Gelüst. (תאוה) Kapitel 13

Posted 2 mos ago

Du sollst dir nicht gelüsten
das Haus deines Nächsten,
sein Feld,
seinen Knecht und seine Magd,
seinen Stier und seinen Esel,
und alles, was deinem Nächsten geworden (V, 5, 18.)

§. 98. (תאוה) Thaawoh ist das Sehnen sich zum Mittelpunkt eines immer‏ ‎größeren Kreises von Gütern zu machen, oder eine immer größere Summe von‏ Gütern in den Kreis seiner Persönlichkeit zu ziehen, sei es nun unmittelbar Genuß, oder Genuß vermittelndes Gut. — Diese Richtung zur Selbstvergrößerung hat Gott jedem Wesen eingepflanzt und auch dem Menschen mitgegeben, bei dem die Zahl der zu ersehnenden Güter noch durch die Rubrik geistiger Genüsse und geistiger Güter vermehrt ist.

§. 99. Notwendig ist diese Richtung; denn auf sie hat Gott den Haushalt seiner Schöpfung gegründet, indem jedes Wesen, während es für sich selber strebt, unbewußt damit im Dienste göttlicher Weltordnung steht, und, vermeintlich nur sich dienend, der Welt dient. — Auch im Menschen notwendig; denn wenn er — so lange er seines Berufes, frei einzutreten in den Kreis der Gottesdiener, sich nicht bewußt ist, oder das Bewußtsein dieses Berufes nicht so stark ist, ihn zur thätigen Wirksamkeit zu treiben — diese Richtung nicht hätte: er bliebe ganz wirkungslos und wäre das unnützeste Geschöpf. So aber hat Gottes Weisheit also es geordnet, daß selbst der niedrige Mensch, und der gerade am stärksten, diese Richtung hat, und so, freilich nicht Gott, nicht Gottes Welt, sondern Sich zum Zwecke seines Strebens setzend, in diesem Streben doch wenigstens thätig ist, und mit dieser Thätigkeit, freilich unbewußt und von ihm unbeabsichtigt, Werkzeug ist in Gottes Händen zur Vollendung der Geschöpf- und Menschen-Welt Freilich steht er dann mit diesem Streben und Wirken nur Pflanze und Tier gleich, und unter ihnen, da zu höherer Wirkungsweise er berufen. —

§. 100. Aber nicht Pflanze, nicht Tier, Mensch sollst du sein, Sohn und Tochter Jissroels, und in diesem Menschenberufe mit allem, was du bist, mit allem, was dir ist und wird, und mit Genuß und That, nicht dir, sondern Gott zu dienen dich berufen fühlend, frei dich mit deinem ganzen Wesen Gott weihen. Bist du darum wahrer Jissroel so wirst du Tha-awoh nicht kennen; wirst keinen Genuß, keinen Besitz für dich, wirst in allem nur Mittel zur Gottgesälligen That erstreben; wirst so in tierischster Äußerung deines tierischen, wie in geistigster deines Geistes-Lebens, Gottesdiener sein. Mit Bewußtsein und Absicht. Tha-awoh, wo du Zweck bist, kennst du als vollendeter Jissroel nicht. Willst nicht um dich, als Mittelpunkt, einen möglichst großen Kreis von Gütern sammeln; sondern von dir, als Mittelpunkt, einen möglichst großen Kreis von Gott gefälligem Wirken ausstrahlen lassen, dich selber und deines Wirkens Kreis in den großen Kreis der Wesen einreihend, dessen heilig erhabener Mittelpunkt — Gott ist.

§. 101. Bist du aber jene höchste Stufe des Jissroel-Lebens erklommen, hüte dich vor allem, vor Mißbrauch dieser Selbstrichtung. — Bei allen dir untergeordneten Wesen hat Gott dieser Richtung selber Schranken gesetzt, daß kein Wesen übers Nötige und Gute hinaus für sich selbst erstrebe; — ihr Gelüst geht von selbst nicht weiter, und darum bringt da diese Richtung von selbst nur Heil. Nicht so dem Menschen. Denn eben weil der Mensch diese Richtung frei mit Gottes Gesetz beschränken, und auf h hster Stufe ganz umwandeln soll vom Selbstdienst zum Weltdienst nach Gottes Willen, — eben darum beschränkt sich bei ihm diese Richtung von selbst mit nichten. Und findet gleich sein unmittelbarer Genuß in seines Körpers Wandelbarkeit Schranke, so hat er doch sich einerseits so viel künstlichen Genuß erkünstelt, — und vor allem ist das Streben nach Genuß vermittelnden Gütern an sich schrankenlos, da sie nicht augenblicklicher Genuß sind, in dem, für den Augenblick, die Lust erstirbt, sondern gerade zukünftigen Genuß versprechen und sichern — und somit unbegrenzt, wie die Zukunft selber. — Daher kommt’s, daß dem, der diese unbeschränkte Richtung nicht sich selbst beschränkt, zuletzt das Weltall selbst und die Ewigkeit zu klein würden um seines Gelüstes Sehnen zu befriedigen —

§. 102. Unsäglich schrecklich sind aber die Folgen der über die Grenzen des Nötigen und Guten ausschweifenden Tha-awoh. Zerstörend alles Lebensglück, zerstörend jede Menschenthat, zerreißend den Brief der Göttlichkeit im Menschen, — also daß es kein klein oder großes Elend, daß es kein klein oder großes Verbrechen giebt, das nicht in Tha-awoh wurzelte. — Was du hast, hat keinen Wert für dich, nur das noch Nichtdeine reizt dich, und verliert seinen Wert im Erreichen. So hast du nie Freude am Leben, so lange noch etwas außerhalb deines Kreises ist und lebt und besitzt und genießt. Und stehst du so feindselig allen übrigen Wesen und ihrer Freude gegenüber, so gehst du endlich unter im Kampfe der Gesamtheit und der göttlichen Ordnung gegen den Sichvereinzelnden. — Ja, jedes Leiden ist ganz eigentlich nichts anderes als Ausgeburt der Tha-awoh; da Zorauß, (צרות) Leiden, eben nichts anderes sind, als Beschränkung der Persönlichkeit. Gingest du aber von selbst nie übers Gewährte hinaus, drei Viertel der Leiden kenntest du nicht. So aber, setzest du oft zur Erschwingung des einen Versagten alles Gewährte ein — und zerstörst dir selber deines Lebens Glück.

§. 103. Aber vor allem, ‏—‎ denn wie wäre Zerstörung des Lebensglückes möglich, wenn nicht — zerstört alles Menschenwirken und nur Sünde und Verbrechen erzeugt. — In dem Augenblick, da du der Tha-awoh nach irgend einem Gute oder nach irgend einem Genusse ganz dich hingiebst, indem Augenblick kündest du Krieg an allen Wesen um dich, Krieg Gott und seinem Gesetze: denn, von Tha-awoh beherrscht, kennt dein Streben keine Schranken als blos die Grenzen deiner Macht; und an diese gelangt, liegst du murrend an der Kette, die die Unmöglichkeit setzt zwischen dich und das Ersehnte — Wo Ta-awoh einzieht, kann Thauroh nicht weilen; denn, wo Geist und Gemüt sich selbst als Berufszweck des Lebens setzt, wie kann da die Lehre Raum finden, die nur Gottes Willen und Heil der Welt zum Lebensberuf pflanzen will? Wo Tha-awoh herrscht, muß Mizwoh weichen, die dich nicht dir, sondern anderen zum Segen verpflichtet; muß Mischpot weichen, das im Menschen den Gleichen und das Recht als Schranke des Besitzesstrebens ausspricht; — muß Chauk weichen, das die dir untergebene Geschöpfwelt als deine Schöpfungsbrüder, und Gottes Gesetz als Schranke deiner Willkür und Genußsucht setzt; — da zeugt Eduß vergeblich von Mensch- und Jissroeltum dir, der du nur dich Einzelnen fühlst und in dir das verlangende Tier; — und auch Awaudoh vermag nicht dich zu erziehen, denn nur mit deinen ungebundenen Wünschen trittst du zu Gott hinan, und kriechst oder zürnst Ihm, als dem Förderer oder Hinderer deiner Verlangen. — Ja, jede Sünde und jedes Verbrechen ist nur eine Ausgeburt der Tha-awoh; denn, alle und jede sind sie nichts anderes als Höhnung göttlichen Gesetzes zur Befriedigung eigenen Sehnens. Darum hüte dich vor Tha-awoh, vor jedem sehnsüchtigen Verlangen nach Genüssen und Gütern, die du nicht hast; vor allem, nach Gütern und Genüssen, deren Erstreben Gottes Wort dir verbietet. Und sprich nicht: ist’s doch nur Gedanke und Gefühl, ist's doch nicht That! Die That bleibt nicht aus, wenn du Gedanke und Gefühl nicht meisterst; — und ehe du dich’s versiehst, hat dich ungebändigtes Gelüste alles Chaurew-Schmucks des Menschen- und Jissroel-Adels beraubt, und — nacktes-, lüstern-reißendes Tier stehest du da. —

§. 104. Vorzüglich vor diesem Mißbrauch der Tha-awoh, vor dem Sehnen nach durch Gottes Gesetz verbotenen Genüssen und Gütern warnt vorliegende Thauroh und hat nicht ohne Absicht unter allen verbotenen Genüssen und Gütern die des fremden Eigentums hervorgehoben. Denn dieses Verbot, wo das Erstreben des Gegenstandes an sich nicht Sünde ist, Sünde nur wird durch den Begriff der anderen Persönlichkeit, die darüber schwebt, und wo zugleich das wirkliche Besitzen und wirkliche Genießen des Guts vor den Augen der Sehnsucht vorgeht, — dieses Verbot ist’s, an welches Tha-awoh am nächsten anstößt, und das sie am frühesten höhnt. —

§. 105. Wie aber endlich dich schützen vor ungezügelter Tha-awoh? und wodurch jene hohe Jissraelstufe erklimmen, die ‏תאוה‎ in 'ד ‎ ‏אהבת umwandelt? Dazu führt nur Eins, und in diesem Einen liegt allein Tugend und Glück des Lebens; und dieses Eine — ist: richtige Schätzung des Lebens. Schätze den Wert deines Lebens nicht nach Gütern und Genüssen, sondern nach Thaten; und wiederum den Thatgehalt des Lebens nur nach Verhältnis der dir gewordenen und werdenden Mittel. Nicht wie viel oder wenig du hast, macht dich groß und klein; sondern wie viel oder wenig du mit dem Gehabten bist, wie viel oder wenig du das Verliehene zur Gott nachstrebenden That umwandelst, das macht dich groß oder klein. — Und hast du mit deinem Wenigen drei Viertel deiner Pflichten erfüllt, und ein anderer mit seinem Vielen nur ein Viertel der seinigen gethan, — wäre selbst dies eine Viertel überschwenglich mehr als deine geleisteten drei Viertel — du bist doch größer als er. — Ist ja dein ganzes Leben nur eine Aufgabe, alle Güter und Genüsse: Mittel zu dieser Aufgabe, — Gewährung der Mittel ganz allein Gottes, — Lösung der Lebensaufgabe nach Umfang der Mittel deine einzige Größe; und zu dieser Aufgabe gehört freilich auch, wo Kraft und religiöse Möglichkeit vorhanden, Genüsse und Güter zu erstreben, nicht aber als Zweck, sondern als Mittel zur Erfüllung von Gott ausgesprochener Pflichten — Nur so wird Genügsamkeit und Zufriedenheit, und somit Glück und Tugend, dein Loos; — du bleibst heiter und gut in jeder Lebenslage, bei und mit jedem Maß von Gütern und Genüssen heiter und gut. —‎