Tun und Glauben

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Grundlegende Sittlichkeitsanschauungen

Tun und Glauben

„Im Judentum ist die sittliche Forderung ein Grundsätzliches, ein Tragendes der Religion“, d. h. was als gut erkannt, was als göttliches Gebot gelehrt wird, soll in die Tat umgesetzt werden. Die Lehre des Judentums ist keine theoretische Erörterung ethischer Lehrsätze, sondern eine Religion der Tat; seine sittlichen Forderungen wollen im Leben erfüllt werden. „Gott erkennen, heißt nicht, sein Wesen verstehen, sondern den Weg des Rechten gehn, den Gott gewiesen hat.“ Der Glaube ist kein zentrales Problem der jüdischen Religion. Das hebräische Wort Emuna bedeutet „Vertrauen“, Luthers Bibelübersetzung hat „Glauben“ dafür gesetzt. Im biblischen und rabbinischen Schrifttum wird dieses Vertrauen auf Gott als religiös-sittliche Gesinnung vorausgesetzt, nicht aber wie ein Dogma als Produkt des Denkens oder des Wollens gefordert. Erst da, wo die Reflexion dazwischentrat, wie in der alexandrinischen und mittelalterlichen jüdischen Religionsphilosophie, wurde der Begriff des Glaubens an Gott zu einer aus Erkenntnis geschöpften Überzeugung entwickelt; die vielfach aufgestellten Hauptsätze des Judentums (Ikkarim) sind nicht als Glaubensartikel, sondern als Grundwarheiten gedacht. Aber im Judentum wurde nicht blinder Glaube gefordert und die Freiheit des Denkens unterdrückt, wurde niemals die Meinung vertreten, dass sich die Frömmigkeit lediglich auf den Glauben gründete, und eine Erlösung der Seele ohne sittliche Tat für möglich erklärt. Die einseitige Bewertung des Glaubens durch Paulus mit ihrer Gefahr für das religiöse Leben, die selbst in den urchristlichen Kreisen auf Widerspruch stieß (vgl. z. B. Jakobusbrief 2, 14—18), hat im Judentum nie Eingang gefunden. Es hat vorübergehend Strömungen gegeben, die den Höhepunkt des religiösen Erlebnisses in die Spekulation und in das mystische Schauen verlegten, aber keine von ihnen hat die Dringlichkeit der sittlichen Tat bestritten. Im gesamten nachbiblischen Schrifttum herrscht nur eine Meinung darüber, dass die Religion sich bewähren muss in der sittlichen Tat.

Ismar Elbogen

Tun und Glauben

Bibel

1:   Ihr sollt wahren meine Satzungen und meine Rechte, die der Mensch üben soll, dass er durch sie lebe — ich bin der Ewige. — 3. B. Mos. 18, 5.

2:   Mose berief ganz Israel und sprach zu ihnen: Höre Israel die Satzungen und Rechte, die ich heute vor euren Ohren verkünde, und ihr sollt sie lernen und wahren, sie zu üben. — 5. B. Mos. 5, 1.

3:   So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: Bessert euren Wandel und euer Tun, so will ich euch an diesem Orte wohnen lassen. Verlasset euch nicht auf die trügerischen Reden: Der Tempel des Ewigen, der Tempel des Ewigen, der Tempel des Ewigen ist hier! Nur, wenn ihr euren Wandel und euer Tun bessert, wenn ihr Recht schafft zwischen einem und dem andern, Fremdling, Waise und Witwe nicht bedrückt, unschuldiges Blut nicht vergießt an diesem Ort und andern Göttern nicht nachwandelt euch zum Unheil, werde ich euch wohnen lassen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, von Ewigkeit zu Ewigkeit. — Jeremia 7, 3—7.

4:   Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebet, dass der Ewige, der Gott der Heerscharen, mit euch sei, wie ihr es sagt. Hasset das Böse und liebet das Gute und stellet das Recht fest am Tore. — Amos 5, 14—15.

5:   Kommt, Kinder, hört mir zu, Gottesfurcht will ich euch lehren. Wer ist der Mann, der Leben begehrt, der Tage wünscht, Gutes zu schauen? Wahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor Trug. Weiche vom Bösen und tu Gutes. Suche Frieden und jage ihm nach. — Psalm 34, 12—15.

6:   Halte dich fern vom Bösen und tu Gutes, so wirst du stets Ruhe finden. — Psalm 37, 27.

 

Juedisch-hellenistische Literatur

dass übrigens eine Gesetzgebung sich in so hervorragender Weise von den andern unterschied und zum Gemeingut wurde, erklärt sich daraus, dass sie die Frömmigkeit nicht zu einem Bestandteil der Tugend machte, sondern die übrigen guten Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Standhaftigkeit, Besonnenheit, vollkommene Eintracht der Bürger untereinander als Äußerungen der Frömmigkeit erkannte und sie demgemäß erläuterte. Denn alle Handlungen, Beschäftigungen und Reden haben bei uns Beziehung zur Frömmigkeit gegen Gott. — Josephus gegen Apion, II, 16.

 

Talmudisches Schrifttum

1:   Nicht die Forschung ist die Hauptsache, sondern die Betätigung. — Sprüche d. Väter I, 17.

2:   Wessen Tun mehr ist als sein Wissen, dessen Wissen hat Bestand; wessen Wissen aber mehr ist als sein Tun, dessen Wissen hat keinen Bestand. — Sprüche d. Väter III, 12.

3:   Wessen Wissen mehr ist als sein Tun, wem gleicht der? Einem Baum mit vielen Zweigen und wenigen Wurzeln, — es kommt der Wind und reißt ihn aus und wirft ihn um, wie es heißt [Jer. 17, 6]: Und er gleicht einem kahlen Strauch in der Steppe und sieht nicht, dass Gutes kommt, er wohnt in dürrer Gegend, in der Wüste, in salzigem, unbewohntem Lande. Wessen Tun aber mehr ist als sein Wissen, wem gleicht der? Einem Baum mit wenigen Zweigen und vielen Wurzeln, dass selbst alle Stürme der Welt ihn anstürmen und doch nicht von der Stelle rücken können, wie es heißt [das. 17, 8]: Er gleicht einem Baume, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach streckt; er spürt nicht, dass die Glut kommt, sein Laub bleibt frisch, im Jahre der Dürre bangt er nicht und hört nicht auf, Früchte zu tragen. — Sprüche d. Väter III, 17.

4:   Mehr als du lernst — handle. — Sprüche d. Väter VI, 5.

5:   Wer nur Thora studiert, der hat gleichsam keinen Gott. — Aboda sara 17 b.

6:   „Wenn ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Gebote beobachtet und sie ausübt . . .“ [3 M. 26, 3]. Dazu lehrte Rabbi Chija: Wer die Thora lernt, soll sie lernen, um ihre Gebote auszuüben, wer aber die Thora lernt und ihre Gebote nicht ausübt, der wäre besser nie geboren. — Wajjikra rabba c. 35.

7:   Der Anfang aller Weisheit ist die Furcht des Ewigen; gute Einsicht wird allen, die sie üben,“ [Ps. 111, 10] denen, die sie üben, nicht aber denen, die sie nur lernen. — Jalkut zu Ps. 111, 10.

8:   „Wer ist der Mann, der Leben begehrt, der Tage wünscht, Gutes zu schauen? Wahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor Trug. Weiche vom Bösen und tu Gutes“. Wolltest du glauben ich möchte es im Schlafen erreichen, so heißt es: „Tu Gutes“. — Jalkut zu Ps. 34, 13—15, § 720.

9:   Wer die Worte der Thora lernt und sie nicht befolgt, dessen Strafe ist schwerer, als wenn er sie gar nicht gelernt hätte. — Debarim rabba c. 7.

10:   Wer die Lehre kennt und sie nicht übt, der wäre besser nicht geboren. — Schemot rabba c. 40.

 

Mittelalter

1:   Es leuchtet ein, dass Gottes Wohlwollen durch dieses Verfahren [nämlich Gebote und Verbote] wertvoller für die Menschen ist, als wenn er alle Mühe ihnen aus dem Wege geräumt hätte. Zur Klärung der Frage sei bemerkt, dass es besser ist, dass Gott die Erlangung des dauernd Guten darauf gegründet hat, dass er die Mühe der Gebote von den Menschen forderte; das lehrt auch die Vernunft, dass das Gute, das der erlangt, der sich eifrig darum bemüht, doppelt so wertvoll ist, wie dasjenige Gute, zu dem einer aus bloßer Gnade ohne die geringste eigene Tätigkeit kommt. — Saadja, Emunot we-deot (Offenbarungs- und Vernunftlehren) III, 1.

2:   Wie kann der Mensch eine solche Sinnesart erlangen und in sich befestigen? Er soll stets danach handeln, und zwar einmal, zweimal und dreimal und sich ständig darin üben, bis es ihm leicht wird, danach zu handeln. Dann wird dies in ihm zu einer festen Gesinnung. Das ist der Weg Gottes. Diesen Weg hat er unsern Ahn Abraham und seine Nachfolger gelehrt, und wer auf diesem Weg wandelt, trägt Segen heim. — Maimonides: Mischne tora hilchot deot (Religionskodex, Ethik) I, 7.

3:   Beschäftige dich, so oft du kannst, mit der göttlichen Lehre, und zwar um sie auszuüben; schließt du das Buch, so sieh, ob in dem Gelernten sich etwas findet, was du ausüben kannst. Jeden Abend und jeden Morgen untersuche deine Handlungen, so wird dein ganzes Leben eine Erhebung zu Gott sein. — R. Moses aus Evreux: Im Kol Bo (Kompendium) Nr. 66.

4:   Der richtige Glaube führt zum wahren ewigen Glück des Menschen. Das ist der Glaube an Gott und an seine Lehre …. Indessen müssen wir uns vor Augen halten, dass nicht der Glaube an sich unter allen Umständen die wahre Glückseligkeit herbeiführt. Wenn der Mensch an Unmögliches glaubt, so führt dies nicht auf den Weg des Sittlichen. Daran kann kein Mensch zweifeln. Nur der Glaube, der die sittliche Bedeutung des Menschen hebt, ist der wahre Glaube, d. h. nur der Glaube an sittliche Wahrheiten. Deshalb soll der Mensch nicht schlechtweg alles glauben, sondern genau prüfen und untersuchen, was der Inhalt dieses Glaubens ist, und woher das, was er glaubt, stammt, und was nicht glaubwürdig ist, soll er aufgeben. — Joseph Albo: Ikkarim (Grundlehren) I, 21.

 

Neueres juedisches Schrifttum

1:   Ob nun gleich dieses göttliche Buch, das wir durch Moses empfangen haben, eigentlich ein Gesetzbuch sein und Verordnungen, Lebensregeln und Vorschriften enthalten soll, so schließt es gleichwohl, wie bekannt, einen unergründlichen Schatz von Vernunftwahrheiten und Religionslehren mit ein, die mit den Gesetzen so innigst verbunden sind, dass sie nur eins ausmachen. . . . Allein alle diese vortrefflichen Lehrsätze werden dem Erkenntnisse dargestellt, der Betrachtung vorgelegt, ohne dem Glauben aufgedrungen zu werden. Unter allen Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes lautet kein einziges: Du sollst glauben, oder nicht glauben, sondern alle heißen: Du sollst tun, oder nicht tun! Dem Glauben wird nicht befohlen; denn der nimmt keine andern Befehle an, als die den Weg der Überzeugung zu ihm kommen. Alle Befehle des göttlichen Gesetzes sind an den Willen, an die Tatkraft der Menschen gerichtet. — Moses Mendelssohn: Jerusalem, 1783, S. 174/175.

2:   Die große Maxime dieser Verfassung scheint gewesen zu sein: Die Menschen müssen zu Handlungen getrieben und zum Nachdenken nur veranlasst werden. Daher jede dieser vorgeschriebenen Handlungen, jeder Gebrauch, jede Zeremonie ihre Bedeutung, ihren gediegenen Sinn hatte, mit der spekulativen Erkenntnis der Religion und der Sittenlehre in genauer Verbindung stand und dem Wahrheitsforscher eine Veranlassung war, über jene geheiligten Dinge selbst nachzudenken oder von weisen Männern Unterricht einzuholen. — Moses Mendelssohn: Jerusalem, 1783, S. 191.

3:   Es gibt also ein äußeres Maß für die Menschentat, — es ist Übereinstimmung mit Gottes Willen; und es gibt ein inneres für des Menschen Größe, — es ist nicht der Umfang der verliehenen Mittel, es ist nicht der Umfang des Gewirkten, sondern es ist die Erfüllung göttlichen Willens nach Verhältnis des Verliehenen. — Also, mit bester Gesinnung ein verfehltes Leben, wenn die Tat nicht die rechte ist; also mit kleinstem Wirken ein großes Leben, wenn die Mittel zu mehr nicht ausreichten. Also auch Glückseligkeit und Vollkommenheit nur größte Fülle von äußeren und inneren Gütern, deren volle Verwendung nach Gottes Willen erst des Menschen Größe macht. — S. R. Hirsch: 19 Briefe, 1836, IV, S. 19/20.

4:   Aber ein von der Welt zurückgezogenes, bloß beschauendes und betendes Leben ist nicht Judentum; Thauroh und Awaudoh sind nur Weg zum Wirken! Talmud gadol sche-mebi lijde maasse ist Ausspruch unserer Weisen; und Blüte und Frucht aller unserer T’fillauß sind B’rochauß, Entschlüsse zu einem gottdurchdrungenen tätigen Leben; dies allein also überall Ziel. — S. R. Hirsch: 19 Briefe, 1836, IV, S. 73.

5:   In dem ganzen Bereiche des göttlichen Gesetzes ist uns nicht eine einzige Wahrheit offenbart, die nur theoretisches Interesse hätte, keine einzige, die nur unser Wissen bereicherte, ohne auf unser sittliches Verhalten Einfluss zu üben geeignet zu sein. — S. R. Hirsch: Ges. Schr., III, 1906, S. 372.

6:   Im Judentum nehmen die Gebote, die Forderungen religiösen, sittlichen Handelns, einen so bedeutungsvollen Platz ein, dass die Glaubenssätze notwendig zurückstehn. Vor das Wissen von Gott treten die Pflichten gegen Gott. „Die Grundprinzipien der Thora“, wie sie z. B. der Talmud aufstellt, betreffen fast nur das fromme Handeln. Nur dieses ist religiös festgestellt und hat gewissermaßen seine fertigen Antworten. — Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 3.

7:   Weise ist, wer in den Wegen Gottes wandelt, wer das Gute tut; so wiederholt es im Judentum die Überzeugung aller Jahrhunderte. Religion und Leben werden damit aufs innigste verbunden, die Religion, welche bewiesen werden soll durch das Leben, das Leben, welches geweiht werden soll durch die Religion. Diese wird zur Erde herabgeführt, jenes zu göttlichem Inhalt erhöht. Dem Zwiespalt zwischen Glauben und Tun ist damit der Boden genommen: keine Frömmigkeit gibt es als die, welche durch die Lebensführung bewährt wird; keine Lebensführung kann gelten als die, in welcher sich die Religion verwirklicht. — Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 22.

8:   Das Judentum ist eine Religion, die ihre Bewährung im Leben sucht und in der sicheren Klarheit des Lebens auch ihre letzte und höchste Vollendung findet. — Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 28.

9:   Die Religion ist nicht etwa ein Ideal, das lediglich ersehnt, sondern ein Ideal, das tagtäglich und unmittelbar betätigt werden muss. In dem so genannten „Mosaismus“ ist das religiös-sittliche System mit dem staatlich-sozialen auf das innigste verwachsen. Die Grunddogmen des Glaubens werden als leitende Prinzipien für das praktische Leben  aufgestellt……Die mosaische  Lehre  ist „eine Propaganda der Tat“: sie verlangt überall eine aktive, nicht bloß eine passive Moral. — Simon Dubnow: Jüd. Gesch., 1898, S. 25/26.

10: Die ausübende Religion oder das praktische Judentum soll sich vor allem im Sittlichhandeln betätigen, aber es erstreckt sich auf alle Lebensäußerungen. Nichts ist so geringfügig, dass es nicht durch den Stempel der Religion veredelt, dass daraus nicht eine Beziehung auf Gott gewonnen werden könnte. Das ist die Grundanschauung, welche das praktische Judentum und die demselben gewidmeten Teile des Talmud durchzieht. — M. Güdemann: Das Judentum in s. Grundzügen, 1902, S. 81.

11: Vor allem liegt den Talmudisten das Studium, das Sehnen und Ringen und Streiten um die Feststellung der Halacha am Herzen und wird aufs höchste gepriesen. Nur dass eine bloße Theorie, eine hohle und leere Theorie, eine, die nicht Theorie für die Praxis sein will, von den Rabbinen ebenfalls verworfen wird. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums,   I. 1899, S. 422.

12: Das bloße Fernbleiben vom Bösen genügt nicht, sondern positive sittliche Tat wird gefordert. Freie Initiative aus sittlichem Grunde und Antrieb. S. Aboda sara 19 b: Sollte vielleicht ein Mensch sagen: Weil ich meine Zunge bewahrt habe und meine Lippen, dass sie nicht Trug reden, so will ich hingehn und mich dem Schlafe hingeben, so heißt es: „Weiche vom Bösen und tu Gutes“ (Ps. 34, 15). Positive Energie und Initiative wird gefordert.  Eingreifen zum Guten, als Zeuge sich melden, zum Retter sich aufwerfen. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, II, 1911, S. 53—54. 13: Der Begriff der Maaßim tobim „der guten Taten“ spielt überhaupt die größte Rolle in der jüdischen Ethik und ist niemals wie im Christentum durch den Begriff des „Glaubens“ in den Hintergrund gedrängt worden. — Felix Perles: Boussets „Religion d. Judentums“, 1903, S. 65.

14: Von den Propheten angefangen bis zu den Sittenlehren des Mittelalters (vgl. über dieselben Zunz: Zur Geschichte und Literatur 122—157 [Ges. Sehr. I, 60—85]) weht ein heroischer Geist durch die sittlichen Lehren nicht nur, sondern, was noch viel mehr bedeutet und am entscheidendsten ist, durch das sittliche Leben. Derselbe Ernst, dieselbe Unerbittlichkeit, mit der die sittliche Forderung ausgesprochen wurde, zeigt sich auch in der Betätigung. Was die Führer des Volkes lehrten, das lebten sie auch dem Volke vor, das blieb nicht bloß gesprochenes und geschriebenes Wort, sondern ging dem ganzen Volke ins Bewusstsein über, das wurde auch unter den schwersten äußeren Verhältnissen gehalten. Es ist gerade das Charakteristische an der jüdischen Pflichterfüllung, dass man niemals die Pflicht lau nahm, sie nur halb oder nur zum Scheine erfüllte, sondern unweigerlich alle Konsequenzen zog und vor keinem Opfer zurückschreckte, um alle Forderungen der Religion auch wirklich in vollem Umfang und unter allen Umständen zu halten (vgl. darüber z. B. Steinthal, Jahrb. f. jüd. Gesch. u. Lit. 1901, 59. 61.) — Felix Perles: Boussets „Religion d. Judentums“, 1903, S. 66/67.

15: Das allein ist der Sinn dieses im Judentum bis auf den heutigen Tag sehr ernst genommenen Begriffes Kiddusch ha-schem [Heiligung des göttlichen Namens] und seines Korrelats des Chillul ha-schem [Entweihung des göttlichen Namens). Jede edle Handlung ist ein Sieg des Gottesgedankens und somit eine Heiligung Gottes vor allen Menschen, während jede schlechte Handlungsweise eine Niederlage des Gottesgedankens, eine Entweihung Gottes vor allen Menschen bedeutet. — Felix Perles: Boussets „Religion d. Judentums“, 1903, S. 69/70.

16: Der Wunsch, die Ideen zu verwirklichen, darf uns nie abhanden kommen und muss uns immer beseelen; denn er bildet den notwendigen Durchgangspunkt der Idee zum Willen. Immer müssen wir z. B. wünschen, Wohlwollen und Liebe zu üben, damit, so oft die Gelegenheit dazu geboten ist, wir auch willens und bereit sind, jene zu betätigen. Dann, wenn wir den Hilfsbedürftigen erblicken, dann muss der allgemeine Wunsch zu helfen auch zur bestimmten Tat führen. — H. Steinthal: Zu Bibel u. Religionsphil., II, 1895, S. 204.

 
 

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