Sittlichkeit als Grundforderung des Judentums

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Im Judentum ist die sittliche Forderung ein Grundsätzliches, ein Tragendes der Religion. Die Ethik ist hier zur Religion nicht hinzu­gefügt, sondern ein Wesentliches in ihr. Ohne sie gibt es hier keinen Glauben an die Bedeutung des Lebens noch an das, was über das Leben hinausgeht. Das Neue, das der Glaube Israels der Welt ge­bracht hat, wurzelt in diesem bestimmten ethischen Charakter, der ihm eigen ist.

Der Monotheismus Israels ist der ethische Monotheismus. Die Einheit Gottes ist erkannt worden, weil die göttliche Heiligkeit erkannt worden ist. Der eine Gott, den die Propheten verkündet haben, ist der eine, nicht etwa weil er allein das ist, was die Götter der Heiden zusammen sind, sondern er ist der eine, weil er anders als sie ist, weil das eine Gute in ihm seine Wirklichkeit und Gewissheit hat. Neben dem einen sittlichen Gott können keine andern Götter sein, weil die eine Sittlichkeit nichts andres neben sich duldet. Der einig-einzige Gott und der heilige Gott, das bedeutet hier das gleiche. Der eine Gott verkündet dem Menschen, was das eine Gute ist: Gerechtigkeit und Liebe zu üben. Darin liegt der Unterschied zwischen ihm und den vielen Göttern.

Der Glaube an den einen Gott ist so aus der Unteilbarkeit der Gewissensforderung hervorgewachsen. Der Satz: „Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“ und der andre Satz: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ gehören unlösbar  zusammen. Mit all dem, was in uns ist und was uns gegeben, können wir nur dem einen Gotte dienen, und nur der eine Gott kann es gebieten, dass das ganze Herz, die ganze Seele und die ganze Kraft des Menschen sich ihm hingeben. In der sittlichen Einheit seiner Seele wurde dem israelitischen Menschen die Einheit Gottes bewusst.

Gott erkennen bedeutet hier nicht, sein Wesen verstehen, sondern sein Walten begreifen, den Weg des Rechten sehen und gehn, den Gott gewiesen hat, den einen Weg, der für alle die verschiedenen, mannigfaltigen Menschen der gleiche ist. Die Wege Gottes sind die Wege, die der Mensch suchen soll. Auf ihnen kann er sich Gott zuwenden, Gott anhangen. Erst durch die Treue gegen Gottes Gebot, gegen die sittliche Forderung, die von ihm dem Menschen gestellt ist, tritt er vor den einen Gott hin, um ihm zu dienen. Je mehr wir wahre sittliche Menschen sein wollen, desto näher sind wir Gott, desto näher ist er uns. Wir können ihn immer finden, wenn unser ganzes Herz sich seinem Gebote zukehrt.

Hierdurch gewinnt das Leben des Menschen seinen Sinn. In ihm ist ein Wirkliches: das Gute. Und dieses Gute, dieses Sittliche vermag der Mensch zu schaffen, er vermag es zu verwirklichen. Darin bildet er sein Leben, er wird ein Schöpfer des Guten, das Ebenbild des einen Gottes. So viel des Guten gibt es auf Erden, wie Menschen Gutes tun, Gutes ins Dasein rufen. Das Leben ist von Gott dem Menschen gegeben, und er selbst soll es gestalten und bereiten. Dadurch, dass er das Rechte übt, „erwählt er das Leben“, wird er der Schöpfer seines Daseins.

In der sittlichen Tat wird damit der Mensch des Könnens, das in ihm ist, bewusst, in ihr kann und soll er sich entscheiden, in ihr erfährt er um seine Freiheit. Das Gute und das Böse ist vor ihn hingestellt, damit er wähle. Auch die Freiheit ist eine sittliche Aufgabe, die Gott in das Menschenleben hineingelegt hat, damit sie erfüllt werde. Der Wille zum Guten ist der Wille zur Freiheit und der Wille zum Leben. Das Leben zu wählen und zu gestalten, das ist die Forderung, die das Judentum an den Menschen richtet.

Das Leben des Menschen steht so nicht unter der Schicksalsbestimmung,  die über ihn verhängt ist, sondern unter der Entscheidung,  die er selbst trifft. Sein Ziel ist ihm gegeben, zu dem seine Freiheit ihn hinführt. Er vermag, wenn er von ihm sich abgewendet hatte, umzukehren, um jetzt den Weg zu gehn, auf dem er Gott findet. Er kann sich versöhnen, sich reinigen. Seine Tat, die sittliche Tat, ist es, die die Versöhnung schafft. Nicht das Wunder und nicht ein Sakrament bringt sie, sondern die Freiheit, die in ihn gelegt ist. Und in der Versöhnung schafft sich der Mensch dann die neue Freiheit und damit die neue Verantwortung; sie wird zum Wege, zur neuen Aufgabe.

Wie dem einzelnen ist dieses Ziel der Menschheit gesetzt. Ihr Ziel ist die Erfüllung des Guten auf Erden, die Verwirklichung dessen, worin allein die Menschheit ihr Leben findet, ihr Leben erwählt. Über 12

ihr steht das unendliche sittliche Gebot, mahnend und fordernd. Die Zukunft wird damit zur Aufgabe. Der Sinn der Geschichte ist, dass das Gute mehr und mehr sein Dasein besitze. Nur in ihm hat sie ihr Bestehendes und Dauerndes; nur das lebt weiter, was durch die sittliche Tat leben will. In dieser Gewissheit liegt der Glaube des Judentums  an die Zukunft.

Im Judentum sind die Gedanken oft mannigfaltige Wege gegangen. Aber in diesem Einen sind sie immer übereingekommen und zu diesem hat die Entwicklung immer bestimmter hingeführt, dass Frömmigkeit und Gottesfurcht sich auf die sittliche Tat gründen, dass der Mensch Gott findet, nur wenn er weiß, dass Gott in der Erfüllung des Guten ihm den Inhalt seines Lebens gegeben hat.

Bibel

1:  Ich habe ihn [Abraham] erkoren, damit er seinen Kindern gebiete und seinem Hause nach ihm, dass sie den Weg des Ewigen wahren: zu üben Gerechtigkeit und Recht. — 1. B. Mos. 18, 19.
2:  Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott. — 3. B. Mos. 19, 2.
3:  Und nun, Israel, was verlangt der Ewige, dein Gott, von dir? Doch nur, dass du fürchtest den Ewigen, deinen Gott, dass du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebest und dienest dem Ewigen, deinem Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele. — 5. B. Mos. 10, 12.
4:  Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und nicht fern; es ist nicht im Himmel, dass du sagest: Wer steigt für uns in den Himmel und holt es uns und macht es uns kund, dass wir es befolgen? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagest: Wer zieht für uns über das Meer hin und holt es uns und macht es uns kund, dass wir es befolgen? Sondern sehr nahe ist es dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun. — 5. B. Mos. 30, 11—14.
5:  Waschet euch, reinigt euch, schaffet euer böses Tun aus meinen Äugen, höret auf, Böses zu tun. Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, steht dem Vergewaltigten bei, sprechet Recht der Waise, nehmet euch der Witwe an. — Jesaja 1, 16—17.
6:  Wer in Gerechtigkeit wandelt und aufrichtig redet, wer Gewinn durch Bedrückung verschmäht, wer seine Hände schüttelt, dass sie nicht Bestechung nehmen, sein Ohr verstopft, dass es nicht auf Blutrat höre, sein Auge zudrückt, dass es auf das Böse nicht schaue, der wird auf Höhen wohnen, Felsenfesten sind seine Burg, sein Brot ist ihm gegeben, sein Wasser versiegt nicht. — Jesaja 33, 15—16.
7:  So spricht der Ewige: Wahret Recht und übet Gerechtigkeit, denn nahe ist meine Hilfe zu kommen, und mein Heil, sich zu offenbaren. — Jesaja 56, 1.
8:  Es kommen Tage, spricht der Ewige, an denen ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließe. Nicht wie jener Bund, den ich geschlossen habe mit ihren Vätern an dem Tage, da ich sie bei der Hand fasste, sie herauszuführen aus dem Lande Ägypten, welchen Bund sie später gebrochen haben, und ich bin doch ihr Herr, spricht der Ewige. Sondern dies ist der Bund, den ich mit dem Hause Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Ewige: Ich lege meine Lehre in ihr Inneres, und auf ihr Herz werde ich sie schreiben, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. — Jeremia 31, 31—33. 9: Er hat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der Ewige von dir? Doch nur Recht tun, Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem Gott! — Micha 6, 8.
10: Ewiger, wer darf in Deinem Zelte weilen. Wer darf auf Deinem heiligen Berge wohnen? Wer in Geradheit wandelt und Recht übt und Wahrheit redet in seinem Herzen. Wer auf seiner Zunge nicht Verleumdung trägt, seinem Nächsten nicht Böses tut und Schmähung nicht spricht gegen seinen Nebenmenschen. Der Verächtliche ist in seinen Augen verachtet, aber die den Ewigen fürchten, ehrt er; er schwört zu seinem Schaden und ändert es nicht. Sein Geld leiht er nicht auf Zins aus, und Bestechung gegen einen Unschuldigen nimmt er nicht. Wer solches tut, wankt nimmer. — Psalm 15.
11: Wer darf steigen auf den Berg des Ewigen und wer stehn an seiner heiligen Stätte? Wer reiner Hände und lauteren Herzens ist, wer nicht zu Eitlem seine Seele erhebt und nicht zum Truge schwört. Er trägt Segen heim vom Ewigen und Gnade von dem Gotte seines Heils. — Psalm 24, 3—5.
12: Den Ewigen fürchten ist das Böse hassen. — Sprüche 8, 13.
13: Zum Menschen spricht er: Sieh, Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Einsicht. — Hiob 28, 28.

14: Habe ich je missachtet das Recht meines Knechtes oder meiner Magd in ihrem Streite mit mir? [Denn ich dachte stets:] Was tu ich, wenn Gott aufsteht, und wenn er es rügt, was erwidere ich ihm? Hat nicht im Mutterschoße, der mich gebildet, auch ihn gebildet, und Einer uns im Mutterleibe bereitet?  Habe ich Armen ein Begehren versagt   und die Augen einer Witwe schmachten lassen?   Habe ich meinen Bissen allein gegessen, aß nicht die Waise davon?   Von meiner Jugend an wuchs sie mir doch auf wie einem Vater, und wie vom Leibe meiner Mutter führte ich sie. Habe ich einen Umherirrenden ohne Kleid gesehen und ohne Hülle den Dürftigen? Seine Hüften priesen mich, und mit meiner Schafe Schur erwärmte er sich. Habe ich gegen eine Waise meine Hand erhoben, weil ich am Tor [bei Gericht] meinen Beistand sah, dann falle meine Schulter aus dem Blatt, und werde mein Arm aus der Röhre gebrochen.  Schrecken überkäme mich, das Unheil Gottes; ob seiner Erhabenheit vermöchte ich nichts.  Habe ich Gold zu meiner Zuversicht gemacht und zu Kleinodien gesagt: mein Vertrauen?   Habe ich mich gefreut, dass meine Habe groß geworden ist, und dass meine Hand viel erworben hat?  Habe ich mich gefreut über das Unglück meines Feindes, und habe ich gejubelt, dass ihn Böses getroffen hat? Ließ ich doch meinen Mund nicht sündigen,   seine Seele  zu  verfluchen.    Draußen  hat  der Fremde   nicht   übernachten   müssen;   meine Tür  tat   ich   dem Wanderer auf.  Habe ich nach Menschenart meine Vergehn verheimlicht, verborgen in meinem Busen meine Missetat? . . .  Hat mein Acker über mich geschrieen, haben seine Furchen allzumal weint? Habe ich seine Kraft verzehrt ohne Entgelt, habe ich seinem Besitzer das Leben genommen? Hiob 31, 13—25; 29—33; 38—39.

Palaestinische Apokryphen

1:   Jegliche Weisheit ist Furcht des Ewigen, und in jeglicher Weisheit ist Übung der Lehre. — Sirach 19, 20—21.

2:   Wohlgefallen des Ewigen ist Ablassen von Bosheit, und Sühne ist Ablassen von Unrecht. — Sirach 32 (=35), 5.

3:   Und nun, meine Kinder, machet gut eure Herzen vor dem Ewigen, und machet gerade eure Wege vor den Menschen, so werdet ihr Huld finden vor Gott und Menschen. — Testamente d. 12 Patriarchen II 5, Z. 2—4.

4:   Beobachtet, meine Kinder, die Lehre Gottes, und erwerbet euch Einfalt und wandelt in Unschuld, ohne Vorwitz zu treiben mit den Geboten des Herrn und den Handlungen des Nächsten; vielmehr liebet den Herrn und den Nächsten, erbarmet euch des Armen und Schwachen. — Testamente d. 12 Patriarchen V 5, Z. 1—3.

5:   Habe acht, mein Sohn, auf dich in all deinem Tun, und erweis dich wohlerzogen in deinem ganzen Verhalten, und was dir selbst verhasst ist, das tu keinem andern. — Tobit 4, 14—15.

Juedisch-hellenistische Literatur

1:   Die heiligen Gebote sind zum Zwecke der Gerechtigkeit gegeben worden, um fromme Gedanken zu wecken und den Charakter zu bilden. — Aristeasbrief 144; vgl. auch das.  168.

2:   Und es gibt sozusagen zwei Hauptstücke unter den zahllosen Einzellehren und -sätzen, das eine in bezug auf Gott: Gottesverehrung und Frömmigkeit, das andre in bezug auf Menschen: Nächstenliebe und Gerechtigkeit. — Philo: De specialibus legibus II (de septenario)  (M. II 282, C.-W. 63).

3:   Es ist wahr, was nicht ohne Grund einer der Alten ausgesprochen hat, dass die Menschen nur dann Gott ähnlich handeln, wenn sie wohl tun. Welch höheres Gut aber könnte es geben, als die Nachahmung des ewigen Gottes durch (uns) Sterbliche? — Philo: De specialibus legibus IV (de judice)  (M. II 347, C.-W. 73).

4:   Das ist es vor allem, was der fromme Prophet [Mose] durch seine ganze Gesetzgebung erreichen will: Eintracht, Gemeinschaftsgefühl, Gleichheit der Gesinnung und Harmonie der Charaktere, Eigenschaften, durch die Familien und Städte, Völker und Länder und überhaupt das ganze Menschengeschlecht zur höchsten Glückseligkeit gelangen können. Philo: De virtutibus (de caritate) (M. II 395, C.-W. 119).

5:   Diesem Gott müssen alle gehorchen und in Tugendübung sollen sie ihn ehren; denn das ist der vornehmste Gottesdienst. — Josephus gegen Apion II, 22.

Talmudisches Schrifttum

1:   Simon der Gerechte …. tat den Ausspruch: Auf drei Dingen steht die Welt: — Auf der Lehre, auf dem Dienst [Gottes] und auf Liebeswerken. — Sprüche d. Väter I, 2.

2:   Ferner geschah es einst, dass ein Heide vor Schammai trat und zu ihm sprach: Mache mich zum Proselyten [gajjereni], wofern du mich die ganze Thora lehrst, während ich auf einem Fuße steh. Der stieß ihn von sich mit dem Messstab, den er in der Hand hatte. Da ging er zu Hillel, und dieser machte ihn zum Proselyten [gijjero]. Er sagte nämlich: Was dir verhasst ist, das tu keinem andern; das ist die ganze Thora, das andre ist Erklärung — gehe hin und lerne. — Sabbat 31a [vgl. Test. d. 12 Patriarchen VIII b, 1 Z. 15—16; Tobit 4, 15; Philo: Fragmente M. II 629]. 3: „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst“ (3 M. 19,18). R. Akiba lehrte: Das ist ein Hauptgrundsatz (kelal gadol) der Thora. Ben Asai lehrte: Es gibt noch einen wichtigeren Grundsatz: Das ist das Buch der Entstehung des Menschen . … im Ebenbilde Gottes schuf er ihn (1 M 5, 1). — Sifra c. 4 [vgl. Albo: Ikkarim (Grundlehren) I, 24].

4:   Rabbi Simlai lehrte:   Die Thora enthält 613 Gebote, und zwar 248 Gebote:  „Du  sollst“, entsprechend den  248  menschlichen Gliedern, und 365 Gebote: „Du sollst nicht“, entsprechend den 365 Tagen des Sonnenjahres.   König David hat sie alle in elf zusammengefasst.   Denn so heißt es (Ps. 15): Ewiger, wer darf in Deinem Zelte weilen?  Wer darf auf Deinem heiligen Berge wohnen? Wer in Geradheit wandelt und Recht übt und Wahrheit redet in seinem Herzen. Wer auf seiner Zunge nicht Verleumdung trägt, seinem Nächsten  nicht Böses tut und Schmähung   nicht spricht gegen seinen Nebenmenschen.   Der Verächtliche ist in seinen Augen verachtet,  aber die den Ewigen fürchten, ehrt er; er schwört zu seinem Schaden und ändert es nicht.   Sein Geld leiht er nicht auf Zins aus, und Bestechung gegen einen Unschuldigen nimmt er nicht. Wer solches tut, wankt nimmer. Der Prophet Jesaja hat sie in sechs zusammengefasst (33, 15—16): Wer in Gerechtigkeit wandelt und aufrichtig redet, wer Gewinn durch Bedrückung verschmäht, wer seine Hände schüttelt, dass sie nicht Bestechung nehmen, sein Ohr verstopft, dass es nicht auf Blutrat höre, sein Äuge zudrückt, dass es nicht auf das Böse schaue, der wird auf Höhen wohnen, Felsenfesten sind seine Burg, sein Brot ist ihm gegeben, sein Wasser versiegt nicht. Der Prophet Micha hat sie in drei zusammengefasst (6, 8): Er hat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der Ewige von dir? Doch nur Recht tun, Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem Gott. Dann hat sie Jesaja wiederum in zwei zusammengefasst (56, 1): Wahret Recht und übet Gerechtigkeit, denn nahe ist meine Hilfe zu kommen, und mein Heil, sich zu offenbaren. Zuletzt hat sie der Prophet Habakuk in einen Satz zusammengefasst (2, 4): Der Gerechte lebt in seiner Treue. — Makkot 23, 24.

5:   Die Thora ist nur zu dem Zweck offenbart worden, die Menschen zu läutern. — Bereschit rabba c. 44.

6:   Jedes der göttlichen Werke ist lauter [Spr. 30, 5]; dies will andeuten, dass die Gesetze Israel gegeben sind, es zu läutern und von Begierden zu reinigen. — Wajjikra rabba c. 13.

Mittelalter

1:   Auf jedem in Israel, dessen Tun rein, dessen Herz lauter, dessen Seele ganz bei dem Gotte Israels ist, ruht der Strahl göttlicher Heiligkeit [Schechina]. — Jehuda ha-Levi: Kusari, V, 23.

2:   Was die Lehre Israel befiehlt, hat nur den Zweck, unter Menschen gegenseitige Liebe und Frieden aufrechtzuerhalten. — Buch der Frommen, § 956 (567).

3:   Unsere Weisen haben das Gebot, in Gottes Wegen zu wandeln, also erklärt: So wie Gott gütig genannt wird, so werde auch du gütig, wie Gott barmherzig ist, so werde auch du barmherzig, wie Gott heilig ist, so werde auch du heilig. In diesem Sinne haben die Propheten Gott langmütig, huldvoll, gerecht genannt; — um erkennen zu lassen, dass dieses die guten und geraden Wege sind, auf denen der Mensch wandeln soll, um damit Gott nach Kräften ähnlich zu werden. — Maimonides: Mischne tora hilchot deot (Religionskodex, Ethik) I 6.

4:   Entferne nicht Gott aus deinen Gedanken, vergiss nicht, was er dir getan, lass den fremden Götzen, deine Sinnenlust, nicht herrschen über dich. Handle so, dass du vor dir nicht zu erröten hast, gib nicht der Begierde Gehör, sündige nicht und sprich, du wollest nachher Buße tun, nie gehe ein Schwur über deine Lippen, nie erhebe dein Sinn sich in Hoffart, folge nicht der Augen Lust, verbanne die Hinterlist aus deinem Herzen, die Frechheit von Blick und Gemüt. Sprich nie leere Worte, streite mit niemand, halte dich nicht zu Spöttern, hadre nicht mit Bösen. — R. Eleasar b. Jehuda: Rokeach, übers v. Zunz in: Zur Gesch. u. Lit. I, S. 132.

5:   Der höchste Gottesdienst ist die reine Liebe zu dem Schöpfer. — R. Mose b. Jacob aus Coucy: Aus dem großen Buch der Gebote, Verbote 2. 64. 170; Gebote 3. 16. 74.

6:   Wandle fürder nicht in den Wegen deines Herzens, sondern in der Furcht Gottes und in der Gewissenhaftigkeit gegen seine Gebote: in Keuschheit, Bescheidenheit, Reinheit und Heiligkeit. Fromme Gedanken seien stets in dir. — Mose Cohen b. Eleasar: Das kleine Buch der Frommen, S. 2.

7:   Man könnte annehmen: Maimonides wollte nicht Glaubensdogmen aufstellen, mit denen das Judentum steht und fällt, sondern nur wichtige Prinzipien des Judentums. Ist das der Fall, so schlage ich vor, als ein wichtiges Prinzip des Judentums den Grundsatz zu bezeichnen, dass wir Juden an den Zusammenhang zwischen Gott und Mensch glauben, dass Gottes Heiligkeit immer unter uns vorhanden ist. — Joseph Albo: Ikkarim (Grundlehren) I, 3. 8: Sie   [die   Thora]   ermahnt   zur   Menschenliebe:   „Liebe   deinen Nächsten wie dich selbst!“ (3 M 19, 18).  Sie entfernt den Hass: „Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen“ (das. 17) und empfiehlt, den Fremden zu lieben: „Und ihr sollt lieben den Fremdling“ (5 M 10, 19), verbietet, ihn zu bedrücken: „Bei dir soll er wohnen, in deiner Mitte, an dem Orte, den er wählen wird in einem deiner Tore, wo es ihm wohl ist; du sollst ihn nicht bedrücken.“ (das. 23,  17).   Und dies bezieht sich nicht auf den bekehrten Fremdling,   sondern   auch auf den  bloßen Beisassen, der nicht Götzen dient. — Joseph Albo: Grundlehren III, 25.

Neueres juedisches Schrifttum

1:   Die Forderung, in den Wegen Gottes zu wandeln, umfasst die gesamte Charakterbildung. Das meinen unsere Weisen mit den Worten: Wie er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig. Der Inbegriff von allem ist, dass der Mensch alle seine Eigenschaften und alle seine Handlungen nach der Geradheit und Sittlichkeit bestimme. — Mose Chajim Luzzatto: Messillat jescharim. (Der Weg der Frommen), übers. v. Wohlgemuth, 1906, Vorrede.

2:   Das Wesen der Heiligkeit besteht darin, dass der Mensch so sehr seinem Gott anhängt, dass er sich in keiner Handlung, die er übt, von ihm trennt oder auch nur entfernt, so dass nicht er von seiner Verbindung mit Gott und von seiner Höhe durch seine Beschäftigung mit dem Irdischen herabgezogen, sondern vielmehr das Irdische dadurch, dass er sich damit befasst, emporgehoben wird. — Mose Chajim Luzzatto: Der Weg der Frommen, c. 26.

3:   Das ist also der Hillelsspruch: „Was dir gehässig wäre,  das tu deinem Nächsten nicht,“ und darum konnte er auch diesen Satz als den Grundbegriff des ganzen Gesetzes geben, denn auch alle übrigen Gesetze sind nichts weiter als Gerechtigkeit und Liebe gegen alle Wesen (oder Erziehung dazu). — S. R. Hirsch: Choreb, 1837, c. 91 § 586.

4:   Gottes Wesen begreifen, das heißt: wissen, dass er gerecht und unbestechlich, barmherzig, gnädig und langmütig ist, wissen, dass, was er tut, wohlgetan ist, wissen, dass er den Menschen zur Tugend bestimmt hat. Nur wer Gott erkennt, vermag so den Menschen zu begreifen. Denn diesen ergründen, das heißt: einsehen, was er vor Gott und für Gott ist, was er nach dem Willen Gottes sein soll, einsehen, dass er geschaffen ist, um gut und edel und glücklich zu sein, heilig wie sein Vater im Himmel. Je mehr wir von Gott erfahren, desto mehr vermögen wir den Menschen zu verstehn, desto mehr lernen wir, wahre Menschen zu sein. Was Gott sagt, und was Gott will, ist das, was für den Menschen gut ist; die Wege Gottes sind die Wege, die der Mensch gehn soll. Auf diesen allein werden wir zu Gott hingeführt, nur in der rechten Tat erschließt sich das Wesen Gottes. Tu deine Pflicht, dann weißt du, wer Gott ist. Je aufrichtiger wir wahre Menschen sein wollen, desto besser erkennen wir also wiederum Gott, und das ist das klarste und reinste Begreifen, das wir von Gott gewinnen können, dasjenige, das wir gewinnen sollen. „Auf allen deinen Wegen erkenne ihn.“ Gott suchen, das ist: nach Gutem streben; Gott finden, das ist: Gutes tun. Von Gott wissen und das Rechte üben sind gleichbedeutende Begriffe. Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 21/22.

5:  Der ethische Charakter, die grundsätzliche Bedeutung des sittlichen Tuns, ist für die israelitische Religion ursprünglich. Wie immer man ihre zeitliche Entstehung ansetzen und wie immer man sich zu der Frage nach ihrem Weiterschreiten stellen mag, das eine steht doch fest, dass von Anfang an, seit die eigentliche israelitische, prophetische Religion vorhanden ist, für sie das Sittengesetz den Angelpunkt bildet. Das Judentum ist nicht nur ethisch, sondern die Ethik macht sein Prinzip, sein Wesen aus. — Leo Baeck, Das Wesen des Judentums, 1905 S. 39.

6:   Gott über alles und den Nebenmenschen wie sich selbst lieben, das fordert die geoffenbarte Lehre wie das Sittengesetz. — M. Bloch: Die Ethik in der Halacha, 1886, S. 9.

7:   Die Ethik aber ist das Lebensprinzip des Judentums. Seine Religion will Sittenlehre sein und ist Sittenlehre. Die Liebe Gottes ist die Erkenntnis Gottes. Und die Erkenntnis Gottes ist die Erkenntnis von dem sittlichen Endzweck des Menschengeschlechts. — Hermann Cohen: Innere Bezhg. d. Kant. Philos. z. Judentum, 1910, S. 59/60.

8:   Die pharisäische Religionsanschauung hat die Wichtigkeit der sittlichen Werke, der Barmherzigkeit und Bruderliebe nie gering geschätzt, sondern in Übereinstimmung mit den Propheten sie immer als das oberste und letzte Ziel des religiösen Lebens hingestellt „Gerechtigkeit und Mildtätigkeit wiegen alle religiösen Vorschriften auf.“ „Wer in seinem Handeln und Wandeln mit den Geschöpfen sich von Treue leiten lässt, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Thora erfüllt.“ — J. Elbogen: Die Religionsanschauungen der Pharisäer, 1904, S. 27/28.

9:   Tugend und Sittlichkeit galten [bei den Juden] nur als eine Seite der Frömmigkeit, die von Gottesverehrung nicht ablösbar war. Das Schrifttum des Judentums ist wie von religiösen, so von ethischen Gedanken durchdrungen.  Von ihnen erfüllt sind nicht bloß zahllose Moralschriften, Mahnbüchlein, Strafreden und Bußgedichte mit ihren strengen sittlichen Forderungen und der unerbittlichen Geißelung moralischer Schäden, sondern auch die Rechtsgutachten, die oft nur eine praktische Anwendung jener Sittenbücher enthalten, und die Predigten, die den Inhalt der Heiligen Schrift ethisch ausdeuten.    Den gleichen sittlichen Gehalt zeigt das praktische Leben des hart verfolgten und gering geschätzten, aber sittlich gesunden Volkes. — J. Freudenthal: Spinoza I, 1904, S. 29/30. 10: Allein das Judentum sollte nicht bloß einen neuen Gottesgedanken in die Welt bringen, es sollte auch alle menschlichen Verhältnisse verklären und veredeln.  Die Männer, die es aussprachen in der alten Zeit:  Der eigentliche Grund und Nerv der Lehre ist: Was dir missfällt,   das tu auch deinem Nächsten nicht,   das ist der Grund und die Wurzel der Lehre, das übrige ist die Erklärung: Geh hin und lerne sie, oder der Spruch: Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, das ist der große umfassende Grundsatz der Lehre, oder der andre: Dies ist das Buch der Zeugungen des Menschen, das ist noch ein größerer Grundsatz, Mensch sein und überall den Menschen erkennen und alle Nachkommen gleich und ebenbürtig, — die Hillel, Akiba und Ben Soma [Asai], die solches aussprachen, sie sind die Säulen und Träger des Judentums, und wir müssen ihr Wort wohl beherzigen. Das Judentum also, sage ich, ist nicht bloß in die Welt eingetreten, um einen neuen Gottesbegriff ihr zu schenken, sondern die menschlichen Verhältnisse, die Erkenntnis und Würdigung des Menschen zu verklären. — Abraham Geiger: Das Judentum u. s. Geschichte, 1865, I S. 41.

11: Wir stellen zunächst den kurzen Satz auf: Das Judentum hat zuerst mit einer wahrhaft idealen Konsequenz Religion und Sittlichkeit miteinander verbunden. — Max Joseph: Zur Sittenlehre d. Judentums, 1902, S. 4.

12: Sie alle [die Propheten] sagen es klar und deutlich: Willst du Gott wahrhaft verehren, so übe allererst Gerechtigkeit und Liebe! Willst du in den Augen Gottes Wohlgefallen finden, so führe allererst ein reines, sittlich geweihtes Leben! — Max Joseph: Zur Sittenlehre d. Judentums, 1902, S. 9.

13: Jedoch hat nur das Judentum das sittliche Wesen der Gottheit klar begriffen und in dem Ausdruck Heiligkeit den Begriff höchster sittlicher Vollkommenheit geschaffen, um in ihm das Ur- und Vorbild lauterster Sittlichkeit zur Anschauung zu bringen: „Seid heilig, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott!“ (Lev. 19, 2) das ist der Kern- und Gipfelpunkt der jüdischen Lehre. Heiligkeit ist der Inbegriff aller sittlichen Vollkommenheit, eine von jedem Hauch des Bösen unbefleckte Reinheit. — Kaufmann Kohler: Grundr. e. syst. Theol. d. Judentums, 1910, S. 76.

14: Die Frage, was die Bestimmung des Menschen sei, beantwortet das Judentum damit, dass es Gott, wie wir gesehen haben, als das Urbild höchster sittlicher Vollkommenheit erfassen lehrt und dem Menschen die Aufgabe stellt, „in Gottes Wegen zu wandeln und die höchste sittliche Vollkommenheit zu erstreben“. — Kaufmann Kohler: Grundr. e. syst. Theol. d. Judentums, 1910, S. 165.

15: Durch die ganze rabbinische Literatur zieht sich dann gleichmäßig der Gedanke, dass das göttliche Wesen selbst und deshalb die Erkenntnis seiner sittlichen Eigenschaften, verbunden mit dem Streben, dieselben im Endlichen nachzubilden, Norm und Grund des Sittlichen zugleich sei… — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899, I S. 87.

16: Aus alledem folgt als wesentliche Anschauung des Judentums: Die Sittlichkeit als Grund und Ziel ihrer selbst, sie ist des Menschen und aller  geistigen Wesen Beruf.    Nicht   irgendwelchem Zweck außer ihr selbst soll sie dienen, sondern sie ist sich selbst Zweck, und allen andern Zwecken, die der Mensch erstrebt, gibt sie den Wert und bestimmt sie das Maß. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899, I S. 118.

17: Charakteristisch für die Grundlehre des Judentums aber ist es, dass das Sittliche als das schlechthin Absolute, als das völlig Unbedingte erscheint; hier wie dort und dort wie hier ist es das Höchste mit ewiger Geltung. Im Gottesbegriff selbst bilden die ethischen Ideen den wesentlichen Gehalt; durch diese mehr als durch irgendeinen andern Inhalt ist der Mensch imstande, göttliches Wesen zu erlassen. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899, I S. 202. 18: Im Mittelpunkt der prophetischen Forderungen steht die Lehre, dass alle Frömmigkeit und Gottgefälligkeit mit der Menschenliebe anheben und in ihr sich wieder auswirken müsse. Religion und Moral, der Weg zu Gott und der Weg zum Menschen, fallen zusammen, gelten als eins. — Max Wiener: Die Religion d. Propheten, 1912, S. 11/12.

19: Es lässt sich keine Periode der israelitischen Religionsentwicklung ausfindig machen, in der nicht das Verhältnis Gottes zu seinem Volke als ein streng sittliches mit leuchtender Klarheit empfunden würde. — Max Wiener: Die Anschauungen d. Propheten v. d. Sittlichkeit, 1909, S. 35.

20: Der heilige Gott verlangt ein heiliges, reines Leben …. Es ist kaum möglich, einen klareren Ausdruck für die Unzertrennlichkeit wahrer Religion und wahrer Sittlichkeit zu prägen. — Max Wiener: Die Anschauungen d. Propheten, 1909, S. 47/48.

 

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