Judentum – Schir ha-Schirim – Hohes Lied Salomon – Kapitel 6 – Vers 1-12

V.  1. Wo ging er hin, dein Lieber, schönste unter den Frauen?
V. 2. Mein Lieber ging hinab in seinen Garten zu den Würzkrautbeetlein.
V. 3.    Schön bist du, meine Freundin, wie Thirza.
V. 4. Wende deine Augen hinweg von mir, sie überwältigen mich.
V. 7.    Wie ein Schnittstück der Granate deine Schläfe.
V. 8.    Sechzig sind der Königinnen,  der Nebenfrauen achtzig und Jungfrauen ohne Zahl.
V. 9. Eine ist meine Taube, meine Fromme
V. 10. Wer ist die da, die hervorblickt wie Morgenrot?
V. 11.    In den Nussgarten stieg ich hinab.
V. 12. Ich wusste nicht, dass meine Seele mich auf den Prachtwagen meines edlen Volkes erhoben.



V.  1. Wo ging er hin, dein Lieber, schönste unter den Frauen?

Die Völker der Welt sprechen zu Israel: Wohin ging dein Lieber von Ägypten, dem Meere, dem Sinai? Was fragt ihr mich über ihn? erwiderte die Gemeinde Israel, was nützt es euch, dass ihr nach ihm fragt, welchen Anteil habt ihr an ihm? Ich kann, nachdem ich mich mit ihm verbunden habe, nicht von ihm lassen, kann mich nicht von ihm trennen. Wo er auch sein mag, er kommt zu mir.

V. 2. Mein Lieber ging hinab in seinen Garten zu den Würzkrautbeetlein.
R. Jose bar Chanina sagte: Der Anfang des Verses stimmt nicht mit dem Schlusse überein und dieser wieder nicht mit dem Anfange. Erst heißt es: „Er ging hinab in seinen Garten“ und dann: „zu weiden in den Gärten?“ Allein unter „meinem Lieben“ ist Gott und unter „seinem Garten“ die Welt, unter „dem Würzkrautbeetlein“ Israel und unter „den Gärten“ sind dessen Versammlungs- und Lehrhäuser zu verstehen. „Lilien zu pflücken“ d. i. die Gerechten in Israel aus der Welt zu nehmen. Was ist wohl der Unterschied zwischen dem Tode alter und junger Leute? R. Jehuda sagte: Wenn das Licht von selbst erlischt, so ist es gut für das Licht und für den Docht, wenn es aber nicht von selbst erlischt, so ist es nicht gut für das Licht und für den Docht.
R. Abuhu nahm die Feige als Beispiel an. Wird diese zu ihrer Zeit d. i. zur rechten Zeit gepflückt, so ist es gut für sie und für den Feigenbaum, wird sie aber vor ihrer Zeit (Reife) gebrochen, dann leidet sie und der Baum.
R. Chija bar Abba und seine Schüler, oder wie andere meinen, R. Akiba und seine Schüler, oder wie noch andere meinen, R. Josua und seine Schüler pflegten alle Tage frei unter einem Feigenbaume sich einzufinden. Der Besitzer desselben kam ihnen aber an jedem Tage zuvor und pflückte die Früchte ab. Wir wollen, sprachen sie untereinander, einen andern Ort aufsuchen, er hat uns vielleicht in Verdacht. Sie begaben sich nach einem andern   Orte. Als der Eigentümer des Feigenbaumes sie am andern Morgen nicht fand, suchte er sie so lange, bis er sie fand. Meine Herren! redete er sie an, den einzigen Liebesdienst, den ihr mir bis jetzt erwiesen habt, wollt ihr mir nun versagen? Sie sprachen: Gott behüte! Warum habt ihr aber euren Ort verlassen und euch an einem andern niedergelassen? Wir dachten, du hättest uns vielleicht in Verdacht. Gott behüte! entgegnete er, ich will euch die Ursache sagen, weshalb ich täglich frühmorgens vor eurer Ankunft die Feigen gepflückt habe. Wenn ich es so lange hätte anstehen lassen, bis die Sonne auf den Feigenbaum geschienen, so wären sie wurmstichig geworden. Am andern Tage fanden sie sich wieder ein, sahen die Früchte noch am Baume, pflückten sie ab, nahmen davon, brachen sie auf und fanden darin Würmer. Der Besitzer des Feigenbaumes, bekannten sie nun, hat Recht gehabt, er weiss, wenn es Zeit ist, die Feigen zu pflücken. Ebenso weiss Gott, wenn es Zeit ist, die Gerechten aus der Welt zu nehmen und er tut es. Gleich einem Könige, sagte R. Samuel bar Nachman, welcher einen Lustgarten hatte, in welchem er eine Reihe Nussbäume, eine Reihe Apfelbäume und eine Reihe Granatapfelbäume gepflanzt hatte, und den er dann seinem Sohne überließ. Wenn dieser den Willen seines Vaters tat, sah sich dieser nach schönen Pflanzen um, riss sie aus und versetzte sie in den Lustgarten seines Sohnes, tat dieser aber den Willen seines Vaters nicht, so sah sich der König in dem Lustgarten nach einer schönen Pflanze um und riss sie aus. So auch, wenn die Israeliten den Willen Gottes tun, bringt er jeden Gerechten, den er unter den Völkern der Welt findet, wie z. B. Jethro und Rachab, herbei und schließt ihn an die Israeliten an, tun sie aber seinen Willen nicht, so sieht er sich um, wo ein Gerechter, Grader, Frommer und Gottesfürchtiger unter ihnen ist und nimmt ihn von ihnen.
Als Chija bar Iwja, Schwestersohn bar Kapras, entschlummert war, wurde R. Jochanan aufgefordert, über ihn die Leichenrede zu halten. Er schlug aber den Resch Lakisch vor, der als Schüler des Hingeschiedenen dessen Leistungen und Verdienste eher zu würdigen wisse. R. Simeon ging hinauf und begann mit Anwendung der Worte des Hohenliedes: „Mein Lieber ging in seinen Garten hinab.“ Gott kannte die Werke des R. Chija bar Iwja, darum nahm er ihn aus der Welt.
Als R. Simon bar Sabdi entschlummert war, hielt R. Ila die Leichenrede und wandte auf ihn Hi. 28, 12. 14. 21 an: „Aber die Weisheit, wo wird sie gefunden? und wo ist der Sitz der Einsicht? Die Tiefe spricht: In mir ist sie nicht! und das Meer sagt: Sie ist nicht bei mir! Verborgen ist sie dem Blick aller Lebenden, und vor den Vögeln des Himmels verhüllt.“ Hier werden vier Dinge genannt, deren die Welt (im Verkehr) sich bedient, nämlich Silber, Gold, Eisen und Kupfer, die, wenn sie abhanden gekommen sind, sich  wieder ersetzen  lassen. (Das. V. 1 u. 2):  „Denn  das Silber hat seinen Fundort und seinen Sitz das Gold, das man läutert; Eisen wird aus dem Boden geholt und Steine schmilzt man zu Kupfer“; wenn aber ein Weiser gestorben ist, wer bringt uns dafür einen Ersatz, wir haben den R. Simon verloren, wo finden wir seinesgleichen?
R. Levi ließ sich mit Bezug auf Gen. 42, 28 auf diese Weise aus: „Die Stämme hatten einen Fund getan und sie entsetzten sich darüber“, wie erst wir, die wir den R. Simon bar Sabdi verloren haben! Wo finden wir einen Ersatz für ihn?
Als R. Bun bar R. Chija entschlummert war, hielt R. Sera diese Trauerrede mit zu Grundelegung von Kohelet 5, 12: „Der Schlaf des Arbeiters ist süß.“ Mit wem ist wohl R. Bun zu vergleichen? Mit einem Könige, welcher einen Weinberg hatte, zu dessen Pflege er Arbeiter mietete. Unter diesen befand sich einer, welcher die andern weit an Geschicklichkeit übertraf. Als der König es bemerkte, ergriff er ihn bei der Hand und wandelte mit ihm im Garten die Länge und Breite. Zur Abendzeit kamen die Arbeiter, um ihren Lohn zu empfangen, da stellte sich auch der geschickte Arbeiter ein, um mit den anderen seinen Lohn zu empfangen, und der König gab ihm denselben Lohn wie den andern. Darüber ärgerten sich die andern Arbeiter. Unser Herr König! sprachen sie, wir haben den ganzen Tag gearbeitet und dieser hat nur zwei oder drei Stunden gearbeitet und er empfängt gleichen Lohn mit uns? Was ärgert ihr euch, erwiderte der König, er hat in den zwei oder drei Stunden mehr gearbeitet, als ihr den ganzen Tag. So hat auch R. Bun bar Chija in 28 Jahren im Gesetze mehr geleistet (ersprießlicher gewirkt), als ein ergrauter Schüler in hundert Jahren.
R. Jochanan sagte: Wer in dieser Welt sich mit dem Gesetze beschäftigt, den lässt man künftig nicht schlafen, sondern man führt ihn in das Lehrhaus Schems und Ebers, Abrahams, Jizchaks und Jacobs, Moses und Aarons, so dass auf ihn 2 Sam. 7, 9 angewendet werden kann: „Ich habe dir einen großen Namen gemacht gleich den Grossen auf Erden.“

V. 3.    Schön bist du, meine Freundin, wie Thirza.
R. Jehuda bar Simon legten diesen Vers auf die Opfer aus, durch welche die Israeliten mit Wohlgefallen aufgenommen werden vergl.  Lev. 1, 4.
lieblich wie Jerusalem d. s. die heiligen Opfer s. Ezech. 36, 38.
Oder: „Schön bist du, meine Freundin, wie Thirza“ d. s. die Frauen des Wüstengeschlechts, denn, wie Rabbi bemerkt hat, die Frauen des Wüstengeschlechts (die ihre Männer durch die Wüste begleiteten) waren fromm, sie erhoben Einspruch und gaben nichts von ihren Ringen zur Fertigung des goldenen Kalbes her, sondern sprachen: Wenn Gott schon alle widerstandsfähigen Götter Ägyptens zerschmettert hat, um wie viel mehr wird dieses zarte Werk von Gold sich nicht halten. „Lieblich wie Jerusalem.“ Wer die Formen (Abdrücke) des Götzen Peor suchte, fand solche in Jerusalem s. Jes. 10, 10.
Oder: „Schön bist du wie Thirza“ d. i. wenn du willst, so brauchst du  nicht von andern zu lernen, du weißt schon, wie man Gott dienen muss. Wer sagte ihnen (den Israeliten), dass sie Wagen und Rinder herbeischaffen sollten, um das Stiftszelt aufzuladen? Wussten sie es nicht von selbst? s. Num. 7, 3, und zwar auf sechs Wagen, entsprechend den sechs Himmelssphären und nicht auf sieben, denn nach R. Abun ist der Wagen, in welchem der König sich befindet, ehrenvoll (]vqymu) d. i. er wird nicht zu den anderen gezählt. Oder die sechs Wagen entsprechen den sechs Namen, welche die Erde hat, nämlich: /ra, aqra, hmda, ayg, hyo, hysn, lbt, wie es heißt Ps. 98, 9: „Und er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit.“
Oder die sechs Wagen deuten auf die sechs Ordnungen der Mischna (hnsm ykri), oder auf die sechs Schöpfungstage, oder auf die sechs Stamm-Mütter: Sara, Rebecca, Rahel, Lea, Silpa, Bilha hin. Das Wort bo Num. 7, 3, was mit tvlgi verbunden ist, bedeutet soviel wie: die Wagen glichen den Baldachinen, oder soviel wie: gezeichnet (mit bunten Farben), oder soviel wie: geordnet (geschirrt), oder soviel wie: Schar (die Wagen), auf welchen die Levitenschar stand. Im Namen Nechemjas wurde gelehrt: Die Wagen waren wie eine Art bogenförmige Überdachung, damit die Gerätschaften nicht spalten sollten. Die 12 Rinder stellten die 12 Fürsten dar, von welchen auf zwei je ein Wagen kam, vor jeden wurde ein Ochs gestellt, woraus hervorgeht, dass dieselben nicht angekauft worden waren, sondern jeder brachte einen Ochsen und einen Wagen. „Sie brachten sie vor das Stiftszelt“ d. i. sie übergaben sie dem Allgemeinen s. Num. 7, 4: „Und der Ewige sprach zu Mose rmal (also).“ Was heißt rmal? Gott sprach zu Mose: Geh und sage ihnen (den Spendern) Worte des Lobes und des Trostes. Nach R. Hosaja sprach Gott: Ich rechne es euch so an, als hätte ich schon meine Welt tragen müssen in dem, was ihr mir bringet. Darüber geriet Mose in Furcht. Sollte, sprach er in seinem Herzen, sich mir der heilige Geist entzogen haben und auf die Fürsten herabgekommen sein? oder sollte ein anderer Prophet aufgetreten sein und die Halacha erneuert haben? Gott sprach zu ihm: Mose! wenn ich ihnen geheißen hätte, mir das alles zu bringen, so würde ich dir hierzu den Auftrag gegeben haben. Allein ich habe dir gesagt s. das. V. 5: „Nimm es von ihnen“ d. i. von ihnen sind die Dinge. Wer hatte ihnen aber diesen Rath gegeben? Nach R. Simon der Stamm Issaschar. Dieser stellte ihnen vor: Soll denn das Stiftszelt, das ihr gefertigt, in der Luft fliegen? Machet Wagen, auf welche es geladen werden kann, weshalb auch dieser Stamm von der Schrift gelobt wird s. 1 Chron. 12, 32: „Und von den Kindern lssaschars, die sich auf die Zeiten verstanden.“ Was heißt das Wort ,ytil daselbst? R. Tanchuma sagte: Es sind Leute, die sich auf die Zeitberechnung verstehen. Nach R. Jose bar Kursai verstanden sie sich auf die Einführung des Schaltjahres, wie es heißt das.: „Um zu wissen, was Israel tun sollte” d. i. sie verstanden den Grind zu heilen. „Ihre Häupter zweihundert” d. s. die 200 Häupter (Glieder) des Synedriums, die der Stamm Issaschar stellte. „Und alle ihre Brüder folgten ihrem Munde”, daraus geht hervor, dass alle ihre Brüder die Halacha auf ihren Mund (Ausspruch) stützten, gleich der Halacha des Mose vom Sinai (d. i. über ihre Aussprüche waren alle ihre Brüder einverstanden, wie über eine Halacha Moses vom Berge Sinai). In dieser Stunde sprach Mose vor Gott: Herr der Welt! vielleicht könnte doch eine von den Kühen fallen und eins von den Rädern zerbrechen und dadurch das Opfertier der Fürsten unbrauchbar und der heilige Dienst somit unterbrochen werden? Darauf antwortete Gott: „Nimm von ihnen, es bleibe zum Dienste in der Stiftshütte” d. i. es sei dem Dargebotenen eine lange, lange Dauer verliehen s. Num. 7, 5. Wie lange bestand es? Nach R. Judan und R. Huna im Namen Bar Kapras bis zu der Zeit in Gilgal s. Hos. 12, 12. Wo opferten sie dieselben? Nach R. Abun in Nob, nach R. Abba in Gibeon, nach R. Levi in Schilo, nach den Rabbinen im Tempel, welches letztere nach R. Chama aus 2 Chron. 7, 5 zu erweisen ist, wo es nicht heißt   rqb xbz, sondern rqbh xbz. Welches waren die Rinder? Es sind die Num. 7, 7 u. 8 erwähnten zwei Wagen und vier Rinder und vier Wagen und acht Rinder. Nach R. Meir sind die Kühe und Wagen noch jetzt vorhanden, sie wurden nicht fehlerhaft, erlitten keinen Schaden und wurden nicht erschlagen. Wenn nun schon den Kühen, welche durch Menschen mit der Arbeit am Stiftszelte in Verbindung standen, eine so lange Dauer gegeben worden ist, um wie viel mehr den Israeliten, die mit dem ewig Lebenden verbunden sind s. Deut. 4, 4.

V. 4. Wende deine Augen hinweg von mir, sie überwältigen mich.
R. Asarja im Namen des R. Jehuda bar Simon gab zur Erläuterung dieses Gleichnis an. Ein König geriet gegen die Matrone in Zorn und verstieß sie und wies sie aus seinem Palaste. Was machte sie? Sie ging und verbarg (verhüllte) ihr Gesicht hinter der Säule des Palastes. Als der König da vorüberging, sprach er: Entfernt sie aus meinen Augen, ich kann ihren Anblick nicht ertragen. So auch wenn der Gerichtshof Fasten ausschreibt und die jungen Männer sich demzufolge Speise und Trank versagen und sich Entbehrungen auflegen, da spricht Gott: Ich kann es nicht ertragen, dass sie mich überheben und mich veranlassen, Hand an meine Welt zu legen. In der Stunde, wo der Gerichtshof ein Fasten beschließt und die Kinder sich kasteien, spricht Gott: Ich kann es nicht ertragen, denn sie haben mich erhoben und mich zum Herrscher über sich gesetzt mit den Worten Ex. 15, 18: „Der Ewige regiere ewig.” In der Stunde, wo der Gerichtshof Fasten beschließt und die Greise fasten, spricht Gott: Ich kann es nicht ertragen, dass sie mich überheben, denn sie haben am Sinai meine Regierung angenommen mit den Worten Ex. 24, 7: „Alles, was der Ewige gesprochen, wollen wir tun und befolgen” vergl. Ps. 87, 4. R. Pinchas im Namen des R. Chama bar Chanina sagte: Es heißt Ps. 68, 19: „Auch von Widerspenstigen, um da zu wohnen, Jah, Gott” d. i. selbst unter Widerspenstigen lässt Gott seine Schechina ruhen. In wessen Verdienste? Im Verdienste der Worte: „Alles, was der Ewige geredet, wollen wir tun und gehorchen.”
Dein  Haar   wie   eine  Ziegenherde. Wie die Ziege, so waren auch die Israeliten bei Schittim verächtlich s. Num. 25, 1.
V. 5. Deine Zähne wie eine Lämmerherde. Wie das Mutterschaf züchtig ist, so waren die Israeliten züchtig und rein und gerade im Kriege gegen Midian; nach R. Huna im Namen des R. Acha, nicht einer von ihnen legte die Tephillin des Hauptes früher an, als die Tephillin der Hand” (d. i. sie waren in hervorragender Weise fromm), denn hätten sie es getan, so würde Mose sie nicht belobt haben und sie würden von da nicht in Frieden hinaufgezogen sein. Das will es heißen: Sie waren zu gerecht.
alle zwillingsträchtig, als Zwillinge (Gleichgesinnte) zeigten sie sich, als sie in den Krieg gegen Midian zogen, wo sie paarweise zu einer Frau kamen, von welchen der eine ihr das Gesicht anschwärzte, der andere ihr die Ohrringe abzog. Sind wir nicht auch Geschöpfe Gottes, sprach die Midianiterin, warum behandelt ihr uns so? Ist es euch nicht genug, dass wir durch euch bestraft wurden? (Weil die Israeliten früher auf Bileams Rath von den Midianiterinnen sich hatten verführen lassen, daher führten sie Krieg gegen Midian).
kein Kinderberaubtes ist darunter d. i. es wurde niemand von ihnen (den Israeliten) betreffs einer Ausschreitung verdächtigt.

V. 7.    Wie ein Schnittstück der Granate deine Schläfe.
Als die Israeliten vom Kriege gegen Midian zurückkehrten, rühmte sie Mose: Sogar die Leeren (Ungebildeten) unter euch zeichnen sich durch ihre Beobachtung der Pflichtgebote und gute Werke aus, wie diese Granate; wer von euch Gelegenheit hatte, eine Übertretung zu begehen, und aus ihr gerettet wurde und sie nicht beging, der hat schon dadurch eine große Pflicht erfüllt, um wie viel mehr erst „hinter deinem Schleier” die Demütigen und Enthaltsamen unter euch.

V. 8.    Sechzig sind der Königinnen,  der Nebenfrauen achtzig und Jungfrauen ohne Zahl.
R. Chija von Sepphoris und R. Levi deuteten diesen Vers auf die Völkerschaften. R. Chija sagte: 60 und 80 gibt 140. Vierzig (Völker) von ihnen haben eine Sprache, aber keine Schrift, 40 wieder haben keine Sprache, aber eine Schrift, die übrigen 40 endlich haben weder Schrift noch Sprache. Solltest du vielleicht glauben, es verhalte sich auch so mit Israel? Nein, von diesen heißt es Esth. 8, 9: „An die Juden wurde geschrieben in ihrer Schrift und Sprache.“ R. Levi sagte: 60 und 80 gibt 140. Siebzig Völkerschaften kennen ihre Stammväter, aber nicht ihre Stammmütter, und ebenso viele kennen nur ihre Stammmütter, aber nicht ihre Stammväter. „Und Jungfrauen ohne Zahl“ d. i. es gibt noch unzählige, die weder ihre Stammväter, noch ihre Stammmütter kennen. Solltest du aber glauben, dass das auch bei den Israeliten der Fall sei, so heißt es Num. 1, 18: „Sie ließen sich in die Geschlechtsverhältnisse eintragen nach ihren Familien und Vaterhäusern.

V. 9. Eine ist meine Taube, meine Fromme d. i.
Abraham, von welchem gesagt wird: Einzig war Abraham s. Ezech. 33, 24.
Die einzige ihre Mutter d. i. Jizchak, welcher seiner Mutter einziger Sohn war.
ihrer Gebärerin Auserkorene d. i. unser Vater Jacob, welcher bei seiner Familie auserkoren war, weil er ein ganz frommer Mann war.
Töchter sahen sie und priesen sie glücklich. Das sind die Stämme, deren Abkunft in Ägypten dem Pharao und seinem Hofe gefiel s. Gen. 45, 16.
Oder die Worte: „Töchter sahen sie und priesen sie glücklich“ lassen sich auf Lea anwenden, welche sagte s. Gen. 30, 13: „Die Töchter werden mich nun glücklich preisen.“
Königinnen und Nebenfrauen, sie verherrlichten sie, nämlich (den Sohn der Rachel) Joseph, von welchem der König zu seinen Dienern sagte s. Gen. 41, 38, 39: „Werden wir einen wie diesen finden?“ d. i. wenn wir von einem Ende der Welt bis zum andern gehen, so finden wir keinen wie diesen, wie es auch heißt das.: „dass dir Gott dies alles kund getan, so ist keiner so verständig und weise wie du.“
R. Jizchak legte den Vers auf die Zahl der Abschnitte des Gesetzes aus. Die sechzig Königinnen sind die sechzig Traktate von Halachot, die achtzig Nebenfrauen sind die achtzig Abschnitte (des halachischen Kommentars zum Leviticus), die Jungfrauen ohne Zahl sind die zahllosen Thosaphot, welche miteinander übereinstimmen, obgleich sie aus einem Grunde, aus einer Halacha und einer und derselben Schlussfolgerung (hvs hryzg eig. argumentum a pari und rmvxv lq argumentum de minore ad majus) hervorgegangen sind.
R. Juda bar Ilai deutete den Vers auf den Baum des Lebens und auf den Garten Eden. Die sechzig Königinnen sind die Vereine der Gerechten, die mit dem Gesetze beschäftigt im Garten Eden unter dem Lebensbaume sitzen. Es ist gelehrt worden: Der Lebensbaum erfordert eine Reise von 500 Jahren und alle Gewässer der Schöpfung teilen sich daselbst) und fließen unter ihm hervor. Nach R. Jehuda bar R. Ilai gilt das nicht nur für seinen Stamm, sondern auch für den Umfang seiner Äste. Es ist gelehrt worden: Der Auszug eines Kor trinkt ein Thirkab und der Auszug von Kusch trinkt Ägypten und Ägypten beträgt eine Reise von 40 Tagen, denn es ist 400 Parasangen im Geviert, trotzdem es nur 1/60 von Kusch beträgt, so muss Kusch so groß sein, dass man sieben Jahre und darüber zu reisen hat. Kusch aber ist wieder nur 1/60 von der Welt, und eine Reise um die Welt beträgt nach der Länge 500 Jahre und nach der Breite auch 500 Jahre. Die Welt wieder ist 1/400 des Gehinnom, folglich beträgt der Umfang des Gehinnom eine Reise von 2100 Jahren. Wir finden, dass die ganze Welt gewissermaßen sich wie der Deckel eines Topfes zur Hölle verhält. Die Welt beträgt ferner 1/60 des Gan Eden, und für Eden gibt es kein Mass.
Oder die achtzig Nebenfrauen stellen die achtzig Genossenschaften der Gelehrten in der Mitte dar, welche sitzen und mit dem Gesetze sich beschäftigen, mit Ausnahme des Lebensbaumes, „die Jungfrauen ohne Zahl“ sind zahllosen Schüler; glaubst du etwa, sie seien verschiedener Meinung? Darum steht: eine ist meine Taube … alle erklären (schließen, folgern) aus demselben Grunde, aus derselben Halacha.
Die Rabbinen legen den Vers auf die Israeliten aus, welche aus Ägypten zogen. Die 60 Königinnen bedeuten die 600000, welche in einem Alter standen von 20 Jahren und darüber, die 80 Nebenfrauen bedeuten die 800000, welche ein Alter von 20 Jahren und darunter hatten, und die Jungfrauen ohne Zahl deuten auf die unzähligen Proselyten hin.
R. Berachja sagte im Namen des R. Levi: die Völker der Welt werden bloß nach der Zahl der Familien angegeben, aber nicht nach der Zahl der Einzelnen; aber die Israeliten werden mit der Zahl der Familien und der Einzelnen angegeben s. Num. 3, 34, wo das Wort ,hydvqp die Zahl und rpcmb die Abkunft andeutet vergl. 2 Sam. 24, 7, wo rpcm die Zahl und dqpm die Abkunft andeutet! Dieses Zeugnis geben nicht nur wir uns, sondern sogar der ruchlose Bileam gibt es uns s. Num. 30,  10.
„Eine ist meine Taube“ d. i. die Gemeinde Israel, wie David 2 Sam. 7, 23  gesagt hat: „Wo gibt es wohl auf Erden so ein einiges Volk wie das deinige, Israel? „Sie ist die einzige ihrer Mutter“ s. Jes. 51, 4; „ihrer Gebärerin Auserkorene“ d. i. nach der Übersetzung des R. Jacob bar Abuna vor R. Jizchak bar Mina: außer ihr (den Israeliten) hat Gott keine Kinder; „die Töchter“ d. s. die andern Völker, „sehen sie und preisen sie glücklich“ s. Mal. 3,  12 und „die Nebenfrauen verherrlichen sie“ s.  Jes. 49, 23.

V. 10. Wer ist die da, die hervorblickt wie Morgenrot?

Es wurde erzählt: R. Chija und R. Simeon ben Chalaphtha gingen einmal in der Morgenstunde in ein Tal bei Arbela und sahen wie die Hindin des Morgens (die anbrechende Morgendämmerung) ihr Licht ausbreitete. Da sagte jener: Ebenso wird auch einst Israels Erlösung allmählich anbrechen, wie es Micha 7, 8 heißt: „Wenn ich im Finstern sitze, ist der Ewige mein Licht.“ Anfangs kommt sie (die Erlösung) nur immer ein wenig, nachher wird sie immer größer, nimmt zu, erblüht und erweitert sich; so war es mit Mordechai s. Esth. 3, 11: „Anfangs saß er am Thore des Königs, dann heißt es das. 8, 25: „Und Mordechai ging vom Könige in königlichem Gewande; ferner heißt es das. 8, 16: „Den Juden ward Licht und Freude und Wonne und Ehre.“
„Wie die Morgendämmerung.“ Wie die Morgendämmerung keinen Schatten gibt, so könntest du glauben, dass es mit Israel auch so sei? daher wird hier noch hinzugefügt: „schön wie der Mond.“ Da aber dieser kein reines Licht gibt, so könntest du glauben, dass es mit Israel auch so sei? daher folgt noch: „rein wie die Sonne“, mit welcher die Gott Liebenden verglichen werden s. Jud. 5, 31. Weil aber die Sonne sticht, so könntest du glauben, dass es mit Israel auch so sei? daher heißt es zuvor: schön wie der Mond, welchem die göttliche Gnade gleicht s. Ps. 36, 8 vergl. Hi. 31, 26. Wie aber der Mond manchmal ab- und manchmal zunimmt, so könntest du glauben, dass es auch mit Israel so sein werde? darum heißt es wieder: „rein wie die Sonne.“ Weil aber diese nur am Tage und nicht in der Nacht scheint, so könntest du glauben, auch Israel werde so wandelbar sein? darum wird es für so schön wie der Mond erklärt. Wie der Mond sowohl am Tage wie in der Nacht regiert s. Gen. 1, 18: „und zu herrschen über den Tag und über die Nacht“, so wird auch Israel in dieser und jener Welt herrschen. Wie Sonne und Mond keine Furcht einflössen, so könntest du wieder auf den Gedanken kommen, dass Israel auch keine Furcht einflössen werde? darum wird hinzugefügt: „furchtbar wie Schlachtreihen“ d. i. wie die himmlischen (oberen) Scharen, wie Michael mit seiner Schar und Gabriel mit seiner Schar. Woher lässt sich aber beweisen, dass die Israeliten Schrecken einflössen werden? Aus Ezech. 1, 18. Nein, nicht wie obere Scharen, sagte R. Josua, sondern wie untere Scharen z. B. wie Herzöge, Eparchen und Kriegsobersten sind die Israeliten. Woher lässt sich beweisen, dass sie Schrecken einflössen werden? Aus Dan. 7, 7. Es steht hier nicht ,ylgdk, bemerkten R. Judan im Namen des R. Elieser ben R. Jose des Galiläers und R. Huna im Namen des R. Eleasar von Modin, sondern tvlgdnk d. i. ein Geschlecht, das beim Wandern von einem Ort zum andern geschoben wird. Welches  war das? Das Geschlecht zur Zeit des Königs Chiskia s. Jes. 37, 3. Und woher lässt sich beweisen, dass sie Schrecken verbreiten werden? Aus 2 Chron. 32, 23: „Er stand groß da in den Augen aller Völker umher.“
R. Huna sagte im Namen des R. Eleasar von Modin: Es heißt nicht  ,ylgdk, sondern tvlgdnk d. i. wie ein Geschlecht, was zum Wandern getrieben wird, aber nicht gewandert ist. Welches ist das? Das Geschlecht des Königs Messias, verweisend auf Sach. 14, 2. Und woher lässt es sich beweisen, dass es Schrecken verbreitet? Aus Jes. 11, 4. In dieser Zeit, sagte R. Eleasar im Namen des R. Jose bar Jeremja, werden die Israeliten wandern von einem Lager zum andern.
R. Josua von Sichnin sagt: Die Gemeinde Israel spricht vor Gott: Gott hat mich zu einem Weinkeller d. i. zum Sinai geführt, wo Michael mit seiner Schar und Gabriel mit seiner Schar gelagert waren. Möchte ich doch, sprach es, auch so ziehen, wie diese Himmelsheere. Dieser Wunsch, sprach Gott, soll euch gewährt werden, ihr sollt sein wie Scharen. Sie lagerten in Scharen, wie es heißt Num. 2, 2: „Ein jeglicher bei seiner Schar, bei den Zeichen ihrer Stammhäuser sollen sich die Kinder Israels lagern.“

V. 11.    In den Nussgarten stieg ich hinab.
Die Israeliten werden mit einem Nussbaum verglichen, sagte R. Josua ben Levi, wie dieser beschnitten wird und wächst und also zu seinem Vorteil beschnitten wird, warum? weil er (besser) wächst, so gewinnen auch die Israeliten an Reichtum in dieser und Lohn in jener Welt. Wie ferner das Haar, welches abgeschnitten wird und wieder wächst, und wie die Nägel, welche abgeschnitten werden und wieder wachsen, ebenso werden auch die Israeliten von Mühsalen gequält, trotzdem aber geschieht das denen, welche sich mit der Thora in dieser Welt bemühen, zu ihrem Besten, sie wachsen und nehmen zu an Reichtum in dieser Welt und an gutem Lohn in jener Welt.
R. Josua von Sichnin sagte im Namen des R. Levi: Alle jungen Pflanzen gedeihen nur, wenn du anfangs ihre Wurzeln bedeckst, wenn das nicht geschieht, so gedeihen sie nicht, allein der Nussbaum gedeiht nicht, wenn du auch seine Wurzeln beim Pflanzen bedeckst, ebenso verhält es sich mit den Israeliten, „wenn er seine Vergehungen bedeckt, so gereicht ihm das nicht zum Glücke“ s. Prov. 28, 13. R. Elascha sagte: Die Schrift hätte nur: „in einem Gemüsegarten“ zu sagen brauchen, wozu „in einem Nussgarten?“ Um damit zu lehren, dass Gott den Israeliten die Kraft der Pflanzen und den Glanz des jungen Grün gegeben habe.
R. Asarja fand zwei Ähnlichkeiten: Wie bei der Nuss die Schale die Frucht bewahrt, so halten auch die Ungebildeten in Israel fest an den Worten des Gesetzes s. Prov. 5, 18, und wie diese Nuss, wenn sie auch in den Schmutz fällt, abgerieben und gereinigt doch genießbar ist, so werden auch die Israeliten, wenn sie sich ein ganzes Jahr hindurch mit Sünden besudelt haben, am Versöhnungstage wieder rein s. Lev. 16, 30. R. Jehuda bar R. Simon sagte: Wie die Nuss zwei Schalen hat, so finden auch bei den Israeliten zwei Gebräuche, die Beschneidung und das damit verbundene Reißen statt.
R. Levi sagte: Weil der Nussbaum glatt ist, denn es ist gelehrt worden (Mischna Pea IV, 1): R. Simeon sagt: Auch bei glatten Nussbäumen u. s. w. Wie der, welcher Unachtsamerweise auf die Spitze eines Nussbaumes steigt, herunterfällt und tot liegen bleibt, so fällt auch derjenige, welcher die öffentlichen Angelegenheiten in Israel ohne die dazu erforderliche Sorgfalt leitet s. Jerem. 2, 3.
Oder: Wie der Nussbaum ein Spielzeug für die Kinder und eine Unterhaltung für die Könige ist, so sind auch die Israeliten in Folge der Sünden ein Spielball für die Völker in dieser Welt s. Thren. 3, 14: „Zum Gelächter bin ich meinem ganzen Volke“, aber einst werden Könige seine Wärter sein s. Jes. 49, 23.
Oder: Wie es unter den Nüssen weiche, mittlere und hartschalige gibt, so gibt es auch Israeliten, welche aus eigenem Triebe wohltätig sind, andere, die erst dazu aufgefordert werden müssen, und endlich solche, die auch in diesem Falle noch nichts tun wollen. Auf diese Klasse wandte R. Levi das Sprichwort an: Das Tor, das für Wohltaten nicht offen steht, wird dem Arzte offen stehen.
Oder: Wie du die Nuss mit einem Steine brichst, so heißt auch die Thora ein Stein und auch die Leidenschaft (der böse Trieb) wird ein Stein genannt. Die Thora heißt so s. Ex. 24, 12, die Leidenschaft heißt so s. Ezech. 26, 36. Gleich einem einsamen Orte, bemerkte R. Levi, den räuberische Horden durchstreiften. Was machte der König? Er setzte Grenzsoldaten (Wächter) dahin, welche die Gegend bewachten, damit die Horden die Vorüberziehenden nicht überfallen sollten. Ebenso sagte auch Gott: Das Gesetz wird „Stein“ genannt, aber auch die Leidenschaft (der böse Trieb) wird „Stein“ genannt, so möge ein Stein den andern bewahren.
Oder: Wie man mit Nüssen nicht die Zollsteuer hinterziehen kann, weil sie gehört und bemerkt werden, so kann auch der Israelit, wo er auch hinkommt, sich nicht verleugnen und sprechen: Ich bin kein Jude. Warum nicht? Weil er als solcher erkannt wird. s. Jes. 61, 9: „Wer sie (die Israeliten) sieht, wird erkennen, dass sie ein vom Ewigen gesegneter Same sind.
Oder: Wie du mit deiner Hand in einen Sack voll Nüsse noch so viele Mohnkörner und Senfkörner füllen kannst, ebenso können sich viele Proselyten an Israel anschließen s. Num. 23, 10.
Oder: Wie du eine Nuss vom Haufen nimmst, so wälzen sich alle übrigen und rollen herab, ebenso empfinden es auch alle Israeliten, wenn einer aus ihrer Mitte leidet s. das.  16, 22.
R. Berachja sagte: Wie die Nuss unter den vier Hüllen den Kern in der Mitte birgt, so wohnten auch die Israeliten in der Wüste als vier Kohorten, als vier Lager und das Stiftszelt war in der Mitte s. Num. 2, 17.
Oder: „In den Nussgarten ging ich hinab“ d. i. in die Welt, „zu schauen das Gespross des Tales“ d. i. die Israeliten, „ob der Weinstock erblüht sei“ d. s. die Versammlungs- und Lehrhäuser, „ob die Granaten geknospet“ d. s. die Schulkinder, die wie Granatkerne reihenweis lernbegierig dasitzen.

V. 12. Ich wusste nicht, dass meine Seele mich auf den Prachtwagen meines edlen Volkes erhoben.
R. Chija führte dieses Gleichnis an. Eine Königstochter las mit anderen Mädchen Ähren auf. Der König erkannte im Vorbeigehen seine Tochter, ließ sie durch einen seiner Begleiter herbeiholen und neben sich in seinen Wagen setzen. Ihre Gespielinnen erstaunten und sprachen: Gestern suchte sie in Gemeinschaft mit uns Ähren und heute sitzt sie im Wagen an der Seite des Königs? Ihr wundert euch über mich? sprach sie, ich wundere mich über mich selbst und sprach zu sich: Ich weiss nicht, dass meine Seele mich erhoben. So waren auch die Israeliten in Ägypten mit Lehm und Ziegeln geknechtet und sie waren in den Augen der Ägypter geschmäht und verachtet. Als sie nun frei und erlöst wurden und Priesterfürsten (,yngc) unter den Weltbewohnern geworden waren, wunderten sich diese und sprachen: Vormals habt ihr mit Ziegeln und Lehm zu tun gehabt und jetzt seid ihr frei und Priesterfürsten über die ganze Welt geworden? Sie erwiderten: Wie ihr euch über uns wundert, so wunderten wir uns über uns selbst, und sie sprachen zu sich: Ich weiss nicht, dass meine Seele mich erhoben hat.
Oder die Worte lassen sich auf den frommen Joseph anwenden. Vormals heißt es von ihm Ps. 105, 18: „Sie zwangen in Fesseln seinen Fuß, in Eisen lag sein Leib“ und heute heißt es von ihm Gen. 42, 6: „Und Joseph war der Herrscher über das ganze Land.“ Er konnte mit Recht über sich sprechen: Ich weiss nicht, dass meine Seele mich erhoben.
Oder die Worte sind von der Schrift mit Bezug auf David gesagt. Vormals floh er vor Saul und heute ist er König; er konnte von sich sagen: Ich weiss nicht, dass meine Seele mich erhoben.
Oder die Worte sind von der Schrift mit Bezug auf Mordechai gesagt. Gestern heißt es von ihm Esth. 4, 1: „Er kleidete sich in Sacktuch und Asche“ und heute heißt es das. 8, 15: „Und Mordechai ging vom Könige in königlicher Kleidung, purpurblau und weiss.“ Auch er konnte von sich sagen: „Ich weiss nicht, dass meine Seele mich erhoben.“
Oder: Die Schrift redet diese Worte mit Bezug auf die Gemeinde Israel. Diese spricht zu den Völkern der Welt Micha 7, 8: „Freue dich nicht, meine Feindin ob meines Falles, ich stehe wieder auf“; denn als ich im Finstern saß, zog Gott mich ans Licht s. das.: „Zwar saß ich in Finsternis, doch der Ewige ist mein Licht“, und es ruft über sich aus: „Ich weiss nicht, dass meine Seele mich erhoben.“
Justa, der Schneider von Sepphoris, ging hinauf zu dem König und wurde von demselben gnädig aufgenommen. Er sprach zu ihm: Erbitte dir etwas, ich gebe es dir! Gib mir die bei uns erledigte Würde eines Dux. Der König gab sie ihm. Als er die Duxwürde erhalten hatte und wieder herauskam, sagten einige, welche ihn erkannten: Es ist der Schneider Justa, andere stellten es in Abrede, endlich sagte einer von ihnen: Wir wollen ihn beobachten, wenn er an dem Platze vorübergeht, wo seine Werkstatt war und er als Schneider gesessen hat, und er dahin blickt, so ist er es, blickt er aber nicht dahin, so ist er es nicht und so geschah es auch. Ihr wundert euch über mich, sprach er zu ihnen, ich wundere mich über mich selbst noch mehr als ihr, und er sprach: „Ich weiss nicht, dass meine Seele mich erhoben.“
meines edlen Volkes d. i. der Mildtätige (Edle), der Ewiglebende zog stets mit mir.