Judentum – Schir ha-Schirim – Hohes Lied Salomon – Kapitel 8 – Vers 1-14

No Comments
 
 

V.  1. O wärst du wie ein Bruder mir.
V. 2. Ich würde dich führen von den Oberen zu den Unteren; ich brächte dich in meiner Mutter Haus
V. 5. Wer ist diese, die dort aufsteigt von der Wüste her?
V. 6. Setze mich wie einen Siegelring auf dein Herz.
V. 7. Starke Wasser löschen nicht solche Liebe.
V. 8. Unsere Schwester ist noch klein
V. 9. Ist sie eine Mauer, so bauen wir auf sie einen silbernen Palast.
V. 10. Eine Mauer war ich.
V. 11. Ein Weinberg war dem Salomo.
V. 12. Mein Weinberg liegt vor mir.
V. 13. Die du wohnst in den Gärten, Gefährten horchen deiner Stimme, lass mich hören.
V. 14. Flieh, mein Geliebter, gleich der Gazelle


V.  1.    O wärst du wie ein Bruder mir.
Was für ein Bruder? Etwa wie Kain gegen Abel? Jener erschlug doch diesen s. Gen. 1, 4. 8. Oder etwa wie Ismael gegen Jizchak? jener hasste doch diesen. Oder wie Esau gegen Jacob? Jener befeindete doch diesen s. das. 27, 4. Oder wie die Brüder gegen Joseph? Sie hegten doch Eifersucht (Neid) gegen ihn s. das. 37, 4. 5. Nein, „wie der, der meiner Mutter Brust gesogen“ d. i. wie Joseph gegen Benjamin, den er in seinem Herzen liebte s. das.  43, 29.
fände ich dich draußen. „Draußen“ d. i. die Wüste, welche außerhalb des bewohnten Landes ist; „ich würde dich küssen“, wie zwei Brüder, welche sich küssen d. i. Mose und Aaron s. Ex. 4, 27.
und niemand dürfte mich verhöhnen Alpakas.
Es waren einmal zwei Brüder, erzählte R. Pinchas, von welchen einer in Meron, der andere in Gusch Chalab wohnte. Da brach einst im Hause dessen, der in Meron wohnte, Feuer aus und seine Schwester eilte von Gusch Chalab herbei und umhalste, herzte und küsste ihren Bruder mit den Worten: Das ist kein Vorwurf für mich (ich bin deshalb nicht zu verachten (nämlich dass ich dich auf der Strasse küsse); denn mein Bruder war in Not, und ist aus ihr gerettet worden!

V. 2. Ich würde dich führen von den Oberen zu den Unteren; ich brächte dich in meiner Mutter Haus d. i.
zum Sinai. R. Berachja fragte: Warum heißt dieser Berg meiner Mutter Haus? Weil dort die Israeliten wie neugeboren (eig. wie Kinder von einem Tage) wurden.
da sollst du mich lehren die Pflichten und guten Werke, ich würde dich tränken mit wohlgewürztem Wein d. i. mit den großen Mischnajot, wie mit der Mischna des R. Chija des Grossen, des R. Hosaja, des Bar Kapra und des R. Akiba;
mit dem Most meines Granatbaums d. i. mit Haggadot, die wie Granaten schmecken. Oder unter dem gewürzten Weine ist der Talmud zu verstehen, weil er mit Mischnajot gewürzt ist, und unter dem Most des Granatbaumes sind die Gewänder des Hohenpriesters zu verstehen, die mit goldenen Schellen versehen waren s. Ex. 28, 34.

V. 5. Wer ist diese, die dort aufsteigt von der Wüste her?
Das hier gebrauchte Zeitwort hlvi hat zwei Bedeutungen, es heißt steigen von (hyvlyi) und scheiden von (hqvlyc) d. i. sterben von der Wüste vergl. Num.  14,  29.
sich lehnend auf ihren Geliebten.
R. Jochanan leitet das Wort tqprtm von qrp ab und erklärt den Satz dahin: sie überlässt die gesetzlichen Bestimmungen (hrvt yqrp) und Hoheitsrechte (tvklm yqrp) der Zukunft Hochnissel.
unter dem Apfelbaum erregte ich deine Liebe.
Pelatjun (ein Amoräer), ein Römer, legte die Worte auf diese Weise aus: Der Berg Sinai war seiner Stelle entrückt und in die Höhe versetzt worden, so dass die Israeliten unter ihm zu stehen kamen s. Deut. 4, 11: „Da tratet ihr hinzu und standet unter dem Berge.“
Oder der Sinai wird darum mit dem Apfelbaum verglichen, weil er wie jener seine Früchte im Monat Siwan gibt, in welchem auch das Gesetz gegeben wurde. Oder warum wird der Berg nicht mit einem Nussbaum oder   mit irgendeinem andern Baum verglichen? Jeder Baum bringt zuerst seine Blätter und dann erst seine Früchte hervor, der Apfelbaum jedoch bringt zuerst seine Früchte und dann erst seine Blätter hervor. Ebenso sagten die Israeliten: Wir wollen tun und dann erst fügten sie hinzu: wir wollen hören s. Ex. 24, 7. Gott sprach: Wenn ihr mein Gesetz auf euch nehmt, so ist es gut, wo nicht, so stürze ich den Berg über euch und töte euch.
„Daselbst hat dich gekreiset deine Mutter.“ Es verhält sich wie mit jenem, sagte R. Berachja, der an einen gefahrvollen Ort sich begab und wohlbehalten davon kam. An diesem gefahrvollen Orte, sagt ein Bekannter zu ihm, bist du eben vorübergegangen; wie groß war die Gefahr, die über dich ergangen! gerade so, als wenn dich deine Mutter eben geboren hätte, ein wie großer Schmerz ist über dich ergangen, und du bist gleichsam neu  geboren. R. Abba bar Kahana erklärt das Wort lbx mit: „pfänden”; dort nahmst du ein Pfand, als du das Wort gesprochen: Alles, was der Ewige geredet, wollen wir tun und gehorchen; und dort wurdest du gepfändet (hlbvx), als du zum Kalbe gesprochen s. Ex. 32, 4: „Diese sind deine Götter Israel“, verdarben sie es. R. Simeon ben Jochai hat gelehrt: In den Waffen, welche den Kindern Israel am Choreb gegeben wurden, stand der ganze Name Gottes eingegraben, der ihnen aber, als sie sich vergangen hatten, wieder entzogen wurde. Nach R. Ibo hat sich der Name von selbst abgeschält, nach den Rabbinen ist er von einem Engel abgeschält (unscheinbar gemacht) worden. R. Simeon ben Chalaphtha gebrauchte hier den Spruch: Geschändet (hbvli) ist die Braut, die unter dem Trauhimmel sich vergeht. Nach R. Jochanan hatten die Israeliten den guten Rat, der ihnen auf dem Sinai erteilt worden war, außer Acht gelassen s. Prov. 1, 25, wo unter „Rat“ (hoi) nichts anderes als das Gesetz zu verstehen ist vgl. Prov. 8, 14. R. Josua von Sichnin sagte im Namen des R. Levi: Es heißt Deut. 9, 8: „Und beim Choreb erzürntet ihr den Ewigen.“ Ich wollte euch segnen, sprach Gott, ich fand aber euren Gaumen durchlöchert, dass er den Segen nicht fassen konnte, denn das Wort ivrp bedeutet nichts anderes als bvqn, welche Bedeutung es auch Prov. 1, 25 hat. R. Levi sagte: Ihr habt getan, als wenn Gott über euch traure. Es gibt nämlich Orte, wo das Trauerhaus (hlba tyb) Haus des Zornes (hpvoq tyb) heißt.

V. 6.    Setze mich wie einen Siegelring auf dein Herz.

Die Israeliten sprechen, wie R. Meir bemerkte, vor Gott: Herr der Welt! tue uns, was du in deinem Herzen uns zu tun beabsichtigt hast, denn R. Jochanan hat im Namen des R. Elieser ben R. Jose des Galiläers gesagt: Als die Israeliten vor dem Sinai standen und sprachen: „Wir wollen tun und gehorchen“, rief Gott den Todesengel und sprach zu ihm: Wenn ich dich auch zum Aufseher und Weltbeherrscher über meine Geschöpfe gesetzt habe, so sollst du unter dieser Nation doch nichts zu tun haben, wie Deut. 5, 20 geschrieben steht: „Als ihr hörtet die Stimme aus der Finsternis.” Gibt’s denn oben eine Finsternis? Oben ist ja Licht s. Dan. 2, 22. Unter ;sxh ist der Todesengel gemeint. Dieser wird Finsternis genannt, wie Ex. 32, 16 nicht tvrx eingegraben, sondern tvryx Freiheit (Unabhängigkeit) gelesen wird, und zwar in dem Sinne, wie R. Jehuda sagte: frei vom Todesengel. R. Nechemja aber versteht darunter: frei von der weltlichen Herrschaft (tvyklmh ]m tvryx). Die Rabbinen verstehen darunter: frei von Leiden.
„Setze mich wie einen Siegelring.” R. Berachja versteht unter dem Siegelring auf dem Herzen, den mit Schema beginnenden Abschnitt Deut. 6, 6, welcher die Worte enthält: „Diese Worte, die ich dir heute befehle, sollen auf deinem Herzen sein”, und unter „dem Siegelring auf dem Arm” die Tephillin s. das. V. 8. R. Meir deutete beide Ausdrücke auf Jehojachin, dem Gott geschworen hatte, ihm Davids Herrschaft zu entreißen s. Jerem. 22, 24: „Bei meinem Leben! spricht der Ewige, wäre auch Jechonja, der Sohn Jehojachims, der König von Juda, ein Siegelring an meiner rechten Hand, so wollt ich dich von da abreißen.” R. Chanina bar Jizchak sagte: Von da werde ich die Herrschaft des Hauses Davids abreißen. Oder: Es heißt nicht ;tqtna, sondern ;nqta d.i. ich werde dich durch Buße wiederherstellen. Von dem Orte, von dem ich dich entrückt habe, da sollst du wiederhergestellt werden. R. Sera sagte: Ich habe von R. Jizchak die obige Weissagung des Propheten Jeremja auf Jehuda auslegen gehört, weiss aber nicht mehr den Sinn. Sprich, sagte R. Acha Areka zu ihm, der Vortrag betraf Jerem. 22, 30: „Schreibet diesen Mann als unfruchtbar auf, als einen Mann, der kein Gedeihen (Glück) in seinem Leben hat” d. i. in seinem Leben hat er kein Gedeihen, wohl aber wird er in den Tagen seines Sohnes gedeihen, wie es heißt Hagg. 2, 23: „Zu derselbigen Zeit, spricht der Ewige der Heerscharen, nehme ich dich, Serubabel, Sohn Schealthiels, mein Knecht, spricht der Ewige, und halte dich wie den Siegelring; denn dich habe ich erwählet, spricht der Ewige der Heerscharen.” R. Acha bar R. Abun bar Benjamin hat im Namen des R. Acha bar R. Papi gesagt: Groß ist die Kraft der Busse, denn sie hebt das Verhängnis und den Schwur auf, das Verhängnis s. Jerem. 22, 30: „Schreibet auf diesen Mann” u. s. w. vergl. Hagg. 2, 23, und den Schwur s. Jerem. 22, 24: „Bei meinem Leben! spricht der Ewige, wäre auch Jechonja, der Sohn Jehojachims, der König von Juda, ein Siegelring an meiner rechten Hand” u. s. w. vergl. 1 Chron. 3, 17, woraus sich nach R. Tanchum bar R. Jeremja ergibt, dass Jesaja zwei Söhne hatte, der eine hieß Assir, weil er gefesselt im Kerker lag und der andere hieß Scheathiel, weil von ihm die Herrschaft des Davidischen Hauses wieder eingesetzt worden ist. Oder jener hieß darum Assir, weil Gott durch einen Eid sich selbst gebunden hatte und dieser hieß Scheathiel, weil Gott beim oberen Gerichtshof die Lösung seines Gelübdes verlangt hatte und dieser hat es ihm gelöst.
R. Ibo sagte: Zwei unbesonnene Bitten richteten die Israeliten an Gott, welche von den Propheten berichtigt wurden. Die Israeliten forderten nämlich Hos. 6, 3: „Er komme uns wie der Regen”, dagegen stellten ihnen die Propheten vor, dass doch der Regen oft eine Belästigung für die Menschen sei, wie z. B. für die Land- und Seereisenden, für die, welche die Dächer bestreichen und die Keltern treten, für die, welche dreschen, und für die, deren Zisterne voll Wasser und deren Kelter voll Wein ist, und ihr wünschet: er komme uns wie der Regen? Der Prophet Hosea (s. 14, 6) verbesserte es daher mit den Worten: „Ich will den Israeliten wie der Tau sein.” Ferner wünschten die Israeliten vor Gott: „Setze mich wie einen Siegelring auf dein Herz, wie einen Siegelring an deinem Arm”, die Propheten machten die Ausstellung: Das Herz wird bald gesehen, bald nicht gesehen, sein Siegel aber wird niemals gesehen, besser klingt die Bitte Jes. 62, 3: „Mögest du doch ein prächtiger Kranz in der Hand des Ewigen sein.” Gott antwortete darauf, sagte R. Simon ben Kusuth im Namen des R. Levi: Weder ihr noch eure Propheten verlangen Gehöriges und Geziemendes, ein König geht und seine Krone fällt von seinem Haupte herab und der Turban der Herrschaft ist gewichen. Was ist nun das Geziemende? S. Jes. 49, 16: „Dich, Zion, habe ich auf die Hände eingegraben, deine Mauern sind mir stets vor Augen.” „Wie der Mensch die Hände nicht vergisst, so vergesse ich auch dich nicht” s. das. V. 15.
Denn stark ist die Liebe, wie der Tod d. i. die Liebe nämlich, welche Gott zu euch hegt s. Mal. 1, 2.
fest wie die Hölle ihr Eifer d. i. in der Stunde, wenn ihr ihn durch Götzendienst ereifert s. Deut. 32, 16. 21.
Oder: Gewaltig zeigte sich die Liebe Jizchaks zu Esau s. Gen. 25, 28, hart wie die Hölle der Eifer Esaus gegen seinen Bruder Jacob s. Gen. 27, 41.
Oder: Gewaltig war die Liebe Jacobs zu seinem Sohne Joseph s. das. 37, 3, hart wie die Hölle zeigte sich der Neid seiner Brüder gegen ihn s. das. V. 11.
Oder: Gewaltig wie der Tod war die Liebe Jonathans zu David s. 1 Sam. 18, 1, hart wie die Hölle Sauls Eifersucht gegen David s. das. V. 9.
Oder: Gewaltig wie der Tod ist die Liebe, mit welcher der Mann an seinem Weibe hängt s. Koh. 9, 9, hart wie die Hölle ist seine Eifersucht, wenn er zu ihr spricht: Rede nicht mit dem und dem Manne, und sie geht doch und redet mit ihm s. Num. 5,  14.
Oder: Stark wie der Tod ist die Liebe, die das Geschlecht der Religionsverfolgung zu Gott hegte s. Ps. 44, 23, und hart wie die Hölle ist der Eifer Gottes für Zions Ehre s. Sach. 8, 2.
ihre Flammen sind Feuerflammen, Gottesflamme d. i. wie R. Berachja sagt, wie das überirdische Feuer, das weder das Wasser löscht, noch von diesem gelöscht wird.

V. 7.    Starke Wasser löschen nicht solche Liebe.
„Die starken (vielen) Wasser d. s. die Völker der Welt s. Jes. 17, 12, „löschen nicht die Liebe” d. i. die Gottes zu Israel s. Mal. 1, 2; und Ströme reißen sie nicht fort d. s. die Völker der Welt, welche den reißenden Strömen gleichen s. Jes. 7, 20; 8, 7.
Wenn man alle Habe seines Hauses um die Liebe hingeben wollte d. i. wenn die Völker alle Schätze und alles Vermögen für ein einziges Wort des Gesetzes hingeben wollten, man würde ihn nur höhnen d. i. diese würden ihnen nichts helfen (eig. es würde in ihrer Hand keine Sühne sein). Oder wenn die Völker der Welt alle Schätze für ein einziges Wort des Gesetzes und alles Vermögen für das vergossene Blut des R. Akiba und seiner Genossen aufbieten wollten, sie würden es nicht sühnen, „es würde mit Verachtung zurückgewiesen werden.”
R. Jochanan lustwandelte einst in Begleitung seines Schülers R. Chija’s bar Abba von Tiberias nach Sepphoris, wobei sie an ein Feld kamen. Dieses Feld, sagte R. Jochanan, war einst mein, ich verkaufte es aber, um lernen zu können. Ebenso sagte er, als sie an einem Wein- und Ölberg vorübergingen. R. Chija bar Abba konnte sich des Weinens nicht länger enthalten. Warum weinst du? Ich weine darüber, dass du fürs Alter nichts mehr hast. Kommt dir, mein Sohn, das, was ich getan habe, so gering vor? Ich habe etwas, das nur in sechs Tagen erschaffen wurde (s. Ex. 20, 11) aus Liebe zu dem Gesetze hingegeben, das in vierzig Tagen gegeben wurde s. das. 34, 28 vergl. Deut. 9, 9.
Als R. Jochanan entschlummert war, wandte sein Zeitalter auf ihn den obigen Spruch an: „Wenn ein Mann alle Habe seines Hauses für die Liebe böte”, mit der R. Jochanan dem Gesetze zugetan war, „es würde verächtlich zurückgewiesen werden.”
Als R. Osaja von Tirja entschlummert war, sah man sein Lager in der Luft fliegen und seine Zeitgenossen wandten auf ihn gleichfalls die Worte an: „Wenn ein Mann seine ganze Habe für die Liebe gäbe”, mit der Gott den R. Osaja von Tirja geliebt hat, ,,es würde mit Verachtung zurückgewiesen werden.”

V. 8. Unsere Schwester ist noch klein d. i.
Israel. R. Asarja sagte im Namen des R. Jehuda bar Simon: Einst werden alle Schutzherren der Völker der Welt die Israeliten vor Gott anklagen und sprechen: Herr der Welt! die Israeliten haben ebenso wie andere Völker sich der Abgötterei und Wollust ergeben und Blut vergossen, wie kommt es, dass sie nicht auch wie diese in die Hölle fahren? Weil sie mir, antwortet ihnen Gott, wie eine kleine Schwester erscheinen.  Sowie man dem kleinen Kinde alles, was es tut, nachsieht, weil es eben klein ist, ebenso verhält es sich auch mit den Israeliten. So sehr sie sich auch das ganze Jahr hindurch mit ihren Sünden besudeln, der Versöhnungstag sühnt sie s. Lev. 16, 30.
R. Berachja deutete den Vers auf unsern Vater Abraham, der, obwohl er einzig war, doch das Land in Besitz nahm s. Ezech. 33, 24 und eine Annäherung unter den Weltbewohnern mit Gott zu bewerkstelligen suchte. Nach R. Bar Kapra war Abraham wie einer, der ein zerrissenes Kleid zusammennäht. Als er noch klein war, beschäftigte er sich schon mit der Ausübung religiöser Pflichten und guten Werke.
und hat noch keine Brüste d. i. er war noch nicht reif für Pflichterfüllung und fromme Werktätigkeit.
Was tun wir mit unserer Schwester an dem Tage, wo um sie geworben wird? d. i. an dem Tage, an welchem der ruchlose Nimrod befahl, den Abraham in den Glutofen zu werfen.

V. 9. Ist sie eine Mauer, so bauen wir auf sie einen silbernen Palast.
Wenn Abraham, sprach Gott, seine Worte so aufrecht hält, „wie eine Mauer”, „so bauen wir einen silbernen Palast darauf” d. i. wir retten ihn und errichten ihn als ein Gebäude in der Welt.
und ist sie eine Türe, so machen wir sie fest mit altem Zedernholz d. i. ist er aber arm an Pflichten und schwankend in seinen Taten, wie die Tür, so verwahren wir sie mit einer Tafel von Zedern d. i. wie dieses Bild (xrvo) nur von kurzer Dauer ist, so stehe ich dir auch nur für den Augenblick bei.

V. 10.    Eine Mauer war ich.
Abraham sprach vor Gott: „Ich bin eine Mauer” d. i. ich werde gute Werke wie eine Mauer aufstellen, und meine Brüste gleich Türmen d. i. ich werde Scharen und Genossenschaften von tugendhaften Männern meinesgleichen in deiner Welt stellen.
dann bin ich geworden in seinen Augen wie eine, die Frieden findet.
Gott sprach zu Abraham: Wie du in den Glutofen hinab gestiegen bist, so werde ich dich in Frieden wieder herausbringen s. Gen. 15, 7.
R. Jochanan legte diese Worte auf Sodom und Israel aus s. Ezech. 16, 46, „sie hat keine Brüste” d. i. es nährte (säugte) die religiösen Pflichtgebote und guten Werke nicht. „Was sollen wir unsrer Schwester tun am Tage”, wo der obere Gerichtshof beschließt, dass es mit Feuer verbrannt werde s. Gen. 19, 24. „Ist sie eine Mauer, so bauen wir auf sie” d. i. Israel. Gott sprach nämlich: Wenn die Israeliten ihre Werke wie eine Mauer aufstellen, so bauen wir auf sie und retten sie.  „Ist sie eine Tür” d. i. wenn ihre Worte wie die Türe hin und her sich bewegen, „so verwahren wir sie mit einer Zedertafel.“ Wie das Bild nur eine kurze Zeit Bestand hat, so stehe ich dir auch nur kurze Zeit bei. „Ich bin eine Mauer.“ Die Israeliten sprachen vor Gott: Herr der Welt! wir sind eine Mauer, wir stellen religiöse Pflichten und gute Werke wie eine Mauer. „Und meine Brüste wie Türme“ d. i. wir werden einst ganze Scharen von Gerechten, wie wir sind, in deiner Welt stellen. „Dann bin ich geworden in seinen Augen wie eine, die Frieden findet.“ Warum? Weil die Völker der Welt die Israeliten verhöhnen und zu ihnen sprechen: Wenn es sich so verhält, warum hat euch Gott aus seinem Lande verbannt und warum hat er sein Heiligtum zerstört? Die Israeliten antworteten ihnen: Wir gleichen der Tochter des Königs, „welche eilends in das Haus ihres Vaters ging, schließlich aber in ihr Haus wohlbehalten wieder zurückkehrte“ d. i. in die Verbannung nach Babel, wo der Erzvater ursprünglich gewohnt hatte.
Oder: „Ist sie eine Mauer“ d. i. Chananja, Mischael und Asarja. Gott spricht: Wenn Chananja, Mischael und Asarja ihre Werke aufstellen, so bauen wir auf sie die Welt und retten sie, „ist sie aber eine Tür“ d. i. bewegen sich ihre Werke hin und her wie die Tür, „so verwahren wir sie mit einer Zedertafel.“ Wie sich das Bild nur kurze Zeit hält, so stehen wir ihnen auch nur auf kurze Zeit bei. „Ich bin eine Mauer“ d. i. jene Männer sprachen vor Gott: Wir sind eine Mauer und wir stellen religiöse Pflichtleistungen und guten Werke auf wie eine Mauer. „Und meine Brüste wie Türme“ d. i. wir werden einst in deiner Welt Scharen von Gerechten wie wir stellen. „Dann bin ich geworden in seinen Augen wie eine, die Frieden findet“ d. i. Gott sprach zu ihnen, wie ihr in Frieden in den Glutofen hinabgestiegen seid, so werde ich euch auch in Frieden wieder herausführen s. Dan. 3, 26: „Da gingen Schadrach, Mesach und Abednego heraus aus dem Feuer.“
Die Rabbinen dagegen legten die Worte auf die Exulanten aus. „Unsre kleine Schwester“ d. i. diejenigen, welche aus der Verbannung heraufzogen, waren klein d. i. ein geringer Haufe, „sie hat noch keine Brüste“ d. s. die fünf Dinge, die dem zweiten Tempel fehlten, mit welchen der erste ausgezeichnet war, nämlich das himmlische Feuer, das Salböl, die Bundeslade, der heilige Geist und die Urim und Thummim s. Hagg. 1, 8, (wo an dem Worte hdbkav das h fehlt, welcher Buchstabe bekanntlich der fünfte im hebräischen Alphabete ist); „was sollen wir unserer Schwester tun an dem Tage“, an welchem der Befehl erging: Wer noch nicht den Euphrat überschritten hat, der unterlass es, „wenn sie eine Mauer ist“ d. i. wenn die Israeliten als eine Mauer von Babylon mit hinaufgezogen wären, so wäre der zweite Tempel nicht zerstört worden. R. Sera ging einst auf den Markt, um Nahrungsmittel zu kaufen. Wäge mir richtig (gut, schön)! sprach er zum Verkäufer. Dieser versetzte: Gehst du nicht weg von hier, von den Babyloniern, deren Vorfahren das Heiligtum zerstört haben? In diesem Augenblicke antwortete R. Sera: Sind nicht meine Vorfahren denen dieses Mannes gleich? Er ging darauf in das Versammlungshaus, wo er R. Schila über den obigen Vers vortragen hörte, den er dahin erläuterte: Wenn die Israeliten wie eine Mauer (d. i. wenn alle von einem Geiste beseelt) aus der Verbannung hinaufgezogen wären, so wäre der zweite Tempel nicht zerstört worden. Jener Ungebildete, äußerte R. Sera, hat mir etwas Treffliches gelehrt. „Wenn sie eine Tür ist, so verwahren wir sie mit einer Zedertafel.“ Wie von einem Bilde, wenn es auch verwischt ist, dennoch die Stelle des Gemäldes kenntlich bleibt, so haben auch die Israeliten selbst nach der Zerstörung des Tempels die drei jährlichen Wallfahrtsfeste beobachtet (dass sie nämlich nach den Ruinen des Tempels wallfahrten).
Nach R. Ibo sprach Gott: Einst werde ich Israel einen Fürsprecher zwischen den Völkern der Welt schaffen. Welchen? Das Batkol (die Tochterstimme, Himmelsstimme) s. Jes.  1, 9.
Es ist gelehrt worden: Nach dem Hinscheiden der letzten Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi war der heilige Geist von Israel gewichen und dennoch bediente man sich des Batkol. Einst ließ bei einer Sitzung auf dem Boden des Hauses von Gadja (eig. Haus des Glückes) zu Jericho eine Stimme vom Himmel herab die Worte vernehmen: es ist einer unter euch, der des heiligen Geistes würdig ist (wie unser Lehrer Mose), nur sein Zeitalter verdient es nicht. Die Weisen richteten ihre Blicke auf Hillel den Alten, auf den nach seinem Ableben ausgerufen wurde: Dieser war ein frommer, bescheidener Mann, ein Schüler Esras.
Als die Weisen (Gelehrten) Israels in einer andern Sitzung im Weinberge zu Jabne beisammen waren, (war es denn wirklich in einem Weinberge? Nein, die Mitglieder des Synedriums saßen nur in Reihen und Scharen, wie die Pflanzungen in einem Weinberg) rief ein Batkol: es ist ein Mensch unter euch, welcher des heiligen Geistes würdig ist, nur sein Zeitalter verdient es nicht. Da richteten sie ihre Augen auf Samuel den Kleinen. Nach seinem Ableben sagte man auf ihn: Dieser war ein bescheidener, frommer Mann, ein wirklicher Jünger Hillels des Alten. Er sagte auch in der Tat in seiner Sterbestunde folgende drei Dinge voraus: Simeon (ben Gamliel und) Ismael (der Sohn des Hohenpriesters Elischa) werden durch das Schwert fallen, die übrigen Genossen werden erschlagen und das übrige Volk wird zur Beute werden und große Not wird in die Welt kommen und dies sprach er in aramäischer Sprache. Auch über R. Jehuda ben Baba hatte man angeordnet, nach seinem Ableben zu sprechen: Dieser war ein bescheidener, frommer Mann, ein wirklicher Schüler Samuels, allein die Zeit war ihm nicht günstig, man wagte es nicht, Märtyrer öffentlich zu betrauern.
Einmal hörte der Hohepriester Jochanan ein Batkol vom Allerheiligsten her erschallen: Die Jünglinge, die in den Krieg nach Antiochia gezogen sind, haben gesiegt, sie schrieben es auf und es traf wirklich bis auf die Stunde ein.
Simeon der Gerechte hörte ein Batkol vom Allerheiligsten her in aramäischer Sprache ausrufen: Des Feindes Vorhaben, die heilige Stätte zu vernichten, ist vereitelt, Cajus Caligula ist gefallen und seine Beschlüsse sind vernichtet.
Zwischen dem Batkol und den Propheten besteht nach R. Hunja im Namen des R. Ruben ein ähnliches Verhältnis, wie mit einem Könige und seinem Bilde. Ist jener im Lande, so wendet man sich mit seinem Anliegen an ihn und er gewährt es, ist der König aber nicht im Lande, so ist doch sein Bild da, allein das Bild kann nicht das tun, was der König tut.
R. Jochanan sagte, es steht Deut. 28, 65 geschrieben: „Der Ewige wird dir ein zornig Herz geben“ d. i. als die Israeliten hinaufzogen, brach der Zorn aus, denn er war mit ihnen hinaufgezogen. R. Samuel bar Nachman sagte: Dort war das Herz zum Zorn gereizt, nach ihrer Rückkehr war es aber besänftigt. Wenn R. Levi die Israeliten in Babylon auf dem Markte (der Strasse) versammelt sah, sprach er zu ihnen: Zerstreut euch, ihr habt es euch selbst zugezogen! Als ihr hinaufzogt, bildetet ihr keine Mauer (s. oben) und hier wollt ihr es tun? Wenn R. Jochanan sie sah, fuhr er sie an und sprach: Der Prophet Hosea (s. 9, 17) war gegen euch aufgebracht, dass ihr Gott nicht gehorcht, soll ich es nicht sein?
R. Abba bar Kahana sagte: Wenn du die Sessel im israelitischen Lande mit Babyloniern besetzt siehst, so kannst du den Fußspuren  des Messias entgegen  sehen. Warum? S. Thren. 1, 13. R. Simeon ben Jochai hat gelehrt: Wenn du ein persisches Pferd an den Gräbern des israelitischen Landes gebunden siehst, dann kannst du die Fußspuren des Messias erwarten s. Micha 5, 4. Wer sind die von den Propheten angedeuteten sieben Hirten? Es
sind David in der Mitte, Adam, Seth, Methuschelach zu seiner
rechten und Abraham, Jacob und Mose zu seiner linken Seite.
Wohin ist Jizchak gegangen? Er hat sich an die Höllenpforte gesetzt, um seine Kinder vor dem Höllengericht zu retten; und die
acht Fürsten sind: Isai, Saul, Samuel, Amos, Zephanja, Chiskia,
Elia und der König Messias.

V.  11.    Ein Weinberg war dem Salomo.
„Der Weinberg“ ist das Haus Israel s. Jes. 5, 7, „dem Salomo“ d. i. dem König, der über den Frieden gebietet, „zu Baal-hamon“ d. i. als die Israeliten scharenweise (oder geräuschvoll) dem Baal nachhingen s. Jud. 10, 6, da kamen feindliche Scharen über sie.
Er gab den Weinberg an Hüter, dass jeder ihm tausend Silberlinge für seine Früchte bringe.
Er fand unter dem Volke tausend vollkommene Gerechte im Gesetz und in guten Werken.
Oder: Der Weinberg stellt Israel dar s. Jerem. 2, 7 vergl. Deut. 11, 12, „dem Salomo“ d. i. dem König, dem der Friede gehört, „in Baal-hamon“, weil sie geräuschvoll den Schätzen der Reiche nachhingen s. Jos. 7, 21: „Ich sah unter der Beute einen schönen sinerarischen Mantel“ u. s. w. R. Chanina bar Jizchak sagte: Es war ein babylonischer Purpurmantel. Was macht (will) aber Babel hier (d. i. wie kam dieser Mantel hierher)? R. Simeon ben Jochai hat gelehrt: Der König von Babylon machte Geschäfte in Jericho, er sandte dahin Briefe und erhielt dafür Geschenke. Das sagt man auch: Jeder König, welcher nicht Herr im Lande Israel ist, hält sich selbst nicht für einen vollberechtigten König.
,,Er gab den Weinberg an Hüter“ d. i. Nebucadnezar, „dass jeder für seine Früchte tausend Silberlinge bringe“ d. i. er suchte tausend vollkommene Gerechte im Gesetze und in guten Werken aus vergl.  2  Reg. 24,  14.  16.
Die Rabbinen verstehen unter dem Weinberg das Synedrium. Es ist aber anderswo gelehrt worden, dass R. Ismael über drei Punkte vor den Gelehrten auf dem Weinberge in Jabne Zeugnis abgelegt habe und diese es annahmen. Fand denn aber die Sitzung wirklich in einem Weinberge statt? Nein, die Mitglieder des Synedriums saßen in Reihen, wie die Reben in einem Weinberge. Ein solcher Weinberg war „dem Salomo“ d. i. dem Könige, der über den Frieden gebietet, „zu Baal-hamon“ d. i. sie rauschten hinter dem Baal her, darum kamen auch feindliche Scharen über sie, denn es rauschen ihnen Mengen von Königen nach, wie es heißt Ps. 68, 13: „Könige der Heerscharen hüpfen, sie hüpfen.“ Es heißt nach R. Judan im Namen des R. Ini nicht tvabo ykalm Engel, sondern tvabo yklm Könige der Engel, selbst Michael und Gabriel springen ihnen nach. R. Judan sagte: Sie warfen über sie Lose, wie es heißt Joel 4, 3: „Und über mein Volk warfen sie das Loos.“ R. Judan bar Simon sagte: Sie springen beim Hingehen und springen beim Zurückgehen. R. Achwa bar R. Sera sagte: Er macht sie laufen s. 2 Sam. 18, 22: „Warum noch willst du laufen, mein Sohn?“
„Und die Hausfrau teilet Beute“ (s. Ps. 68, 13). Wer ist die Bewohnerin im Hause? Das ist die Thora, und du bist ihm (Mose) gegeben worden und sie verteilt Beute.
Oder: Unter „der Hausfrau“ ist die Schönste im Hause zu verstehen, du verteilst Beute an die Unteren. Die Schönste im Hause ist Mose, wie es heißt Num. 12, 7: „In meinem ganzen Hause ist er treu, und du wurdest ihm gegeben und er verteilte Beute an die Unteren.
R. Pinchas und R. Acha sagten im Namen des R. Alexandria: Es steht Ps. 8, 2 geschrieben: „Ewiger, unser Herr, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Majestät am Himmel glänzen lassest.“ R. Josua von Sichnin im Namen des R. Levi sagte: Es heißt nicht: rsa hnt, sondern hnt rsa d. i. dein Preis ist die Thora. Das ist dein Preis (;rvsya), deine Majestät, deine Ehre, dass die Thora im Himmel bleibe, wandten die Engel dir ein. Von euch, erwiderte Gott, geht das Verlangen danach nicht aus. Gleich einem Vater, bemerkte R. Judan, der einen Sohn mit verstümmelten Fingern hatte. Was tat er? Er führte ihn zu einem Seidensticker, dass er ihm sein Handwerk (seine Kunst) lehre. Als dieser seine Finger zu betrachten anfing, sprach er: Das ganze Handwerk kann nur durch die Finger betrieben werden, wie soll es dieser erlernen? Bei euch ist kein Markt dafür (d. i. sie findet keine Liebhaber bei euch). Solche Vorstellungen machten auch die Dienstengel, als Gott den Israeliten das Gesetz geben wollte. Herr der Welt! stellten sie vor, das ist dein Preis, deine Majestät, deine Ehre, dass dein Gesetz im Himmel bleibe. Er antwortete: Bei euch ist kein Verlangen danach, denn auf euch findet die Vorschrift Lev. 15, 19 keine Anwendung, da es unter euch kein Weib gibt. Ebenso wenig kann die Vorschrift Num. 19, 14, das Verhalten gegen eine Leiche betreffend, auf euch Anwendung finden, da es bei euch keinen Toten gibt. Ihr seht daher, dass es für mich nicht von Nutzen sein kann. Darüber belobt die Schrift den Mose mit den Worten Ps. 68, 19: „Du steigst in die Höhe und führest Gefangene.“ R. Acha sagte: Das sind die unter den Menschen gebräuchlichen Gesetznormen (Halachot), wie beispielsweise die schleimflüssigen Männer und blutflüssigen Weiber, die Menstruierenden und Gebärerinnen betreffend. Gleich einem Könige, sagten die Rabbinen, der seine Tochter ins Ausland verheiratete. Seine Untertanen machten ihm dagegen die Vorstellung: Unser Herr König! es ziemte sich wohl besser, wenn deine Tochter bei dir im Lande bliebe. Was liegt euch daran? Du könntest einmal, erwiderten sie, aus Liebe zu ihr sie besuchen und bei ihr bleiben. Nein, versicherte er, wenn ich auch meine Tochter ins Ausland verheirate, so bleibe ich dennoch bei euch im Lande. So stellten auch die Dienstengel Gott vor, als er den Israeliten das Gesetz geben wollte. Herr der Welt! Sprachen sie, dein Preis, deine Majestät, dein Lob ist es, dass die Thora im Himmel bleibe. Was liegt euch daran? entgegnete Gott. Du könntest einmal deine Schechina auf den Unteren ruhen lassen wollen. Meine Lehre gebe ich ihnen wohl, antwortete Gott, aber ich bleibe in den Höhen, ich gebe meine Tochter mit der Kethuba (d. i. mit einer reichlichen Aussteuer) in ein anderes Land, dass sie wegen ihrer Schönheit, Liebenswürdigkeit und hohen Abstammung (eig. weil sie die Tochter eines Königs ist) von ihrem Gemahle in Ehren gehalten werde, aber ich bleibe bei euch in den Höhen. Und wer hat das erläutert? Der Prophet Habakuk 3, 3: „Es deckt den Himmel seine Pracht, und seines Preises ist voll die Erde.“ R. Simon sagte im Namen des R. Josua ben Levi: Überall, wo das Gesetz Gottes ruht, da ruht auch seine Schechina. Wer hat das erläutert? David in  Ps. 148, 12, wo zuerst  Erde  und  dann  Himmel  steht.

V.  12.    Mein Weinberg liegt vor mir.
Bei R. Chija wurde gelehrt: Gleich einem König, der seinen Sohn, weil er gegen ihn aufgebracht war, der Gewalt seines Dieners übergab. Was tat dieser? Er fing an ihn mit einem Stock zu schlagen mit den Worten: Gehorche nicht deinem Vater. Du bist nicht bei Sinnen! antwortete der Sohn, mein Vater hat mich nur darum dir übergeben, weil ich ihm nicht gehorcht habe und du sprichst zu mir: Du sollst deinem Vater nicht gehorchen? So sprach auch Nebucadnezar zu den Israeliten, als ihre Sünden die Verwüstung des Tempels und ihre Verbannung nach Babylon herbeigeführt hatten. Gehorchet dem Gesetze eures himmlischen Vaters nicht, sondern werfet euch vor dem Bilde nieder, dass ich euch aufgestellt habe s. Dan. 3, 15. Du Wahnsinniger! erwiderten die Israeliten, das traurige Geschick, von dir unterworfen zu sein, haben wir uns durch die Anbetung eines Götzenbildes zugezogen s. Ezech. 23, 14 und du sprichst zu uns: „Fallet nieder und betet das Bild an, das ich gemacht habe?“ Wehe einem solchen Manne! Damals sprach Gott: Mein Weinberg liegt vor mir! Der Frevler erwiderte vor Gott: Es waren tausend und sie haben sich auf zweihundert Mann vermindert. Wehe dem Frevler, verweste Feuchtigkeit! rief Gott, es waren ihrer tausend, sie haben sich aber zu 200000 vermehrt.
Die Tausend sind dein, Salomo.
R. Hillel bar R. Samuel bar Nachman sagte: Der Lehrer erhält tausend und der Schüler zweihundert zum Lohne. Was heißt das: „Tausend sind dem Salomo?“ R. Alexandri sagte: Der Lehrer erhält nicht eher Lohn für den erteilten Unterricht, als bis er ihn an andere bezahlt (mitgeteilt) hat, weil es heißt: die Tausend sind dein, bezahle sie.
R. Chija bar R. Abba von Jappo sagte: Der mit Anstrengung verbundene Unterricht in der Thora wird mit tausend, der leichte mit zweihundert belohnt, was du vom Stamm Issaschar und Naphthali lernen kannst. Der Stamm Naphthali, weil er sich mit der Thora beschäftigte und sie mit Anstrengung lehrte, empfing als Lohn tausend s. 1 Chron. 12, 34: „Und von Naphthali tausend Oberste“, allein der Stamm Issaschar, weil er die Thora ohne Anstrengung lehrte, empfing als Lohn nur zweihundert s. das. V. 32: ,,ihre Häupter zweihundert.“
R. Judan sagte im Namen des R. Bun: Der Unterricht, welcher nicht im Orte erteilt wird, wird mit tausend, dagegen der Unterricht, welcher im Orte erteilt wird, wird mit zweihundert bezahlt. Von wem kannst du das lernen? Vom Stamme Issaschar und vom Stamme Naphthali. Weil der Stamm Naphthali den Unterricht nicht am Orte erteilte, empfing er als Lohn tausend, dagegen der Stamm Issaschar, weil er den Unterricht im Orte erteilte, empfing nur zweihundert (die  Beweisstellen  wie oben).

V. 13. Die du wohnst in den Gärten, Gefährten horchen deiner Stimme, lass mich hören.

Gleich einem König, nahm R. Nathan im Namen des R. Acha als Beispiel an, welcher gegen seine Diener erzürnt war und sie in ein Gefängnis (]ylvq tyb eig. Zellenhaus) einsperren ließ. Was tat er? Er nahm seine Hofleute (Fürsten) und Dienerschaft und ging dahin, um zu hören, was die Eingekerkerten wohl sprechen würden. Sie sprachen: Unser Herr König, unser Ruhm, unser Leben! möge unserm Herrn König nichts in der Welt fehlen! Erhebt lauter eure Stimmen, meine Kinder! damit euch eure Mitgefangenen hören. So arbeiten auch die Israeliten eine ganze Woche hindurch, am Shabbath aber stehen sie früh auf und kommen in die Synagoge, lesen da das Schema, treten vor die Lade hin, lesen im Gesetze und am Schlusse in einem Propheten. Da spricht Gott: Meine Kinder! erhebt lauter eure Stimmen, damit es eure Genossen, die Erzengel, auch hören. Nehmt euch in Acht, dass ihr euch einander nicht hasset, nicht beeifert, sinnt nicht Übles aufeinander, beschämt euch nicht, beneidet euch nicht, damit die Erzengel vor Gott nicht sprechen können: Herr der Welt! die Israeliten beschäftigen sich mit dem Gesetze, aber es ist dabei Feindschaft, Neid, Hass und Zwiespalt unter ihnen. Darum haltet es in Einigkeit. Bar Kapra sagte: Warum nennt Gott die Dienstengel Genossen? Weil unter ihnen keine Feindschaft, Eifersucht, Hass, Neid, Spaltung und Zwietracht vorkommt.
Oder: Wenn die Israeliten in die Synagoge kommen und daselbst den Abschnitt Schema mit Andacht und Aufmerksamkeit einstimmig und einmütig lesen, so dass sie eine Genossenschaft heißen können, dann horchen wir, spricht Gott, ich und meine Familie auf deine Stimme, wenn aber die Israeliten das Schema mit Verwirrung der Gedanken lesen, der eine schickt es voraus und der andere lässt es nachfolgen und sie richten nicht die Gedanken auf das Lesen des Schema, dann ruft der heilige Geist und spricht:

V. 14. Flieh, mein Geliebter, gleich der Gazelle d. i.
das obere Heer, die zu deiner Ehre einmütig singen, „auf Balsambergen“ (,ymsb yrh li) d. i. ziehe dich in die höchsten Himmel (,ynvylih ,yms ymsb) zurück!
Oder: Flieh, mein Geliebter, aus der Verbannung, in der ich mich von Sünden besudelt befinde, reinige uns wie eine Gazelle, oder wie ein Junges der Hirsche, dass du unser Gebet wie Bock- und Widderopfer annehmen wollest, „auf den Balsambergen“, dass sie wie der angenehme Opferduft unserer Väter aufsteigen, der so würzig wie aus dem Paradiese war, das nur Würziges enthält. R. Jeremja  sagte  im Namen des R. Chija  des Grossen: Auf die zwei Schulgenossen, die mit einer halachischen Frage sich beschäftigen und einander zu besiegen suchen, lässt sich Mal. 3, 16 anwenden, wo unter dem daselbst vorkommenden Worte vrbdn nichts anderes zu verstehen ist, als txn unterwerfen vergl. Ps. 18, 48. Auch wenn sie sich irren, so klärt Gott ihnen den Irrtum auf s. Mal. 3, 16 vergl. Jerem. 31, 33.
R. Judan sagte: Wenn die Israeliten in Genossenschaften im Gesetze lesen, da spricht Gott, lass mich deine Stimme hören, sonst fliehe, mein Geliebter. R. Sera sagte: Wenn die Israeliten das Schema mit einem Munde, einstimmig, mit einem Gesänge lesen, da spricht Gott: Lass mich deine Stimme hören, wenn nicht, so fliehe, mein Geliebter. Gleich einem Könige, sagte R. Levi, der zu einem Gastmahle Gäste eingeladen hatte. Manche aßen, tranken und priesen ihn, manche aber aßen und tranken und beschimpften ihn. Der König bemerkte es und wollte das Mahl sogleich aufheben. Da trat seine Gemahlin herein und machte für die letzteren den Fürsprecher, indem sie sagte: Mein Herr König! achte nicht auf die, welche essen und trinken und dich beschimpfen, sondern auf die, welche essen und trinken und dir danken und dich loben. So auch, wenn die Israeliten essen, trinken und Gott danken, loben und preisen, da achtet Gott auf den Lobpreis und hat Wohlgefallen daran. Wenn aber die Völker der Welt essen und trinken und ihn dabei schmähen und lästern durch ihre Ausschweifung, dann tritt, selbst wenn er den Plan gefasst hat, seine Welt zu verwüsten, das Gesetz als Fürsprecher auf und spricht: Herr der Welt! du siehst nur auf die, welche dich schmähen und erzürnen, sieh doch auf die Israeliten, welche danken, loben und preisen deinen großen Namen mit dem Gesetz, mit Psalmen und Lobgesängen. Und der heilige Geist ruft: Flieh, mein Geliebter! vor den Völkern der Welt und schließ dich den Israeliten an.
„Gleich der Gazelle.“ Wie die Gazelle, wenn sie schläft, ein Auge offen und eins geschlossen hat, ebenso sieht Gott auf die Israeliten, wenn sie seinen Willen tun mit zwei Augen s. Ps. 34, 16, er sieht aber nur auf sie mit einem Auge, wenn sie seinen Willen nicht tun s. Ps. 33, 18. „Auf den Balsambergen.“ Gott spricht hier, sagte R. Simon: Wartet, bis ich zu Gericht sitze über die Berge d. i. über die Schutzherrn (der Völker), die bei mir im Himmel sich befinden. R. Jizchak verweist hierbei auf Ex. 30, 23, wo von Gewürzen die Rede ist, welche die Völker für ihre Schutzherrn halten. R. Hunja macht die Bemerkung dazu: Gott bestraft eine Nation hier unten erst dann, wenn er ihren Schutzherrn oben gestürzt hat und beruft sich auf 5 Schriftstellen, nämlich 1) auf Jes. 24, 21: „An demselben Tage straft der Ewige die Mächte der Höhe in der Höhe.“ Was folgt darauf? Und die Könige der Erde auf Erden; 2) das. 14, 12: „Wie bist du vom Himmel gefallen, glänzender Sohn der Morgenröte.” Was folgt darauf? „Zur Erde bist du gefällt, der du die Völker niedertratest”; 3) das. 34, 5: „Denn trunken fährt mein Schwert vom Himmel.” Was folgt darauf? „Sieh es fährt auf Edom herab, auf das fluchbeladene Volk, zum Strafgericht”; 4) Ps. 149, 8. 9: „Um ihre Könige zu binden mit Ketten.” Was folgt darauf? „Und ihre Edlen mit eisernen Fesseln”, wo nach R. Tanchuma, unter „ihren Königen” die oberen Schutzherren und unter „ihren Geehrten” ihre Fürsten unten auf Erden zu verstehen sind, und 5) das. V. 9: „Um ihnen zu tun nach dem geschriebenen Recht.” Was folgt darauf? „Ehre ist solches allen seinen Frommen, Halleluja!”
Mit vier Dingen wird die verheißene Größe Israels verglichen, mit der Ernte, mit der Weinlese, mit dem Pflücken wohlriechender Kräuter und mit der Gebärenden. Das Feld, wenn die Ernte nicht zur rechten Zeit geschieht, so ist selbst das Stroh nicht gut, geschieht sie aber zur rechten Zeit, so ist sie gut, wie geschrieben steht Joel 4, 12: „Leget die Sichel an, denn reif ist die Ernte.” Der Weinberg, wenn die Weinlese nicht zur rechten Zeit geschieht, so ist selbst der Essig nicht gut, geschieht sie aber zur rechten Zeit,  so ist es gut, wie es heißt Jes. 27, 2: „An diesem Tage singet vom Weinberge.” Hat der Weinberg Wein gebracht, so ist es ihm ein Preis  (Lob). Wie die Gewürze, sobald sie gesammelt werden, wenn sie noch zart und saftig sind, keinen Geruch ausströmen, sobald sie aber trocken gesammelt werden, so strömen sie Geruch aus.   Wenn das Weib zur Unzeit niederkommt, so  hat das Kind kein Leben, kommt es aber zur  rechten  Zeit  nieder, so lebt das  Kind,   wie   es   heißt Micha 4, 2: „Darum gibt sie (der Ewige) hin, bis dass die Gebärerin gebiert.” R. Acha im  Namen  des  R.   Josua  ben  Levi  verweist auf Jes. 60, 22:  „Ich, der Ewige, vollbring es schnell zu seiner Zeit”, welche Worte sagen wollen: Wenn die Israeliten die Erlösung nicht verdienen, so bringe ich sie zu seiner Zeit herbei, verdienen sie dieselbe aber, so beschleunige ich sie.  So möge es Gottes Wille sein, dass sie mit Eile herbeikomme!
Amen.

 

 
 

More from our blog

See all posts