Pflichten des Familienkreises

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die silbernen trompetenDie Familie ist die engste Gemeinschaft, die über den Einzelmenschen hinausführt. Familienbande gelten allen Völkern als heilig, besitzen überall unbestrittene Kraft; bei den primitiven und den antiken Völkern bildet der Kultus einen Teil des Familienlebens. In Israel hat die sitt­liche Anschauung, welche das gesamte religiöse Leben durchdrang, auch die sittliche Auffassung von der Familie bestimmt. Hier wird die Fa­milie zum Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung. Ihr Zweck ist nicht nur die natürliche Vermehrung, die leibliche Fortpflanzung, sondern der sittliche Zusammenhang zwischen den Geschlechtern, die Weitergabe des Glaubens und der Überlieferung der Väter an die Kinder und Nach­kommen. Abraham ist von Gott erkoren, damit er seinen Kindern ge­biete und seinem Hause nach ihm, daß sie den Weg des Ewigen wahren: zu üben Gerechtigkeit und Recht (1 Mos. 18 19). Im fünften Gebot wird die Verehrung von Vater und Mutter als Voraussetzung für Israels Fortbestand im Lande der Verheißung hingestellt (2 Mos. 2012 u. 5 Mos. 5 16). Auf demselben Grundgedanken der sittlichen Zusammengehörig­keit der Generationen beruht auch der Glaube des rabbinischen Juden­tums vom „Verdienst der Väter“ (sechut abot), das den Kindern und Nachkommen beisteht. Zu der natürlichen Verknüpfung tritt die Ge­meinschaft des sittlichen Lebens.

Sowohl der Bund zwischen Mann und Frau als auch das Verhältnis der Eltern zu den Kindern ist durch den Gedanken an Gott geheiligt. Wie das erste Menschenpaar von Gott vereinigt wird, damit die Frau dem Manne sei „eine Hilfe an seiner Seite“ (1 Mos. 2 18), so wird die Geburt des ersten Kindes in der Bibel mit dem Gebet begrüßt „ich habe ein Wesen erworben mit Gott“ (1 Mos. 41). Von den Propheten wird der Bund Gottes mit Israel unter dem Bilde der ehelichen Liebe und dem der Kindschaft dargestellt — auf der Stufe solcher Heiligkeit und Erhabenheit stand für sie das Familienleben. Diese Auffassung von der Heiligkeit, diese Innigkeit des Familienlebens hat sich im Judentum durch alle Zeiten erhalten. Noch heute gilt als Ideal das vom Psalmisten gezeichnete Idyll: „dein Weib wie ein fruchttragender Weinstock im Innern deines Hauses, deine Kinder wie Schößlinge des Ölbaums rings um deinen Tisch. Sieh, so wird gesegnet der Mann, der den Ewigen fürchtet“ (Psalm 128 1-4).

Das Kind ist ein Gottesgeschenk für die Eltern, das sie voll zu wür­digen, durch die Erziehung zu vervollkommnen haben. Es ist Pflicht der Eltern, für die geistige ebenso wie für die körperliche Entwicklung ihrer Kinder Sorge zu tragen, sich nicht nur ihre Vorbereitung für einen Beruf, sondern auch die Ausbildung in Religion und Sitte angelegen sein zu lassen. Die Erziehung und der Unterricht ist ureigene, persön­liche Sache der Eltern, sie wird nicht wie bei den Völkern des klassischen Altertums Sklaven übertragen, sondern ist Aufgabe der Eltern selbst. „Schärfe sie deinen Kindern ein,“ lautet die Mahnung an die Eltern zur religiösen Unterweisung ihrer Nachkommenschaft; „wenn dein Kind dich fragen wird“ ist eine ebenso häufige Wendung in der Thora wie das „höre, mein Kind“ in den Sprüchen Salomos. Die sittliche Ver­antwortung für das Wohl der Kinder ist für die Autorität der Eltern maßgebend, sie ist keine unbegrenzte wie die patria potestas der Römer, sondern findet ihre Schranken an den Geboten der Religion und Sitt­lichkeit. Von den Kindern wird Gehorsam und Dankbarkeit gegen die Eltern gefordert, aber wiederum nur bis zur Grenze des sittlich Er­laubten. Mangel an Ehrerbietung oder gar Roheit gegen die Eltern gehört zu den todeswürdigen Verbrechen. Wo die Bibel in das Zu­sammenleben von Eltern und Kindern einen Einblick gewährt, entspricht im allgemeinen ihr Verhältnis den theoretischen Grundsätzen; Aus­nahmen kommen vor und finden entsprechende Verurteilung. Das Ideal, das von der messianischen Zeit erwartet wird, ist, daß das Herz der Eltern dem der Kinder und das Herz der Kinder dem der Eltern wieder zugewendet wird (Maleachi 3 24).

Ungeachtet des engen Zusammenhangs zwischen Eltern und Kindern ist das Ziel, daß „der Mann Vater und Mutter verlasse, daß er seinem Weibe anhange, und daß sie zu einem Wesen werden“ (1 Mos. 2 24). Die Ehe wird hier auf den ersten Blättern der Bibel als eine persönliche Gemeinschaft der Liebe und des Vertrauens gelehrt, und das ist die Auf­fassung des Judentums geblieben. Gattentreue verherrlichen die Pro­pheten in den leuchtendsten Farben, ebenso nennt die Mischna die Ver­lobung „Heiligung“ (Kidduschin) und die Frau „Haus“. Der Midrasch lehrt, daß erst Mann und Frau zusammen den Namen „Mensch“ ver­dienen; erst in der ehelichen Gemeinschaft, in der gemeinsamen Ver­antwortung für das künftige Geschlecht hat der Mensch sich zu be­währen. Die Frau wird von der Bibel dem Manne gleichgestellt in den Vorschriften über Sabbat- und Festfeier, in allen Bestimmungen über das Verhalten der Kinder gegenüber den Eltern. In den Sprüchen Salomos tritt sie als Muster geziemenden Verhaltens oder als Lehrerin auf; im jüngeren Schrifttum ist ihre Anerkennung fortgeschritten, im Talmud finden wir sie als Beraterin, als Erzieherin, als Teilnehmerin am höchsten Streben des Mannes, am Thoralernen. Auf das Vorbild der Frauen wird der größte Wert gelegt, es wirkt nachhaltig auf die Familie. Mögen die Rechtsbestimmungen über die Frau nicht in allen Stücken den heutigen Anschauungen entsprechen, ihre wirkliche Stellung war eine würdige, ihr Ansehen überragte das ihrer vollberechtigten Schwe­stern in vielen Kulturländern. Die jüdische Frau war niemals wie die griechische und römische völlig rechtlos, vom Manne wie eine Sklavin abhängig — sie konnte in biblischer Zeit zur Würde der Richterin oder Prophetin gelangen, in späteren Jahrhunderten hat sie als „Biederweib“ in der Familie wie in der Gemeinde Glanz und Einfluß besessen digitaldruck innsbruck.

Über alle diese Fragen gibt es kaum eine Meinungsverschiedenheit; es herrscht Übereinstimmung darüber, „daß es die israelitische Religion gewesen ist, welche die Familie geschaffen hat“ (Fritz Wilke: Das Frauenideal im Alten Testament S. 31).

„Man spricht nur wenig von der Tugend, die man hat“, das Quellen­material über das in diesem Artikel behandelte Gebiet ist infolgedessen spärlich und früh abgeschlossen. Spätere wiederholen, was Frühere be­reits gesagt haben, und wissen wenig hinzuzufügen; allenfalls werden die Fragen kasuistisch behandelt und Einzelfälle besprochen, die in den Rahmen dieses Quellenmaterials nicht hineinpassen. Aber mehr als Bücher, und seien sie noch so gelehrt und angesehen, beweisen Tat­sachen. Der wirksamste Beleg ist die Geschichte des jüdischen Familien­lebens; sie nötigt selbst den Gegnern des Judentums Achtung ab. Wider ihren Willen müssen sie in das Lob des heidnischen Sehers Bileam ein­stimmen: „Wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel.“ zillertal hotel

Ismar Elbogen.

 

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