt auch jeder der in den drei Reihen sitzenden Schüler der Weisen den Platz, auf den er gehört; wie die Taube, wenn du ihr auch ihre Jungen unter ihr wegnimmst, ihren Schlag nicht verlässt, so unterlassen auch die Israeliten trotz des zerstörten Tempels nicht die Feier der drei jährlichen Feste; wie die Taube jeden Monat brütet, so erneuern auch die Israeliten jeden Monat die Ausübung des Gesetzes, die Vorschriften und guten Werke; wie die Taube ausfliegt nach weiter Ferne und dann wieder zu ihrem Schlage zurückkehrt, so auch die Israeliten s. Hos. 11, 11: „Sie eilen herbei wie Vögel“ d. i. das Geschlecht der Wüste, „wie Tauben aus dem Lande Assyrien“ d. s. die zehn Stämme, „und ich lasse“ diese und jene „wohnen in ihren Häusern, spricht der Ewige.“ Rabbi sagte: Es gibt eine Gattung von Tauben, deren Genossen, wenn man einer Futter gibt, es riechen und herbeifliegen, so kommen auch viele von anderen Nationen, wenn ein Alter predigt und bekennen sich zum jüdischen Glauben, wie Jethro und Rachab, und wie es auch in der Zeit des Chananja, Mischael und Asarja der Fall war. Warum? Auf die Frage antwortet Jes. 29, 23. 24. Rabbi sah einmal, dass die Versammlung bei seinem Vortrage eingeschlafen war. Um sie zu ermuntern, fing er an: Ein Weib in Ägypten brachte einmal 600000 zur Welt. Wer war dieses Weib? fragte ein Schüler, (es soll R. Ismael bar R. Jose gewesen sein). Jochebed war es, antwortete Rabbi, denn sie hatte Mose geboren, welcher soviel wog wie ganz Israel, das aus 600000 bestand s. Ex. 15, 1; 39, 32; Deut. 34, 10.
„Deine Augen Tauben“ d. i. dein Wesen gleicht der Taube. Wie die Taube Licht in die Welt brachte, ebenso bringen auch die Israeliten Licht in die Welt s. Jes. 60, 3. Wann brachte die Taube Licht in die Welt? In den Tagen Noachs s. Gen. 8, 11. Was bedeutet [ru? Soviel wie lyuq getötet s. das. 37, 33. R. Berachja sagte: „Hätte sie ihn nicht getötet, so wäre ein großer Baum daraus geworden.“ Und woher brachte sie es? Nach R. Levi von den Ranken im israelitischen Lande; darum sagen auch die Leute, dass das Land Israel von der Sündflut verschont geblieben sei s. Ezech. 22, 24. Nach R. Jochanan wurden (von der Flut) selbst die Mühlsteine im Wasser zerrieben. Nach R. Tirja wurden ihr die Pforten des Paradieses geöffnet und von daher brachte die Taube das Ölblatt. R. Ibo sagte: Hätte sie aus dem Paradiese nicht etwas Besseres, wie Zimt und Balsam, bringen können? Sie wollte dem Noach damit zu verstehen geben: Mein Herr! lieber das Bittere aus Gottes Hand, als das Süße aus deiner Hand.
hinter deinem Schleier. R. Levi sagte: Jede Braut, die garstige (hässliche) Augen hat, muss an ihrem ganzen Körper untersucht werden, aber
Eine Braut mit schönen Augen wird am ganzen Leibe taugen.
Wie das geflochten hinten herabhängende Haupthaar eine Zierde für das Weib ist, so war auch das hinter dem Tempel tagende große Synedrium eine Zierde für denselben. Wenn auch seine Mitglieder sonst klein und unansehnlich erschienen, bemerkte R. Abuhu, in der Sitzung zeigten sie sich groß an Geist, wie das Schuloberhaupt zu Sepphoris (Rab Huna).
R. Levi sagte: Das hier vorkommende Wort dibm ist arabisch, denn wenn der Araber sagen will: Mache mir Raum (yl xvra), so sagt er:           yl diba.
Dein Haar wie eine Herde Ziegen, die abwärts lagern am Gebirge Gilead d. i. den Berg, aus dem ich Wellen getrieben habe, machte ich zum Wellenzeugnis (di lg) für die Völker der Welt. Welcher ist es? Das Binsenmeer.
R. Josua von Sichnin im Namen des R. Levi sagte: Es ist der Berg, von dem wir erleuchtet worden sind. Wenn ein Weib viel Haare hat, so macht sie Wellen daraus (d. i. sie toupiert es), die hinten herabhängen, so dass der Kopf kahle Stellen zeigt (]yslg); wenn das Licht zu verlöschen droht, so treibt es die Flamme wellenartig empor.

V. 2. Deine Zähne wie eine Herde geschorener Schafe,
auf die in Ägypten und am Meere gemachte Beute anspielend; die aus der Schwemme aufsteigen. R. Abba bar Kahana sagte im Namen des R. Jehuda bar Hai: Vor dem Siegesliede (der Debora) heißt es Jud. 4, 1: „Die Israeliten fuhren fort Böses zu tun“, nach demselben steht s. das. 6, 1: „Die Kinder Israel taten, was in den Augen des Ewigen missfällig war”, als hätten sie das Böse erst angefangen zu tun und hätten es nicht schon längst getan. Es findet sich aber ähnliches 2 Sam. 23, 1, wo es heißt: Dieses sind die letzten Worte Davids. Wo sind die ersten? Der Lobgesang hat dem früheren Bösen Verzeihung gebracht.
alle zwillingsträchtig d. i. sie waren alle in der Mitte zwischen der Schechina und dem Engel s. Ex. 14,  19.
keins kinderlos darunter, so dass keins von ihnen Schaden erlitten hat.

V. 3. Wie ein Faden von Karmesin deine Lippen
als sie das Siegeslied sangen s. Ex. 15; und dein Mund lieblich, sie wiesen darin gleichsam mit dem Finger und sprachen: „Dieser ist mein Gott, ihn will ich verherrlichen“ s. das. V. 2. In dieser Stunde fing Mose an sie zu rühmen mit den Worten: „Wie eines Granatapfels Hälfte deine Wange hinter deinem Schleier“ u. s. w. Schon die Leeren unter euch (sprach er) sind geschmückt mit religiösen Vorschriften wie der Granatapfel. Er brauchte nicht zu sagen: „hinter deinem Schleier“ über die Bescheidenen und Enthaltsamen unter euch.

V. 4. Wie Davids Turm dein Hals,
wie David euch in seinem Buche erhoben hat s. Ps. 136, 13, erbaut in Terrassen, was ist das? Das Buch ist der Erguss vieler Münder (hbrh tvyp). Das Psalmenbuch ist der Erguss von zehn Männern, nämlich von Adam, Abraham, Mose, David, Salomo und betreffs dieser fünf ist keine Meinungsverschiedenheit. Wer sind die andern fünf? Rab sagte: Assaph, Heman, Jeduthun, Korachs drei Söhne und Esra. Nach R. Jochanan sind Assaph, Heman, Jeduthun eine Person, Korachs drei Söhne und Esra werden auch für eine Person gerechnet. Rab zählt nämlich Assaph nicht unter die Söhne Korachs. Nach R. Jochanan ist der in einer Überschrift genannte Assaph unter den Söhnen Korachs mit inbegriffen (eig. ist der Assaph hier der Assaph dort), weil er aber ein Gottesgelehrter war (hrvt ]b), so war er so glücklich (würdig), einen Psalm mit seinen Brüdern und auch einen Psalm für sich zu singen. Nach Rabs Meinung dagegen ist der 1 Chron. 25, 2 genannte Assaph ein anderer. Rab hält Jeduthun für einen Eigennamen, und er heißt so wegen der Rechtssachen, die über ihn und Israel ergangen sind. R. Jochanan erklärt den Namen für ein Beiwort, er war ein Strafredner. R. Huna im Namen des R. Acha sagt: Obgleich zehn Männer die Psalmen verfasst haben, so werden doch  sämtliche nur nach David, dem  König von  Israel,  genannt. Gleich einem Verein von Männern, welcher dem König einen Hymnus anstimmen wollte. Ihr alle seid mir zwar liebliche, fromme und preiswürdige Sänger, sprach der König, allein ich möchte nur den einen von euch hören, weil er eine liebliche Stimme hat. So auch als die zehn frommen Männer die Psalmen singen wollten, da sprach Gott zu ihnen: Ihr alle seid mir angenehm, fromm und preiswürdig, um vor mir Hymnen anzustimmen, allein es mag sie David für euch alle vortragen, denn seine Stimme hat einen lieblichen Klang s. 2 Sam. 23, 1, wo derselbe lieblicher Sänger Israels (larsy tvrymz ,yinv) genannt wird. R. Huna im Namen des R. Acha sagte: Wer hat den Gesängen Israels Annehmlichkeit verliehen?    David ben Isai.
tausend Schilde hängen daran. Als die Tausende und Zehntausende am Meere standen, da schützte ich sie nur wegen desjenigen, welcher zu dem tausendsten Geschlechte aller Helden Schutzwehren kam d. i. um denjenigen herbeizubringen, der seine Leidenschaft beherrschen und sich ihrer bemächtigen würde, wie Mose zu seiner Zeit, David zu seiner Zeit und Esra zu seiner Zeit. Sein ganzes Zeitalter hing von ihm (d. i. von seinen Verdiensten ab), hängte sich an ihn. Durch wen wurde euch das Schilfmeer gespalten? Durch die „beiden Brüste“ Mose und Aaron.
R. Jochanan legte den Vers auf Israel vor dem Berge Sinai aus. Die Israeliten standen am Berge Sinai herdenweise, und nicht in Fröhlichkeit (heiterer Stimmung arylab), „hinter deinem Schleier“, denn sie verhüllten sich selbst bei jedem Ausspruche und standen nicht in Fröhlichkeit da, sondern in Ehrfurcht, Zittern und Beben. (Die  hier im Original   folgenden Sätze  des  R. Abba stehen  nicht  am rechten Orte.)
R. Abba bar Kahana im Namen des R. Jochanan beweist es aus Jes. 60, 12: „Völker werden vertilgt werden“ d. i. vom Choreb wurden sie vertilgt, da empfingen sie ihr Todesurteil. „Deine Haare wie Ziegenhaare“. Es ist nach R. Josua im Namen des R. Levi der Berg, aus dessen Innern Licht zuströmte, oder es ist der Berg, aus dem ich Wellen getrieben habe, ich machte ihn zum Wellenzeugnis für die Völker der Welt. Welcher ist es? Der Berg Sinai. Und was ist das für ein Wellenschlag, den ich daraus hervorgetrieben habe? „Deine Zähne wie eine Herde Schurschafe“ d. i. die festgesetzten Dinge (]ybyoq ]ylym) in den 248 Geboten und 365 Verboten; „aus der Schwemme aufsteigend“ d. i. sie waren alle von Sünden rein gewaschen (tvnvih ]m ]yoxvrm). R. Acha und R. Mescharschia im Namen des R. Idi sagten: Bei allen Zusatzopfern heißt es Num. 27: Ein Ziegenbock zum Sühnopfer, aber bei den Festopfern steht nicht: zum Sühnopfer. Das zeigt, dass sie frei von Sünde und Schuld waren. „Alle zwillingsträchtig.“ R. Jochanan sagte: An dem Tage, an welchem Gott sich auf den Berg Sinai herabließ, um den Israeliten das Gesetz zu geben, kamen 600000 Dienstengel mit ihm herab, von welchen jeder in der Hand einen Kranz hatte, um ihn jedem Israeliten aufzusetzen. Nach R. Abba bar Kahana im Namen des R. Jochanan ließen sich 12000000 Dienstengel mit Gott auf den Sinai herab, von welchen der eine jeden Israeliten mit einem Kranze schmückte, der andere mit einem Gurte versah. Was ist ynvz? Nach R. Huna von Sepphoris ist es soviel wie ,nvz (wahrscheinlich die Vulgärform für das ältere ]vz s. Hiob 12, 18); „keins kinderberaubt“ d. i. nicht einer von ihnen erlitt Schaden. ,,Wie ein Faden von Karmesin deine Lippen“ d. i. die Stimme, die vor dem Worte Gottes sich vernehmen ließ s. Ex. 24, 3; „und dein Mund lieblich“ d. i. die Stimme, die nach dem göttlichen Worte sich vernehmen ließ s. Deut. 5, 25. Was heißt das daselbst vorkommende Wort vbyuh? Darüber sind R. Chija bar Adda und Bar Kapra verschiedener Meinung. Nach dem einen bedeutet es soviel wie tvrn tbuh die Lichter putzen (eig. sie gut brennen machen), so angenehm nämlich waren ihm ihre Worte, nach dem andern aber bedeutet es soviel (trvuqh tbuhk) wie Räucherwerk zubereiten. (Vergl. Joma fol. 14b und 33a In dieser Stunde fing Mose an sie zu preisen. ,,Wie ein Schnittstück des Granatapfels deine Schläfe“ d. i. die Leeren (]qyrh Unwissenden, Ungebildeten) unter dir sind ausgerüstet mit Lehren wie dieser Granatapfel, und (umsomehr als) selbstverständlich gilt dies von denen hinter deinem Schleier d. h. von den Bescheidenen und Demütigen unter euch. „Dein Hals wie Davids Turm“, wie die Höhe, zu der David euch in seinem Buche erhob s. Ps. 68, 8. 9 vergl. Jud. 5, 4. 5. Es brauchte nicht erst noch hinzugefügt zu werden: „Dieser Sinai vor dem Ewigen, dem Gotte Israels“, (da er schon unter den vorhergehenden Bergen mit inbegriffen ist); „gebaut in Terrassen“ d. i. das Buch, was das Gebilde vieler Munde ist, „tausend Schilde“ d. s. die vielen Tausende und Zehntausende, die damals vor dem Berge Sinai standen, habe ich nur in Berücksichtigung desjenigen in Schutz genommen, der dem tausendsten Geschlecht gekommen ist (d. i. Mose und jeder Grosse, der das Gesetz aufrecht hält, welches dem tausendsten Geschlecht zu Teil geworden ist), und ihr habt euch nicht an ihn gebunden, sondern „alle Schutzwehren der Helden“ d. i. jeder, der sich erhebt und seiner Leidenschaft sich bemächtigt, wie Mose, David, Esra, ein jeder zu seiner Zeit, ihr ganzes Geschlecht war an sie gebunden, und durch wen gab er das Gesetz? Durch „deiner Brüste Paar“ d. i.  durch Mose und Aaron.
R. Jizchak legte die Verse auf den Krieg gegen Midian aus. „Dein Haar wie eine Herde Ziegen“ d, i. die Israeliten zogen herden-(scharen-)weise zum Kampfe gegen Midian, aber nur aus Rücksicht auf Mose und Pinchas  s. Num. 31, 51 (Nach der Belegstelle muss es Eleasar anstatt Pinchas heißen); „lagernd abwärts am Berge Gilead“ d. i. den Berg, aus dem ich Wellen getrieben, machte ich zum Wellenzeugnis für die Völker der Welt. Welcher ist es? Der Krieg gegen Midian. Und was ist das für ein Wellenschlag, den ich daraus hervorgetrieben habe? „Deine Zähne wie eine Herde Schurschafe.“ 12000 gaben sich freiwillig her und ebensoviel wurden überliefert s. das. V. 45. Nach R. Chananja bar Jizchak jedoch zogen nur 12000 Männer in den Krieg gegen Midian. „Die aus der Schwemme aufsteigen.“ R. Huna sagte: Auch nicht einer von ihnen legte die Tephillin des Kopfes an vor den Tephillin der Hand, denn wäre es geschehen, so hätte Mose sie nicht gelobt und sie würden auch nicht mit solchem Erfolge von da zurückgekehrt sein; daher müssen sie sehr fromm gewesen sein. „Alle zwillingsträchtig“, sie zogen nämlich alle paarweise zu dem Weibe, der eine berußte (schwärzte) ihr Gesicht, und der eine riss ihr die Ohrringe ab. Wenn die Person zu ihnen sprach: Sind wir nicht auch Gottes Geschöpfe, warum geht ihr mit uns so um? so antworteten die Israeliten: Wir sind durch euch d. i. euretwegen bestraft worden (eig.: wir haben das Verdiente, das uns Gebührende durch euch erhalten) s. Num. 25, 4. „Keins ist kinderberaubt darunter“ d. i. es war keiner einer Übertretung verdächtig; „wie ein Faden von Karmesin deine Lippen“, das war, als sie zu Mose sprachen s. Num. 31, 49: „Deine Knechte haben die Hauptzahl der Kriegsmänner, die in unsrer Gewalt sind, aufgenommen und es wird keiner vermisst“ d. i. es wurde keiner gefunden, der sich einer Ausschweifung und Sünde hingegeben hatte; „deine Redeweise lieblich“, als sie nämlich sprachen s. das. V. 50; „Wir bringen dem Ewigen das Opfer dar.“ Ihr widersprecht euch, sagte Mose, erst sagtet ihr: „Es wird keiner vermisst“, sie haben sich alle sündenrein gehalten und jetzt sagt ihr: „Wir bringen das Opfer dem Ewigen dar“, wenn ihr nicht gesündigt hättet, wozu das Opfer? Mose, unser Lehrer! antworteten sie, als wir paarweise zum Weibe gingen und einer ihr das Gesicht berußte und der eine riss ihr die Ohrringe ab, da konnte sich vielleicht doch bei einem die Leidenschaft geregt haben, wegen dieser Regung der Leidenschaft dachten wir, wir müssten ein Opfer bringen. Da belobte sie Mose. „Wie ein Granatapfelschnitt deine Schläfe“ d. i. selbst die Leeren unter euch sind mit der Ausübung religiöser Vorschriften und mit guten Werken versehen, wie dieser Granatapfel, denn wer einer Versuchung nahe war, ihr aber glücklich entkommt, der hat eine große Pflicht erfüllt, und (umsomehr als) selbstverständlich gilt dies von denen hinter deinem Schleier d. h. von den Bescheidenen und Demütigen unter euch. „Wie Davids Turm dein Hals“ d. i. die Höhe, zu welcher David euch in seinem Buche erhoben hat s. Ps. 136, 19. 21; „gebaut in Terrassen“, so kann das Buch genannt werden, weil es als das Erzeugnis vieler Munde anzusehen ist; „tausend Schilde hängen daran“, das sind alle die Tausende und Zehntausende, welche in den Krieg gegen Midian zogen und die ich nur wegen desjenigen schützte, der dem tausendsten Geschlecht gekommen  ist,  und ihr habt euch nicht an ihn gebunden, sondern „aller der Helden Schutzwehre“ d. i. jeder, welcher seine Leidenschaft beherrscht und bewältigt, heißt ein Held wie Mose, David, Esra, ein jeder in seiner Zeit, an welche das ganze Geschlecht gebunden war. Und durch wen ist der Krieg gegen Midian bewerkstelligt worden? „Durch deiner Brüste Paar“ d. i. durch die beiden Synhedristen Mose und Pinchas.
R. Huna deutete die Verse auf den Übergang der Israeliten über den Jordan. „Dein Haar wie eine Herde Ziegen“ d. i. wie eine Herde durchschritten sie den Jordan, aber nur wegen der Tugendhaftigkeit unseres Vaters Jacob s. Jos. 4, 22, wo nach R. Huna unter larsy der Alte (abc) d. i. Jacob zu verstehen ist. R. Judan im Namen des R. Jonathan sagte: An drei Stellen finden wir, nämlich im Pentateuch, den Propheten und Hagiographen, dass die Israeliten nur im Verdienste unsres Vaters Jacob den Jordan durchschritten haben, im Pentateuch s. Gen. 32, 11, in den  Propheten  s. Jos. 4, 22 und in den Hagiographen s. Ps. 114, 5. 6. “Die abwärts lagern am Berge Gilead“ d. i. den Berg, aus dem ich Wellen hervorgetrieben, machte ich zum Wellenzeugnis für die Völker der Welt. Welcher ist es? Der Jordan. Und was ist das für ein Wellenschlag, den ich daraus hervorgetrieben habe? „Deine Zähne wie eine Herde Schurschafe“ d. i. die Beute von Sichon und Og; „die aus der Schwemme heraufsteigen.“ Mit 60000 Mann, sagte R. Eleasar, wurde das Land Kanaan erobert, denn ein Krieg, der von einer größeren Heeresmacht unternommen wird, ist ein verwirrter Krieg. R. Jehuda sagte im Namen Chiskias: Überall, wo das Zahlwort: Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig mit dem Buchstaben 3 verbunden ist, bedeutet es soviel wie ungefähr, etwas weniger oder mehr vergl. Jes. 4, 13 und 1 Chron. 5, 18. R. Acha sagte: Sie waren ein volles Tausend, die Übrigen sind unterwegs umgekommen. Wo waren die 15000? Sie bewachten das Gepäck und wurden daher von der Schrift nicht gezählt. „Alle zwillingsträchtig“ d. i. sie (die übrigen Stämme) bildeten die Mitte zwischen dem Vortrab (bestehend aus den Stämmen Ruben, Gad und dem halben Stamm Manasse) s. Jos. 6, 7 und dem Nachtrab (dem Stamme Dan). „Keins kinderberaubt darunter“ d. i. es wurde nicht einer von ihnen beschädigt. „Wie ein Faden von Karmesin deine Lippen“ d. i. sie sprachen zu Josua: „Alles, was du uns befohlen hast, wollen wir tun“ s. Jos. 1, 16, „und deine Reden lieblich“, weil sie sprachen: „Jeder, der widerspenstig ist gegen deinen Mund u. s. w., der soll getötet werden“ s. das. V. 18. In diesem Augenblicke fing Josua an sie zu loben: „Wie ein Schnittstück des Granatapfels deine Schläfe“ d. i. die Leeren unter dir sind ausgerüstet mit Lehren wie dieser Granatapfel, und (umsomehr als) selbstverständlich gilt dies von denen hinter deinem Schleier d. h. von den Bescheidenen und Demütigen unter euch. „Wie Davids Turm dein Hals“ d. i. wie sehr hat David euch in seinem Buche erhoben s. Ps. 136, 17, „gebaut in Terrassen“ d. i. sein Wort ist das Erzeugnis vieler Munde; „tausend Schilde hängen daran“ d. i. all die Tausende und die Zehntausende, die den Jordan durchschritten, schützte ich nur im Verdienste desjenigen, welcher dem tausendsten Geschlechte gekommen ist, und ihr habt euch nicht an ihn gebunden, sondern „alle Schutzwehren der Helden“ d. i. jeder, der seine Leidenschaft beherrschte und bezwang, wie Mose, David, Esra, ein jeder zu seiner Zeit, ihr ganzes Zeitalter war an sie gebunden, und durch wen überschritten die Israeliten den Jordan? Durch „deiner Brüste Paar“ d. i. durch Josua und Eleasar.
Oder: „Hinter deinem Schleier, dein Haar wie eine Ziegenherde, abwärts lagernd am Berge Gilead“ d. i. den Berg, aus dem ihr Wellen getrieben, habe ich zum Wellenzeugnis für die Völker der Welt gemacht. Welcher ist es? Das Heiligtum s. Ps. 68, 36, von dem die Gottesfurcht (die Ehrfurcht) ausgeht, wie es heißt Lev. 26, 2: „Meine Feiertage sollt ihr beobachten, mein Heiligtum Ehrfürchten“, das zerstört ebenso wie gebaut geweiht ist. Wenn nun Gott sogar auf sein Heiligtum keine Rücksicht nimmt, um wie viel mehr wird er dessen Zerstörer bestrafen! Was ist das für ein Wellenschlag, den ich daraus hervorgetrieben habe? „Deine Zähne wie eine Herde Schurschafe“ d. i. die Dinge, die bestimmt angegeben sind, wie die Gewänder des Hohenpriesters. Es ist gelehrt worden (Mischna Tr. Juma VII, 3): Der Oberpriester verrichtet sein Amt in acht Gewändern, der gewöhnliche Priester in vier, in Leibrock, Beinkleidern, Turban und Gurt, jener aber trug außer diesen vier noch: Brustschild, Ephod (Schulterkleid), Oberkleid und Stirnblech. Der Leibrock, an den in Blut getauchten Leibrock Josephs erinnernd s. Gen. 37, 31, wirkte sühnend für die Blutvergießenden, oder wie andere annehmen, für die Träger der aus gemischten Stoffen (,yalk) zusammengesetzten Kleider s. das. V. 3; die Beinkleider sühnten die Ausschweifenden s. Ex. 28, 42; der Turban sühnte die Stolzen s. das. 29, 9; der Gürtel (Anlegebund, welcher 32 Ellen lang und in- und auswendig bunt gefleckt war) sollte nach dem einen für die, welche auf krummen Wegen gingen, nach einem andern für die Diebe sühnend wirken, weil er inwendig hohl war, und die Diebe auch ihre Tätigkeit im Verborgenen üben; das Brustschild diente zur Sühne für die Rechtsverdreher s. Ex. 28, 30; das Brust- oder Schulterkleid sühnte die Götzendiener s. Ezech. 3, 4; das Oberkleid diente als Sühne für Verleumdung. R. Simon sagte im Namen des R. Jonathan von Beth Gobrin: Für zwei Vergehungen, für Verleumdung und unfreiwilligen Totschlag nämlich, sollte es eigentlich keine Sühne geben, aber das Gesetz hat dennoch eine solche festgesetzt, für jene sühnte die Schelle (Glocke) am Leibrock s. Ex. 28, 35: „Und Aaron soll es (das Obergewand) tragen beim Dienste, dass sein Schall gehört werde“ d. i. es komme diese Stimme (der Schelle) und sühne die Stimme des Verleumders.   Auch für den unvorsätzlichen Todschläger sollte es keine Sühne geben, aber das Gesetz hat eine solche in dem Tod des Hohenpriesters festgestellt s. Num. 35, 25. Das Stirnblech diente als Sühne für die Frechen s. Ex. 28, 28 vergl. Jerem. 3, 3 und die Lästerer. Dass das Stirnblech die Lästerer sühnte, dafür wird dieser Grund angegeben, weil das Blech seinen Sitz auf der Stirn (xmo) des Oberpriesters hatte und der Stein, mit welchem David den Riesen Goliath, den Gotteslästerer getötet hatte, war in dessen Stirn sitzen geblieben s. 1 Sam. 17, 49. Es heißt ferner daselbst: ,,Er (Goliath) fiel auf sein Antlitz zur Erde.“ Warum? Vorher wird doch seine Höhe auf sechs Ellen und einen Daumen angegeben? Damit David, jener Gerechte, sich nicht anstrengen und weit zu gehen haben sollte, um ihm den Kopf abzuhauen, oder, wie R. Huna sagte, weil das Abbild seines Gottes Dagon auf dem Herzen des Überwundenen sich befand (eingegraben war), so sollte sich bestätigen, was Lev. 26, 30 geschrieben ist; oder wie Rabbi sagte, damit das Schmäh- und Lästermaul gestopft werde s. Hi. 40, 13. Oder er fiel deshalb auf sein Antlitz zur Erde, damit dieser Gerechte sich nicht bei seiner Rückkehr abmühe, oder damit dieser Gerechte komme und auf seinen Hals trete, um zu bestätigen, was Deut. 33, 29 geschrieben steht. „Die aus der Schwemme aufsteigen“, denn sie dienen Israel als Sühne; „alle zwillingsträchtig“ d. s. die zwei goldenen Ketten (s. Ex. 28, 14; 39, 15), die zwischen dem Brustschilde herausgingen und die von Innen wie Behältnisse aussahen; „und kinderberaubt ist keins darunter“ d. i. es nahm keine an Stärke ab, wie ,,ein Faden von Karmesin deine Lippen“ d. i. das heilige Diadem, „deine Rede ist lieblich“ d. i. das Stirnblech.
R. Jonathan ging einmal hinauf nach Jerusalem (Vergl. Midr.  Bereschs. r. Par. 32.), um daselbst zu beten. Als er an eine der Platanen (am Berge Garizim) kam, begegnete ihm ein Kuthäer (ein Samariter). Wohin gehst du? fragte ihn dieser. Nach Jerusalem, um zu beten. Willst du nicht lieber auf diesem gesegneten Berge als auf jenem Schmutzhaufen beten? Warum ist dieser Berg ein gesegneter? Weil er von der Wasserflut nicht überschwemmt worden ist. Das sagen auch die Leute, dass das Land Israel von der Flut verschont geblieben sei. (Nach einer Boraitha soll das Land Israel nicht von einem Tropfen von der Wasserflut berührt worden sein). R. Jonathan wusste in diesem Augenblicke nicht, wie er ihn widerlegen sollte (eig. es hatte sich das Wort dem R. Jonathan in diesem Augenblicke verborgen und er gab ihm keine Antwort). Erlaubst du mir wohl, Rabbi, fragte ihn sein Eseltreiber, dass ich ihn widerlegen darf? Gewiss! antwortete R. Jonathan. Darauf nahm der Eseltreiber das Wort und sprach zum Kuthäer: Zu welchen Bergen zählst du diesen Berg? Zählst du ihn zu den hohen, von diesen sagt doch die Schrift Gen. 7,  19, dass sie alle von Wasser bedeckt waren; gehört er aber zu den niedrigen, so heißt es das. V. 20: „fünfzehn Ellen darüber stiegen die Wasser, und es wurden die Berge bedeckt’’, so hält ihn die Schrift nicht der Erwähnung wert; denn wenn schon die hohen Berge nach der Schrift von Wassern bedeckt wurden, um wie viel mehr erst die niedrigen! Der Kuthäer schwieg und fand nicht, was er dagegen einwenden konnte. R. Jonathan stieg vom Esel und ließ den Führer drei Mil weit reiten und wandte auf ihn drei Bibelverse an, nämlich Deut. 7, 14, ]es. 54, 17 und Cant. 4, 1, welche letztere Stelle sagen will: Selbst die Leeren (Unwissenden) in Israel sind mit Antworten versehen wie der Granatapfel, um wie viel mehr erst die Bescheidenen und Enthaltsamen unter euch!
Oder: „Dein Haar wie eine Ziegenherde abwärts lagernd am Berge   Gilead“   d. i.   den Berg,   aus   dem   ich Wellen   hervortrieb, habe  ich zum Wellenzeugnis für die Völker der Welt gemacht. Welcher ist es? Die Priesterwachen. „Deine Zähne wie eine Herde Schurschafe“ d. i. die   bestimmten  Dinge, wie die vierundzwanzig Priester- und Levitenwachen  und die zwölf Teilungen (im Heiligtum für die Priester); „die aus der Schwemme aufsteigen“ d. i. sie bewachten die Israeliten, „alle zwillingsträchtig“, es ist dort (s. Tamid VII. 3.) gelehrt worden: In drei Zeiten des Jahres waren alle Wachen gleich; „und keins ist kinderlos unter ihnen“, wie es dort heißt: Der erste (der den Hohenpriester begleitenden) Priester reichte ihm den Kopf und den Fuß (des Opfertieres); „wie ein Faden Karmesin   deine Lippen“, wie es dort heißt: Wenn der Hohepriester sich bückte, das Trankopfer auszugießen, gab der Sagan ein Zeichen mit dem Tuch, da schlug der Sohn Arsa auf der Zimbel; „deine Redeweise ist lieblich“ d. i. der Gesang, wie es dort heißt: Das Lied, welches die  Leviten im Tempel sangen.     Am ersten Wochentag sangen sie Psalm 24 (s. Tamid VIL  4.): „Die Welt und was sie füllt, ist dem Ewigen“ weil es der erste Schöpfungstag war); am zweiten Wochentag sangen sie Ps. 48: „Groß ist der Ewige und sehr gepriesen in der Stadt unseres Gottes auf seinem heiligen Berge“ (weil Gott an diesem Tage die Veste zwischen den Wassern gemacht hatte); am dritten Wochentag sangen sie  Ps. 82: „Gott steht in der Gemeinde Gottes, er richtet zwischen den Richtern’’ (weil an diesem Tage das Trockne zum Vorschein kam, worauf die Richter stehen beim Gerichthalten); am vierten Wochentag   sangen  sie  Ps. 94: „Gott der Rache, Ewiger, Gott der Rache erscheine“ (weil an diesem Tage Sonne, Mond und Sterne erschaffen wurden, um deren willen Gott Rache an denen nehmen wird, die sie verehren); am fünften Wochentag sangen sie Ps. 81: „Jubelt unser Gotte, unsrer Stärke, lasst schallen dem Gotte Jacobs“ (weil an diesem die lebendigen  Kreaturen geschaffen wurden, über die sich jeder, der sie sieht, freut und seinen Schöpfer preist): am sechsten Wochentag sangen sie Ps. 93: „Der Ewige ist König,   mit Hoheit angetan (weil an diesem Tage das Werk der Schöpfung vollendet und der Mensch erschaffen wurde, welcher das Königreich seines Schöpfers anerkennt); am Shabbath endlich sangen sie Ps. 92: „Psalm, Lied auf den Ruhetag“, also den Psalm, welcher in Zukunft gesungen werden soll an dem Tage, wo völliger Shabbath und Ruhe ist im ewigen Leben.
Oder: ,,Dein Haar wie eine Ziegenherde, abwärts lagernd am Berge Gilead“ d. i. den Berg, aus dem ich Wellen hervortrieb, habe ich zum Wellenerzeugnis für die Völker der Welt gemacht. Welcher ist es? Es sind die Opfer. Was ist das für ein Wellenschlag, den ich daraus hervorgetrieben habe? „Deine Zähne wie eine Herde Schurschafe“ d. s. die bestimmten Opfer s. Num. 28, 8: „Das eine Lamm sollst du am Morgen opfern und das zweite sollst du gegen Abend opfern.“ „Die aus der Schwemme aufsteigen“ d. i. die als Sühne für Israel dienten, „alle zwillingsträchtig“, wie gelehrt worden ist: Der Widder ward von elf Priestern dargebracht (d. i. elf Priester waren dabei beschäftigt), nämlich sein Fleisch wie bei einem Lamm von fünfen, „und keins ist kinderlos“ wie daselbst gelehrt worden ist: Die Eingeweide, das Semmelmehl und der Wein (ward) durch je drei (Priester) dargebracht.
Oder: „Dein Haar wie eine Ziegenherde abwärts lagernd am Berge Gilead“ d. i. den Berg, welcher den Völkern der Welt als Wellenerzeugnis dient. Welcher ist es? Das Synedrium. Und was ist das für ein Wellenschlag, den ich daraus hervorgetrieben habe? „Deine Zähne wie eine Herde Schurschafe“ d. i. die bestimmten Dinge, nämlich die einen sprachen schuldlos, die andern sprachen schuldig; „welche aus der Schwemme aufsteigen“ welche die Israeliten zur Tugend und zum Glück bringen; „sie alle zwillingsträchtig“, wie dort gelehrt worden ist: Fanden sie ihn nicht schuldig, so ward er entlassen, wenn nicht, so verschieben sie sein Urteil bis auf den folgenden Tag; die Richter aber gesellen sich weder paarweise zusammen u. s. w.; „und keins von ihnen ist kinderlos.“ R. Levi sagte: Sie folgerten eins aus dem andern. R. Abba sagte: Keine Halacha war für die Richter stumpf. „Wie ein Faden von Karmesin deine Lippen.“ R. Judan sagte: Wie der Beschluss des Königs war der Beschluss dieses Gerichtshofes. Sie verhängten Steinigung, Verbrennung, Enthauptung und Erwürgung. R. Hunja sagte: Der rote Faden deutet auf das Blutbesprengen, wie gelehrt worden ist: „Ein rotes Seil (Faden) umspannte ihn (den Altar) in der Mitte, um einen Unterschied zu machen zwischen dem oberhalb und unterhalb desselben gesprengten Blute. R. Asarja sagte im Namen des R. Juda: Wie das rote Seil zwischen dem oberhalb und unterhalb desselben gesprengten Blute unterschied, so unterschied das Synedrium zwischen Unrein und Rein, zwischen Verbotenem und Erlaubtem, zwischen schuldlos und schuldig.
Oder: „Wie ein Faden von Karmesin deine Lippen“ d. i. der glänzende Streifen (der am Versöhnungstage am Eingange des Tempels angebracht war und beim Eintreffen des Sündenbockes in der Wüste rot wurde), „und deine Redeweise lieblich“ d. i. der Sündenbock, den man nach der Wüste sandte. Herr der Welt! sprachen die Israeliten, wir haben weder den glänzenden Streifen, noch den Sündenbock, welcher zu entsenden ist. Gott sprach zu ihnen: „Wie ein Faden von Karmesin deine Lippen“ d. i. die Regung deines Mundes ist mir so lieb, wie jener glänzende Faden von Karmesin. R. Abuhu verwies auf Hos. 14, 3, welche Stelle sagen will: Was zahlen wir statt der Stiere und des zu entsendenden Sündenbocks? Unsere Lippen. „Und deine Redeweise lieblich“ d. i. deine Redeweise ist schön, deine Reden (Gebet, Sündenbekenntnis) sind schön. R. Abba bar Kahana sagte: Obgleich Jerusalem jetzt wüste ist, so darf dennoch, wie zu der Zeit, da es erbaut war, nicht alles außerhalb ihres Gebiets genossen werden.
R. Levi sagte: Gott sprach: Während seiner Zerstörung hat Jerusalem mir Gerechte gestellt, wie Daniel und Genossenschaft, Mordechai und Genossenschaft, Esra und Genossenschaft, nach seinem Aufbau hat es mir Lasterhafte gestellt, wie Achas und seine Genossenschaft, Manasse und seine Genossenschaft, Ammon und seine Genossenschaft. Auf den Ausspruch des R. Levi hat R. Abba bar Kahana im Namen des R. Jochanan Jes. 54, 1 gesagt: „Denn die Söhne der Verlassenen werden mehr sein als die der Vermählten“ d. i. Jerusalem hat in seiner Zerstörung mir mehr gerechte Männer gestellt, als in seinem Aufbau.
„Wie ein Schnittstück des Granatapfels deine Schläfe.“ R. Abba bar Kahana und R. Abba. Der eine sagte: Wenn schön die Leeren (Unwissenden) in den drei Reihen (der Zuhörer) mit dem Gesetze, wie der Granatapfel, geziert waren, um wie viel mehr die Mitglieder des Synedriums selbst. Der andere sagte: Wenn schon die Ungelehrten im Synedrium in Bezug auf das Gesetz dem Granatapfel gleichen, um wie viel mehr diejenigen, welche außer der Sitzung unter dem Ölbaum, Weinstock und Feigenbaum mit den Worten der Thora sich beschäftigen. „Wie Davids Turm dein Hals“, das ist der Tempel. Warum wird er mit dem Halse verglichen? Weil während der Erbauung des Tempels der Hals Israels unter den Völkern der Welt ausgestreckt, nach seiner Zerstörung aber gebeugt war s. Lev. 26, 19. Oder: Wie der Hals oben am Menschen ist, so befand sich auch der Tempel auf der Höhe der Welt; wie am Halse die meisten Zierraten hängen, so hingen auch am Tempel das Priester- und Levitentum; wie der Mensch, wenn man ihm den Hals nimmt, nicht mehr lebt, so haben auch die Feinde Israels, nachdem der Tempel zerstört ist, kein Leben mehr. „Gebaut in Terrassen“ d. i. vier-winklig war der Tempel gebaut (d. i. er war von vier Seiten von heiligen Stätten eingeschlossen, vom Tempelberg, Vorhof, Tempel und dem Innersten). Er war eine Schönheit, sagte R. Chija bar R. Bun und wurde in einen Steinhaufen verwandelt. Gott spricht: Ich habe in dieser Welt den Tempel zum Schutthaufen gemacht, ich werde ihn aber einst zur Herrlichkeit (tvpypy) gestalten.
Oder: Das Wort tvyplt bedeutet: der Haufen (die Stätte), auf dem alle Munde (tvyp) beten. Daher haben die Alten gesagt: Die, welche außerhalb des jüdischen Landes sich befinden, wenden ihre Gesichter beim Gebete nach dem Lande Israel s. 1 Reg. 8, 48 und die, welche im jüdischen Lande weilen, kehren sich mit ihren Gesichtern der Stadt Jerusalem zu und beten s. das. V. 48. Die Leute, welche in der Stadt stehen und beten, wenden ihre Gesichter nach dem Heiligtum s. das. V. 42 und diejenigen, welche auf dem Tempelberge stehen, wenden ihre Gesichter beim Gebete nach dem Allerheiligsten s. das. V. 38, folglich wenden die Leute im Norden ihre Gesichter nach Süden und die im Süden wenden ihre Gesichter nach Norden, die im Osten wenden ihre Gesichter nach Westen und die im Westen wenden ihre Gesichter nach Osten, so dass alle Israeliten ihre Gebete nach einem und demselben Orte richten. Und woher lässt sich beweisen, dass alle Israeliten einem und demselben Orte zugewendet beten? Nach R. Josua ben Levi aus 1 Reg. 6, 17, wo es heißt: „Das ist der Tempel vorne“ d. i. der Tempel, auf welchen sich alle Gesichter richten. So war es, als der Tempel stand, woher lässt sich aber beweisen, dass dieser Anordnung auch nach seiner Zerstörung Folge zu leisten ist? Nach R. Abin aus dem Worte tvyplt d. i. der Tempel, auf dem alle Munde beten. Im Abendgebete heißt es: der du Jerusalem erbaust; im Schemone esre (dem achtzehngliedrigen Gebete heißt es): der du Jerusalem erbaust, und ebenso heißt es im Tischgebete: der du bauest Jerusalem, woraus du erkennen kannst, dass es eine Stätte ist, um deren Wiederherstellung vor Gott alle Munde beten, und die er einst auch wiedererbauen und in ihr seine Schechina ruhen lassen wird. Einmal heißt es 1 Reg. 9, 3: „Mein Auge und mein Herz werden zu allen Zeiten dort sein, spricht der Ewige“, und einmal heißt es Hos. 5, 15: „Ich gehe und kehre wieder zu meinem Orte zurück“, wie sind diese beiden Verse in Übereinstimmung zu bringen? Auf diese Weise: Das Gesicht (des Betenden) soll nach oben, sein Herz aber nach unten gerichtet sein, denn es ist gelehrt worden: Der Mensch richte sein Herz nach dem Allerheiligsten d. i. nach R. Chija dem Grossen nach dem oberen Allerheiligsten, nach R. Simon ben Chalaphtha aber nach dem unteren Allerheiligsten. R. Pinchas stimmte diesen beiden Ansichten bei, weil das überirdische Allerheiligste dem irdischen entspricht s. Ex. 15, 17, wo nicht ]ykm, sondern ]vvkm gerichtet zu lesen ist d. i. gerichtet nach deiner Wohnung, nämlich nach dem oberen Heiligtum. Warum hieß der Berg Moria (hyrvmh)? Darüber sind R. Chija der Grosse und R. Janai verschiedener Meinung. Der eine sagte: Weil von ihm die Lehre (hrm) in die Welt ausgeht; der andere sagte: Weil von ihm die Gottesfurcht (arvm) in die Welt ausgeht. Ebenso sind die beiden Gelehrten über die Benennung ]vra Bundeslade verschiedener Meinung. Nach dem einen ist es der Gegenstand, von dem das Licht in die Welt kommt, nach dem andern ist es der Gegenstand, von dem der Fluch (hryra) für die Völker der Welt ausgeht. Auch über die Benennung rybd das Allerheiligste sind die beiden Gelehrten geteilter Meinung, der eine sagte, der Tempel hieß darum so, weil von ihm die Pest (rbd) zu den Völkern der Welt kommt, der andere sagte, weil von da die Worte (tvrbd Lehren) in die Welt kommen. „Tausend Schilde hängen daran.“ Nach R. Berachja sprach Gott: Tausend Geschlechter habe ich übersprungen, bis ich den Schild (d. i. das Gesetz) gebracht habe, der ihre Herzenslust geworden ist. R. Berachja sagte ferner im Namen des R. Jizchak: Abraham sprach vor Gott: Herr der Welt! mir bist du ein Schild geworden, aber meinen Kindern nicht. Für dich, antwortete Gott, war ich nur ein Schild s. Gen. 15, 1, deinen Kindern aber werde ich es mehrfach sein, wie es heißt: Tausend Schilde hängen daran. „Alle Schutzwehren der Helden“ d. i. das Priester- und Königtum.

V. 5.    Deine beiden Brüste.
Wie die Brüste der Schmuck und die Zierde des Weibes sind, so waren es Mose und Aaron für die Israeliten; wie die Brüste die Schönheit des Weibes darstellen, so waren auch Mose und Aaron die Schönheit der Israeliten; wie die Brüste dem Weibe zur Verherrlichung und zum Ruhme gereichen, so verliehen auch Mose und Aaron den Israeliten Würde und Ansehen; wie die Brüste mit Milch gefüllt sind, so wurden auch die Israeliten durch Mose und Aaron voll des Gesetzes (der Gotteslehre); wie die Brüste alles, was das Weib isst, dem Kinde mitteilen, so lehrte auch unser Lehrer Mose das ganze Gesetz, welches er gelernt hatte, dem Aaron s. Ex. 4, 20. Er offenbarte ihm auch, wie die Rabbinen sagen, den ganzen Gottesnamen. Wie die Brüste an Größe sich gleich sind, so waren es auch Mose und Aaron, jener war nicht größer als dieser und dieser nicht größer als jener s. Ex. 6, 26. Gleich einem König, bemerkte R. Abba, welcher zwei kostbare Perlen hatte und die, als er sie in zwei Wagschalen legte, an Gewicht einander völlig gleich waren, ebenso waren auch Mose und Aaron einander völlig gleich. Dank dem Allerhöchsten, sprach R. Chanina bar Papa, der diese beiden Brüder nur zur Belehrung und Ehre Israels erschaffen hat!
R. Josua von Sichnin berichtete im Namen des R. Levi: Es gab zwei Priesterfamilien in Alexandrien, von welchen die eine von kaltem, die  andere von heißem Temperament  war. Die Ärzte schickten dahin und ließen (Fett) von ihnen bringen, machten eine Arznei daraus und heilten sie damit.
Rabba sagte im Namen des R. Simeon: Der Mensch legt nicht eher ein Pflaster auf, bis er die Wunde sieht, aber der, welcher sprach und die Welt ward, lässt der Wunde das Pflaster vorangehen s. Jerem. 33, 6 und Hos. 7, 1, an welcher letzteren Stelle Gott sagen will: Da ich Israel von seinen Sündenschulden heilen wollte, wurden die Sündenschuld Ephraims und die Übeltaten Samariens aufgedeckt; aber die Völker der Welt schlägt er erst und dann heilt er sie s. Jes. 19, 22. Er schlug durch Aaron und heilte durch Mose. Heil diesen zwei Brüdern, die nur zur Ehre Israels geschaffen worden sind! was auch der Prophet Samuel gesagt hat 1 Sam. 12, 6: „Der Ewige, welcher Mose einsetzte und Aaron.”
„Deine beiden Brüste” d. i. Mose und Aaron, gleich zwei jungen Rehen, Zwillingen einer Gazelle. R. Josua von Sichnin sagte im Namen des R. Levi: Wie diese Zwillinge, sobald eins von ihnen von ihren Brüsten sich trennt, die Brust der Mutter keine Nahrung mehr gibt, so verhält es sich auch mit den drei Hirten Israels s. Sach. 11, 8. Sie sind doch in einem Jahre gestorben? Allein in einem Monat ist das Verhängnis über alle drei beschlossen worden vergl. Ps. 47, 10. R. Jose sagte: Drei gute Pfleger (]ycnrp) erstanden den Israeliten, Mose, Aaron und Mirjam, wegen deren Verdienst ihnen drei köstliche Gaben zu Teil wurden, der Brunnen, das Manna und das schützende Gewölk der göttlichen Herrlichkeit. Das Manna wegen Mose, der Brunnen wegen der Mirjam und das Gewölk der Herrlichkeit wegen Aaron. Mit dem Tode Mirjams versiegte der Brunnen. Sie sprachen: Es ist kein Ort für Samen und Feigenbaum. Da stellte sich aber der Brunnen wegen Moses und Aarons Verdienst wieder ein, mit Aarons Tode schwand das Gewölk der Herrlichkeit s. Num. 20, 29, wo nicht varyv sie sahen, sondern varyyv sie fürchteten sich, zu lesen ist, es trat aber wegen Moses Verdienst wieder ein; mit dem Hinscheiden Moses endlich schwanden alle drei und kamen nicht wieder. Auch die Hornisse (welche die feindlichen Völker aus dem verheißenen Lande vertreiben sollte s. Ex. 23, 28) zog nicht mit den Israeliten über den Jordan, und es fehlte ihnen seitdem die Wohlbehaglichkeit.
weidend unter Lilien.
Samuel bar Nachmani sagte: Mirjam und Jochebed waren die Erhalterinnen Israels, sie weideten die Israeliten (indem sie wider Pharaos Befehl die Knaben leben ließen), denn ihre Herzen waren so zart wie Lilien. Und wo entwickelten sie ihre Tätigkeit? In Ägypten und am Schilfmeer?

V. 6.   Bis der Tag sich kühlt und die Schatten weichen, will ich zum Myrrhenberge, zum Weihrauchhügel gehen.

Diesen Vers legten R. Abuhu und R. Levi jeder auf eine andere Weise aus. R. Abuhu sagte: Als unser Vater Abraham sich, seine Söhne und Hausgenossen beschnitt, machte er aus ihren Vorhäuten einen Hügel, die Sonne schien darauf, es erzeugten sich Würmer und ein Geruch stieg auf, der vor Gott wie Myrrhen und Weihrauchduft vom Altar war und er sprach: Wenn seine Kinder einst in Übertretungen und Übeltaten (böse Werke) verfallen, so werde ich ihnen dieses Geruchs eingedenk sein und mich ihrer erbarmen und das strenge Recht in Barmherzigkeit wandeln. Warum? Weil „ich mich nach dem Myrrhenberg und Weihrauchhügel wende.”
R. Levi sagte: Als Josua die Kinder Israel beschnitt, warf er ihre Vorhäute zu einem Hügel auf, aus dem, als die Sonne darauf schien, sich Würmer bildeten, und der Geruch, welcher davon aufstieg, war vor Gott wie Myrrhen- und Weihrauchduft vom Altar. Gott sprach: Wenn ihre Kinder einst in Sünden und Übeltaten geraten, so werde ich ihnen dieses Geruches eingedenk sein und mich ihrer erbarmen und ihnen das Strafmass in Erbarmen wandeln. Warum? Weil „ich mich nach dem Myrrhenberg und Weihrauchhügel wende.”
Es heißt Gen. 17, 26: „Am hellen Tage beschnitt sich Abraham”, denn hätte er es bei Nacht getan, so würden nach R. Berachja seine Zeitgenossen gesagt haben: Hätten wir es gesehen, so würden wir es nicht zugelassen haben. So aber geschah es am hellen Tage, und jeder konnte es wahrnehmen und dagegen sprechen.
R. Abuhu bar Kahana sagte: Abraham ertrug den Schmerz der Beschneidung, damit Gott ihm seinen Lohn verdoppele, denn es heißt Gen. 7, 13: lvmy lvmh. Gott sprach: Soll sich etwa der Unreine mit dem Reinen abgeben? Nein, lvmy lvmh ich bin rein und Abraham ist rein, und es ziemt dem Reinen sich mit dem Reinen zu verbinden.
Nach R. Abin im Namen des R. Simeon hat Gott seine Rechte mit Abraham vereinigt und ihn beschnitten s. Nach. 9, 8: und du schnittest mit ihm. Oder unter „dem Myrrhenberge” ist Abraham zu verstehen, der das Haupt aller Gerechten (Frommen) war, und unter dem „Weihrauchhügel” Jizchak, der sich zum Opfer darbot, wie die Hand voll Weihrauch auf dem Altar.