Wahrhaftigkeit

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PreistersegenDas Gebot des Unbedingten ist im Judentum geschaffen worden. Das Gute ist die Aufgabe des Menschen, zu welcher er durch seinen Gott, der ihn geschaffen hat und der ihm gebietet, verpflichtet ist; bei allem „du sollst“, das an ihn ergeht, spricht das Wort: „Ich bin der Ewige, dein Gott“. Das Leben des Menschen hat so sein Entweder-Oder, sein absolutes Gebot; er soll den Weg gehen, der der Weg Gottes ist. Die Entschließung des Menschen, seine Wahl wird verlangt; durch die Bibel wie durch das religiöse Schrifttum, das ihr folgt, zieht sich die Forde­rung hindurch: Beginne, entscheide dich! In diesem einen besonders erweist sich das Judentum als das Unantike in der Antike, in diesem un­bedingten Ernstnehmen, das ihm eigen ist, in dieser Abweisung alles Opportunismus, in dieser Ablehnung aller religiösen Gleichgültigkeit und aller sittlichen Neutralität, in diesem Bewußtsein, daß Gott gebietet, in diesem Kategorischen, wie es aus dem Worte spricht: Mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft! Hier ist die Wurzel der Wahrhaftigkeit, wie sie das Judentum fordert.

Aus dem Glauben an den einen Gott ist dieses Unbedingte, dieses Kategorische des Gebotes und der Verantwortung erwachsen. Es gibt auch einen Monotheismus und einen Polytheismus der Moral. Dem einen Gott entspricht das eine Gebot, das eine Sittliche: „Ganz sollst du sein mit dem Ewigen, deinem Gott.“ Wie keine andern Götter neben ihm sind, so kann neben seinem Gebot kein andres gelten, kann es keine doppelte Moral, keine doppelte Wahrheit geben. An dem Glauben an den einen Gott haben die Menschen gelernt, was Aufrichtigkeit der Seele ist — und Aufrichtigkeit bedeutet Ganzheit, Ganzheit des Willens, des Fühlens und des Denkens. An ihm haben sie gelernt, was religiöse Wahrhaftigkeit, was Überzeugung ist, religiöse, sittliche Überzeugung und nicht geistige bloß, — persönliche Überzeugung von dem Wahren, die den ganzen Menschen erfaßt, so daß er in ihr lebt und um ihret­willen zu sterben bereit ist. Die Einheit Gottes fordert die unbedingte Wahrhaftigkeit, die Entscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Lauterkeit und Verkehrtheit. „Lehre mich, Ewiger, deinen Weg, ich will wandeln in deiner Wahrheit, laß mein Herz eins sein, daß ich deinen Namen fürchte!“

Wahrheit ist so die Aufgabe, die dem Menschen gestellt ist, die Auf­gabe der Wahrhaftigkeit. Gott ist der Gott der Wahrheit, und der Mensch soll der Mensch der Wahrhaftigkeit sein; er soll in Lauterkeit des Herzens den geraden Weg gehn. Wahrheit ist ein Gebot, aber kein Geschenk, eine sittliche Verpflichtung, aber kein Glaubensstück, Sache des Gewissens, aber nicht Angelegenheit des Bekenntnisses. Sie be­sitzt im Judentum den sittlichen Sinn und nicht den dogmatischen Charakter, der ihr anderwärts gegeben worden ist. Sie ist in ihrem Wesentlichen etwas, was der Mensch üben, was er bewähren und er­füllen soll. So steht es als das Ideal des Menschen nebeneinander: „Er wandelt in Geradheit und übt Recht und redet Wahrheit in seinem Herzen.“ So rühmt es auch der Prophet: „In meinen Satzungen wandelt er und meine Rechte bewahrt er, Wahrheit zu üben“ (Ez. 18 9). Die Tat steht, wie immer im Judentum, voran. Und es erweist sich so im Leben der Seele. Die gerade Tat erzeugt den geraden Gedanken, der rechte Weg führt zur Einsicht in das Rechte, das Werk der Wahrheit bringt zur Wahrhaftigkeit, ganz wie der krumme Wandel das krumme Denken im Gefolge hat. Unser Handeln bestimmt unser Urteil, wir glauben an das, was wir tun.

Da so in der Wahrheit dem Menschen eine sittliche Aufgabe gestellt ist, so ist sie etwas, was er dem Mitmenschen erweisen, worin er mit ihm leben soll; denn alle sittliche Leistung wird zur Leistung am Nächsten. Schon das Wort der Bibel, das sie benennt, das Wort Emet, sagt dies; denn es bezeichnet nicht nur die Wahrheit, sondern die Treue auch; es wird gleichbedeutend mit Gerechtigkeit und Redlichkeit. Und die Wahrheit wird so zu dem, was dem Mitmenschen geschuldet ist. Wie es bei aller Tat, die am Mitmenschen geübt werden soll, bei aller Zedaka, im Judentum der Grundsatz ist, daß er auf sie den Anspruch hat, so daß wir ihm etwas „vorenthalten“, wenn wir sie ihm nicht ge­währen, so auch bei der Wahrheit. Sie steht dem Mitmenschen zu, his in ihre geheimsten Gründe, bis zu den verborgensten Gedanken hin, und es ist darum — der Talmud hat dieses Wort gewagt — ein Dieb­stahl, den wir gegen ihn begehen, wenn wir die Wahrheit ihm gegen­über verletzen; wir „stehlen Gedanken“, wenn wir gegen ihn unwahr­haftig sind beschriftungen innsbruck.

Diese Strenge der Auffassung ergibt sich im Judentum auch schon daraus, daß die Wahrheit das Gebot Gottes ist, Gottes, der das Geheimste schaut, der „Herz und Nieren prüft“. Das Wort des Talmud, daß „Gott das Herz verlangt“, gilt auch hier. Schon der Psalmist hatte es so be­kannt: „Siehe, Wahrheit im Innern begehrst du.“ In der Wahrheit ist die Gesinnung gefordert, sie bedeutet die Lauterkeit und Echtheit, die Geradheit und Ehrlichkeit der Seele. Sie ist die unbedingte Überein­stimmung des Wortes mit dem Gedanken und der Empfindung, die Wahrheit, die einer „im Herzen redet“.

So hat es sich im Judentum durchgesetzt. Wohl wird aus den Kind­heitstagen Israels von List und Täuschung berichtet, von aller der, an welcher eine Kindheitsphantasie ein Ergötzen hat. In den Erzählungen menschlicher Vergangenheit steht z. B. die Geschichte von Jakob, dem Listigen, neben dem, was das hellenische Volk von seinem Odysseus, dem Listenreichen, gesungen hat. Aber gerade hier zeigt sich das Charakte­ristische der israelitischen Auffassung. Denn das Eigentümliche an Jakobs Leben ist nicht die List, die zu täuschen vermochte, sie gehört in die Geschichte seiner Irrungen und Wandlungen. Was ihm in der biblischen Erzählung seine Bedeutung gibt, ist der sittliche Kampf, in dem er mit sich gerungen und sich überwunden hat, ist der Weg, den er dadurch gefunden hat, so daß er nicht mehr Jakob heißen soll, sondern Israel. Die Wahrhaftigkeit behält Recht, sie ist die Antwort.

Ihren idealen Ausdruck hat sie dann schließlich in der Forderung des Martyriums gefunden. Es ist nicht genug, daß alles, was wir sprechen, wahr sei, wir sollen die Wahrheit auch bezeugen, wir sollen bereit sein, sie dadurch zu beweisen, daß wir unser Leben hingeben, daß wir unser Dasein opfern, um sie zu behaupten, sie zu verwirklichen. Unsre Wahrhaftigkeit wird so zur Tat, unsere Gesinnung zur sittlichen Leistung, die alles einsetzt. Hier tritt wieder jenes Kategorische, Un­bedingte hervor, jenes Gebot der Entscheidung, das dem Judentum sein Eignes ist. Im Martyrium vollendet sich die Wahrhaftigkeit, die Ganz­heit, die der Mensch in ihr bewährt. Das Martyrium ist darum die letzte Erfüllung des Wortes: Gott zu lieben mit ganzer Seele tirol foto.

Leo Baeck

 

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